Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Zeh in Rudolstadt vom 22.11.1827 (Keilhau)


F. an Zeh in Rudolstadt vom 22.11.1827 (Keilhau)
(KN 22,15; Abschr. 5 B 4° 19 S.)

Keilhau den 22ten November 1827


Sr. Magnifizenz dem Herrn Generalsuperintendenten
         und Hofprediger Dr. Zeh in Rudolstadt
               Hochzuehrender
Hochgeehrtester Herr Generalsuperintendent!

Es ist schon wohl lange her, daß ich mir zum letztenmal er-
laubte, mich Ihnen, gütig theilnehmender Herr General-
superintendent, über mein Wirken und dessen Fortgang,
besonders über das innere und äußere Stehen desselben
offen und vertrauend mitzutheilen. Der Grund dieses mei-
nen langen gänzlichen Schweigens lag in dem heftigen
und unbestimmten Wogen, in dem vielseitigen sich unbe-
stimmt Durchkreuzen meiner Lebensverhältnisse, welches
zusammengenommen sich gar nicht einem einzigen Punkt
der Entscheidung finden und einen wollte, so nahe nach einer
oder der andern Seite hin mir auch immer dieses zu lie-
gen schien. Doch dieser Punkt der Entscheidung ist nun endlich
in mir und für mich eingetreten, und ich muß nun eilen Ich-
rer mir und uns stets bewiesenen freundschaftlichen Teil- /
[1R]
nahme denselben auszusprechen.
Mein Streben liegt Ihnen sowohl in Beziehung auf den Umfang
seines Planes, als die Größe seines Zweckes und die Höhe seines
Zieles klar vor; alles dieß zusammengenommen, besonders nach
dem Grade der Ausbildung und der Lebendigkeit, wie es in mei-
nem Gemüthe und Geiste lag, mußten mich mit ganz andern Er-
wartungen erfüllen, als ich wirklich werden sah. Die Ursachen
davon mögen nun wohl zweifacher Art gewesen seyn: einmal
daß man mein Wirken, Werk und Streben, da es sich ein all-
gemein Deutsches nennt, nicht einem besondern bestimmten
Verhältniß anzugehören achtete; dann daß man es in einer
andern Beziehung als ein besonderes, persönliches, wohl nur
speculatives Unternehmen eines Einzelnen, keinem Allge-
meinen angehörig betrachtete. Doch wie dem auch sey und
in welcher höhern Lebensansicht sich dieses alles auch klar
und zur Beruhigung auflösen möge; so ist doch die Tatsache,
welche ich hier mitzutheilen gedrungen bin, immer dieselbe:
die ökonomische Lage meiner und unserer Erziehungsanstalt
ist so, daß sie unter den bestehenden Localverhältnissen und
Ansichten örtlich nicht ferner bestehen kann; daß ich des-
halb -einmal um mein begonnenes und als meinen Beruf
klar erkanntes Wirken in seinem innern Bestehen zu /
[2]
sichern und seinem innern Ziele näher zu führen, dann um die auf
mir ruhenden Zahlungsverpflichtungen unverkürzt zu erfüllen -
genöthigt bin für unser erziehendes Wirken günstigere und
entsprechendere Localverhältnisse zu suchen; daß ich mich genö-
thigt sehe, meine Fähigkeiten, mein Wissen und Können meine
Willens- und Thatkraft in meinem Berufe als Volkserzieher einem
andern Lande zum Dienste anzubieten, meine und unsere Erzie-
hungsanstalt in ein anderes Land, in ein solches Land zu ver-
legen, wo dessen Wirksamkeit in dem Wohl des Landes ver-
woben wird.
Es ist dieß ganz natürlich; denn die Gesetze der Natur, wie sie
so klar und sicher das Größeste und das Kleinste, das Mannig-
faltigste und Einzelnste in Einheit verknüpfend in derselben
mit wandelloser Festigkeit verknüpfend wirken, wirken nur
in stufenhoher Steigerung auch in dem Leben der Menschen,
in seinen mannigfaltigen Vergesellschaftungen, wie in seiner
Einzelnheit. Das Menschenleben in großen Umfassungen
wie in kleinen Einzelnheiten ist festen, ewigen Gesetzen in seiner
Entwicklung unterworfen, wie die Entwicklungen in der Natur.
Das Leben der Menschen hat nur den großen Vorrang, daß es
sich diese ewigen festen Gesetze nicht allein an sich sondern
auch in ihrer Allgenügendheit für den Menschen zur Ein-
sicht bringe, und daß er mit Selbstbestimmung strebt ihnen /
[2R]
im eigenen Leben nachzugehen, sie durch dasselbe darzustellen.
Dieses Menschenleben nach ewigen Gesetzen, mit Einsicht, Selbstbe-
stimmung und Selbstthätigkeit ist Freyheit der Menschen. Mir
ist es besonders frühe auferlegter Beruf und klar erkannte
Bestimmung ihnen nicht allein im eigenen Leben nachzuleben, son-
dern ihn auch wegen ihrer hohen Wichtigkeit für die allgemei-
ne Menschheits- und die besondere Menschenentwicklung Wor-
te zu geben.
Jedes Wirken des Menschen gleicht einem Gewächs, einer
Pflanze. Jedes Gewächs bedarf zu seiner Entwicklung noth-
wendig der Sonnenwärme, des Sonnenlichtes, und soll es nicht,
hat es schon einen gewissen Grad von Entwicklung gewonnen,
in sich wieder verdumpfen, so darf es der entwickelten Sonnen-
strahlen nicht zu lange entbehren; darum sehen wir ja an den
Pflanzen, besonders an denen in eingeschlossenen Räumen, so
vielfältig, wie sie ihre Blätter und Blüthen dem Sonnenlicht zu-
kehren, ja wie sie gewisse Theile unnatürlich verlängern um
nur einen kleinen Strahl des Sonnenlichtes zu ihrer Entwick-
lung zu erhalten. Wie nun die Natur schon in die Gewächse
das Streben gelegt sich zu dem entwickelnden und gestalten-
den Sonnenlichte hinzuziehen, wie viel mehr noch in den Men-
schen, dem sie freye Beweglichkeit gab. Der Mensch kann
nun freylich ebenso wenig in Beziehung auf Zeit und Ort /
[3]
wie das Gewächs sagen: Sonne scheine!; aber er kann nicht nur,
er soll und muß nach der von Gott ihm gegebenen Be-
stimmung sich dahin wenden, wo er für sein Leben entwickelnde
und qestaltende Lichtstrahlen sieht.
Doch von diesen allgemeinen Betrachtungen wieder zurückgekehrt
zu meinem besondern Leben in seinen augenblicklichen Er-
scheinungen und dessen ernsten Forderungen, so ist es nicht
weniger natürlich ja menschlich, daß, wenn ich auch nicht Ursa-
che zu zweifeln habe, einen Staat zu finden, welcher meine
und unsere Gesammtthätigkeit sich förderlich und heilbringend
beachten und in sich einordnen würde, ich doch vor allem lieber
meinem Geburts[-] und engern Vaterlande durch und mit dem
und von mir erkannten Erzieherberufe und das von mir be-
gründete Wirken gedient haben würde; und daß darum mir
es sehr leid thun, und gewiß lange ein schmerzliches Gefühl ge-
ben wird, mich - zur Erfüllung der auf mir ruhenden Zahlungs-
verpflichtungen und so zur Wiedergewinnung eines frischen und
freien Wirkens mit meiner und unserer Erziehungs-Thätigkeit
aus meinem Vaterlande wenden zu müssen, ohne wenigstens
durch Zurücklassung in seinem Keimen und Geiste segens-
reich und lebendig sich fortentwickelnden Wirkens demselben
wenigstens einen Beweis meiner wahren Gesinnung und mei-
ner Liebe und Dankbarkeit zu geben. /
[3R]
Da nun, wie ich schon aussprach, meine und unsere Erziehungsan-
stalt als eine allgemein deutsche, oder freylich wohl, wie von
Männern von anerkannt pädagogischem Urtheil bey weitem
richtiger bezeichnet, allgemein menschliche Erziehungsanstalt dem
besondern und Einzelinteresse zu ferne zu liegen scheint, über
welche Ansicht mir jedoch keine Bestimmung obliegt, so ist der Zweck
dieser vertrauenden Mittheilungen Ihnen, hochgeehrter Herr Ge-
neralsuperintendent, den Gedanken und die Andeutung zur
Hervorrufung eines Werkes zur Prüfung vorzulegen, das nach
meiner Überzeugung in dem jetzigen innern und äußern Zu-
stande und der Forderung aller Lebensverhältnisse in dem In-
tresse und Zwecke jedes Landes und Staates und ganz beson-
ders auch in dem Intresse unsers gemeinsamen engern Vater-
landes bedingt ist und als nothwendig darzustellen sich aus-
spricht. Alle Urtheile der lebenserfahrenen und prüfungs-
fähigen Männern in allen Ständen, von den verschiedensten
Richtungen her und aus dem verschiedensten Standpunkte, ei-
nen sich in der ganz gleichen Aussage, daß der jetzige Stand
unsers gesammten Schul[-] und Unterrichtswesens nicht nur in
gar keinem unmittelbarem und lebendigem Zusammenhange
mit den Forderungen des praktischen und sittlichen Lebens, son-
dern sogar mit demselben in Widerspruche stehe und dieß
beydes weder seinem Geiste und seinem Gegenstande, noch
seinem Umfang und seiner Form nach. Das praktische /
[4]
Leben fordere werkthätige, mit Arbeitsfähigkeit und Arbeitslust
in jeder Hinsicht erfüllte Menschen; es fordere Menschen mit
entwickelter und befestigter Sittlichkeit und wahrem Charakter.
Diesem allen aber genüge der jetzige Schul[-] und Gesammtunter-
richt eben so wenig, wie überhaupt den bürgerlichen und mensch-
lichen, den häuslichen und religiösen Forderungen unserer Zeit.
Der jetzige Unterricht der Jugend und des Menschen über-
haupt in seiner einseitigen Erfassung nur von seiner intellektu-
ellen, theoretischen Seite, nur von Seite des Wissens und Könnens
des Gedächtnisses können keinesweges mehr genügen. Der jetzige
Zustand der Menschen nach allen seinen Theilen hin erfordere
überwiegend mehr die Erfassung des Menschen von seiner prak-
tischen, seiner sittlichen Seite im ganzen Umfange des Wortes,
es fordere gleichzeitig wie Bildung des Geistes, so Bildung der
Gesinnung und des Herzens, sondern [sc.: fordere] Bildung fürs Leben, für
Thatkraft, für Werkthätigkeit, für Sittig[-] und Sittlichkeit, alles
in gegenseitiger Durchdringung.
Sie, Hochgeehrter Herr Generalsuperintendent, theilen gewiß
dieß mehrseitig Ausgesagte, wie es meine bestimmteste Über-
zeugung ausspricht. Der gegenwärtige Zustand in allen Lebens-
verhältnissen fordert darum nicht allein Lehre und Un-
terricht, sondern vor allem besonders Erziehung, Erziehung die
den Menschen durch früh geordnete, für bestimmte, ihm klar /
[4R]
und anschaubar vorliegende menschenwürdige Endzwecke geordnete
Thätigkeit und Arbeit die ihm von Gott gegebenen Kräfte nicht
allein kennen, sondern auch anwenden lehrt.
Eine solche, Thun und Denken, Arbeiten und Lernen, Darstellen und
Beobachten, Schaffen und Einsehen, das Wissen und das Leben gleich
bezweckende Erziehung des Volkes, die Begründung und Beförder-
ung einer solche[n] Erziehung des Volkes unmittelbar für das Leben
und die Lebensverhältnisse, und doch den Ansprüchen des Geistes
und Gemütes durch Verstehen und Versittlichung, Veredlung genü-
gend, ist unwiderlegbar der einzige Weg die oben ausgesprochene
Forderung des Menschen in der jetzigen Zeit zu besänftigen; sie
ist gewiß die ganz allgemeine, nur noch lange nicht klar genug
erkannte und mit Festigkeit im Auge behaltene Forderung, des
gewiß ganz allgemein und lebendig, nur noch nicht auf die Art
und Weise seiner Befriedigung klar und bestimmt genug er-
kannte Bedürfniß der Bewohner jedes Landes und so auch
des unseren.
Den Gedanken und die Andeutung zur Begründung und Aus-
führung einer solchen Volkserziehungsanstalt in unserm gemein-
samen Vater[-] und Geburtslande und zunächst für dasselbe ist es,
was ich, hochzuverehrender Herr Generalsuperintendent, Ihnen hier
zu Ihrer anerkannt ernsten Prüfung vorzulegen unternom-
men habe.
Es ist nur möglich, sich über das Wesen dieser Volkserziehungs-
anstalt auf eine meiner gleichlautende Weise auszusprechen; /
[5]
doch es ist dieß eben das Zeichen ihrer innern und äußern nothwendi-
gen Bedingtheit: Das Wesen dieser Volkserziehungsanstalt würde
und müßte darum darinn bestehen, daß der Mensch in derselben
in der Dreyheit seiner Natur, ich möchte sagen seines ihn ein-
wohnenden Bedürfnisses: als ein zur Arbeit bestimmtes d.h.
im Schaffen sich entwickelndes productives; zum Denken und Einsehen
bestimmtes intellectuelles; und als ein zum Leben bestimmtes, sitt-
liches, moralisches Wesen aufgefaßt und dem gemäß beachtet und
geleitet, und daß so nicht allein auf seine Kenntniß und Ein-
sicht, sondern fast überwiegend noch auf seine Gesinnung und sei-
nen Charakter, sein Thun und sein Lassen, sein Wirken und
sein Leben gesehen würde. Denn Einsicht und Kenntniß lassen
sich wohl noch im Leben einholen , doch überwiegend schwierig Ver-
nachlässigungen in Gesinnung, Charakter und Leben. -
So gewiß als der Satz in sich selbst ruht, daß jeder Mensch von
seinem Erscheinen auf der Erde durch die mittel- und unmittel-
bare Darstellung seines Wesens, durch das was er ist oder was
er schafft, die Mittel und Wege (moralisch, intellectuell und
materiell[)] zur Sicherung seines Bestehens in sich trägt, so gewiß
wird er auch dieser einmal, weil in ihm der Keim zur Darstel-
lung der Menschenwürde liegt, allgemein erkannt und ihm nach-
gelebt werden; wir Menschen sind nur bis jetzt so blöd-, zu kurz-
und zu sche[e]lsüchtig und zu grobsinnlich, daß wir nicht sehen
und noch weniger fühlen, was eigentlich das Kind und der /
[5R]
Mensch, wenn wir ihn noch unwürdig und nicht schaffend nennen,
schon durch sein Leben oft kaum durch große Weltschätze zu Er-
kaufendes dem erwachsenen Menschen giebt. Sagt doch schon ein
anerkannt großer Geist: Der eine Mensch zahlt durch das was
er ist, der andere durch das was er schafft; wenig unverdorbe-
ne Kinder gehören in allen Lebensverhältnissen zu jenen.
Die von mir jetzt im Auge habende Volkserziehungsanstalt müß-
te darum auf dem Grundsatze ruhen und von ihm ausgehen, daß
der Mensch (was klar uns vielseitig sich auch schon im Leben aus-
spricht und ob es gleich hier der Raum nicht erlaubt, auch nach-
gewiesen werden kann) wenigstens von seinem Knabenalter
an durch die mannigfaltigen Äußerungen und Darstellun-
gen seines Wesens, seines Geistes und seiner Kraft, für sein
Bestehen, für seinen Unterhalt selbst sorgen könne, darum auch
sorgen müsse und darum die Zeiträume und Tageszeiten von
frühe an sich in Arbeits[-] und Lern- und Lebezeiten eintheilen
müßten, und daß so alles Lernen zur Anwendung, zur Voll-
kommenen Arbeit, zum erhöhtern Leben; alle Arbeit zum
Denken, zu höherer Einsicht, zu Lebensfreude und Genuß; und
alles Leben mit erhöhter Lust und erhöhter Kraft zur Ar-
beit und zum Lernen zurückführe. Arbeit, Lernen und Leben
müssen sich gegenseitig gleich klärend gleich ernährend und
gleich stärkend durchdringen; doch das Schaffen, Arbeiten und
Thun gehe immer dem Lernen, dem denkend beachtetwerden, /
[6]
wie in der großen Erziehungsschule des Menschengeschlechtes, so
wie in dieser Menschenerziehungsanstalt voraus.
Ich fahre hier fort, wie ich mich anderswo darüber aussprach: das
Wesen dieser Erziehungsanstalt würde also seyn, daß nicht allein
die Glieder und Zöglinge derselben sich einen wesentlichen Theil
ihrer Lebensbedürfnisse selbst hervorbrächten, sondern über-
dieß noch besonders solche Werke hervorbrächten, die durch ihren
erhöhten Geist und Lebensausdruck belehrend, Leben entwickelnd
und Leben bildend für andere in der Nähe und Ferne wür-
den, und so die Glieder und Zöglinge der Anstalt durch Um-
satz und Umtausch dieser Arbeiten sich einen Theil der Lebens-
bedürfnisse verschafften, welche ihrer Natur und ihrem Wesen
nach durch die Kräfte und den Bildungsgrad der Zöglinge der
Anstalt sich unmittelbar durch sich selbst zu verschaffen unmög-
lich wären und sind. Deßhalb müßten im ersten Falle die
Zöglinge und Glieder der Anstalt ihren Garten allein und selbst
bearbeiten und wenigstens einen wesentlichen Theil der Bedürfnisse
für die Küche und Tisch selbst erzeugen. Die Zöglinge der An-
stalt müßten besonders ein verhältnißmäßiges Stück Grabe-
land mit Kartoffeln bebauen und alle nöthigen Arbeiten an
denselben verrichten; sie müßten die ihnen angemessen häus-
lichen Geschäfte besorgen und müßten besonders dazu ange-
halten werden manche Nützlichkeiten fürs Haus /
[6R]
z.B. Besen und sw. selbst zu verfertigen. In der andern Bezie-
hung wo Arbeit mit erhöhtem Geistesausdruck zur Veredlung
und Bildung anderer für den Umsatz hervorzubringen
wären, ist das dazu Geschickte zahllos, und fast jeder Gegen-
stand der Umgebung kann mit Geist und Leben dazu benutzt
werden, und so oft ist der einfachste hiezu der passendste.
Soll ich nun aus diesem unermeßlichen Schatze einiges aus-
heben? und was soll ich ausheben? Sachen aus Papier, Holz,
Drath [sc.: Draht] u.s.w. können mit der geringsten Kraft hervorgebracht
werden; und doch sind die Erzeugnisse davon die geschicktesten
zum Umtausch durch ihr durch sich selbst Belehrendes und
Bildendes für Andere, ja indem sie unter der leitenden
Hand und mit dem lehrenden Worte wirkliche Lehrmittel
werden können. Dieß einzige Beyspiel genüge mir für
alle dieser Art.
In dem bisher Angedeuteten ist auch die Nothwendigkeit begrün-
det, daß auch durch die Dienenden in der Anstalt in dem-
selben Geiste leben und wirken müßten. Ich will dieß
nur berühren und die weitere Ausführung bis dahin über-
lassen, wo der Gedanke einer solchen Anstalt in die That ü-
bergehen soll, um anzudeuten, welchen vielseitig reichen Ein-
fluß eine solche Anstalt, wie auf das Land so auf die einzel-
nen häuslichen Verhältnisse äußern würde. Denn ich
hoffe, daß aus dem Angedeuteten klar hervorgehen /
[7]
wird: es würden uns und durch diese Anstalt theils unmittelbar,
theils durch Nacheiferung fähigere, arbeitsliebendere, stets Gutes
und Nützliches Schaffende und darum nicht ihre Zeit und Kraft
vergeudende Menschen sich in die Familien, und so sich immer
mehr Kraft und Mittel zur Selbsterhaltung und Selbstver-
edlung verbreiten und darum nicht nur Armuth verhin-
dern sondern sogar Wohlstand befördern.
Genug des Allgemeinen. Wo und wie könnte eine solche
Anstalt in unserm gemeinsamen Vaterlande erstehen? Mich
dünkt, zur Verwirklichung einer solchen Volkserziehungsan-
stalt, wenigstens zu einem Versuche dafür einigen sich jetzt
so glückliche Umstände, daß das Ganze, freylich nur nach
einmüthig freudiger Beystimmung der betreffenden Behörden
und nach Genehmigung höchsten Orts mit verhältnißmäßig
wenig Schwierigkeiten darzustellen wäre.
Das Intresse der höhern Behörden und des höchsten Ortes
und die theilnehmend förderlichen Gesinnungen dafür kann
sich freylich nur die Sache, der Geist der Sache bey stetiger Em-
pfänglichkeit nur selbst verschaffen. Ich beginne um wirk-
lichen Grund und Boden zu gewinnen, mit Nachweisung des
Örtlichen; denn hiermit scheint sich mir Alles im Lande auf
das Günstigste im Lande zu vereinen.
Quittelsdorf, das ehemalig von Wurmsche Gut zu Quittelsdorf, /
[7R]
ist durch Lehensverhältnisse unserm Durchlauchtigsten Fürsten
als Eigenthum zugefallen. Dieses mit dem bisher Gesagten in
lebendige und einende Verknüpfung gebracht, so ist dadurch schon
bis auf in das Eingehen in das Einzelne fast schon alles ausge-
sprochen, was mir in dieser Beziehung noch übrig bleiben könn-
te. Die Lage und die sonstigen Verhältnisse dieses Gutes, verei-
nigen, so weit mir bis jetzt bekannt, sehr viel, um das Ganze,
wie es vor mir liegt in großer Vollkommenheit und doch mit
verhältnißmäßig wenigen Kosten darzustellen, wenigstens mit
wenigen Kosten dort einen Versuch dafür zu beginnen; und
um sich desto kräftiger zu entwickeln, möge es immer im
Kleinen beginnen. Das Gut hat unbewohnte dem äußern
Ansehen nach in sich dazu zweckmäßig gebaute Zimmer, bietet
Garten und Land dar, hat in seiner Nähe das für eine solche
Unternehmung unentbehrliche Wasser; seine örtliche Lage giebt
Abgeschlossenheit und was für die Ausführung und Dar-
stellung von hier aus so höchst wichtig ist, der Ort
ist von hier kaum eine volle Stunde entfernt.
Weil nun aber wohl die hochfürstliche Kammer, wegen des
Gebrauchs der Gebäude sowohl als auch wegen eines Theiles
des Grund und Bodens, der Gärten die entscheidenste Stim-
me hätte, so glaube ich, es könne die Ausführung jenes Gedan-
kens auch in keine glücklichere und günstigere Zeit gefallen /
[8]
seyn, als wo wir in dem humanen und liberalen das Gu-
te auch im Lande nach Möglichkeit gern fördernden und darum
so sehr geschätzten bisherigen Herrn Assistenzrat nunmehri-
gen Herrn Kammerpräsidenten Schwartz den Chef der
Kammer sehen.
Schmeichle ich mir wohl zu viel nach dem, was mir sowohl in
meinem und unsern eigenen Leben von den das Nützli-
che gern pflegend umfassenden Gesinnungen des Herrn Kam-
merpräsidenten Schwartz bekannt worden ist, daß jener Ge-
danke und dessen Ausführung bey und durch denselben eine
förderliche Aufnahme finden könne? Würde derselbe wohl
dem Gedanken und seiner Ausführung seine Beystimmung
entsagen? wenn Sie als Folge Ihrer umsichtigen Prüfung bey-
den bey ihm das Wort redeten? Vor allem aber würden Sie,
Hochgeehrtester Herr Generalsuperintendent, am leichtesten und
bestimmtesten ermessen können, ob eine solche Anstalt und
deren Hervorbildung sich der freudigen und pflegend beachten-
den Theilnahme eines hohen Consistorii und des durchlauch-
tigsten Fürsten selber erfreuen würde. In dieser Beziehung
erlaube ich mir noch eines herauszuheben, wie durch die er-
ziehende
bezeichnete Anstalt zugleich noch ein für das ganze
Land ersprießlicher Zweck zu erreichen wäre. Es ist dieß
die Erlangung einer ersten aber gründlichen Vorbildung /
[8R]
solcher, die sich dem Schullehrer Berufe widmen, und sich später
zu diesem Behufe als Seminaristen in Rudolstadt melden wollen.
Und von diesem Punkte aus eröffnet sich mir ein großer und kla-
rer Blick über die Lebensverhältnisse in unserem Vaterlande.
Aber damit er mich nicht zu weit führe, will ich nur den kleinsten
Punkt des vor mir liegenden Ganzen herausheben; jene jungen
Leute müssen, wie ich höre, später in Rudolstadt zum großen
Theil sich durch Unterricht geben selbst erhalten und fortbringen;
könnte nicht so auch hier eine bessere dem Menschen angemessene-
rer erster Unterricht in die Familien der Stadt gebracht werden?
Kinderbehandlungs- und besonders Beschäftigungsweise, ein der
Menschennatur angemessenerer erster Unterricht in die Familien
der Stadt gebracht werden? Was könnten so vorbereitete Jüng-
linge, ganz besonders als Präceptoren, im Lande wirken? wo
sie, wie ich höre, so innig mit dem Häuslichen, und ich möchte sagen,
Dörflichen in ihren Wirkungskreisen verbunden sind. Diese klei-
nen Andeutungen mögen mir in dieser Beziehung für Sie den
denkend empfindenden Mann genügen.
Doch noch ein andrer Punkt der segensreichen Einwirkung dieser
Anstalt in die Lebensverhältnisse der mittleren Stände besonders,
namentlich der Erhöhung ihres Wohlstandes würde sich dadurch
zeigen, daß diese Anstalt darauf eingehen könne und würde,
Zöglinge in sich aufzunehmen, welche den gewöhnlichen Schul-/
[9]
unterricht schon durchlaufen, aber doch in gar manchen häuslichen
Verhältnissen noch einige Jahre haben, ehe besonders das häusliche
Verhältniß ihrer bedarf. Wünsche dieser Art sind mir während
meinem bisherigen Wirken und den dadurch nöthigen Bedingun-
en
gar sehr viel ausgesprochen worden; doch konnte ich bey
dem Gesammtstehen meines Wirkens und den dadurch nöthigen
Bedingungen nicht darauf eingehen. So aber löst sich alles klar:
Die Wünsche solcher Eltern könnten befriedigt werden und diese
Zöglinge könnten eine ihren künftigen Lebensverhältnissen an-
gemessene Vorbildung erhalten, freilich unter der nicht einzu-
schränkenden Bedingung, daß die Eltern derselben die Grund-
sätze und das Leben der Anstalt, vor allem die Leistungen der-
selben ganz als ihren Wünschen und Forderungen entsprechend
anerkannten und demgemäß in sich aufnähmen.
Das Ganze würde so in seinen Grundsätzen sowohl als in der
Darlebung derselben keiner der bestehenden Schulanstalten in
Stadt und Land zu nahe treten; im Gegentheil würde dem Lande
außer dem schon angedeuteten großen in dem Lande selbst sich ent-
wickelten Nutzen noch als Zugabe manche gewiß auch nicht un-
erhebliche Vortheile hinzukommen. Dahin würde gehören, daß
die Volkserziehungsanstalt auch bei ihrer höchsten Eigenthüm-
lichkeit und völligen Localität, wenn sie nur nach klarer
Begründetheit als zweckmäßig anerkannt würde gewiß auch
Theilnahme von Familien in den anstoßenden Ländern, we-/
[9R]
nigstens durch solche finden würde, die den Geist und das Leben ei-
ner solchen Anstalt prüfen, sich aneignen und in ihre Heimath
verpflanzen sollen [sc.: wollen]. Solche Zöglinge würden gewiß, wenn sie nur
als mit dem Bestehen des Ganzen zuträglich erkannt würden, nicht
ausbleiben.
Als äußerer und Nebengrund zur Beförderung einer solchen Volks-
erziehungsanstalt könnte auch noch angeführt werden, weil dadurch
der Weg angebahnt und erweitert würde mit der jetzt so eifrig
betriebenwerdenden Schullehrerbildung benachbarter Länder glei-
chen Schritt zu halten.
Kaum ist noch eines herauszuheben, was in dem Geiste und in der
Anlage des Ganzen nur liegt, und wodurch es einzig sein freu-
diges frisches und kräftiges Bestehen haben, und die gehofften
Früchte haben kann: daß nemlich das Ganze unter ununter-
brochner fortgehender, mehrseitiger Beachtung und Aufsicht
herauf wachse und sich emporbilde, damit es nicht nur in
seinen äußern Erzeugnissen, sondern auch in seinem innern
Geiste und Leben und in seinen Mitteln erkannt würde.
Stets die geforderte klare Rechenschaft nach jeder Seite hin
abzulegen würde eine strenge Pflicht seyn; und die örtli-
che Lage, die nahe und leichte Verknüpfung mit Rudolstadt,
so wie andre Umstände würden diese fortlaufende Beachtung
ohne Schwierigkeit herbeyführen.
Und so ist mir denn im Wesentlichen nichts mehr übrig, als
Ihnen, hochgeehrter Herr Generalsuperintendent, das Ganze /
[10]
der Prüfung zu übergeben, welcher Sie Gedanken und Ausführung
für würdig halten.
Seyn Sie so gütig mir über die Anwendbar- und Ausführbarkeit
der dargelegten Gedanken mir freundschaftvoll ganz offen und
unumwunden, wie es wohl der Gegenstand wünschen darf, Ihre
Meinung auszusprechen.
Genehmigen Sie von mir und meinem ganzen Hause die Ver-
sicherungen der hochachtungsvollsten Gesinnung und auf-
richtiger Ergebenheit.