Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Superintendent Zeh in Rudolstadt vom 27.11.1827 (Keilhau)


F. an Superintendent Zeh in Rudolstadt vom 27.11.1827 (Keilhau)
(KN 22,16; Abschrift Otto Wächters 4 S., Anmerkung O.W.: Anlage Nr. 5 und 6, Brief Fröbels an Generalsuperintendent Zeh in Rudolstadt Nachtrag)

Keilhau den 27ten Nov. 1827

Erlauben Sie, Hochgeehrtester Herr Generalsuperintendent nachsichts-
voll, noch zwey Gedanken nachholen zu dürfen, welche während dem
Niederschreiben des Vorliegenden mein Gemüth auf das lebhafteste
beschäftigten, die aber unter den drängenden Umständen des Lebens,
welche kaum am Spätabend Zeit vergönnten, das Ausgesprochene un-
mittelbar in die Feder zu sagen, durch Übermüdung zurücktreten
mußten.
Sie schenkten mir und uns, meinem und unserem Wollen und
Streben wirkliches Zutrauen. Sie hofften viel von unserm
Wirken, Sie sprachen Zutrauen und Hoffnung so warm und so
bestimmt aus, als es in Ihrem Gemüth lag. Welch eine
andere Rückwirkung kann dann auch auf mein Gemüth seyn,
als daß ich, wenn die drängende Forderung mein Geburtsland
zu verlassen Wirklichkeit werden muß, ich doch gern meinen Be-
weis zurücklassen möchte, daß jenes Ihr hohes Zutrauen und
ganz freudige Hoffnung tief in dem Wesen gegründet war
und ist. Ich möchte im Geiste meiner Gesinnungen und mei-
nes Strebens, im Geiste der Grundsätze und der Wahrheiten, aus
denen jenes Zutrauen hervorging, und zum Beweis meiner /
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lebendigen und bleibenden Dankbarkeit dafür eben so auch
ein lebendig sich fortentwickelndes Werk, das Werk wenigstens
in seiner Begründetheit zurückzulassen, was in den vorliegenden Blät-
tern ich anzudeuten suchte; denn ich wünschte nicht gern, warum
soll ich ein menschliches Gefühl läugnen, daß sich die Wahrheit der Fun-
damente, auf die sich jenes Zutrauen und jene Hoffnung gründete,
erst in einer spätern Zeit und von außen her bewähren sollte. Da-
rum ist es wahr, es kostet einen großen und tief in dem
innersten Wesen des Menschen und seiner von ihm erkannten Be-
stimmung begründeten Entschluß, auch nur das Äußere eines so
kampfvoll und schwierig errungenen Wirkens zu verlassen. Allein
ich sehe dieses Auf- und Hingeben des Äußeren als ein außerordent-
liches Lehrgeld an, welches ich für außerordentliche Wahrheiten und
große Lehren und Erfahrungen, welche mir das Schicksal zu Theil
machen wollte, bezahlen mußte. Und große, das ganze mensch-
liche Leben und Wesen umfassende Wahrheiten können ja nie mit
irdischen und menschlichen Gütern zu theuer und kostbar bezahlt werden.
Und in dem Fall, dem ich entgegen sehen muß, bleibt ja doch nur
der Leichnam zurück; mag denn dieser ab- und zerfallen. Ich glaube
an die Auferstehung des Geistes und traue, daß der auferstehende
Geist sich wieder eine ihm angemessene Umgebung und einen
ihm ganz genügenden Leib schaffen wird.
Wenn nun aber schon die hohen Lehren und tiefen Wahrheiten nicht
zu theuer erkauft werden können, so muß es noch weniger zu theuer /
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bezahlt werden, so kann noch weniger ein persönliches und äußer-
liches Opfer zu groß seyn, um für Darstellung jener Wahrheiten,
welche durch vielmaligen Tod, wenigstens vielmalige Todesangst
errungen werden mußten und die sich in größter Noth bewährten,
einen Ort der Auferstehung und darum ihre Entwickelung
und Darstellung angemesseneren Verhältnisse zu suchen. Danach (dennoch)
wie ich nicht einmal von einem künftigen geistigen Zustand glaube,
daß wir in demselben frey von den Bedingungen des Strebens und Dar-
stellens sind, sondern die Segungen nur in einer verhältnißmäßig
freyeren Entfaltung aber doch immer mit gewissen Beschränkungen be-
stehen: so glaube ich noch weniger an ein irdisches Verhältniß, wel-
ches uns, wenn wir unserem Berufe folgend, wahrhaft strebend sind,
frey von Noth und Arbeit macht. Aber diese scheue und fürchte ich
nicht, denn sie sind dem Wesen des Menschen in seiner endlichen Er-
scheinung als Übung, Erstarkung und als Mittel zu andern höhern
Gütern nöthig. Aber der Mensch muß doch immer suchen und streben im
Leben im Verhältniß zu erringen, wo er jene höhern Güter ge-
brauchen, jene höhern Kräfte entfalten und darstellen kann.
Zuletzt das Zweyte. Meine 1809 der dortmals Durchlauchtigsten
Frau Fürstin Regentin aus Yverdon übersandte Darstellung zur Ver-
besserung des Landschulunterrichtes schloß ich mit den Worten: so ist nun
dem Menschen in seinem Erkennen nirgends eine Gränze, nirgends ein
Hinderniß, nirgends eine Schranke! Dortmals hatte ich den Menschen
nur in seiner Erscheinung, als verständiges theoretisches Wesen, seinem
Wissen und Erkennen nach vor Augen. Doch der Mensch in seiner /
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praktischen, seiner sittlichen und schöpferischen Thätigkeit, der Mensch
seinem Wesen nach lag, obgleich schon geahnet, doch noch im
Dunkel des Gemütes, gleichsam als unsichtbarer Herzpunkt im
Inneren jenes schon dort mich durchdringenden menschenerziehenden
Strebens. Doch das Leben, ein durch Druck und Schmerz, Freud'
und Leid liebend leitendes Schicksal förderte die höhere und höchste Er-
kenntniß und Einsicht hervor, ließ mich den Menschen in seinem
Wesen, seiner Thatkraft, in der Kraft seiner Sittlichkeit kennen,
ließ mir in dem wirklichen Leben des Menschen die Quelle, in dem
Loose des Menschen, der Arbeit, dem denkenden Schaffen die Be-
dingung und in dem Druck u. der Noth des Menschen die Mittel
zur Erreichung alles dessen finden, was des Menschen Geist ahnet
und sein Herz ersehnt, um auch in seinem irdischen Erscheinen volle
Befriedigung zu finden. Und so schließe ich nun diese Mittheilung
mit der festen Überzeugung: wird das in ihr Angedeutete im Leben
verwirklicht, so ist nach Maßgabe der Reinheit und Kräftigkeit dieser
Verwirklichung dem Menschen nun im Maaß der Erdverhältnisse
nirgends ein Hinderniß der Sittlichkeit, des Friedens, der Freudig-
keit, genug der Menschlichkeit, die er erstrebt.