Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ludwig Nonne in Hildburghausen v. 28./31.3.1828 (Keilhau)


F. an Ludwig Nonne in Hildburghausen v. 28./31.3.1828 (Keilhau)
(BN 583, Bl 11-14, dat. Entwurf 2 B fol 8 S., Brieforiginal StA Meiningen G 12 / jetzt Nr. 10 287, Bl 27-36, 5 B 4° 20 S. (= Beilage D zu den Grundsätzen und Plan einer Volkserziehungsanstalt / Eine Bildungsanstalt für die Juden betreffend ), ed. Heiland 1993, 307-312; Abschr. Luise Levins BlM K 2/Abschr. F 1058/71)

a) Briefentwurf

Keilhau den 28sten März 1828.
Nach dem Wunsche Sr Durchlaucht des Herrn
Herzogs machte ich mich und so weit als es
mir jetzt der mir jetzt nur sehr kurz zugemessene Aufenthalt in Meiningen
erlaubte im allgemeinen mit den Local Ver-
hältnissen der Herzogl Cammergüther Dreißigacker u Helba
bekannt. In das Innere der Gebäude einzutreten,
konnte ich mich nicht erlauben, da ich
hiezu weder Erlaubniß noch bestimmten
Auftrag hatte. Zuerst sah ich Dreyßigacker
und dann Tags darauf auf meinem Rückweg
Helba. Beyde Orte haben sehr viel für
beyde manches gegen sich. Das Für u Wider
für beyde Orte hier ganz auszuführen würde hier zu weit[-]
läufig seyn und wohl auch unnöthig seyn, daß
das Resultat wie mich dünkt sich bestimmt
ausspricht; das Wichtigste aus dem Für u
Wider hier auszuheben und das Resultat hier
auszusprechen muß mir darum hier genügen.
1. Dreyßigacker: Für. Die Gebäude obgl.
nur von Außen gesehen sie erscheinen auf
das
sehr befriedigend besonders das H[au]ptgebäude
u das eine Lehrer Gebäude so wohl in Hinsicht auf ihre Dauer
als innern Raum u ihre innere Zweckmäßigkeit, denn das
geringe Alter läßt auf eine zweckmäßige
innere Einrichtung mit Recht schließen.
[Auf dem Rand Zeichnung:
  Lilie im Oval, aus einem Schriftband
  wachsend, auf dem steht:
B. Me 1816 1 Joh v 1 c 6 1828. Um das Oval
winden sich als Schriftzug die Worte:
Siegel der Volkserziehungsanstalt 1828]
Der geräumige
ebene Hof kann nur mit Freude in Be-
ziehung auf eine lebensfrohe u spiellustige
und erhohlung bedürfende Jugend angesehen
werden, nicht minder der gewiß höchst
sch anmuthige 4reihige Baumgang vom Hofe
ins Feld. Da ich vermuthe daß die den
Äcker welche zu beyden Seiten der Alleen liegen zu dem
Guthe gehören, so würde es ohnstreitig an
den nöthigen Grund und Boden welchen die zu
begründende Volkserziehungsanstalt noth-
wendig fordert ohnstreitig nicht mangeln.
Wider. Unwillkührlich drängt sich aber dann
so vieles manches Verneinende entgegen, daß man
sich diese[r] Freude des Anschauens eines bequemen, freyen und
genügenden Raumes für Menschenerziehung gar nicht so,
wie man wohl wünscht sich hin geben
kann. Die hohe und freye Lage des Ortes macht ungeahnet
Eindruck des Zerstreuenden, des nüchternden u
leerenden. Nach meinerm Ansicht Eindruck dünkt
mich müßte es eine große Aufgabe seyn junge Leute
in solcher Umgebung zur Sammlung in sich zurück zu bringen /
[11R]
und ich möchte fast befürchten glauben daß sich dieß
auch bey der jetzigen ForstAnstalt ob dieß gleich
keinesweges die Beachtung einer Erziehungsan[-]
stalt nöthig macht unter den jungen Leuten
ausgesprochen haben müßte. Eine ErziehungsAn-
stalt darf wohl eben so wenig in die kahle freye
Höhe gelegt werden als die edlen SingVögel ihre Nester nicht
ins kahle und offene Freye bauen. Eine Zur
unerläßlichen Forderung an eine Erziehungsanstalt
in Hinsicht auf ihre zweckmäßige erspriesl[iche]
Lage gehört ohnstreitig; daß sie diese den
Blick der Zögl[inge] nicht zerstreue, sondern sammle
daß sie denselben nicht außer sich verfließen
lasse sondern von Außen auf u in sich zurückführe
dann daß die Umgebung
Natur u eine frische
Mannigfaltige, frische, kräftige
u redende sey. Dieß alles mangelt nun aber
leider der Umgebung von Dreyßigacker schon in Beziehung
auf einen allgemeinen Erziehenden Zweck. In
Beziehung auf den besondern Zweck der zu
begründenden VolkserziehungsAnstalt aber
mangelt ihr aber noch mehr. Dieser be-
sondere Zweck fordert daß der Gartenboden
nicht undankbar sey daß ihm eine um<gängl[iche]>
Lage in Beziehung auf Boden, Clima u Witterungs-
wechsel nicht ungünstig sey. Die hohe Lage
von Dreyßigacker scheint nun keines von diesen
zu gewähren.
Auch ist wohl der Mangel an fließendem Wasser
in g[an]z dieser Nähe wesentl[ich] zu beachten.
So drängt sich also gegen den Herzens Wunsch
durch die zweckmäßigen Gebäude für das
Locale gewonnen, mehrseitig gestützt so starke Entgegnungen von
allen Seiten
entgegen, daß man als Erzieher fühlend
u betrachtend leider auch gar keinen Muth mehr
in sich findet dieß Locale mit einem genügenden
u entwickelnden Erziehenden Zweck in Verbindung
zu bringen, denn den Mangel der Umgebung würde
keine Kunst zu ersetzen und dessen nachtheiligen
Folgen zu vernichten im Stande
seyn. /
[12]
Helba: Für
Ich will nicht verschweigen, denn
der Gegenstand den es betrifft ist zu wichtig,
daß mich der gesamtEindruck von Dreyßigacker
mich tief im Inneren erkältet u (die noch stark
begleitende) meine starke Begleitung die Verzichtleistung
(Resignation) in ihrer ganzen Macht [und] Wirksamkeit
in mein Inneres zurück gerufen hatte.Wie ganz
anders dagegen war der Eindruck von Helba.
Alles was bey Dreyßigacker als Mangel so stark so lebhaft gefühlt
worden war, trat hier als Eigen[-]
schaft entgegen. Die Gegend ist umschließend
den jungen Menschen auf u in sich zurückführend
die Natur mannigfach sprechend u so auf so Bildung des Herzens u Geistes gleich wirkend,
so wie d[urc]h die durch die Lage abgeschnitten
kalte Ost[sc.: Nord]winde Ost[-] u Nordostwinde
so wie d[urc]h das Steigen welches die abwechselnden Höhen
fordern für den Körper gesund. Der
Boden wir erschien mir fruchtbar, wenigstens die Pflege
dankbaar lohnend, darum Garten- und Gemüsbau
u Obstzucht nicht undankbar, ja lohnend.
Durch alles dieß kommt das Locale dem
entwickelnden u übenden Zweck der zu begründ auszuführenden
VolksErziehungsanstalt entgegen indem
es für Naturkunde in seiner Umgebung wohl
reicher ist als 30Acker u so zu Sammlungen
mehr Stoff darbietet als jenes.
Es hat flache fließende Wasser was
zwar wie ich höre im heißen Sommer ausdrockne
also doch wenigstens den größten Teil des
Jahres.
Auch das Hauptf[lüge]l des Gebäudes liegt mit der Stirnseite na[ch] 12 [sc.:Süden].
Auch der Hof ist gut; besonders schön der
kleine Garten zu erziehen von Pflanzen u.s.w.
Wiewohl ich mich recht gern bescheide daß ich
manches zu viel u zu groß u manches zu
wenig u zu klein gesehen habe u daß so das
G[an]ze noch sehr der Berichtigung bedarf, deß[-]
halb gebe ich auch alles in u mit dem Eindrucke
wie ich es unmittelbar von Außen empfing
da mir zu einer wiederkehrenden u längeren Prüfung jetzt nicht die
nöthige Zeit vergönnt war.
Auch in Hinsicht auf Erdkunde (als Unterricht
betrachtet) ist die Lage von Helba wegen
der Wasser u Fluß- u Bergverknüpfung
überwiegend vortheilhafteer als die von
30Acker, was gewiß in seiner Wichtigkeit
nur angedeutet [zu] werden braucht. Genug
nach dem Eindruck u den mir darbiethenden
local Verhältnissen, welche einem Durchreisenden
sich gleich darbiethen ist, so muß man wohl
der Lage nach Helba den Beynahmen einer entwickelnden
u erziehenden geben. /
[12R]
Wider:
Die Gebäude scheinen weniger ge[-]
räumig als die in 30Acker doch wurde mir
von einem Einwohner ausgesprochen daß die Zimmer
so wie das g[an]ze Gebäude noch in guten be[-]
sonders festen Zustande seyen, auch möchten sie
wohl zunächst hinreichend seyn.
Da ich Um nicht d[urc]h zu vieles Fragen unange[-]
nehme Neugier zu wecken u (um nicht überhaupt Auffallen[d-]
heit zu vermeiden) nicht und da ich besonders ich nicht
bestimmt wußte wie weit ich des Herrn Herzogs Durchl[aucht]
Willen mich mit dem Locale bekannt zu machen
ausbreiten dürfte, so unterließ ich so vermied ich d[urc]h mein Fragen vorsätzl[ich] jedes Eingehen
ins Einzelne vermied u so weiß bin konnte ich zwar nicht mich von der Lage
des Grund und Bodens zwar nicht genau unterrichten, doch
scheinen freylich wohl die Grundstücke etwas zerstreut u
auch wohl in <einiger> Entfernung vom Hauptgebäude zu
liegen; doch vielleicht könnte dieß aber eben zur vielseitig auch dem
Zwecke des G[an]zen förderlich seyn weil dad[urc]h cli-
matische u Bodenverhältnisse um so mehr
in ihrer zu beachtenden Wichtigkeit dem Zögling ent[-]
gegen treten u so des Zöglings Beobachtungssinn
vielseitig schärfen würden. Am meisten ver[-]
mißte ich die Nähe Loc eines Gemüse Gartens
Die Gesammtheit dieses Wider ersetzt nun
freylich vor allem die mehr erzieherische
Lage von u die sprechendere Natur um Helba vor 30Acker - der bessere
Boden - das zweckangemessenere Clima und das
hier Mangelnde, z.B. Wohnung u Raum läßt sich wohl ersetzen ergänzen,
während das dort Mangelnde zu ungünstige
freye Leere, nüchterne Lage sich nicht oder
doch höchst schwer u spät ergänzen ließ, so möchte
nun wohl der Ausschlag von der pädagogischen Ansicht aus unbedingt auf Helba
fallen.- /
[14]
Rücksichtl der mir in Beziehung auf den Grund[-]
u Bodenbedarf vorgelegten Fragen läßt sich
bey Annahme einer mittleren Güte des Boden
eines mittleren Ertrag[s] u bey einer Annahme
von 50 Zögl[ingen] also circa 70 - 75 Personen
und bey Gartenmäßiger also Handbe-
arbeitung des Bodens folgendes im allgemeinen
bestimmen; den Morgen zu l20 Quadrat-Ruthen 16schuhige
Ruthe gerechnet.
1.Zum GartKüchen- u GemüßGarten 1 1/2 Morgen
2. Ein Stück gut gel[egenes] Land zu Frühpflanzen u Mistbeet 1/6 Morgen
3. Zu Kartoffel[-] u Krautbau
u den Bau von rohem Rübengemüs 5 Morgen
4. Zur Baumzucht
zur Saatschule 1/6 Morgen
zur Pflanz[-] oder Baumschule 1/3 Morgen
zur Schule für wilde
besonders seltener Laub[-] u Nadelbäume 1/3 Morgen nach Umständen mehr
5. Entweder ein besonderer ObstBaumgarten oder Gelegenheit
Obst auf Rändern und Feldern zu ziehen.
6. Nach Umständen Klee- oder Winter Grummetfütterung
zum Durchwintern von 4 Kühen auf jede 1 gutes Fuder dürres Futter gerechnet die Abgänge des Backens (Kleie usw. ) u der Küche Wurzelfutter
des Gartens mitgerechnet.
7. Für vorstehende 4 Kühe Stallung u Futterraum
so für wie für 2 bis 4 Schweine
Außer einem geräumigen Spiel- und Erholungsplatz unmittelbar vor dem Hause –( wie sich solcher sowohl bey Helba als bey 30Acker findet[)] ein großer Spielplatz auf einer Anhöhe oder sonst auf einer wenig fruchtbaren Ebene (Anger) in einiger Entfernung vom Hause.
[13]
So unerwartet ja fremd mir der Gedanke Sr Herzogl Durchl
d HE Herzog kam zugl[eich] mit der zu begründenden
VolksErziehungsAnstalt eine Erziehungs- u Bildungs[-]
Anstalt für Juden zu verbinden auf dem ersten Augenblick kam, so muß ich doch
diesen Gedanken unter den mir von Sr Herzogl Durchl
ausgesprochenen Umständen u Bedingungen der Ausführung, je länger
u mehr ich denselben durch[-] u überdenke, je mehr auch als
wesentl ersprieslich sowohl für Volk die Juden selbst u gz besonders auch
für das Land erkennen; denn der von mir vorgeschlagene
Bildungs- und Erziehungsweg u aufgestellten Unterrichtswegmittel würden gz
besonders sie zu tüchtigen, arbeitsamen, und ich zweifle keinesweges bin überzeugt, zu sehr dankbaren Unterthanen machen. Ich will keinesweges
leugnen, ja ich muß vielmehr um der Wahrheit willen
u um meinen künftigen Standpunkt richtig
zu bezeichnen klar u bestimmt aussprechen, daß mich
ein bestimmtes Vorurteil gegen die erwachsenen
Juden erfüllt; allein was mir von den häusl[ichen]
Verh elterl[ichen] u kindl[ichen] Verhältnissen der Juden
bekannt geworden, was ich von den Judenkinder
u besonders Judenknaben gehört habe, ja was
sich mir selbst aus den Judenknaben, die mir
in meinem Leben nahe gekommen sind, ausgesprochen
hat, so kann ich dennoch nicht anders sagen, als daß ich
mich mit vieler Freudigkeit ihrer Erziehung ihrem
Unterrichte u ihrer Bildung hingebe; denn so-
weit mir d[urc]h Eigenschauen u durch Mittheilung
vom meinen Freunden ausgesprochen worden ist
(Langethal u Middendorff waren Studenten in Berlin zugl
Hauslehrer in Jüdischen Familien) so haben die Judenknaben
bringen die Judenknaben dem Erzieher schon
etwas, was sich in dem Mittelstande der
christl[ichen] Familien nur mit Mühe in den Knaben
geweckt werden muß und kann, d. i.
ächter Bildungstrieb – Christenknaben
mittlerer Stände sind sehr häufig ver-
dummt, abgestumpft an Geist Seele
u Leib, während in den Judenknaben
Geist Seele u Leben aus den Augen blitzt.
Leider Es wäre nun wohl gut durch einige /
[13R]
Rivalität die Christen mittlerer Stände
aus ihrem dumpfen Schlaf u verdumpfenden
Hinbrüten heraus zu wecken.
Ich glaube daß gz besonders mathem[atische]
naturhistorische u technische auch wohl
andere KunstAnlagen in den Judenknaben
geweckt werden u so das Land auf
diese Weise einen großen Schatz scienti-
vischer, artistischer und technischer Bildung
schaft bekommen welcher höchst wohlthätig
sowohl auf Erhöhung der Agrikultur im weiteren
Sinn als auf die der Gewerbe zurück wirken
würde; und geistig schaffend - artistisch
scientivisch sowohl in wiss. als berufl. Hinsicht
darstellend dünkt mich muß
vor allem ein Staat zu werden trachten
dem es an äußerem wertvollen Material - an vorzügl[ichen]
Naturproducten u vorzügl[ich] climatischen u pro[duktiven]
Bodenverhältnissen mangelt um d[urc]h höhere
Geisteseinwirkung auch den Werth dieser
sie d[urc]hdringend zu veredeln zu erhöhen u der Satz: seelig sind wer
d[urc]h sich Naturmängel aufge-
fordert fühlt seine
geistigen Anlagen vielseitig zu entwickeln
durch den Geist u dessen Eindringen dem Grund
u Boden den Localverhältnissen zu werden
was die Natur zu seyn ihm nicht mögl wurde.
Nach ernstem Nachdenken halte ich
die Juden bey ihrem Kleinigkeitssinn,
bey ihrer Entsagung, bey ihrer nicht zu
ermüdenden Ausdauer vor allem
geschickt ein[en] kleinen und noch dazu
ungünstigen Grund- und Bodenraum
d[urc]h Cultur und Bearbeitung namentlich d[urc]h erhöhte
Naturkenntniß zu einem höhern Ertrag zu erhöhen – (worin ich die größte
Aufgabe des Land-oder vielmehr
Gartenbaues setze) -wenn einmal ihr
Sinn dafür geweckt wäre, was ich aber
d[urc]h den Gesamtgeist des ganzen Erziehungs-, Lehr-
u Bildungsganges [für] sicher mögl[ich] halte.
Aus diesen
wenigen Mitteilungen wird Se Herzogl Durchl
die unzweydeutige Uberzeugung hervorgehen
daß ich den von mir von Ihnen ausgesprochenen Ge-
danken gleich den meinigen pflege und alle
Mittel in mir zu vereinigen suchen werde
denselben auf das vollkommenste u beste
auszuführen.
In dieser Beziehung trat mir bald eigens
als wesentl[ich] entgegen, daß die Erziehung der
Unterricht der Juden- u der Christenknaben nicht
getrennt werden dürfen, wenn so wohl der
bürgerl[iche] als der Menschliche, der Staats- wie
der Erziehungszweck dabei dad[urc]h erreicht werden
solle. Es mögte nun wohl seyn daß dad[urc]h im
Anfang die Ausführung des Ganzen etwas erschwert
u daß vielleicht sowohl Juden als Christen
Anstandt nehmen ihre Knaben einer solchen
Gemischten Erziehungs Anstalt hinzugeben.
Doch glaube bin ich überzeugt, dieser Anstandt
würde eine kurze Zeit dauern u bey Festigkeit
so wohl des Staates Regierung als des Geistes u Handeln
der Erziehungsanstalt, u d[urc]h die Resultate
bald gehoben werden, wozu auch gewiß
einige Äußerlichkeiten nicht unzweckmäßig
wirken würden z.B. eine mehr gleichförmige
einfache Kleidung aller Zögl[inge] wod[urc]h die innere
Verschiedenheit nicht so grell gleich äußerl[ich] hervorträte.
Zu dem Das mir von Sr Herzogl Durchl in Religiöser
Hinsicht ausgesprochene hat sich mir nun
bis jetzt so klar gemacht: die Judenknaben
blieben von 5-6 bis zum 14 - 15 Jahr in
der Anstalt bis in ihr 12tes u 13tes /
[14]
[Jahr] würden sie allgemein menschl[ich] Religiös
erzogen ( u was ist wohl die Religion Jesu
anders als die wahre allgemeine in u mit dem
Menschen selbst gegebene Menschenreligion)
Vom 12‘ oder 13‘ Jahre an könnten sie dann
von einem jüdischen Unterricht in der Mosaischen
jüdischen Religion erhalten u ihnen im 14 oder 15 Jahre
freygestellt werden ob sie künftig als Juden als
oder als Christen leben wollten. Da aber
das 14 oder 15 Jahr doch vielleicht für Manche noch zu früh ist um
einen g[an]z bestimmten Entschluß aus voller innerer
Überzeugung auszusprechen, so glaube ich könnte
es gut seyn wenn sie vor ihrer Verheyratung
sie nochmals von Regierungswegen gefragt würden
ob sie als Christen odeer als Juden zu leben
gedächten nach meiner Überzeugung dünkt mich
bey dieser <zeugenden> Frage dürfte die Antwort
nicht zweifelhaft seyn.
Sollten Sr Herzogl Durchl nun den mir
mitgetheilten Gedanken nun noch festhalten
so würde es nun wohl gut seyn, wenn er
da rein in Verbindung mit dem ehrerbietigst
vorgelegten Plan alles zu dessen Ausführung <werth>
dünkt – wenn nun auch mit Ernst an
dessen Ausführung gearbeitet würde.
Wohl ist es gut wenn ein Gedanke
besonders von bedeutendem Umfange u Folgen
lange u vielseitig bedacht wird, doch
ist er klar dann ist es auch ebenso
heilsam als ersprieslich als nothwendig
wenn der klar u lang geprüfte schnell
u bestimmt ausgeführt werde – in
Beziehung auf die Ausführung des Gedankens
Sr Herzogl. würde es besonders
günstig seyn wenn es Sr Herzogl. Durchl.
bald gefallen sollten Ihre letzte Ent- /
[14R]
scheidung auszusprechen, da in meiner Erz.
Anstalt lebt neml seit längerem [ein] Jüngling
als Zögling besonders von ernstem religiösen
Sinn u Leben Streben d[urc]hdrungen daß er eine im Wissens[-]
geschäfte Beförderung seines Geistes u Gemüths[-]
streben zu finden hofft u hier einen Beruf erkennt. In diesem Wirkungs[-]
Geschäfte kreis nun als ein wirkendes Glied ein zu
treten zu können hatte er bereits Schritte ge-
than. Mir würde es nun bey dem einfachen
stillen Charakter des jungen Mannes, bey seinem
Vertrautseyn u eingelebt seyn in den Geist
unseres Wirkens besonders lieb seyn i[h]n
auch ferner als Glied meines erziehenden
Kreises behalten zu können, und ich glaube
es nun wieder auch in diesem Wirkungskreise um so mehr seinen
Beruf u die Erfüllung seines Geistes u Ge-
müthes Strebens finden als es ihm nicht so
wohl um die Verbreitung des positiven <Confess>
Christenthums als um die Anerkennung <natürl>
der Tiefen Begründetheit der Jesus Religion im
Geiste, Wesen u Gemüthe des Menschen zu thun ist. -
Was In Beziehung auf die zu begründende Volkserziehung
im Besonderen muß ich mich auch in dieser weiter[n] Beziehung
Indem ich mich auch bey u nach dieser Erweiterung um so mehr
auf die später bey u nachgebrachte Beylage C
Rücksichtlich auf die neue Erweiterung
zu dem Plan u den Grundsätzen der zu
errichtenden Volkserziehungsanstalt zu-
rück beziehen (muß) unterzeichne ich mich
Ehrerbietigst. – Keilhau den
31 März 1828.       FWAFröbel

b) Brieforiginal

[26]
Beilage D zu den Grundsätzen und Plan einer Volkserziehungs-Anstalt Bogen 1 bis 5
[27]
Bogen 1.
Nach dem Wunsche Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs
von Meiningen
machte ich mich in soweit als es mir der
mir jetzt nur sehr kurz zugemessene Aufenthalt in
Meiningen erlaubte, im Allgemeinen mit den Locale
und den äußernVerhältnissen der Herzoglichen Kam-
mergüther Dreyßigacker und Helba bekannt. In
das Innere der Gebäude selbst einzutreten, konnte
ich mir nicht erlauben, da ich hierzu weder Auf-
trag noch Erlaubniß hatte.
Zuerst sah ich Dreyßigacker und Tags darauf
auf meinem Rückwege von Meiningen Helba.
Beyde Orte haben viel für, beyde manches gegen
sich. Dieß Für und Wider derselben hier
weitläuftig auseinander zu setzen, möchte wohl
unnöthig seyn, da das Resultat, wie mich
dünkt, durch die Sache selbst bald hervortritt.
Das Wichtigste der beyden Gegensätze hier auszuhe-
ben und die Folgerung, wie sie sich schon selbst
ausspricht [daraus zu ziehen], muß mir darum jetzt genügen.
1. Dreyßigacker. Für. Die Gebäude, obgleich, wie
schon ausgesprochen, nur von außen gesehen, er-
scheinen sehr befriedigend, besonders das Haupt- /
[27R]
gebäude und die eine Lehrer-Wohnung und zwar sowohl
auf ihre Dauer als ihren innern Raum und innere
Zweckmäßigkeit, wenn man anders von ihrem
Äußeren auf letztere schließen kann.
Der geräumige, ebene Hof kann nur mit Freu-
den in Beziehung auf eine lebensfrohe, Erholung
bedürfende und spiellustige Jugend angesehen wer-
den; nicht minder der gewiß während der
grünen Jahreszeiten höchst anmuthige vierreihige
Baumgang vom Hofe ins Feld. Da ich ver-
muthe, daß die Feldflächen, welche zu beyden
Seiten der genannten Schattengänge liegen zu dem
Gute gehören, so würde es an dem nöthigen Grund
und Boden, welchen die zu begründende Volks-
erziehungsanstalt fordert, hier unstreitig nicht
mangeln. Auch wäre wohl die nahe und be-
queme Verbindung des Ortes mit der Stadt
für die Führung der Wirthschaft und des Haus-
wesens wesentlich gut, wenn nicht daraus in
Verbindung mit den Eigenschaften, welche das
Folgende hervorhebt, für die Zöglinge ein nam-
hafter Nachtheil entstehen könnte.
Wider.
Unwillkührlich drängt sich nur gar manches
Verneinende entgegen, daß man sich jener /
[28]
Freude des Anschauens eines bequemen, freyen und
genügenden Raumes für Menschenerziehung nicht so,
wie es des Herzens Wunsch ist, hingeben kann.
Die hohe und freye Lage des Ortes macht unwill-
kührlich den Eindruck des Zerstreuenden, des Nüchtern-
den, des Leerenden. Nach meinem Gefühle dünkt
mich, müßte es eine große Aufgabe für Erzieher
und Lehrer seyn, junge Leute in einer solchen
Umgebung zur inneren Sammlung zurückzubrin-
gen, und ich möchte fast glauben, daß sich
dieß auch bey der jetzigen Forstanstalt schon,
obgleich diese keinesweges die Beachtung einer
Erziehungsanstalt nöthig macht, unter den
jungen Leuten ausgesprochen haben müsse.
Eine Gedeyhen mit sich führende Erziehungs-
anstalt darf wohl eben so wenig in die kahle
und freye Höhe gelegt werden, als die edlen
Singvögel ihre Nester ins kahle und offene Freye
bauen. Zur unerläßlichen Forderung an eine
Erziehungsanstalt in Hinsicht auf ihre zweck-
mäßige und ersprießliche Lage gehört un-
streitig, daß sie den Blick der Zöglinge nicht
nur nicht zerstreue, sondern vielmehr sammle,
daß sie denselben nicht außer sich verfließen
lasse, sondern vielmehr von außen auf sich
und in sich zurückführe; dann, daß die Um- /
[28R]
gebung überhaupt und die Natur insbesondere eine
durch Einheit verknüpfte mannigfaltige, frische,
kräftige und redende sey.
Dieß Alles mangelt nun aber der Umgebung
von Dreyßigacker schon in Beziehung auf einen
allgemeinen erziehenden Zweck. In Beziehung
auf den besondern Zweck der zu begründen-
den Volkserziehungsanstalt mangelt ihr noch
mehr. Dieser besondere Zweck fordert nament-
lich, daß der Gartenboden nicht undankbar,
daß ihm ihre Lage in Beziehung auf Boden, Cli-
ma und Witterungs-Wechsel nicht ungünstig und
noch weniger nachtheilig sey. Die hohe Lage von
Dreyßigacker scheint nun keines von diesen zu ge-
währen. Auch ist wohl der Mangel an fließendem
Wasser in der Nähe wesentlich zu berücksichtigen.
So drängen sich also gegen den Wunsch des Herzens,
durch die zweckmäßigen Gebäude und den freyen
Hofraum für das Locale gewonnen, mehrseitig
so starke Entgegnungen auf, daß man, als
Erzieher fühlend, betrachtend und prüfend auch
gar keinen Muth mehr in sich findet, dieß Lo-
cale mit einem genügenden und entwickelnden,
menschenwürdigen Erziehungszweck in Verbin-
dung zu bringen; denn den Mangel der Umgebung /
[29]
Bogen 2
würde keine Kunst zu ersetzen und deren nachtheiligen
Folgen zu vernichten im Stande seyn.
Helba. Für.
Ich will nicht verschweigen, - denn der Gegenstand,
den es betrifft, ist zu wichtig, - daß mich der Gesammt-
eindruck von Dreyßigacker in Beziehung auf ein daselbst
darzustellendes erziehendes Leben tief im Innern er-
kältet und das Gefühl der mir immer zur Seite
gehenden Verzichtleistung den frohen Blick in die
Zukunft getrübt hatte.
Wie ganz anders dagegen war der Eindruck von Helba.
Alles, was bey Dreyßigacker so lebhaft als Mangel
gefühlt worden war, trat hier als Eigenschaft ent-
gegen. Die Gegend ist mehr umschließend, das
junge Gemüth auf und in sich zurückführend, die
Natur bey Einheit mannigfach, sprechend und so auf
die Bildung des Herzens wie des Geistes gleich
wirkend, so wie durch das Steigen, welches die ab-
wechselnden Höhen fordern, für den Körper gesund.
Der Boden erschien mir fruchtbar, wenigstens der
Pflege werth und darum Garten- und Gemüsbau und
Obstzucht nicht undankbar, ja wohl lohnend. Die
für die kalten und schneidenden Nord- und Nordost-
winde abgeschnittene Lage scheint der Gewächspflege
besonders günstig. Durch alles dieß kommt dieß /
[29R]
Locale den entwickelnden und übenden Zwecken der aus-
zuführenden Volkserziehungsanstalt entgegen, indem
es in seinen Umgebungen für Natur-, besonders Pflan-
zen- und Thierkunde wohl reicher als Dreyßigacker
ist, und so zu solchen Sammlungen mehr Stoff
darbietet als jenes.
Weiter hat es unmittelbar in seiner Nähe flie-
ßendes Wasser, was zwar, wie ich hörte, im
heißen Sommer austrocknet, aber doch wenigstens
den größten Theil des Jahres fließt.
Auch der Hauptflügel des Gebäudes liegt mit der
Stirnseite nach Mittag zu, was, wie mich die
Erfahrung lehrt, wesentlich wohlthätig auf das Kör-
pergedeyhen der Jugend wirkt. Die Form und
Größe des Hofes ist ebenfalls zur unmittelbaren
Erholung zweckmäßig und manches, was ihm
noch mangelt, ist wohl herzustellen. Der kleine
Garten innerhalb des Hofraums möchte besonders
geschickt zur frühen Erziehung der Garten- und
Feldpflanzen u.s.w. seyn.
Im Allgemeinen muß noch erwähnt werden, daß
auch in Hinsicht auf Erdkunde als Erziehungsmittel
und Unterrichtsgegenstand die Lage von Helba wegen
der Fluß- und Bergverknüpfung besonders in ihrer
Einigung mit der Stein-, Pflanzen- und Thierwelt
überwiegend vortheilhafter ist, als die von Dreyßig- /
[30]
acker, was gewiß in seiner Wichtigkeit für den im Au-
ge habenden Zweck nur angedeutet zu werden braucht.
Genug, nach dem Eindrucke und den mir offen dagelege-
nen Localverhältnissen muß man wohl der Lage von
Helba die Eigenschaft einer entwickelnden und er-
ziehenden zuerkennen, wiewohl ich mich gern
bescheide, daß ich manches nur als Durchreisender
vielleicht zu viel und zu groß und manches zu
wenig und zu klein gesehen habe; und daß so
das Ganze noch der Berichtigung bedarf. Deßhalb
gebe ich auch alles möglichst in und mit demsel-
ben Eindrucke, wie ich es unmittelbar von außen
empfing, da mir zu einer wiederkehrenden und
längeren Prüfung noch nicht die nöthige Zeit und
Gelegenheit vergönnt war.
Wider:
Die Gebäude scheinen mir bey weitem weniger geräu-
mig, als die in Dreyßigacker; doch wurde mir
von einem Anwohner an dem Hofe ausgesprochen,
daß das ganze Gebäude so wie die Zimmer noch
in guten, bewohnbaren, besonders festen Zustande
seyen. Auch möchte vielleicht der Zimmer- und
Wohnraum zunächst hinreichend, derselbe auch wohl
mit mäßigen Kosten zu erweitern sein.
Um nicht durch zu vieles Fragen unangenehme /
[30R]
Neugierde zu wecken und da ich besonders nicht bestimmt
wußte, wie weit nach des Herrn Herzogs Durchlaucht
Willen mir erlaubt war, mich mit dem Locale be-
stimmt bekannt zu machen, so vermied ich durch
mein Fragen vorsätzlich jedes Eingehen ins Einzelne,
und so konnte ich mich von der Lage des Grund und
Bodens zwar nicht genau unterrichten, doch schienen
freylich die Grundstücke etwas zerstreut und in
einiger auch wohl weitern Entfernung vom
Hauptgebäude zu liegen. Aber vielleicht könnte
eben dieses mehrseitig dem Zwecke des Ganzen auch
förderlich seyn, weil dadurch climatische und
Bodenverhältnisse um so mehr in ihrer zu beach-
tenden Wichtigkeit dem Zögling entgegen treten
und so dessen Beobachtungssinn vielseitig schärfen
und ihn so an Erfahrung reich machen würden.
Am meisten vermißte ich die Nähe eines schon
bestehenden zweckmäßigen Gemüsegartens; frey-
lich sah ich diesen auch bey Dreyßigacker nicht,
aber wohl Ackerland, was dazu zu benutzen
wäre.
Die Gesammtheit dieses Wider ersetzt
nun freylich die mehr erziehende Lage von und die
sprechendere Natur um Helba von Dreyßigacker,
der, wie mich dünkt, bessere Boden, das angemes- /
[31]
senere Clima und dann läßt sich wohl das hier Man-
gelnde, z.B. Wohnung,ergänzen, während sich das
dort Mangelnde: zu ungünstige freye Lage sich
nicht oder doch höchst schwer und spät ergänzen ließe.
So möchte nun wohl der Ausschlag von der pä-
dagogischen Ansicht aus unbedingt auf Helba fallen.
Rücksichtlich der von Seiner Herzoglichen Durchlaucht
mir in Beziehung auf den Land- und Ackerbedarf
des Ganzen vorgelegten Fragen läßt sich bey Annah-
me einer mittleren Güte des Bodens, eines mitt-
leren Ertrags, bey gartenmäßiger also Handbear-
beitung des Landes und bey einer Annahme von
50 Zöglingen, also von ungefähr 70 bis 75 Perso-
nen der ganzen Anstalt folgendes im Allgemeinen
festsetzen:
Bei den nachstehenden Bestimmungen ist der Acker
oder Morgen Landes zu l20 Quadrat-Ruthen, sechs-
zehnschuhige Ruthe gerechnet.
Hiernach würde der Landbedarf der ganzen Anstalt
seyn:
1.) Zum Küchen- und Gemüsegarten      1 ½ Morgen
2.) Ein Stück gut gelegenes Land zu
     Mistbeet und Frühpflanzen      1/6 Morgen
3.) Zu Kartoffeln- Kraut- und
     Rübenbau für die Küche5 Morgen /
[31R]
4.) Zur Baumzucht, zu Eigenbedarf
und Verkauf
a. Obstbaumzucht
zur Saatschule1/6 Morgen
zur Pflanzschule½ Morgen
zum Obstbau, selbst entweder einen
besonderen Obstbaumgarten oder Gegenheit,
Obstbäume auf Rändern, Bergabhängen
und Feldern zu ziehen.
b. Zur Schule für wilde, besonders
weniger einheimische Laub- und
Nadelbäume1/3 Morgen
oder nach Umständen mehr.
5. Nach Umständen Klee- oder Heu- und
Grummetfütterung zum Durchwintern
von 3 bis 4 Kühen, auf jede Kuh ein
gutes Fuder, dürres Futter gerechnet:
die Abgänge des Backens (Kleie u.s.w. )
und der Küche und des Gartens mit
in Anschlag gebracht.
Das dazu nöthige Wiesen- oder Acker-
land könnte betragen* Morgen
*Nach genauer Prüfung ist die Morgenzahl nur dem zu bestimmen möglich, der den örtlichen BodenErtrag genau kennt.
Außerdem noch zum Bau von
Wurzelfutter: Kohl oder Runkel-     
rüben für die Kühel Morgen. /
[32]
6. Für genannte 3 bis 4 Kühe Stallung und Futterraum,
so wie für 3 bis 4 Schweine und Federvieh.
7. Sehr gut würde es in mehrfacher Beziehung
sein, wenn außer dem vorgenannten Grund
und Boden auch noch zu Getreidebau disponi-
bel wären, je nachdem der Boden 3-5 Morgen,
einmal, weil durch das Ganze doch eine allgemeine
und allseitige Wirthschaft dargestellt und eine all-
gemeine Kunde und Entwicklung dafür in dem Zögling
bewirkt werden soll, dann weil zur Herbey-
schaffung der nöthigen Wirthschaftsbedürfnisse z.B.
des Getreides, der Anfuhr des Brennholzes, Anfahren
des Düngers u.s.w. doch die Haltung eines Pfer-
des wesentlich vortheilhafter seye und es so nun sei-
ne vollständige Beschäftigung finden würde
und auch so wenigstens das nöthige Schrotfutter.
Noch wären außer einem geräumigen Spiel-
und Erholungsplatz unmittelbar vor dem Hause
(wie sich solcher schon sowohl in Helba als Drey-
ßigacker findet) noch ein größerer Spielplatz
am besten auf und in einer waldigen Anhöhe oder
sonst auf einer wenig fruchtbaren Ebene (Anger),
wenn auch in einiger Entfernung vom Hause,
wesentliches Erforderniß.
Durch Vorstehendes nun hoffe ich in Verbin-
dung mit dem früher in der Darlegung des Plans
einer Volkserziehungsanstalt die Fragen Seiner
Herzoglichen Durchlaucht soweit, als jetzt
überhaupt möglich ist, beantwortet zu haben.

Eine Bildungsanstalt für die Juden betreffend.
So unerwartet mir der Gedanke Seiner Durchlaucht
des Herrn Herzogs, zugleich mit der zu errichtenden
Volkserziehungsanstalt eine Erziehungs- und Bildungs-
anstalt für die Juden zu verbinden, kam, ja so
fremd und fern mir selbst derselbe war, so
muß ich doch diesen Gedanken unter den mir
von Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs ausgesproche-
nen Bedingungen der Ausführung, je länger und
ernster ich denselben durchdenke, jemehr auch als
wesentlich ersprießlich sowohl für die Juden selbst
als ganz besonders auch für das Land erkennen; denn
die in dem Frühern ausgesprochenen Bildungs- und
Erziehungsgrundsätze, der dort vorgeschlagene
Erziehungsweg und die aufgestellten Unterrichts-
mittel würden überwiegend geschickt seyn, die
jüdische Jugend zu tüchtigen und arbeitsamen, und ich
bin überzeugt, zu sehr dankbaren und gehorsamen Gliedern
des Staats zu machen. Ich will keineswegs läugnen,
ja ich muß vielmehr um der Wahrheit willen und
um meinen künftigen. Standpunkt allseitig richtig zu
bezeichnen, klar und bestimmt aussprechen, daß /
[33]
mich von frühe an ein bestimmtes Vorurtheil gegen die erwachsenen
Juden auf das Lebhafteste erfüllt, allein was mir von den
häuslichen, älterlichen und kindlichen Verhältnissen der Juden
von jeher bekannt geworden, was ich von den Judenkin-
dern und besonders den Judenknaben mehrseitig gehört habe,
ja was sich mir selbst aus und in den Judenknaben, die
mir in meinem Leben nahe gekommen sind, ausgesprochen
hat, so kann ich dennoch nicht anders sagen, als daß ich
mich mit vieler Freudigkeit ihrer Erziehung, ihrem
Unterrichte und ihrer Bildung hingeben würde; denn
soweit mir durch Eigenschauen und durch Mittheilung von
meinen Freunden und besonders von solchen ausgesprochen
worden ist, die selbst Vorsteher an jüdischen Schulen wa-
ren, so bringen die Judenknaben dem Erzieher schon etwas,
was in dem Mittelstande der christlichen Familien so
häufig nur mit Mühe in den Knaben geweckt werden
muß und kann, das ist ächter Bildungstrieb sehr häufig
begleitet mit vielem Scharfsinn. Christenknaben auch der
mittleren Stände, besonders wenn die Ältern einiges
Vermögen besitzen, sind sehr oft verdummt, abgestumpft
oder geschwächt und verweichlicht an Geist, Seele und Leib,
während in den Judenknaben Geist, Seele und Leben oft
aus den Augen blitzt. Es wäre darum nun wohl
gut durch einige Rivalität die Christen namentlich der
mittleren Stände in Beziehung auf die physische und /
[33R]
psychische Erziehung ihrer Kinder aus ihrem dumpfen Schlafe, ihrem
verdumpfenden Hinbrüten und schwächenden Verweichlichung und
höchstens aus ihrem nur auf äußere Bequemlichkeit und Sin-
nengenuß gerichteten Streben zu wecken.
Ich glaube, daß wegen des sich zum öfteren bey den Ju-
den vorwaltend findenden Scharfsinnes ganz besonders ma-
thematische, naturhistorische und technische, auch wohl an-
dere Kunstanlagen in ihnen geweckt werden und so das
Land auf diese Weise eine wesentliche Bereicherung prakti-
scher und angewandter scientivischer, artistischer und
technischer Bildung bekommen könne, welche höchst wohl-
thätig sowohl auf Erhöhung der Agricultur im weiteren
und engeren Sinne, als auf die der Gewerbe einwirken
würde; und geistig schaffend, artistisch und scientivisch
darstellend, dünkt mich, muß vor allem ein Staat
zu werden trachten, dem es an äußerm werthvollen
Material, an vorzüglichen Naturerzeugnissen und vorzüg-
lichen climatischen und productiven Bodenverhältnissen man-
gelt, um durch höhere Geisteseinwirkung auch den Werth
der geringern, welche es hat, zu erhöhen, sie zu
durchdringen und zu veredeln.
Ferner halte ich die Juden bey ihrem Kleinigkeitssinn,
bey ihrer Entsagung, bey ihrer nicht zu ermüdenden freylich
wohl jetzt noch nach einer ganz andern Seite hin gerichteten
Ausdauer vor allem geschickt, einen kleinen und noch /
[34]
dazu ungünstigen Grund und Bodenraum durch Cultur und
Bearbeitung, namentlich durch die Anwendung reiner und kla-
rer Naturkenntniß zu heben (worin ich die größte Aufgabe
des Land- und Gartenbaues setze) - wenn einmal ihr Sinn da-
für geweckt und ihre auch wohl anderweitige Weichlich-
keit die noch ausdauernde Anstrengung für äußeres Erzeug-
niß scheuen mag - besiegt wäre, was ich aber durch
den Gesammtgeist des im frühern aufgestellten Erziehungs-
Lehr- und Bildungsganges wohl für möglich halte.
Aus diesen wenigen Mittheilungen kann Seiner Herzog-
lichen Durchlaucht
die unzweideutige Uberzeugung her-
vorgehen, daß ich den von Hochdenselben mir ausge-
sprochenen Gedanken wie den meinigen pflegen
und alle Mittel in mir zu vereinigen suchen würde,
denselben auf das vollkommenste und beste auszuführen.
In dieser Beziehung trat mir bald als wesentlich ent-
gegen, daß die Erziehung und der Unterricht der Juden-
und Christenknaben nicht getrennt werden dürfe, wenn
sowohl der bürgerliche als der menschliche, der Staats-
wie der Erziehungszweck dabey erreicht werden solle.
Es möchte nun wohl seyn, daß dadurch im Anfange
die Ausführung des Ganzen etwas erschwert werden
würde und daß vielleicht sowohl Juden als Christen
Anstand nehmen könnten, ihre Knaben einer solchen
gemischten Erziehungsanstalt hinzugeben. Doch /
[34R]
glaube ich überzeugt seyn zu können, dieser Anstand würde
bey Festigkeit sowohl der Regierung als des Geistes und Han-
delns der Erziehungsanstalt nur kurze Zeit dauern und durch die
Resultate der Erziehungsanstalt selbst bald gehoben werden,
wozu auch gewiß einige Äußerlichkeiten nicht unzweck-
mäßig wirken könnten, z.B. eine mehr gleichför-
mige einfache Kleidung aller Zöglinge, wodurch die
innere Verschiedenheit derselben nicht so grell gleich
äußerlich hervorträte.
Wie es mit der Beköstigung dieser Knaben zu
halten sey, weiß ich freylich nicht, da mir weder
die Forderung noch die Strenge der jüdischen Ge-
setze hierin bekannt ist.
Das mir von Seiner Herzoglichen Durchlaucht in reli-
giöser Hinsicht in Beziehung auf die Juden Ausgespro-
chene hat sich mir bis jetzt so klar gemacht: die
Judenknaben bleiben vom 5ten oder 6ten bis zum
14ten oder 15ten Jahre in der Anstalt; bis in ihr
12tes oder 13tes Jahr würden sie allgemein menschlich
religiös erzogen ( und was ist wohl die Religion
Jesu anders, als die wahre allgemeine in und mit
dem Menschen selbst gegebene Menschen-, d.i. von
Gott selbst in den Menschen gelegte Religion, der
sich der Mensch in seinem Dünkel nur frühe ent-
fremdete ). /
[35]
Vom 12ten oder 13ten Jahre an könnten sie dann Unterricht in der mosaischen
oder jüdischen positiven Religion erhalten und es ihnen im 14ten oder
15ten Jahre freygestellt werden, ob sie künftig als Juden oder Christen
leben wollten. Da aber das 14te Jahr doch für manche noch zu früh
seyn möchte, um einen ganz bestimmten Entschluß aus voller innerer
Überzeugung auszusprechen, so glaube ich könnte es gut seyn, wenn
die Juden künftig vor ihrer Verheirathung von Regierungswegen
gefragt würden, ob sie künftig als Juden oder Christen leben woll-
ten, ob ihre Überzeugung sie als Christen oder Juden zu leben
bestimme. Wie nun dann die Antwort auch immer seyn möge,
so wäre ja dieß, wie auch schon mündlich ausgesprochen worden,
ganz gleichgültig, indem ein in dieser Anstalt und von dem Gei-
ste und nach dem Lehrgange derselben erzogener Judenknabe
später wohl schwerlich ein talmudischer Jude werden würde
noch könnte.
Würden nur aus dieser allgemeinen Volkserziehungsanstalt
tüchtige zu Lehrern gebildete, besonders jüdische Männer hervor-
gegangen seyn, so könnte es später wohl möglich werden, an einem
oder einigen Orten besondere Bildungsanstalten für die Juden
im Geiste der allgemeinen Volkserziehungsanstalt auszuführen und
darzustellen.
Sollten jedoch der Ausführung einer gemischten Erziehungsanstalt
gar zu viel und zu schwierig zu beseitigende Hindernisse sich ent-
gegen stellen, und sollten darum S[ein]e Herzogliche Durchlaucht eine
ganz eigene und selbstständige Bildungsanstalt für die Juden im
Geiste und in der Form des vorgelegten Planes einer Volks- /
[35R]
erziehungsanstalt wünschen, so müßte die Ausführung derselben
wohl noch einer besonderen ganz eigenen Prüfung unterworfen
werden, weil zwey Bildungsanstalten von so großer und dann
gewiß schneidend hervortretenden Heterogenität sich schwierig
an einem Orte ohne große und nachtheilige Reibung und noch
weniger in einem und eben demselben Locale befinden könnten;
doch ließe sich dieß vielleicht auch in Helba erreichen, wenn
man Johannisberg mit in Betracht zöge, was ich mir je-
doch nur anzudeuten erlaube. Würde aber auch dieß
nicht und darum so weder eine gemischte, noch zwey ge-
trennte, sondern nur eine einzige Erziehungsanstalt im
Geiste des ausgeführten und ehrerbietigst vorgelegten Planes
entweder nur für Christen- oder Judenknaben ausführbar
seyn, so könnte ich mich unter den von Sr. Herzoglichen
Durchlaucht selbst ausgesprochenen Bedingungen und Feststel-
lungen, einmal daß die Knaben von ihrem 5ten oder 6ten bis [vom]
l4ten bis l5ten Jahre bestimmt in der Anstalt bleiben müßten, dann
daß von Seiten des Staats aller stöhrende und hemmende
Einfluß der Ältern gänzlich abgeschnitten wäre - auch wohl
nur ausschließend der Bildung der jüdischen männlichen Ju-
gend auf die von mir ausgesprochene Weise mit ganzer
Seele und mit allen Kräften hingeben.
Diese nähern und besondern Verfügungen bleiben billig
der Bestimmung Sr. Durchlaucht des Herrn Herzogs über-
lassen.
In Beziehung auf die zu begründende Volkserziehungs-
anstalt im Besonderen muß ich mich nach dieser Er- /
[36]
weiterung um so mehr auf die später nachgebrachte Beilage
C zu dem Plan und den Grundsätzen derselben beziehen und
erlaube mir nur noch die Andeutung, daß, wenn die Ein-
richtung einer solchen Volkserziehungsanstalt bleibender,
bestimmter Wille Sr. Herzoglichen Durchlaucht ist und be-
sonders wenn die beginnende Wirksamkeit derselben im
künftigen Herbst und anfangenden Winter - was zu ihrer
innern Befestigung gewiß wesentlich wirken würde -
noch festgehalten werden soll, - es dann gewiß für das
Ganze sehr ersprießlich wäre, wenn nun auch alle Thä-
tigkeiten und Kräfte in Beziehung auf ihre Dar-
stellung und Ausführung geeint werden könnten.
Denn wohl ist es gut, wenn ein Gedanke, besonders
von bedeutendem Umfange und Folgen, vielseitig be-
leuchtet und klar gemacht, ehe an dessen Ausführung ge-
dacht wird; doch ist er einmal klar, dann ist es
eben so heilsam und ersprießlich als nothwendig, wenn
das klar und lang Geprüfte schnell und bestimmt aus-
geführt werde, indem das Leben und Streben des Men-
schen nur einen Hauptbeziehungspunkt haben, nur in
der Ausführung und Darstellung eines Hauptgedankens
ruhen kann, - so wie mein Leben und Streben nur
ganz in der Ausführung und Darstellung des Gedan-
kens einer Volkserziehungsanstalt und nun in Einigung
mit dem von Sr. Herzoglichen Durchlaucht ausgesprochenen
Gedanken einer damit zu verbindenden Bildung der /
[36R]
jüdischen Jugend ruht, - und jeder nebensächliche Gebrauch
der Kräfte eigentlich ein Raub an dem Ganzen, eine
Schwächung der zu seiner Darstellung höchst nöthigen
Kräfte ist, indem die Intensität der Kraft durch
die Verzögerung der möglichen Ausführung verliert.
Es ist meine Schuldigkeit, am Schluße noch auszu-
sprechen, daß mich gegen Ende der kommenden Oster-
woche wohl eine Geschäftsreise wieder in die Nähe
von Helba führen könnte; in Voraussetzung dadurch
den Willen Sr. Herzoglichen Durchlaucht erfüllen,
würde ich dann nochmals nach Helba gehen und mich
dann besonders mit der innern Einrichtung des
Hauses genauer bekannt machen. Zweckdienlich möch-
te es dann wohl seyn, wenn dem Pachter vorher
höhern Ortes eine Weisung zukommen könnte,
meine Fragen nach Höchstem Willen der Wahrheit
gemäß zu beantworten.
Ehrerbietigst unterzeichne ich mich.
Keilhau, den 30. März 1828

FWAFröbel