Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 11.5.1828 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 11.5.1828 (Keilhau)
(KN 23,4, Brieforiginal 2 ½ B 4° 9 S., mehrfach tw. ed./zit.; vgl. Heiland 1982 Nr. 164; mit Eingangsnotiz Barops: "Erhalten am Himmelfahrtstage den 15ten May 1828")

Keilhau am 11en May 1828


Gott zum Gruß und herzinnige Grüße von uns allen
lieber theurer Freund.

Du hast uns durch Deine l. Briefe sehr erfreut, wir nehmen ja, Du
weist es, an der Entwicklung Deines Lebens, so innigen Theil als sey
es unser eigenes; darum ist denn Deiner auch, wie Du Dir wohl sagen
kannst nach allen Seiten hin sehr viel und in Liebe und Treue gedacht wor-
worden; doch dieß alles weist Du ja durch und aus Dir selbst, warum
soll ich es Dir erst aussprechen; wo Menschen, wo Gemüther und Geister
sich wahrhaft kennen, und in Einigung leben, ist die innere unmittelbare
Kunde die Geist und Gemüth giebt sicherer und klarer als jede an ein
Äußeres geknüpfte.
Viel und wenig habe ich Dir und hätte ich Dir zu sagen, denn viel und
wenig hat sich seit Deiner Abreise zugetragen; viel: - denn groß
und mannigfaltig war die Entwicklung und auch wohl Darlebung
des inneren Lebens; wenig: - denn stets ist und bleibt das innere
Leben das in sich einige Eine. Viel: - denn ich sagte Dir eben
vielfach ist und war die Darlebung des inneren Lebens in Knospen-
treiben, Blumen blühen, Farbenspielen und harmonischen Getön;
wenig: - denn noch steht das äußere Leben ganz auf demselben
Punkt seiner Unentwickeltheit und in dieser Hinsicht umgeben von
einer dunkeln Gewitter schwangeren Nacht aus deren schwarzen
Wolken in jedem Augenblick ein, - der <  > vernichtende Blitz sich
loszureißen droht. Gott aber hat mit seinem gewaltigen all-
mächtigen Arm bis jetzt immer noch sein schützendes Schild über
uns gehalten und so haben wir gelebt, wie die Küchlein im
Ungewitter unter den schützenden Flügeln der Mutter; wir haben /
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geruht wie das Kind unter Gewitter Sturm im Schoße der
liebendsorgenden treuen Mutter.
Doch nun Einzelheiten. Wie Deine Stunden vertheilt sind willst
Du wissen. Religion gebe ich. Angewandte Zahl, Erdkunde des gleichen.
Carl giebt: Zahl. Johann giebt Ziffer, Formenlehre, Größenlehre
Sprachdarstellung, Sprachanschauung. Middendorff Pflanzenkunde. Noch
gebe ich Farbenübungen eine Stunde die mir besonders Freude macht,
denn es geht darinn sehr wacker vorwärts, Herr Carl ist zu Gebilden
gekommen und es sind in roth, blau und gelb hier Gebilde erfunden worden
die meinen Forderungen auf dieser Stufe ganz entsprechen. Überhaupt
verkehre ich jetzt sehr viel mit unserm treuen Carl, aber Farbe
Ton, Leben und Streben, und wenn auch mein theilender und beleuch-
tender Geist seinem unmittelbar einenden und gestaltenden Geist auf
den ersten Augenblick nicht immer ganz zusagt, so fühlt er jetzt doch
daß das Theilen in einer höhern Einheit bedingt ist, daß die Mannigfaltigkeit
eine nothwendige Einheit voraussetzt, das Licht und Wärme un-
zertrennt und jenes nicht ohne dieß ist, und da so nimmt nun auch sein Gemüth wa[h]r daß
ein solches Theilen und Beleuchten zu einer
höheren bewußteren Einheit, zu der nothwendigen so führt um
sie für immer in sich <  > zu finden und fest zu halten. Ich suche ihm
sein Leben seine Lebensansicht das Leben in seinen allgemeinen und ein-
zelnen Erscheinungen (wie Dir bekannt ist) durch sein Leben und auch
<den> Erfahrungen meines Lebens zu deuten und da muß er denn oft
gestehen daß ihn so vieles klar werde und er kann dann die
innige Freude über dieß Klären und Finden seines Innern nicht in
sich verbergen sie schwebt dann immer in dem Dir bekannten lieblichen /
[2]
Lächeln um seine Lippen, und so verleben wir manche gegenseitig
recht förderliche Stunde mit einander. Ich habe ihm gesagt daß
er mehr erzeugend seyn müsse und er hat dieß recht und wahr
gefunden; ich habe ihm gesagt daß er mit Kleinem beginnen müsse
und habe ihn aus mancherley Gründen die Blumenwelt vorgeschlagen
er hat dieß ganz sich entsprechend ergriffen und so hat er uns
denn mit einigen recht freundlichen ja lieblichen kleinen Liedchen be-
schenkt: das Veilchen; die drey Lieblingsblumen; der Rosenstock (Dir
die Rose[)]; ich glaube daß sie ihm sehr gelungen sind. Bey dieser Ge-
legenheit will ich Dir auch eine Aufgabe geben. In Deiner Nähe
giebts schöne Bäume. Gieb mir, gieb uns die Linde, die Eiche
die Buche die Birke pp in kleinen Liedchen wir geben sie Dir kommst
Du wieder zu uns verschönt zurück. Dieß alles soll zu einem
schönen Garten [werden,] den Du leicht entdecken wirst. So siehst Du denn
leben wir ein schönes und gestaltendes Leben fort. Langethal
hat den Garten vor dem Saale recht brav hergestellt. Middendorff
die Einfassungsbeete im Garten vor dem <   > Hause. Im Jungfrauengarten
am untern Hause haben die Aurikeln alle Farben der Sonne und des
Lichtes, alle Frische des des Frühlings und alle Düfte des Mays in sich
gesogen um die Liebende Pflege die ihnen geworden freundlich
und treu zu danken.
Mir persönlich ist viel Liebes seit Deiner Abreise geworden
Ich glaubte sicher der 21 Apr. würde in unbeachteter Stille
schwinden; aber Mittags brachten mir die Kleinen welche eben
Pflanzenkunde bey Mddrff gehabt hatten ein schönes Blumen-
rund Kranz in Kranz gelegt in Mitten einen schönen Apfel /
[2R]
Von meinem treuen Weibe fand ich bald nachher (sie hatte sich
in dem Tage geirrt) einen Blumenstrauß mit drey knospenden
Zweigen einem Lindenzweig, einen Buchen[-] und einem Eichenzweig
mit Inneres offenbarenden begleitenden Worten. Diese Gabe
war mir sehr lieb indem ich in diesen drey Zweigen drey Personen
sahe, die das Lebensfest sinnig auch im Außern wie in sich geeint
verschlang.- Als ich später in die Stube trat fand ich von Langethal
eine Freundesgabe bestehend in einer Abhandlung: - Die Hebräer, Griechen
und Römer, die drey Hauptvölker des Alterthumes, oder die drey vorzüg[-]
lichsten Darsteller des Menschheitslebens auf der Stufe des Knabenal-
ters, nebst einigen sich anschließenden Gedanken
begleitet mit einigen
sich aufs Leben und Hoffen beziehenden Worten unter einem von Ernestine
gewundenen Kranz. So des Tages still mich freuend, saß ich
Nachmittags sinnend und betrachtend auf dem Soffa der Hausstube
als ein Gespräch mir die Ankunft von Personen verrieht, es waren
sämtliche Frauen des untern Hauses die mir zur wahren Freude ein-
zuladen meine l. Frau die Gute gehabt hatte. Um mich eines so lieben
Besuches werth wenigstens in klares und ganzes Gewand zu kleiden eilte
ich auf meine Stube, fast sogleich trat aber auch Albertine ihr liebes
und liebliches Kind nun schon stattliches Töchterlein auf dem Arme
zu mir, um mir von dieser dem Engelskinde, der klaren, lichten All-
wina einen süß duftenden Strauß zu bringen. Erst später ent-
deckte ich um das Glas ein lilienweißes Papierband. Die Worte
die es enthielt sind zu schön um sie Dir nicht mitzutheilen und Du
kannst schon um dieser Worte willen doppeltes Porto für diesen
Brief bezahlen und ohne Sorge Deinem Herrn Papa in Anrechnung bringen. /
[3]
Die Worte lieblich wie der kleine Engel der sie brachte lauteten so:
"Mutter! gehn wir heut denn gar nicht aus?"
""Kind. es regnet, bleib zu Haus!""
"Wo möcht' Allwina doch so gerne hin?"
""Wo schöne, schöne Blumen blühn.""
"Was wolltest Du mit den Blümelein?"
""Die brächt ich alle ihm allein.""
"Wem denn Du frohes Kindlein zart?"
""Weißt Du's denn nicht? Der heut geborn ward""
"Ey, Du mein Engel! bleib nur hier,
"Nimm unsers Gartens schönste Zier!
"Mit Farb' und Düften sie entzücken,
"So mög' ihm Himmelsodem auch erquicken."-
""Mutter, ach! sieh an den lieben Strauß!
""Sonne scheint, trag mich zu ihm ins Haus.""
Mit welchen Gefühlen ich so so [2x] in den freundlichen Frauenkranz in welchem
auch nicht eine fehlte zurück trat wirst Du wohl nachempfinden. Unser klares
reines, kleines Engelswesen war sinnvoll der Mittelpunkt eines
freundlich und freudig, still verlebten Nachmittages.- Wirklich in
mir gar nicht die eine weitere Entwicklung des schönen Tages ahnend noch
weniger denkend, um so mehr als sich die Beschäftigung der Zöglinge
und Aller so ganz absichtslos und nothwendig zu finden schien machte
ich bald vor dem Abendessen des Vorschlag auf den Colm zu gehen.
Ich sahe nun wohl Mehrer da beschäftigt, doch den Langethal auch auf
seinem Kirschberge um so mehr wurde ich wirklich überrascht als
ich das bekannte trauliche Rund sehr schön hergestellt und Sitze und
Einfassung mit Moos belegt fand u.s.w. Daß unser Carl und
Middendorff dabey besonders thätig und viele der Zöglinge sehr freudig emsig gewesen waren /
[3R]
brauche ich Dir, der Du es durch Dich selbst schon weist nur zu bestätigen.
Unser Ferdinand und Wilhelm hatten auch den großen Platz bey der Buche,-
welchen vorher schon Carl, wie die Plätze am Colm, mit Moos be-
legt hatte,- so wie den Weg dahin in neuer Klarheit hergestellt.
Ob wir an diesem Tage Abend Musik hatten kann ich in diesem
Augenblick wirklich nicht sagen, doch ist es mir als höre ich ihn noch
jetzt mit Gesang und Harmonien beschließen, und wie könnte
es denn auch anders seyn, da ja den ganzen Tag Liebe, Freundschaft
und Treue im Einklange zusammen tönten. Um mich freylich ganz zu
verstehen, müßte ich Dir freylich sagen was gerad in diesen Tagen mein
ganzes Wesen beschäftigte, doch wenn ich Dir auch gleichsam die Titel
sagen wollte so würdest Du mich doch nicht so wie ich wünsche finden, da
Du nicht weißt wie und von welcher Seite ich den Inhalt aufgenommen
habe. Genug ich beschloß durch die Gesammtheit des ganzen Lebens und
durch die Liebe der Meinen einen Tag der meinem Leben in seiner
innersten Mitte keinen Wunsch übrig ließ obgleich mit dem reinsten
höchsten Streben erfüllte.
Doch der zweyte Tag der mir in reinen Nachklängen noch sehr lieb
verflossen war, sollte mir noch spät am Abend wo das Leben sich
fast zur Ruhe neigte noch so hohe als reine Freude bringen, Freude
die dadurch kaum erhöht werden konnte daß sie mir ganz uner-
wartet kam: - Das Leben überdenkend und gestaltend saß
ich in meiner kleinen Klause nichts vom Tage mehr hoffend noch
erwartend, da öffnete sich ruhig meine Thür und Emilie tratt
in meine Stube sie trug ein Glas mit kristallklarem Wasser
in der Hand aus dessem Mitte eine wunderschöne Rose von den rein-
sten unverletztesten frischesten Blättern umgeben ihr jungfräulich /
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schönes, sittig die Augen senkendes Haupt erhob. Tief bewegt reichte
mir E.- das Glas und leise Worte sagten mir, daß sie mir
eine Gabe von Dir bringe, von Deinem ihr zur Pflege anver[-]
trauten Rosenstock welcher sie bald nach Deiner Abreise mit
drey wunderschönen Rosen zugleich erfreut hatte. Schön waren
diese drey Rosen gewesen und ich möchte ihnen nicht gern durch
Vergleich zu nahe treten, aber lieblich untadelich,- vollkommen
und vollendet war die Rose die sie von Dich und für Dich mir reichte.
Sphärisch wie ein Thautropfen in sich geschloßen ohne Makel,
so war und so blieb sie auch als sie ganz erschloßen war, und so
sank sie als sie manchen lieben Tag süß geduftet und alle im
ganzen Hause durch ihre Schöne erfreut hatte. Möge die Geberin
möge der reine Sinn und das kindliche Gemüth der Geberin auch ganz
in Deinem Sinn <in / u[n]d> Deinem Gemüthe gehandelt haben. Ja Barop
mir war dieß das schönste das lieblichste Geschenk was ich empfing
es ist viel und wohl gegen das andere was alles mir wurde fast
unrecht, nun so will ich denn auch gar nicht im Mindesten ver-
gleichen, genug ich kenne keinen äußeren Preiß der diese Gabe
hätte aufwiegen könne, so sehr auch äußere Güter wohl im
Stande scheinen unser äußeres Leben vor dem Untergange
zu sichern der ihm in jedem Augenblick noch immer droht.
Nun kannst Du wohl fühlen wie es mich innig erfreuen
mußte als die treu ihrem einfachen Gemüthe nach gegangene
Geberin von Dir mit einem so kristallklaren Brief, mit sonnigen
Farben wie der Thautropfen spielenden Zeilen erfreut wurde
denn daß sie diese Freude, daß sie den Inhalt des durch mich erhaltenen
Briefes mir mittheilte wirst Du ihr gewiß verzeihen da Du /
[4R]
vielseitig die Wahrheit von Tiedgens Wort in seiner Urania
empfunden hast: - "getheilte Freud' ist doppelt Freude!"
Hierin Freund! hat es denn auch seinen Grund wenn ich Dir
das ganze Leben welches doch in seinen letzten Früchten immer Freude
ist mittheilen möchte, doch jemehr ich Dir mittheilte um so mehr sehe
ich und Du wirst es gewiß selbst fühlen, daß es mir unmöglich ist Dir
den Reichthum unseres, meines Lebens nur während der verflossenen
vier Wochen mitzutheilen und so will ich Dir denn nur noch einiges
namentlich aufführen. Wetzstein hat einen halben Brief geschrieben;
er möchte wohl aber will nicht; er vermißt wohl etwas hat aber bey
all seinem Gefühl der Kraft weder Muth noch Kraft sich das Vermissende
anzueignen und glaubt sich nun da durch zu[be]ruhigen, daß er sich und anderen
ausspricht: er vermisse nichts.- Dr Keck aus Wiedersberg
war 1 Tag und 2 Nächte hier. Er fühlt sich sehr unbefriedigt in seiner
Lage besonders seinen Beruf.- Julius Fröbel war gestern hier bey Her-
zogs. Ich bin sehr zufrieden daß er nicht zu uns kam.- Herzogs Betragen
gefällt mir es ganz unpartheiisch angesehen je mehr es sich entwickelt um
so weniger. In vielleicht 8-14 Tagen geht er von hier nach Jena.-
Nun noch zwey Hauptsachen erst gehe doch zu Blumberg, von welchem ich
noch bis jetzt keinen Brief erhalten habe, und sage ihn:- Du habest
mir die Meinung von Luis Mutter mitgetheilt und wenn sie so streng
ihn in Selbstaufsicht nehmen wolle wie sie Dir ausgesprochen, so
stimmte ich mit meiner ganzen Überzeugung dafür, daß Luis
nach Berlin komme und nicht nach Cassel; der Vater möge mir nur
bald seine Endbestimmung bestimmt ausprechen.
Besorge mir dieß mög[-]
lichst sogleich.
Middendorff der Dich besonders grüßt, trägt mir auf Dir /
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Dir zu schreiben Du möchtest doch in Deinem allernächsten Briefe
nach Dortmund schreiben, wie Du den Auftrag Middendorffs in
Deinem letzten Brief von hier aus vergessen habest und wie er
bäte sie möchten die ihm zukommenden Gelder ihm direkt durch
die Post nach Rudolstadt schicken wie er ja auch schon früher aus-
gesprochen habe. Middendorff läßt Dich aber sehr bitten, dieß ja
nicht wieder zu vergessen, und wenn Du jetzt nicht gleich unmittel-
bar schriebest, so könntest Du ja wohl nur ein Paar Zeilen mit jenen
Worten in dem Briefe Deines Freundes einschließen.
Was Du mir von der Berliner Meinung über Keilhau aussprichst
wußte ich wohl, hat aber nichts zu sagen. Handle Du nur
fest in Deiner Uberzeugung fort, Du kannst es, denn immer mehr
eint und klärt sich mir alles und was früher nur in meinem Glauben
meiner Uberzeugung und nur zum Theil im eigenen Schauen des Geistes
begründet war, daß schaue ich jetzt in der ganzen Schöpfung in dem
Werden der Dinge, in der Natur- und Weltordnung und in dem Bildungs[-]
gange der Menschheit: - Gott in der Natur Schöpfung, in der Natur
und Weltordnung, in dem Bildungsgange der Menschheit das
Ur-
bild
der Menschenerziehung - dieß ist der Grundgedanke meines
geistigen innern und äußern erziehenden Lebens.- Auf dieß
Fundament hin kannst Du wie ich, mit mehr als Lutherischer
Felsenfestigkeit die Rechte der Natur in der Erziehung behaupten
und so als Kämpfer für unsern Erziehungsgang auftreten.
Jetzt lebe wohl, es ist Sonntag wir wollen gemeinsam einen
Spaziergang in das Sch- Wäldchen und nach Zeigerheim machen. Ernestine
und meine Frau grüßen Dich wirklich herzlichst und tausendmal. Schreibe
recht bald wieder
Deinem FrFr: