Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Christian Friedrich Krause in Göttingen v. 24.5./2.6./17.6.1828 (Keilhau)


F. an Karl Christian Friedrich Krause in Göttingen v. 24.5./2.6./17.6.1828 (Keilhau)
(Das Brieforiginal ist nicht überliefert. In BN 524, Bl 1-13R, 6 B + ½ Bl 8°, befindet sich der undatierte Entwurf, ed. Riedel 1940, XIII, 9-19. Erhalten ist eine vollständige u mit drei Datierungen versehene Abschrift in KN 23,5; 12 B + 1 Bl 4° 48 ½ S.. Der Text des Brieforiginals wurde mit Kürzungen von Lange I,1,119-149 ediert. Lange datiert fälschlich „24. März 1828“. Editionskritik bei Riedel 1941, XI/XII, 7f. Riedel vermerkt, durch Hermann v. Leonhardi, dem Nachlaßverwalter Krauses, sei das Brieforiginal an Lange zurückgegeben worden. Die Datierung des Entwurfs ist nicht gesichert. Er entstand jedenfalls vor bzw. um den 24.5.1828. Briefliste Hoffmann vermerkt für Entwurf/BN und Abschrift/KN als Datierung 24.5./17.6.1828. Die bei Lange fehlenden beiden Abschnitte bei Weise 1918,7f und 104. Zur Abschrift im KN ist zu bemerken: Bogen 12 andere Handschrift, möglicherweise Langethal, Bogen 1-11 evtl. Handschrift F.s, aber sehr grob. Die beiden Datierungen befinden sich am Briefanfang und Briefschluß. Die umfangreiche Nachschrift (innerhalb der KN-Abschrift) beginnt mit einem weiteren Datum: „Am 17ten Juni 28“. Zu dieser Nachschrift sind zwei Entwürfe von Briefen Fs an Krause überliefert. Diese Entwürfe liegen im BN 524, 13R-14R, 8°, 2 ½ S. und BN 524, 15V-20V, 8°,11 S. Riedel hat diese Entwürfe 1940, XIII, 21 und 23-26 ediert. Riedel hat dabei den Text BN 524, 13R-14V Mitte, vier Aphorismen zum „Geistigen“ mit insgesamt einer Seite Umfang nicht ediert. Den ersten knappen undatierten Entwurf der Brief-Nachschrift von anderthalb Seiten Umfang (BN 524, 14V Mitte – 14R) ordnet Riedel S. 21 noch dem großen Briefentwurf vom Mai 1828 zu. Den zweiten ausführlicheren, ebenfalls undatierten Entwurfstext von 11 S. Umfang datiert Riedel S.23 allerdings auf einen erheblich späteren Termin: „das letzte Dritteljahr 1830“. Im zweiten Entwurfstext ist von einer geplanten Reise F.s. „Ende 7br“ [September] die Rede. Bei den „Aphorismen“ handelt es sich um erste Formulierungen zu F.s Brief an Barop v. 4.6./21.6.1828/Bl 2.
Riedels Auffassung, bei dem zweiten, ausführlicheren Entwurf (BN 524, 15V-20V) handle es sich durchgehend um einen Brief an Krause, trifft jedoch nur für den Text 16R-20V zu, nicht aber für den Briefentwurf 15V-16V. Bei dem von Riedel als einen Briefentwurf interpretierten Text 15V-20V handelt es sich um zwei Briefentwürfe mit verschiedenen Adressaten. Unstrittig handelt es sich bei dem Text 16R-20V um die ausführlichere Fassung der Nachwort-Skizze an Krause. Krause ist aber nicht der Adressat des Briefentwurfs 15V-16V. Hier ist von einem Kredit die Rede, den F. vom Briefpartner aufgrund der Bürgschaft seiner Schwiegermutter in Berlin erhalten soll, sowie von einem Keilhauer Zögling „Luis“ , dem Sohn des Adressaten, um dessen weiteren Werdegang in Form einer „Lehre“ F. sich kümmern will. Dies alles trifft nicht auf den mittellosen Krause zu, sondern auf Leo Blumberg, den jüdischen Brauereibesitzer in Berlin, der F. vielfach finanziell unterstützte und dem F wiederum über die Keilhauer Erziehung berichtete. - Der Text BN 524, 15V-16V wird daher der Korrespondenz Fs. mit Blumberg zugeordnet.
Die „Nachschrift“ liegt also neben der KN-Abschrift in zwei Entwürfen vor, einer Skizze mit 1 ½ S. (BN 524, 14V Mitte –14R) und in einer ausführlicheren Fassung von 8 Seiten (16R-20V). - Hier werden unter a) die 3 BN-Entwürfe zum autobiographischen Brief und zur Nachschrift (aber ohne 15V-16V) sowie unter b) die Abschrift im KN wiedergegeben.)

a) Entwurf [BN]

[1R]
[Keilhau, <24.5.>1828]

Einigung zum Gruß.
Innig hochgeachteter Herr u Freund!
Könnte ich nicht von einem Doppelten in mir fest überzeugt seyn einmal, daß auch Sie des Lebens
erfahrung im Leben oft genöthigt hat, umgekehrt zu schließen
(von der Mannigfaltigkeit auf die Einheit), vom Äußern auf das Innere,
vom Vergänglichen auf das Bleibende, von der Ruhe auf das Leben, von
der Trennung auf die Einigung, dann das[s] die Bande (der Bund) des Denkens
<-> vom Bewußtseyn von der Einsicht vom Erkennen und Anerkennen geleiteter Männer und der Bund der Einigung des sich
findens im Höchsten und durchs Höchste von ganz anderer
Art als der tausend Bündnisse im gemeinen
u gewöhnlichen Leben, so wüßte ich wahrhaft nicht was ich Ihnen
wie und womit ich meinen Brief beginnen, und wie und wo ich
Mittel finden sollte mein langes Stillschweigen bey Ihnen auf[-]
zuklären, doch der Satz des umgekehrten Schließens, welcher mir im Leben
so viel Trost u Licht gab leuchtet mir auch hier vor worüber
wir im äußern am meisten u längsten schweigen damit beschäftigen
wir uns im Innersten am lebhaftesten u was oft in der äußern
Erscheinung am meisten von uns getrennt scheint, mit dem sind
wir im Innern oft am geeintesten <auch nun Ja mein > hochgeachteter Herr hier ist
mein innerstes Stehen zu Ihnen klar ausgesprochen und es geht daraus
wohl hervor
denn oft u viel habe ich seit Ihrem letzten gütigen Schreiben
mit Ihnen mit Ihrem Streben gelebt oft sogar Briefe an Sie begonnen
öfters mit Ihnen gelebt sie in Gedanken geschrieben an Sie gedacht, ja ich war im Sommer v. J. sogar schon einmal auf Reise dem Wege
zu Ihnen. Darum kann es wohl gar nicht anders seyn
es müssen große u wichtige es müssen die hemmendsten u nicht zu
beseitigendsten Hindernisse gewesen seyn welche auch nicht er-
laubt haben, daß auch nur ein kleines Zeichen des innern Ver-
bundenseyns, des regen gemeinsam[en] Lebens im Geiste äußerlich
sich sichtbar machen konnte u so war u ist es mein hochgeachte-
ter Herr und Freund [,] um in dem gewaltigen äußere u innere Vernichtung thräuenden Drang des äußern Lebens das Leben und den Lebenszweck fest u klar
zu behalten u immer fester u klarer zu halten war meine angestrengteste
unverwand[t] u ungetheilt nach dem Einen [strebende]: Erkennen u
Schauen u Darstellen, des Einen, des Wesens gerichtete Kraft /
[2]
nöthig. Denn seit länger als einem Jahre kehrt mir und meinem Streben die Welt schnöd den Rücken. Dieß ist nun wohl alles ganz in der Ordnung erklärt
sich auch sehr leicht aus dem Stehen und Streben
der Welt u der Masse und aus meinem
Streben, hätte darum auch gar nichts zu
sagen hätte mir es auch alles bis ins Einzelne
klar voraus sagen können; doch ich habe und hatte mir
es aber auch gesagt aus drey Ursachen einmal war ich von
der ewigen Wahrheit u Menschenwürdigkeit u. Menschenwesen-
heit meines Wollens Schauens, meines Wollens und Strebens
so lebendig durchdrungen, daß ich vom Leben durchdrungen u <sorglos> den Tod außer
mir nicht schaute, wie Kinder auch Steinen u Hölzchen Menschleben
bey nicht nur beylegen sondern in denselben wirkl[ich] schauen, - dann weil ich diese
Wahrheit des Strebens Geschauten und zu erStrebenden der Menschenwürde
dem Menschenwesen so nahe liegend glaubte daß wenn auch
nicht die Masse [doch] ein großer Theil von der Wahrheit derselben zu überzeugen
wäre - und wenn auch diese nicht durchs Wort doch wohl durch die That worin
die Leistungen für sich selbst sprechen würden, möge dieß[e] letztere 3e Ursache jed[och]
besonders
bewog mich alles aufzubiethen die Leistungen bis dahin auszubilden daß sie für
sich selbst sprechen würden u dadurch geschahe daß ich die Sache, das Äußere
der Sache selbst gefährdete u noch ist sie äußerl[ich] nicht gerettet noch steht sie
äußerl[ich] nicht fest. Ich glaubte die Sache u mein Streben fest zu begründen
daß ich sie in dem Character u Geiste des Volkes zu begründen suchte,
aber wie kann man etwas eine Sache in etwas begründen was seinen Grund
selbst nicht gefunden hat selbst schwankend u Charakterlos in
der Wirklichkeit dasteht; wie konnte es darum anders seyn was
dem Ganzen äußerlich Halt geben sollte war Grund seiner Vernichtung hätte ich ohne Zweifel
weniger überzeugt von der Würde des deutschen Geistes ja wohl
gar als Verräther an demselben gehandelt u mein Streben engl[isch] oder
französisch oder Gott weiß wie genannt, so würde es eher
beständig seyn. – Die Folge dieses <konnte> [Riedel: kam] und mußte ich so weit es geht wenigstens die Wirk[ung] nicht allein unschädl[ich machen] sondern d[urc]h tiefere Begründung höhere Selbstständigkeit heraus [ab]leithen. –
Wohl fanden sich Menschen u Männer doch
diese [standen] zu Einzeln zu Schwach an Wollen u an Kraft. Sie /
[2R]
die meisten die sich
mit mir verbanden
suchten äußeres und zuerst
Äußeres, da ich nur
das Innere, das Wahre, die
Darlebung des Wesens an
sich suchte; wie konnte
es nun anders seyn als daß
sie achteten wohl die Sache, sie sahen ihr Gutes Erspriesliches ein, sie wünschten
dessen Ausführung alle zu eigensüchtig[em] Zweck [Riedel: allzu sehnsüchtig zwar] u <darnach> allein sie suchten die Mittel dazu eben immer bey Andern;
sie wiesen in Beziehung auf die Ausführung immer auf Andere hin,
statt selbst Hand an dieselbe zu legen, statt die Mittel zur
Ausführung in sich u d[urc]h sich zu suchen und zu finden. Diese teuschende Theilnahme
welche jedoch im Moment der Ausführung u Darstellung verließ
war eben darum mehr nachtheilig als hinderlich, denn die Sache
schien auch ein äußeres Fundament zu haben wo doch nur boden[-]
u Grundlose Leere war; doch dieß war nur das Geringere.
Das wichtigere u Zerstören im Äußern Auslösendere war, daß viele
der innerhalb des Ganzen u mit Aufopferung des Ganzen ent[-]
wickelten besonders wiefern für Darstellung u weitere Ausführung entwickelte Kräfte demselben, dem Ganzen mehr als undankbar den
Rücken kehrten
wo nach ewigen u reinen Naturgesetzen ihre Kräfte u ihre
Wirksamkeit zur Verjüngung neuen Belebung hätten in das
Ganze zurück fließen sollen. - Allein warum wiederhole
ich Ihnen denn das uralte Lied; es ist ja die so oft wieder[-]
gekehrte Geschichte der Entwicklung u Darstellung einer gemeinsamen <Sorge>
für ein gemeinsames Ziel [Einschub 3Mitte*-*]
[*] und ist als ein Leben dieser Art u dieses Strebens[*]
- keinesweges um zu klagen
keinesweges um mich zu beschweren nur um das Ur[-] /
[3]
alte Lied des Schiebens der Schuld des Mißlingens auf
Andere zu schieben, welcher Denkende möchte sich der Million
von Thoren bey gesellen, nein nur um anzuzeigen welche
Thatsachen durchlaufen, daß Alle Thatsachen durchlaufen
wurden, und in welchen Thatsachen unter andern auch einmal die
Erscheinung meines so langen Schweigens begrihre Ursache
hatten.
[Der Grund war, daß] alle zwar mir und
meinem Streben den Rücken
kehrten, da sie für
ihre Endlichen Zwecke
sich hinlängl[ich] u mehr als
hinlängl[ich] ausgebildet fühlten, dem
G[an]zen immer den Rücken kehrten ohne
für reiner Darlebung des Wesens
geeint zu bleiben.
Bis zu diesem Punkte nun ist mein Leben u die Schicksale
die Geschichte meines Wirkens eine Wiederholung der Schicksale aller welche
mit Gemeinsinn nach Gemeinsamer Darstellung Darlebung
reinen Menschheitslebens strebten, doch
von jetzt von diesem Punkte an wendet trennt es sich als ein solches Leben
und ist ein in sich neues u auch in dieser
neuen Wendung hat mein langes Schweigen gegen Sie prüfender und
erziehender, im Geiste u d[urc]h den Geist geeinter Freund seinen Grund.
Frühe u lange Selbst-
und Lebensbeachtung lehrte mich, was das reine Denken später (viel[-]
fach bestätigte) zeigte und zur wandellosen Überzeugung erhob[:]
der Mensch müsse zuletzt die Gründe seiner Lebenserscheinungen, seiner
Lebensschicksale u Begegnisse in sich in seinem Eigenleben, seinem
Denken, Empfinden u Wollen finden, und so auch nur die Mittel u Wege die Bedingungen
zur Darlebung seines Innern, zur Darstellung seines Lebens.
Diese feste Überzeugung hat mich nun in meinem eigentlichen
u eigenen innern Leben seit längerer Zeit eigentl[ich] von allem äußeren
g[an]z abgezogen um in mir u mein[em] Eigenleben, und diesem gemäßen
Denken, Empfinden u Wollen, Wege Mittel u Bedingungen zur Erreichung meines Lebens[-]
berufes, meines Lebenszweckes zu finden - u hoch-
ersprieslich war dieß Streben dieß Bemühen, reich an Aus[-]/
[3R]
beute reich an Früchten, so sehr ich um so mehr ich mich von
dem Wechselnden zum Bleibenden von der Erscheinung zum
Wesen wand[t]e um so reicher klarer fruchtbarer war die Lebensquelle
die im Innern floß um so hoch wichtiger die Lebens[-]
schätze die gefunden hervorgefördert wurden u ich konnte so wenn auch tief
gebeugt, und im Inneren schmerzl[ich] verwundet doch ruhig ja so gar
freudig das äußere Leben zerfallen sich auflösen
sehen, weil ich im Innern das immer neu aufkeimende höhere geistigere Leben
schaute u erschaute das beginnende wahre Leben und in dem wahrhaft in dem [der] Geist d[urc]h den Geist sich im Leben geeint so lag denn d[urc]h die Gesammtheit der Lebens[-]
umstände und d[urc]h meine Überzeugung u Selbstbesinnung bestimmt nicht nur die Erhaltung u Förderung
sondern vor allem erst die Erhaltung
des Ganzen aus mehr als 5 selbstständigen Familien bestehenden und vielfach verschlungenen Ganz[en] und was in jedem Moment mir über die Hand mit Vernichtung alles zusammen zu stürzen drohte allein auf mir
und namentl[ich] auf u in meinem Denken, meinem Schauen, meinem Wollen u meinem Thun und
erst nachdem so das Leben seinem Wesen u seiner Forderung nach, nach dem was es giebt
u was es fordert - und nimmt, klar abgeschlossen vor mir lag, konnte ich auch als zur
gesammten Entwicklung meines Lebens u Strebens gehörig, denn alles was
mir wahrhaft nahe kommt, dieß ist Grundgesetz meines Lebens muß auch mit meinem
Leben Streben, zusammen fallen u sich verweben – jetzt erst Ihre
freundlich übersandten Druckschriftl[ichen] Sachen lesen; denn jetzt erst nach der
völligen D[urc]hlebt[-] und vollendetheit einer bestimmten Lebensstufe konnte ich
[sie] würdigen, weil ich muß es nur gestehen ich schlechterdings nichts gleichsam
im Vorbeygehen oder nebensächlich wahrhaft beachten kann, sondern alles was
ich beachte muß auch sogleich ein organisches Glied, wenigstens
zu einem organischen Stoffe meines Lebensbaumes sich verarbeiten
lassen, verarbeitet werden. Allein jetzt nun schreibe ich Ihnen auch
mit vieler Lust, mit großer Ruhe inniger Freudigkeit, u voll Seelenfrieden.
Bis jetzt habe ich zwar von den von Ihrer Güte übersandten Druckschriften
und zwar erst eben jetzt nur 2. die Logik u das System gelesen
aber diese mit großer Befriedigung u mit Lust
(die Theses hat mein sehr l[ieber]. Fr[eun]d u Mitarbeiter, auch seit 2 Jahren
mein Neffe – Middendorff, allein auch dieser hat /
[4]
mir freudig sehr vieles Übereinstimmendes unser[s] beyderseitigen
Denkens, Wollens u Strebens mitgetheilt)
Seit meinem frühesten Knabenalter an der Hand der Eigen[-]
der Natur[-] u der Leben[s]beachtung schauend denkend prüfend [Riedel: sprechend] herauf gewachsen
ließen mich doch alle philosophischen Systeme, so weit mich
mein Leben u Streben mit denselben bekannt zu machen erlaubte
so sehr unbefriedigt, daß ich bey allem Theilwahren welches
ich wohl in jedem erkannte, doch mich nie entschließen konnte
sie in Gesam[m]theit oder eines derselben zu meinem vorwalten[den]
Studium zu machen, denn sie lagen erschien[en] mir alle dem Erfassen Schauen
des dem Erfassen des Wesens u der Wirklichkeit, dem Erscheinen
u Darleben des Wesens gleich fern, und die Wesenschauung
in der Wirklichkeit lag mir doch so klar vor mir u in meinem
Geiste u Gemüthe, daß ich nichts brauchte alles Seyn das große Lebganze
alles Seyns u Erscheinens, alles Wesens u aller Wirklichkeit überall
zu schauen und im eignen Leben u Streben Denken u Thun darzu[-]
leben u darzustellen, ohne eine zwingende u erfassende Darzeichnung
von ein[ige]n philosophischen Systemen der Zeit zu erwarten.
Sie können sich darum denken wie hocherfreuend u beruhigend
es für mich war, was ich nicht erwartete in ihrer [sc.: Ihrer] Logik u
System zu finden. Zwar hat mir die Zeit noch nicht erlaubt
wiederkehrend u vergleichend wenn ich mir des Ausdrucks er prüfend
mit dem Leben, meinem eignen Leben der Wesenschauung vergleichend zu lesen, doch
sind mir die ersten eigentlichen u Hauptsätze u der g[an]ze Entwicklungsgange
in einer solchen schlagenden Wahrheit d[es] <Ganzen> entgegen
getreten, daß ich beym Lesen des G[an]zen hohe u reine geistige Freude
empfunden habe u daß ich in mir die Gewißheit trage
die entlegendste u abgeleitetste Erklärungsfrage wenn
<nicht> auch desto tief begründet als einfach kurz leicht
beantwortet [werde] u in ihrem Lebensbau [sich] zeige. – Sie mein hochge[-]
achteter Herr u Freund werden aus diesen Mittheilungen
leicht erkennen
wie unser Entwicklungsgang unser Ziel u Streben /
[4R]
der Form nach so entg verschieden, so entgegengesetzt war
aber darinne mag nun wohl auch der Grund liegen warum
wir uns so vertrauensvoll, so wahrhaft menschlich u mit
Innigkeit Hand u Herz bieten u bringen, weil wir – ich darf
es wohl sagen – uns verstehen. Sie sind wie es scheint in ihrer Bildung
einen strengen Schulweg - aber mit seltenem Glück gegang[en]
ohne bey der Charybdis vorbey geschifft seyend von der
Scilla verschlungen worden zu seyn. Ich den g[an]z entgegengesetzten.
Wie ich Ihnen schon aussprach wurde ich frühe es war in
mein[em] 10 od[er] 11ten Jahr einsam in einem sehr beschränkten Kreis lebend
und nur mich, eine spärliche Natur die Lebenserscheinungen habend und die
streng dogmatisch orthodoxe Religionslehre an der Seite habend, aber
lebendig in Wort u That von den Widersprüchen
des Lebens in Wort u That ergriffen welche
welche aufzulösen, zu schlichten
meines Vaters – eines eifrigen und sorgsamen Seelsorgers Religionslehrers
als Pflicht erkannte. Ein in sich zurückge-
drängtes einfach[es] u kindl[iches] Gemüth und – ein strenges u hartes zurückgeführtseyn
in sich – ein stilles Leben mit der Natur besonders der Pflanzenwelt
löste mir frühe jene Widersprüche d[urc]h mein Gemüth u die Be-
achtung der Natur; so trat mir sehr frühe die Ahnung eines
großen Widerspruchslosen Lebganzen in allen Lebens[-]
Erscheinungen entgegen, - dieses große Lebg[an]ze zu schauen, und so
nur überall Leben zu finden u zu schauen und so das große
geahnete Lebganze selbst zu schauen dieß war
die stille Sehnsucht meines Herzens
aber der Weg durch die zerstückelnde Schulbildung war
mir zu todt u so wurde ich war so weil zwey
meiner Brüder sich schon dem Studium gewidmet hatten u
der dritte besonderer Anlagen halber studiren sollte, dem
Studiren entzogen, aber um so inniger verband mich
die liebeleitende Vorsehung der Natur - mit dieser
u der Mathematik einige Jahre in traulicher /
[5]
stiller ungestörter Einigung gelebt habend u von
den Pflanzen in die Gesetzmäß[ig]keit der Natur frühe
eingeführt konnte ich dem Drange des Lebens Geistes nicht
länger wiederstehen. Mit überspringung aller eigentl[ichen]
Schul[-] u Gelehrtenvorbildung, deren Aneignung nach dem
gewöhnl[ich] anlernenden Schulgang ich mich um kein[en] Preis
hätte hingeben konnte besuchte ging ich in der Mitte mein[es]
17ten [richtige Korrektur Riedels: 18ten] Jahres auf die Universität. GWährend Da ich in den vorher verfl[ossenen]
2 Jahren g[an]z in der Natur u mit ihr u der Mathematik nur g[an]z eigen u alleinthätig
meiner eignen Bildung gelebt hatte habend so kam
ich als eine reine Naturpflanze zur Universität, auch hier
meine Studien g[an]z selbstthätig aus mir bestimmend. Die Vorträge mußten
eine eigne Wirkung auf mich haben u sie hatten es. Die Wahl der Vorlesungen
selbst bestimm[en]d wählte ich (: Naturhistorische u Mathematische)
Aber sie genügten mir nicht, was ich erwartete fand ich nicht selten ich suchte
Ableitung aus der Einheit; Nachweis und Darlegung des innern Zusammen[han]gs
u Darlegung der innern u d[urc]hgreifenden Gesetzmäßigkeit - dieß gaben
mir nur einige Collegia, leider nicht die Wichtigsten die Physik u Mathematik.
Doch fesselte mich die Combinationslehre; was mir sonst die
Vorlesungen gaben war mir für mein inneres Leben zu wenig.
Theoretisch philosophische, eigentl[ich] philosophische Collegien
zogen mich nicht an; ich möchte sagen ein Instinkt [Riedel: Gefühl] hielt mich
von ihnen fern, auf diesem Felde kam mir alles so will[-]
kührl[ich] so tod[t], zerstückelt, so todt vor, wenn ich meine
Studiengenossen sich darüber mittheilen hörte u was mir sonst
davon nahe kam; aber wie ich aussprach einige Naturhistor[ische]
Vorlesungen (u die Combination pp) besonders durch die vergl[eichenden] Arbeiten
über den Zusammenhang der Thierformen pp ließen mich immer Lebendiger
den innern großen <Zusammenhang> alles Lebens u Wesen Lebens u des Wesens <an [der Sternenwelt] in klaren Nächten ruhig ahnen und schauen> und der Erscheinungen des Lebens mit jener und Natur im Bunde besonders, verglichen mit dem allgem[einen] Astronomischen u planetarischen Gesetz ahnen u schauen /
[5R]
So trat ich da mir meine ökonomische Lage nicht lange [Riedel: länger] den Aufenthalt
auf einer Hochschule gestattete und da überhaupt ich nun meinen Studien
deren Zweck nur das bürg[erliche] Leben u ein bürgerl[icher] Beruf war
mir [Riedel: nun] eine höhere Beziehung gab - in das bürgerl[iche] Leben
zurück. Aber das äußere Leben blieb mir fern
indem ich in demselben und für dasselbe, doch g[an]z isolirt lebte,
meine eigene Welt in mir tragend u pflegend in der Selbst
u Leben besonders eigenbeachtung für den Zweck der Selbsterziehung
mit Natur u wenig Mathematik im Bunde, schöpferisch
wirkte u sie mit Lebgestalten u immer mehr mit einem großen Lebganzen er-
füllte, mein Bildungsweg war g[an]z einfach für die verschieden-
sten Erscheinungen die innere Einigung zu finden, die Geistigsten Erscheinungen
entweder in der Natur zu sehen oder Mathem[atisch] zu bestimmen
darzustellen, d[ie] großen u allgem[einen] Natur[-] und mathem[atischen] Gesetze
in den Erscheinungen u den Bedingung[en] meines Wesens im Wesen
Wesens zu schauen {wohin/wodurch [}] ich d[urc]h mein allererstes frühestes [Riedel: früheres] Knaben[-]
leben bestimmt <zuerst> alles u [sc. auf] Alles bezogen zu schauen
so schematisirte, symbolisirte, idealisirte, realisirte,
indentificirte u analogisirte ich ununterbrochen
alle Erscheinungen u Thatsachen die mein[em] Geiste [Riedel fügt ein: und Leben] nahe kamen
so trat mir das Leben immer mehr als ein schönes Großes Lebganze widerspruchsloses harmonisches entgegen dessen Leib Gleichsam mir die Natur
war, diese war an der Hand der Math[ematik] mein Huld [sc.: Halt, Riedel: meine Holde].
So hatte ich – fast isolirt doch im bürgerl[ichen] beruf u Geschäft
wieder einige Jahre gelebt - da dämmerte es in mir Dunkel
her<für> daß es so einen schönen u frischen <Frühl[ing]> gebe
das Leben der [R: des] Menschen <aus> [R: in] Widerspruch u – wie ich mich wörtl[ich]
darüber ausdrückte – ihnen [R:ihm] sich selbst (in Frieden) wieder /
[6]
zu geben – Doch gehörte mein Leben u Streben
noch immer einem g[an]z äußerl[ichen] Beruf – u so den bürgerl[ichen]
Lebensverhältnissen nicht aber dem Menschen ansich
noch weniger der Menschheit als solcher, allein
da mir das äußere der äußere Beruf nicht genügte
nun kam mir mit Bestimmtheit der Gedanke u das
Streben in jenem Beruf diesen zu leben zu suchen
da rief mich JugendMuth - nein das liebe leitende
Geschick unerwartet vom äußeren Baumeister
u Landbebauer (welches mein Lebensgeschäfte werden sollte)
d[urc]h Freundes Hand u Mund zum Lehrer
- zum Erzieher - Zwey Wirkungskreise
die mir nie in den Sinn gekommen wären.
Wie ich zum ersten male unter meine 30 Knaben von 9 - 11 Jahren
trat war mir sehr wohl ich war gleichsam in meinem Element
u wie ich dortmals an einen meiner Brüder schrieb: es war mir so wohl wie dem Fisch im
Wasser - ich war unsägl[ich] glückl[ich]. Aber gleich vom ersten
Augenblicke welche Summe von Anforderungen welche reiche Thätigkeit
Auskunft Entscheidung, Bestimmung Rath sollte ich gleich geben
worüber ich noch [nie] zu berichten [Riedel: beachten] geglaubt hatte – aber da
trat ich was ins Innere zurück trat zum Leben zur Natur, da kam mir mein
Bildungsgang herrl[ich] zu statten; ich ließ die Natur u das
Leben, das Gesetz an sich reden - und - die Antwort
genügte nicht nur, nein ihre Jugendfrische erfreute
belebte. - Dieß war nun wohl gut wo es allgemein
menschl[ich] galt aber der Unterricht [nicht] - konnte ich mich
doch kaum in vieler Hinsicht kaum selbst kaum unterrichtet
nennen denn fast alles war Fragment. /
[6R]
So kam ich denn von Neuem in Widerspruch mit dem Bestehenden, denn
womit ich früher mich selbst nicht hatte quälen lassen wollen, damit konnte
ich nun unmöglich meine Schüler quälen und mir so jetzt wieder noch doppelte Qual
machen wollen, nämlich mit Anlernen von
zerstückelter Formen u.s.w. so war ich aber denn genöthigt mir
selbst neue Bahnen zu brechen, was aber eben meine g[an]ze Stellung <mir>
so lieb machte indem mich diese dazu nicht allein darin frey
gab sondern sogar dazu berechtigte da die Schulanstalt eine
Musterschule im Geiste <der einer> neuen natur<nahen>
Lehrweise seyn sollte (Unter Gruner in Frkfa/m) und meine
bisherige Entwicklung, Selbstbildung, Selbstlehrgang u meine
Natur- u Lebensbeobachtungen kamen mir dabei treffl[ich] zu statten
Doch dieser Brief soll ja keine Entwicklungsgeschichte meines
Geistes werden; ich habe ja nur Ihnen die Thatsachen zu
dem neuen was ich aussprechen will [berührt.] /
[7]
Darum erwähne ich nur noch daß ich während 5 Jahr in unter drey g[an]z ver-
schiedenen Verhältnissen in diesem Geiste u Streben auf das ange-
strengteste fortlebte, und obgleich noch ununterbrochen mein
eigenes Leben lebend doch in vielseitiger Berührung mit dem
regen geistigen Streben u Wirken der damaligen Zeit und bekannt mit in historischer – Naturhistor[ischer]
politischer u philosophischer u pädagogischer Hinsicht.
Aber je größer, vielseitiger u erregender das Leben war was
mich dort umgab u mehr u. minder berührte mehr u minder
gewaltig mein eigenes Leben bewegte – (Auch ihr [sc.: Ihr] Name u ihre [sc.: Ihre] Tagbl[ätter]
wurden mir dort von sehr strebenden lebenerfüllten Menschen als aufgeh-
ende Sterne [R: aufsteigender Stern] genannt u.s.w. wohl weiß ich daß es mich dad[urc]h schon dort sehr
nach einer genauern Bekanntschaft zog, doch ließ es die
Gewalt des Lebens dortmals [R: damals] nicht zu, u so tratt ihr [sc.: Ihr] Name
u Streben fast in Hintergr[un]d bis ihre [sc.: Ihre] gütige Beachtung einiger Werke
von mir selber wieder u mit erneutem Leben ins Gedächtniß
zurück rief pp ) – um so mehr ergriffen w und ich so auch außer
wie in mir alles nach Einklang Einigung strebend fand da konnte nichts
mich länger fesseln sie zu suchen, sie <-> auf meine Weise alles <äußere> Leben auf x [zu] beziehen u meinen
Weg zu suchen.
Nach einem <fast> 9Jährigen Zwischenraum bezog ich zum 2[ten]
mal die Hochschule es war Frühj 1810 [sc.: 1811] zuerst Göttingen und dann 1 ½ Jahr
darauf Herbst 1811 Berlin. Ich fing jetzt an den Weg der Sprachen zu betreten
aber im Allgem[einen] waren mir die Hülfsmittel dazu zu todt
und das Streben sie g[an]z von neuem selbstthätig zu bearbeiten
u so gleichsam aus mir selbst zu entwickeln - führte mich wieder
zur Natur, <-> und jetzt hielt sie mich so fest
daß sie auf Jahre obgl[eich] Sprachstudien oder vielmehr Erlernung noch zur Seite gingen [R: mich zur Seite zogen], mich ausschließend festhielten, doch
nie das Einzelne sondern nur das
Ganzleben des Ganzen, sein
Lebganzes wie ich es immer klarer
in mir schaute u auch in <seinem Vergangenen> [.]
Nachdem der Deutsche Krieg hier meine /
[7R]
Studien unterbrochen mich unter Lützow auch mit dem Krieger-
leben und dessen Darreichungen vertraut gemacht hatte, führte
er mich 1813 [sc.: 1814] zu den Studien u zu ein[em] Wissenschaftl. Beruf u
Amte zurück nach Berlin zurück. Die Pflege, theilweise die Deutung das Ordnen der Krystall-
welt war mein Beruf.
Ich war unter Weis[s] Gehülfe am Königl.[ich] Mineralog.[ischen] Museum für Min.[eralogie]
an der Universität unter Weiß.-
Aber nur 2 Jahre ertrug ich dieses Wirken Es war seit langem mein
Streben und <-> ein lieber Gedanke gewesen mich g[an]z dem akademischen Wirken zu widmen. Doch Die
Gelegenheit die ich hatte, die Studirenden die ich dort in ihrer geringen naturhistorischen Vorbildung in
[ihrem] wenigen Sinn dafür und auch in ihrem geringen ächt wissenschaftl[ichen]
ihrem Streben kennen zu lernen
dieß Kennen verleitete mir dieses brachte mich g[an]z von dem früheren Streben u diesem
Vorsatz [ab] Aber nur 2 Jahre ertrug ich darum dieß
Wirken indem die Steine mir in meiner Hand zu lebenden redenden
Lebensgestalten [wurden] u die die Krystallwelt verkündigte mir
laut das Leben die Lebgesetze <der Natur sicher> des <Wirkens sicher> u <diese>
in stiller Menschenwelt. Da trieb es mich alles
lassend u zum 3en Male alles opfernd zu den Menschen
zur Erreichung zur Erziehung des Menschen zurück die
in der Naturentwicklung erkannten <eines ansehen und für sich> [R: anschauend gemerkten] Gesetze der Wesenentwicklung
u Wesendarlebung in der
Menschenerziehung anzuwenden, in der Menschenerziehung
für Darlebung anzuwenden. Den Menschen in durch für und zur
Darlebung seines Wesens nach dem Gesetze der Wesenentwicklung zu erziehen. /
[8]
Und so begründete ich im Spätherbste 1816 das erziehende
Wirken, welches noch bis jetzt unter durch mich
meiner Leitung aber auf das höchste auf und in sich zurück gedrängt besteht.
ohne alle äußeren
Mittel einzig d[urc]h auf
u im festen Vertrauen
auf die ewige Wahrheit
seines Fundamentes
im festen Vertrauen u in[-]
niger <Einig[ung]> mit dem Gott
der das G[an]ze in meiner Brust
entkeimen mir [sc.: mich] in seine
Welt hatte Schauen lassen
u mich mit Muth u Trieb
u Kraft ausgestattet, be-
gabt hatte alles an seine
Verwirklichung zu setzen[.]
Ich trug es
dieses Wirken
als ein großes
als menschliches ewiges als ein Mensch[-]
heitl[iches] Werk in meiner Seele
und nur schüchtern wagte ich es
ein deutsches ein allgemein
deutsches zu nennen u strich später
noch in einem der Manuskripte
das weg was auf seinen menschheitlichen
<Umpfang> u Wesen deutete. Die
Forderung Mensch zu seyn schien
mir noch an die Masse zu
groß aber Deutsche zu werden dachte
ich das wird ihnen
nun doch wohl nach den harten Lebenserfahrungen ein Ernst
seyn. Sie rügten dieß in Ihrer theilnehmenden Beur-
theilung mit Recht. Aber leider war die Forderung
Mensch Deutscher zu seyn u zu werden schon zu groß
denn jeder sagte sich das bin ich ja schon wie der
Pilz Pilz ist, was brauchts dazu u dafür Erziehung
aber hätte ich recht speziell u recht äußerl[ich] mein
Wirken angekündigt[:] ErziehungsAnstalt für Bediente oder Knechte oder
Mägde oder Schuster u Schneider
oder [für] Geschäftsleute, oder Militär oder wohl
gar für den Edelmann ausschließend pp dann wäre /
[8R]
ich der Welt mann gewesen, und dieß
um so mehr als ich der Lebensmaschine Ma-
schinen gebildet hätte, doch ich wollte
freye Wesen bilden wer mag aber frey
seyn wer kann freye Menschen ertragen[?]
darum war Deutsche zu erziehen schon ver[-]
brechen oder Thorheit, wie vielmehr wäre es Thorheit
oder Verbrechen gewesen, Menschen zu
erziehen.
Die Erziehung zum Deutschen war ihnen schon zu wunderbar
u zu hoch sie konntens nicht begreifen wie vielmehr
wäre Ihnen [sc.: ihnen] die Erziehung zum Menschen nur ein Phantom
ein Trug[-] u Schattenbild sie konntens nicht begreifen
eine blinde Schimäre geworden So liegt<?>
Ich will bey Ausführung meines Entschlusses Ihnen d[urc]h diesen
Brief so wie es briefl[ich] u schriftl[ich] mögl[ich] ist mich selbst
in meinem Innern schaubar darzuzeichnen nicht auf
halbem Wege stehen bleiben. Darum erlauben Sie mir
noch einen Schritt dem näher zu treten was von dem
was in der Tiefe des Gemüthes ruht, zuforderst
mittheilbar ist, ich wähle zunächst die <L>Wissens[-]
richtung, einandermal wähle ich vielleicht
eine der noch übrigen (3), die ich aber ohne /
[9]
Zweifel auch schon in diesem Briefe werde berühren
müssen. Meine Lebenserfahrungen besonders die meines jüngsten
wieder[ge]kehrten fast 4 Jahren Universitätslebens
hatten mich unzweydeutig gelehrt, hatten mir unwider[-]
legbar gezeigt, daß die bisherige Lehr- u Erziehungs[weise]
besonders die anlernende nur äußerlich
historisch mittheilende Lehrweise der begründenden
und übenden Schule (Begründungs[-] u Übungsschulen)
schlechterdings für höheres Erkennen u höhere
geistige Einsicht u für künftige ächte Wissenschaft[s-]
bildung für Wesenschauung abstumpfe ja ich möchte sagen geradezu verbilde, und ich
war darum (u bin wie noch) der g[an]z festen Ueberzeugung daß der
begründende u übende Unterricht rein umgekehrt werden, rein
auf die entgegengesetzte Weise als genetisch entwickelnd
betrieben werden müßte. Ich war und bin fest über[-]
zeugt daß nur auf diesem Weg die Wissenschaft nicht einzeln sondern in Mehrzahl wieder
ächte Jünger u Meister finden kann u wird. Diesen
Weg zu betreten ihn anzubahnen hielt ich für
meine höchste und unerläßl[iche] Pflicht so unerläßl[ich]
nicht zu veräußernde Pflicht als der Mensch
seiner Menschheit sich nicht entäußern kann. Unsere
größten Erzieher selbst Pest[alozzi] nicht ausgenommen
schienen mir viel zu roh zu empirisch u willkührlich und keines[-]
weges wissenschaftl[ich] genau d. h. sich vom
Wesen u Wesengesetzen leiten
zu lassen zu verfahren /
[9R]
sie schienen mir selbst die Wissenschaft
um kurz zu reden keineswegs in ihrer
Göttlichkeit u Gottinnigkeit zu erkennen
zu würdigen u als solche zu pflegen, darum
aber glaubte ich auch in meinem kindl[ichen] Gemüth
u Jugend Muth u bey aller Erfahrung Un[-]
erfahrenheit, die Wissenden, die Gelehrten
die Hochschulen mit Eins würden mein Streben
anerkennen u es nach möglichkeit d[ur]ch
Wort u Aufhellung pflegen, doch darin
hatte ich freyl[ich] noch obgl[eich] im Mannes[-]
alter doch als unerfahrener Jüngl[ing] geirrt
u anders war[en] es nur wenige Stimmen die
sich für mich vernehmen u die Ihre ist die
Einzige Sonne die mein Leben würdig beleuchtete.
Genug die Herren aus den Universit[äten] Hochschulen
nahmen von dem Schulmeister keine Notiz
u die Herrn Collegen dachten umgekehrt
Genug Gott weiß es aber die Gegenrechnung
stimmte, denn diese so unschuldig und /
[10]
unbefangen ich auftratt <wirk[t]en> u machten [sich]
jüngst gewaltig über mich her, mit keiner
geringern Absicht als mich wenigstens nieder[-]
trächtig zu machen, doch dieß konnte u
kann meine Ueberzeugung nicht wankend
machen trage sie noch in mir u werde
sie so lang ich in der Natur lebe bleibend in
mir tragen. Ich schaue daß der innere Entwicklungsgang des Wesens aller
Dinge und so auch der Entwicklungsgang des Menschheitwesens,
(in u unter dem Schema einer eigenthüml[ich] gebogenen Curve)
nach dem sichern Gang einem eigenen Gesetz fortschreitet wo nach gewissen d[urc]h eine
<proßressions> [sc.:Progressions-] oder Dignitäten[-]Reihe bestimmten Perioden – Culmina[-]
tionspunkte eintreten wo die Entwicklung jedes Wesens, desWesens
Menschheitswesens als als Erscheinung[-]Wesens an sich mit einem
gewissen der Dignität oder d Progressionsgliede entsprechenden
Bewußtseyns Grade Stufe rein umgekehrt u entgegenge[-]
gesetzt den ebend[urc]hla[u]fenen entwicklungsGang wiederd[urc]hläuft um
mit erhöhetem Bewußtseyn Klarheit Selbstgefunden [zu] haben und
in die WesensEinheit zurückzukehren und mit gestärkter Kraft
erneuetem Leben, errungener Jugend für eine noch höhere Entwicklungs[-]
stufe aus sich hervorzutreten. Mit kurzem Wort[:] ich schaue
den einfachen [Weg] vom analytischen zum synthetischen den ich im reinen
Denken finde noch auch in dem Entwicklungsgang jedes Wesens[.]
Einen solchen dem bisherigen allgemeinen rein entgegengesetzten Entwicklungsgang <mache> schaue ich nun als ebeneintretend
u im g[an]z einzelnen u unerkannten u darum
unbeachtet schon eingetretenen und mit diesem neuange-
tretenen Entwicklungsg[an]g eine g[an]z neue Periode eine g[an]z neue Zeit /
[10R]
für alle Wesen und darum ( im gewöhnl höhern innern Sinn) eine
g[an]z neue Welt beginnend, und so zunächst für die
Wissenschaft ein neues Leben schaffend, und so die wahre
Wissenschaft die Wissenschaft Wesens und alles was
darinn begründet ist bedingt (als Ding enthalten) ist
herbey führend. Denn d[urc]h solche begründende u übende
Entwicklungsschulen, dad[urc]h glaubte ich könnten unsere
Hochschulen Universitäten nach dem einfachen Gang der Denkgesetze
u der Denklehre wahre Hochschulen Universitäten, Schulen für
Schauen des Höchsten u zugl[eich] wahre Lebens Schulen
Schulen zur u für Begeistigung u Begeistung für
Darstellung des höchsten Wesens werden. Ich will
nicht fürchten daß Sie mich mißverstehen oder
mir böse werden - u was könnte mir es auch
helfen wenn ich jetzt mich fürchtete, denn später
würde sich wenn schon Mißverständniß u Mißbil-
ligung in den ersten Elementen zwischen uns läge, spä-
ter würde diese doch nur mit größere[r] Kraft
u zu größerm Schaden zwischen uns hervortreten, ich
will darum gleich hier unbefangen aussprechen, daß
ich unsere jetzigen Hochschulen tägl wie sie jetzt im
Allgem[einen] so sind, nicht allein tief unter ihrer wahren
Bestimmung schaue, ja ihrer Form u ihrem Gegenstand nach
wohl so gar tief unter dem was in der kommenden
neuen Zeit die [{] übenden / Übungsschulen} des Entwicklungslehrgangs
seyn werden. Aber ich sehe u sage auch – was
können denn auch unsere Hochschulen, nach
Maßgabe der nach Maßgabe für/
[11]
Wesenschauung, Wesendarlebung getödteten entkräfteten
Jünglinge werden die die Gymnasien
den Universitäten überweisen - darum nochmals erwähnt
so dachte ich würden u müßten
nothwendig die Hochschulen ein Streben wie das meine
pflegend u schützend beachten. Wiederkehrend habe
ich ausgesprochen daß ich das Leben u dessen Erhebung, [R: Belebung]
daß ich die höchsten Wahrheiten zu systematisiren u zu
symbolisiren mir zur leben zum reinen erzeugenden
<irdischen> Denken nothwendig ist, so schaue ich z.B. alles
weit erfassend unter dem Bilde der Ehe ( d.i. Vater, Mutter Kind) ich will
dieß Bild gleich anwenden um das was ich sagte
zu gestalten. In einer klaren Ehe behütet u pflegt
leitet entwickelt zuerst die Mutter das Kind welches später der
Vater fürs höhre Leben unterrichtet, erzieht, so
wollte ich (für die Jünglinge die Hochschulen nur eine
treue M[utter]
) mit meinem erziehenden Wirken im Vergleich
mit den Hochschulen in Beziehung auf dieses heraufwachs[ende]
Menschengeschlecht nur eine still wirkende sorgsam pflegende
Mutter seyn - Der Anfangspunkt [m]eines Wirkens war und
ist mir ein nach den Gestaltungsgesetzen der Welt, nach den Weltschöpfungs[-]
gesetzen, die That das Thun. Von der That dem Thun sollte u soll
jene diese Entwickelung Erziehung <1sten Grades> des Menschen beginnen, darinn keimen u daraus
hervorwachsen hervorwachsen aus der lebendigen schaffenden
schaffend beachtenden u schauenden That, u so wie alle That
stärkt u belehrt zugl[eich] belehrend u schaffend stärken u schaffend
stärken u belehren und so sollte u soll das erziehende
Wirken d[urc]h seine Erzeugende Kraft zugl[eich] Schule für das Leben
zur Befriedung der Forderung u Bedürfnisse des [Lebens]/
[11R]
so zugl[eich] wie erste u wahre Schule für Wissenschaft so ächte wahre Lebensschule werden. Da aber alles
Leben, wenn es wahrhaftes u ächtes Leben ist nur vom
Leben ausgehen ins Leben zurückkehren, wie im Wesen seine
Quelle habend so bleibend in diesem Ruhen aus u d[urc]h dasselbe
sich entwickeln[d] und <da> so sollte und soll diese Schule u Erziehung zugl[eich] Schule u Erziehung
für ächte Religion u Religiosität ächte Schule dafür werden[.]
Weil nun aber weiter die Menschheit dad[urc]h wird
u sich erkennt u auch darlebt als <was> sie soll als
ein großes G[an]zleben u Lebganzes, diese Erziehung den
Menschen zum wahren Menschen d. i. zum Aufnehmen
u Darleben des MenschheitWesens des Wesens in sich macht, so
sollte u soll diese Erziehung u Schule zugl[eich] wahre Menschheits[-]
schule, wahre u ächte Menschenschule werden
u so das Erziehende Wirken den Menschen nach
jeder Richtung seines Wesens hin als Lebe[-] u Erden[-]
oder NaturWesen - als bewußtes u denkendes Wesen - als Mensch
– u als Kind Gottes genügen - sollte u soll ihm
genügen nicht allein als Erdner, sondern
als ächt erschöpfte [sc.: erschöpfende] u genügende Vorschule für alle Natur[-] u Weltentwicklungsstufen
welchen der Mensch u die
Menschheit noch entgegen lebt auf welchen Körpern
dieses Sonnensystems oder eines [R: weit] andern, für das
jetzige u für das sogenannt oder auch wahrhaft u
ächt ewig zukünft[ig]e, für das ruhige Dießseits u
ewige Jenseits jedes neuen LebensMomentes u das
ewige Ruhen u Leben in Gott. - /
[12]
Weil aber nun nur ein Christ so denken u so handeln
kann, oder wenn Sie lieber wollen, weil nun
dieß nur die Gesinnungen u das Streben seyn können was
wir als christl[iches] Leben u Streben erkennen, so
sehen finden Sie gewiß leicht wie sich meine Erziehungsweise
[als] eine Erziehungs[-] und Lehrweise im ächten Geiste
Jesu Christi erkennt u nennt [R: meint]. - So haben Sie
mich hierd[urc]h nun so weit als es mögl[ich] ist Wesen
auszusprechen, schriftl[ich] und in der gewöhnl[ichen] Lebens[-]
u gesprächssprache [R: Geschäftssprache] auszusprechen bis in mein Innerstes
klar u wahr. Sie reichten mir nun theilnehmend u
schützend u belehrend als ächter Wissender wenig von mir
kennend vertrauend u achtend die Hand – hat
Ihnen nun diese im vielseitigen Lebensdrang niederge[-]
schriebene briefliche Mittheilung nicht gezeigt daß Sie sich
in u an mir geirrt haben, so gegenreiche ich
Ihnen als das eigenlebige Wesen welches ich bin ver[-]
trauend achtend u liebend die Hand und Herz zu
einem ewig schaffend, Wesen <einig> entwickelnd <relig[iös]>
darlebenden Bunde wie er sich für bewußte freye
selbstständige Geister ziemt. Lassen Sie sich nicht irren
daß wir nur zwey sind zwischen jeder rechten Zwey
liegt das ewig einende Dritte, ist Wesen das
Einende u ein Ewiges Leben - ewiges Gestalten können
nur die Früchte eines solchen Bundes seyn. -
Hierinn liegt nun schon die Antwort auf Ihre
gütige Mittheilung u Vorschläge. Educations[-] /
[12R]
rath Blasche
war im vorigen Herbst bey mir. Ich theilte ihm
Ihren verknüpfenden Plan mit; er meinte aber wir wären arme
Schulmeister hätten schöne nicht mancherl[ei] schöne Sachen der Natur
zum Nutzen u Vergnügen zu bieten, u so würde es uns mit
unserm frommen Gruß u Wunsch nicht einmal gelingen irgend[-]
wo Quartier geschweige denn mehr zu finden er meinte wir hätten
keine reiche Natur zur Base pp. Er ist also
auf irgend ein Verknüpfendes gar nicht eingegangen; Er erscheint
mir wie ein Einsiedler welcher das Leben nur von Buchstaben
und seinen Buchstaben aus bilden will u das scheint mir doch nicht recht[.]
Er hat mir <sein> Buch gütevoll u freundschaftl[ich] zugesandt
bey dem sehr viel Guten ja ausgezeichneten welches es für
mich enthält, so fürchte ich doch daß seine Hoffnung – es möchte
als ein Fundamentalwerk eines neuen Wissens u
neuen Gestalt u Begründung des Wissens, der Wissenschaft
u des Lebens [gelten] – welche Hoffnung er im Buche bestimmt ausspricht
nicht erfüllt wird. Ich glaube seine Deduction des
<positiven> Proceß des Bösen u darin seine Auflösung des Bösen, wird
ihm von keiner Parthey Freunde gewinnen. Er hat meine
Meinung darüber gefordert was soll ich sagen: was ich
irgendwie sagen würde würde ihm ohnZweifel als das Ur[-]
theil eines nicht genug ein dringenden Geistes u so eine geistige
Unkunde seyn u so und er kann Recht haben, dann kann es ihm aber auch mein Urtheil ja doch nichts helfen[.]
Sehen Sie so lebe ich im innigen Bunde mit wenigen unmittel[-]
bar mit mir verbun[denen] u im Streben nach Übereinstimmung mit
der Natur, nach Gemeinsamkeit mit der Geschichte u
nach in Einigung mit Gott still u erwartend mein
einfaches Leben fort.
[13]
Ihr lieber Brief mit seinen begleitenden freundlichen Gaben
läßt mir noch viel zur Beantwortung übrig doch zweifle
ich daß ich jetzt noch Zeit genug haben werde seine Anforderung zu
erfüllen, schon diesen Brief habe ich wie es gar nicht anders seyn
kann unter den vielartigsten Störungen niedergeschrieben. Sollte Sie aber
dieser Brief nicht von mir abstoßen sondern vielmehr uns inniger
einigen, so komme ich recht bald wieder schriftl[ich], ja wenn
ich weiß daß ich sie [sc.. Sie] noch in Göttingen träfe persönlich nach
Göttingen u so zu Ihnen. Deßhalb bitte ich Sie sollten Sie es
Ihnen auch jetzt im Drange des Lebens u der Geschäfte nicht
mögl[ich] seyn mir was ich sonst wohl ersehne eine briefl[iche] Mittheilung zu
machen, so bitte ich Sie doch mich gefälligst nur mit 2 Worten [aufzuklären]
ob u wann ich Sie noch in G.[öttingen] treffen könnte. Führte [Sie] eine
Sommerreise d[urc]h die hiesige Gegend, so würde es mir und
meinen für gleiches Streben fast zum Theil seit dem Beginn meines Wirkens
mit mir geeinten Freunden <?>
[Einschub*-*:Kennzeichnung des Freundeskreises]
[*] 1817 Apr[il] Langethal 1817 M[iddendorff] (Barop 1823 jetzt als Volontär in Berlin)
Carl (Musiklehrer) seit 1824 Mit den beyden ersten verband
der Deutsche Krieg schon dortmals alle 3 Berl[iner] Stud[ente]n im Frühjahr 1812 [sc.: 1813] im Lützowschen
Korps und dann später <noch> gemeinsames Streben nach der Hochsch[ule*]
so würde es uns allen große Freude machen. Hier stehen
nur kurze Nachweise über die Glieder meines Hauses.
Würde aber persönl[iches] Sehen uns nicht mögl[ich] werden u
sollten Sie von einge so würde ich wenn es Ihnen gelegen
seyn sollte den Vorschlag machen, daß wir beschließen
alle 4,6 oder 8 Wochen schriftl[ich] uns gegenseitig
mit[zu]theilen. In Beziehung auf Ihre Sprachansicht /
[13R]
in Ihrem System jetzt nur so viel, daß sie wenn ich sie recht er-
faßt habe, ganz dem entspricht
was ich seit langem darüber in mir trage u
in unser[er] Sprach[e] und Sprachunterricht in An-
wendung bringe. Erlaubt es mir dann Ihr Gegen[-]
brief um welchen ich herzlichst bitte, so theile ich Ihnen
in meinem nächsten über meine Bildung Darstellung
oder mit Ihrer richtigen Darzeichnung der Sprachbe-
griffe d[urc]h die Wortbestandtheile (Buchstaben)
deren jeder mir einen Urbegriff oder früheres
bezeichnet – mit[.]
*

[Vier „Aphorismen“ / BN 524, 13RMitte-14VMitte]
Es ist nun freyl[ich] schade daß sich der Geist nicht
von Ihnen [sc.: ihnen] meistern lassen will das ist nun
aber eben das Wesen des Geistes daß er sich selbst
vom Meister nicht meistern lassen will, sondern die
Meisterschaft des Meisters besteht darin daß er den Geist still
hört u kindl[ich] treu nachlebt
das ist ihn[en] aber zu wunderl[ich] u zu hoch darum
können sie den Geist nicht begreifen denn G der Geist
ergriff sie nie u kann darum nicht einige so
zu Dienern Herren nochweniger zu Dienern gebrauchen.
*
Wenn Könige bauen kann [ich] ihnen lassen auf Schutt
zu bauen ächtes Material in meiner Hand <nicht>
kann ändern [daß sie] glauben es für ächtes Material /
[14]
zu halten - die Wand das Gebäude aus Diamant u Gold
wird halten noch bestehen wenn die Schuttwand
das Schulgebäude längst gef[allen.]
*
Zu[m] Einverständniß zwischen Männern
gehört wissenschaft[liche] als }
erziehe[nde] oder           } Über<einstimmung>
Lebens Handeln             } Einigung
*
Der Mensch will was er in einer Beziehung ist[:]
Nur der wahrhaft freye Mensch will
freye Menschen
der wahrhaft selbstständige will selbstständige [Menschen]
der abhängige in irgend einer Beziehung will
in irgend einer Beziehung Rücksicht
abhängige [Menschen] in Rücksicht/Beziehung auf sich [.]
*

Nachschrift (erster Entwurf) [BN]

[14]
An Kr[au]se. Ich habe in einem der frühern Anz[eige]Schriftchen
mit Bestimmtheit ausgesprochen wie ich erkenne daß wir
jetzt in einer g[an]z gleichen neuen Weltepoche leben wie zu Zeiten
Jesu leben und ich verstehe dieß zwar so. so. Ich schaue 3 innere Weltschöpfungs[-]
Perioden. In der ersten Periode erscheint dem [Menschen]
oder 3 Weltschöpfungsperioden im innern des Menschen – oder was eben
so viel ist 3 große die gesammtWeltansicht aller Dinge
umwandelnde Entwicklungsperiode[n] des sich bewußt werdenden
Menschen - In der Erden [sc. :ersten] erscheint dem Menschen alles Einzelne
unverknüpft äußerl[ich]. Im äußerl[ichen] u. Einzelnen scheint
das Bestehen aller Dinge zu ruhen. Nur eine /
[14R]
sehr dunkle momentane obgl[eich] laute d.h. unverstandne
Ahnung läßt einen innern Zusammenhang aller Dinge ahnen
– Zeit der Mosaischen Weltschöpfung (Ansicht) d.i. des ersten Acts
des eintretenden Bewußtwerdens im Menschen – Adam
2e innre Weltschöpfung – der geahnete innre Zusammen-
hang wird lebendig u. klar empfunden, klar erkannt
Das Ruhen alles Einzelwesens u. Daseyenden im Wesen
u. Seyn an sich - Zeit der Erneuung der Welt u. Schöpfung
d.i. des 2n Acts des eintretenden Bewußtwerdens im
Menschen - Ruhen in Gott – Jesus.
In der 3n Periode stehen wir [-] nicht das EinzelDaseyn
genügt dem Menschen in dem Jesus sich findet - auch
das ruhen im Ewigen genügt dem Menschen – dem
nach G[otte]s bilde Geschaffnen Menschen [nicht] – Gott ist Selbstseyn
der Mensch wie sein Ruhen in Gott so selbst zugl[eich] seine Selbstständigkeit oder
Selbstst[ändig]seyn jedes Wesens - * Die Erk[ennun]g jedes
Dinges 1. als daseyend als Wesen 2. als als [2x] Glied eines G[an]zen
als im einigen g[an]zen als abhängig frey in einem andern daseyend 3. als selbst-
ständig[es] Daseyn[.]
1.Schöpfung Daseyn 2. Erlös[ung] 3. Heiligung.
Die dritte Periode ist im Bewußtseyn eingetreten in der geringsten
Mehrzahl wie dieß nun seyn muß, die es
nicht erkennen, müssen der Zeitentwicklung folgen.

Nachschrift (zweiter Entwurf) [BN]

[16R]
Da sich die Absendung dieser Zeilen wieder verspätet
so will ich den noch übrigen Raum des Papiers, u den der Zeit
bis zum nächsten Posttag doch nicht
unbenutzt vorübergehen lassen, sondern <-> Ihnen
weiter[e] Überleg[ungen] darlegen [über] ein[en] Ged[anken] und <womit> er den Geschäfte[n] des Lebens vor[an]ging
mittheilen was mich gerad
in den letzten Tagen wieder lebhaft beschäftigte. In
In einer meiner frühern Anzeige Schriftchen (1821) habe ich mit Bestimmt-
heit ausgesprochen, wie ich erkenne, daß wir jetzt in einer
g[an]z gleichen neuen Weltepoche leben wie zu Zeiten Jesu leben. /
[16]
[*-*] [*] Ansicht Jesus soweit solche
bis jetzt erkannt und entwickelt wurde. Der Mensch
<dringt> ein in den <Sinn> der Worte nach
dem Bilde Gottes geschaffen
zu seyn.[*]
Die tiefe weltgeschichtliche
Begründetheit dieser Wahr-
heit tritt mir nun jetzt d[urc]h die Lebens- u Welterscheinungen
[Riedel: Lebenserscheinungen] tägl[ich] immer
lebhafterendiger entgegen, und
ich halte darum ihr recht
klares erkennen u dann
g[an]z besonders das darnach
sichere feste leben für den Menschen
zur voller Darlebung seines Wesens
für Vollendung über alles wichtig
und zwar verstehe ich dieß so.
Ich Jeder
Den Ausspruch
selbst verstehe ich so. Ich
erschaue vom Menschen aus 3
innere Welterkennungssperioden gleichsam
drey innre Weltschöpfungsperioden
oder 3 Weltschöpfungsperioden
im Innern des Menschen oder was
eben so viel ist
d.i. 3 große
die gesammte Weltansicht
aller Dinge umwandelnden
(und darum so gleichsam die Welt
neuschaffenden) also auch das inner[e] u äußere
das gesammte Leben u alle
die sich darauf beziehen[den] Verhältnisse neu gestaltenden
wie die und so die Dinge derselben selbst neugestaltenden
WeltEntwicklungsperioden des sich
bewußtwerden[den] Menschen: Drey große Entwicklungs-
perioden des Mensch Erdwesens in welcher jedes
Ding in einem g[an]z neuen Lichte erscheint
so als ein neues Wesen
Wesen in erhöheter [Riedel: wahrhafter]
Dignität u so selbst als ein neugeschaffenes /
[17]
Wesen erscheint.
In dieser der ersten dieser 3 ErkennungsErkennensperiode[n] des sich bewußt
werdenden Menschen - für die Menschen die Welt[-]
oder u besonders Erdschöpfungsperiode erscheint dem Menschen
alles Einzelne innerlich unverknüpft, und darum <nur> [Riedel: -]
als Äußerliches u. so daseyend u. Seyend als
[le]itend u so das Erscheinende Leben als das Leben an
sich. - Im Äußerl[ichen] u Einzelnen scheint darum nur
das Bestehen aller Dinge zu ruhen. Nur eine sehr mo-
mentane obgl[eich] laute doch einzeln stehende und darum unverständl[iche]
wenn auch gleich einer Markröhre sich d[urc]h das G[an]ze hindurchziehende
Mahnung läßt einen innern Zusammenhang eine Einheit
aller Dinge ahnen erscheint im Contrast u Unterschied: Zeit der ersten Weltansicht
Weltschöpfungs[ansicht] die uns Moses Schriften aufbewahren
d.i. der erste Act des eintrete[n]den Bewußt-
werdens im Menschen – Adam (erster sich in seiner Einheit u Einzelnheit bewußte Mensch) [.]
In der zweyten Erkennungsperiode des sich bewußt
werdend[en] Menschen wird die zuerst nur (dunkel) lebhaft
geahnete, wenn auch lebhaft aufgeflammte doch ebenso schnell und im Moment der Ahnung verloschne[n] Ahnung des innern
Zusammenhanges alles Lebens
in u durch die Einheit
wieder nicht vorübergehend sondern bleibend
lebendig u klar empfunden u so klar erkannt.
Das Ruhen alles einzellebigen alles Einzelwesens
und Daseyenden im Wesen u Seyn an sich: in Gott
<u> Bewußtwerden d[iese]s Göttlichen in allen Dingen u des /
[17R]
zuerst in der das Eins seyn aller Dinge in Gott u mit Gott
dad[urc]h [Riedel: des] Bestehens u Lebens aller Dinge in u d[urc]h u mit Gott
u so das dieß Erkennende zuerst u vorwaltend[.]
Zeit der Erneuung der Welt u Schöpfung d[urc]h die Durch-
leuchtung des Göttlichen die D[urc]hlicht[ungs]ahnung D[urc]hlichtung
des Göttlichen d[urc]h die Einigung in u mit dem Göttl[ichen] Gott.
d.i. des 2. Acts des eingetretenen
Bewußtwerdens im Menschen. Zeit des Schauens
aller Dinge im göttlichen Lichte, im Ruhen u Eingehen in Gott
- Jesus – erstes sich seines lebendigen Zusammenhangs
u Einung mit Gott bewußten Erdenwesens
– Menschenwesens.
In die 3e Periode der Menschheitsentwicklung
der Entwicklung des sich bewußtgewordenen Menschen
stehen sind ist die Menschheit durch einzelIndividuen
jetzt eingetreten, sie sucht und strebt nach
allgemeiner Anerkenntniß mit welcher wahren
Erkenntniß u Anerkenntniß zugl[eich] alle früheren
Perioden in ihrem Seyn u Streben erst allgemein wahr-
haft erkannt werden, sich allgemein Seegenreich zeigen: - Nicht das Einzel-
Daseyn genügt dem Menschen, nicht das Daseyn
als Einzelwesen nach der Welt- u Erdansicht
Adams der Mosaische[n] Weltansicht - Nicht die
Aufhebung des Bestehenden als Einzelnes u die
Einigung mit der Einheit schlechthin genügt dann /
[18]
nicht das Aufgehen der <-> Einzelnen im Ganzen,
also nicht das Eine und nicht das Andre genügt der Menschheit
auf der jetzigen Stufe der Entwicklung ihres Wesens
was das Wesen des Men die jetzige Entwicklungsstufe
des Menschheitswesens
fordert ist die Einigung beyder: [Riedel: beydes]
Das Menschheitswesen sucht u strebt als in jedem einzelMenschen [Riedel: einzelnen Menschen] im Wesen
zu ruhen im Wesen an sich sein Leben zu haben
ein Leben des Einigen. - Der Mensch strebt
in Gott u d[urc]h [Gott] zu leben. - Das MenschheitsWesen
strebt u sucht in Jedem einzelMenschen als Ein Wesen
als das bestimmte Einzelwesen zu bestehen das Menschheit-
Wesen strebt u sucht auf der jetzigen Stufe seiner
WesensEntwicklung zugleich in Gott u mit Gott als Gottlebiges Gotteiniges
und auch zugl[eich] als Selbstlebiges
Innwesiges Wesen zu leben[.]
Nur [Riedel: Und] das Zugleich des Bestehens als Eigen-Selblebiges Wesen
beym zu Aufgehen in Gott u als Gottlebiges Wesen
nur einzig dieß ist was der Menschheit auf ihrer
jetzigen Entwicklungsstufe ihres Wesens genügt.
[18R unten:*-*] [*] Dieß ist die 3e Stufe jetzt eingetretene Stufe der Weltansicht
es ist die Stufe des
Geistes die Stufe des Zugl[eich] der Gott-
der Selbstlebheit, die Stufe des Zugl[eich] des
Selbst- u Eigenleben bey Gottleben, Leben in Gott[.*]
Wegen dieser Stufe sehen wir die Erscheinungen einer
jetzt eingetreten[en] u eintretenden Stufe /
[18R]
aus das Streben der Menschen in zwey große
Seiten Hälften getheilt, die eine sucht das Selbstihre
die Selbligkeit [Riedel: Selbigkeit] ohne in der Einheit in Gott
zu leben – äußeres Streben des Menschen -
die andern suchen die Einigung mit der Einheit u mit u
in der Vernichtung u Aufhebung des Selbleben[s] Ururchristliches mystisches
beyde kommen darum jetzt nicht direkt zum Ziel, die Menschh[ei]t
auf ihrer jetzigen Entwicklungs<schaft>Lebstufe
Wesens sträubt sich gerade zu gegen beyde
Zwischen beyden oder vielmehr beyde einend
liegen beyde immer jedes von beyden, beydes getrennt
seyend da ruht die Wahrheit [.] /
[19]
Die verschiedenen Erkennensstufen des sich bewußtwerden[den] Eigenleb-
Selbwesen[s] sind oder die Stufen der innern Weltansicht
jedes Selbwesen sind darum 3fach aber sind sie sind darin in der 3fachen [Erkenntnis] beschlossen
1) Die Erkenntniß eines <aller> Dinge als daseyend als einzelseyend jedes als daseyend in Zeit
2) die Erkenntniß jedes Dinges als Glied eines Ganzen, die Erkenntn[iß]
der Begründetheit jedes EinzelWe[sens] des Einzelwesen im Wesen an sich
als sein Leben u Bestehen u die Forderung seines Bestehens in diesem
Einen u in Einigung mit demselben habend 3) die Erkenntniß
jedes Dinges u Einzelwesens zugleich als selbstständig eigenlebig
daseyend frey.
Die erste innreWeltansicht ist die der innern Welt-
schöpfung

Da aber alle Schon das nur Einzeldaseyn ängstigt,
da die Kenntniß des Lebens als eines nur äußeren Körperl[ichen] u Leibl[ichen] drückt
und da jedoch eine dunkle aber nicht zu beschwichtigende
Ahnung sagt daß diese Ansicht des nur [Riedel: -] Getrenntseyns u Äußerung
aller Dinge nicht nicht [2x] rechte sey daß es zwiespäl[tig]
sey, so fordert dieß leben erlösung von Angst u Druck
die Erlösung des Zwiespalt[s.]
Die zweyte Weltansicht ist die der inn[ern] Welterlös[ung]
Jedem Dinge kommt Erlösung d[urc]h die Erkenntniß des
Ruhens in Gott des Lebens u Webens in u d[urc]h Gott.
Jedes Ding strebt aufzugehen in Einigung, Einung
aber jedes Ding ist ein selbstständiger Gottesgedanke
trägt das Wesen Gottes an sich – obgl[eich] geschaffen
und endl[ich] u hervorgegangen begründet in Gott /
[19R]
so ist es doch nach dem Bilde Gottes geschaffen.
Gott ist aber ein Wesen in u d[urc]h sich ein eigenlebiges
Wesen, der Mensch u jedes Wesen u so vor allen der
bewußte sich selbst vernommene Mensch muß darum
sich wie in Gott ruhend, lebend in Gott zugl[eich] als ein
Selbstiges [Riedel: Selbiges] Eigenwesen sich kennen schauen u erkennen
selbst als vollkommen ungetheiltes G[an]ze, als ein vollend[etes]
wie als Glied eines G[an]zen zugl[eich] gesundes also voll-
kommen heiles, als ein das Heile in seiner Wesenheit
darstellendes also heiliges Wesen erkennen.
Heilig ist das Wesen was einig in sich ist
(Ihr sollt vollkommen seyn wie euer Vater ist
heilig heilig ist Gott )
Die 3e Stufe der innern Weltschöpfung vom
Menschen aus [ist] die jetzt be der Weltheiligung u diese
Stufe fordert jetzt die WesenEntwicklung des
Menschen, sie hat begonnen.
Adam verkündigte den Dingen ihr Daseyn
er nannte sie.
Jesus verkündig[te] den Dingen <ihr> Daseyn in einem Einigen Wesen d[urc]h einen
liebenden ihnen innigen Vater,
er erlöste sie.
Der gesuchte Geist verkün[d]igt den Dingen ihr Selbstseyn u ihr Seyn
in Gott – ihr G[an]zseyn – heiliges Seyn
er heiligt sie. /
[20]
in dieser 3fachen Weltansicht ist die Welt
vollendet u der Welt der Friede gebracht
die nun kommenden Zeit ist nachleben nach der
Forderung der letzten Stufe ist die Zeit des Erd-
friedens ist die Zeit des zur Erde kommend[en]
Gottesreiches ist die Zeit wo alles ist wo alles erschien[en] was der
Christ bis jetzt noch noch [2x] im Gebet Jesu tägl[ich]
erbat und so haben sie [sc.: Sie] denn auch mein
eigenstes u innerstes Leben, lassen Sie mich
die Erwiederung des Ihnen vernommen[en] Innern [hören.]
FrFr


Bey Einung mit Gott Einung mit der Natur

Bey Aussöhnung mit Gott Aussöhnung mit der Natur


In dem ausgesprochenen sind nun auch die
Elemente u Momente der Menschenerziehung
u des Menschenunterrichtes – Meiner
Erziehungs- u. UnterrichtsGrundsätze gbegr[ündet.]

b) Reinschrift (Abschrift) [KN]

Abschrift

An den Herrn Dr. K. Chr. Fr. Krause in Göttingen.
   Keilhau am 24sten May 1828.

         Einigung zum Gruß.
Innigst hochgeachteter Herr und Freund!

Könnte ich nicht in mir von einem Doppelten fest überzeugt
seyn: einmal, daß auch Sie des Lebenserfahrung im Leben
schon oft genöthigt hat umgekehrt, so vom Aeußern auf Inneres,
von der Ruhe auf Leben, von der Trennung auf Einigung zu
schließen, dann, daß die Bande des Bewußten, vom Erkennen und
Anerkennen geleiteten Mannes, daß der Bund der Einigung, des
Sich-Findens im Höchsten und durch das Höchste von ganz anderer
Art als der der tausend Bündnisse im gewöhnlichen Leben ist,
so wüßte ich wahrhaft nicht wie und womit ich meinen Brief
an Sie beginnen, und wie und wo ich Mittel finden sollte,
mein langes Stillschweigen gegen Sie aufzuklären oder gar
zu entschuldigen; doch jene Schlußweise welche mir im Leben
so oft Trost und Licht gab, leuchtet mir auch jetzt vor: worüber
wir im Aeußern am meisten und am längsten schweigen,
damit beschäftigen wir uns oft im Innersten am lebhaftesten, und
was oft in der äußern Erscheinung am weitesten von uns getrennt
scheint, mit dem sind wir gerad dann im Innern am geeintesten.
Hierinn nun ist mein innerstes Stehen zu Ihnen seit meinem /
[1R]
letzteren Briefe klar ausgesprochen, denn oft und viel habe ich, beson-
ders seit Ihrem letzteren lieben Briefe und freundlichen Mittheilungen,
mit Ihnen und mit Ihrem Streben gelebt, - wie könnte es auch bey Ihrer
so wahren und klaren Einsicht in das Leben und in das Wesen aller
Dinge anders seyn? – oft darum habe ich Briefe an Sie begonnen, öfter
an Sie in Gedanken geschrieben, ja im Sommer v. J. war ich sogar schon
auf dem Wege zu Ihnen. Darum nun kann es wohl gar nicht anders
seyn, nur die hemmendsten und nicht zu beseitigendsten Hindernisse
konnten es mir unmöglich machen, auch nur ein kleines Zeichen des in-
nern Verbundenseyns, des regen gemeinsamen Lebens im Geiste, äußerlich
zu geben; und so war und ist es, innig hochgeachteter Herr und Freund!
um in dem gewaltigen nur immer reine Vernichtung drohenden Lebens-
kampf das Leben und den Lebenszweck fest und klar zu behalten, und
immer fester und klarer bey dem Schwinden alles Aeußern, bey dem Zer-
fallen alles Bestehenden in sich zu begründen, war meine angestrengteste,
unverwandt und ungetheilt nach dem Einen: Erkennen und Darstellen We-
sens gerichtete Kraft nöthig, denn seit länger als einem Jahre kehrt
die Welt mir und meinem Streben schnöde den Rücken. Dieß ist nun
wohl alles ganz in der Ordnung, erklärt sich auch sehr leicht aus dem
Stehen und Streben der Welt und der Masse und aus meinem Streben,
ja in diesen beyden Factoren ist di[e]ß Product mit Nothwendigkeit
bedingt, hat darum eigentlich auch gar nichts zu sagen, hätte mir
auch auch [2x] alles bis ins Einzelnste klar voraussagen können; doch
ich habe und hatte nun aber nicht gesagt, was tief und wahr auch mehr-
seitig begründet ist: - einmal war ich von der ewigen Wahrheit, /
[2]
Menschenwesenheit und so Menschenwürdigkeit, meines Schauens, meines Wol-
lens und Strebens so lebendig durchdrungen, daß ich so vom Leben erglüht gar
nicht sahe, daß das Leben in den Menschen außer und um mich bis zum Nicht-
Erwecken erstorben, wenigstens, bis dahin, zurückgetreten sey; wie Kinder
Steinen und Hölzchen Menschenleben nicht nur beylegen, sondern in denselben
wohl mit einem tief begründeten Sinne wirklich schauen, so glaubte auch ich
in den sich bewegenden Menschengestalten lebenden wenigstens zu belebenden
Menschengeist [zu finden]; - denn weil ich die Wahrheit des Geschauten und zu Erstreben-
den, den Menschen so nahe liegend glaubte, daß wenn auch nicht die Masse doch
ein wesentlicher Theil von derselben zu überzeugen seyn würde, und wenn
auch dieser nicht durchs Wort, durch Wortlehre, aber doch gewiß durch die That,
durch die Erzeugnisse, wenn die Leistungen sprechen würden. Diese letztere
Ansicht besonders bewog mich alles an mir zu Geboth stehenden Mitteln
aufzubiethen, die Leistungen bis dahin auszubilden, daß sie selbst für
die Wahrheit ihrer Quelle sprechen würden. Wohl war diese Erwartung
in sich gegründet, und wohl hätte es dem Wesen der Sache nach geschehen
können, wenn nur der Menschen inneres Auge für Inneres und für
Wesen - was ich freylich glaubte, daß die großen eindringlichen und laut
redenden Welt[-] und Lebensschicksale in den Menschen bewirkt haben wür-
den - schon geweckt gewesen wäre; jetzt aber geschah, da sich davon
kaum einige, und dieß größtentheils noch täuschende Spuren zeigten,
daß ich dadurch die Sache, das Aeußere derselben selbst gefährdete, und
noch ist sie äußerlich nicht gerettet, noch steht sie äußerlich nicht fest,
und wie ich schaue, sicher deßhalb, um das Wirken immer klarer,
bewußter zu begründen und so in sich selbst sicherer, freyer und /
[2R]
von äußern und zufälligen Einwirkungen immer mehr unabhängig zu
machen. Nur deßhalb erwähne ich deßhalb auch diese äußern Schicksale des
Ganzen, um Ihnen den Gegenstand, den Umfang und die Wichtigkeit des Ge-
genstandes anzudeuten welcher mich abhalten konnte, so lang gegen Sie
zu schweigen. Ich hatte geglaubt, die Sache der Menschenerziehung,
mein Streben fest zu begründen, wenn ich sie in dem Charakter und
Geiste meines Volkes, in dem Volke zu begründen suchte, in welchem der
Gedanke geboren, und in welchem zuerst mit Klarheit und Absicht für
dessen Verwirklichung gewirkt worden war. Aber, wie ist eine
Sache in etwas zu begründen, was seinen Grund selbst noch nicht
gefunden hat, was selbst schwankend in der Zeit dasteht; wie konnte
es darum anders seyn, was dem Ganzen äußerlich Halt und Wirklich-
keit geben sollte, war der Grund seiner Auflösung. Hätte ich weniger
überzeugt und durchdrungen von dem freylich nicht erkannten
Wesen des deutschen Geistes und dessen Würde, ja wohl gar in man-
cher Beziehung verrätherisch an demselben gehandelt, und mein
Streben englisch, französisch oder wer weiß wie genannt nur
nicht deutsch und so gar allgemein, so würde sein Körper, die
Erziehungsanstalt als solche, als ein namhaftes Aeußere ohne Zwei-
fel leichter und weniger Mühe- und sorgenvoll bestanden seyn.
Doch der Gedanke war zu groß, zu allgemein menschlich, ja zu wesig,
wesenlich, als daß er durch irgend ein Einzelnes und Aeußeres
als solches seine Begründung und desselben Verwirklichung darinn
sein Bestehen hätte finden können sollen, und wäre dieses Ein-
zelne und Aeußere als solches selbst ein Volk, ein kräftiges /
[3]
[Bogen] 2.) Volk gewesen; so will es das ewige Wesen, so steht es im Gesetz der
Entwicklung des Menschheit-Wesens, damit nicht die in dem Keime
und durch das Keimen an sich schon gegebene Grenze sogleich bey
der Geburt erstarrend und vernichtend wirke. Darum mußte ich nach
ewigem Gesetze ringen und kämpfen, [um] die Folgen meines irdischen
und menschlichen Irrens: - einem Aeußeren und Vergänglichen
zur Pflege und zu tragen anvertraut zu haben, was nur das Innere
und bleibende zu entwickeln und zu tragen fähig ist - nicht nur un-
schädlich zu machen, sondern das äußerlich Hemmende zu
einem höhern innerlich Fördernden zu erheben.
Wohl fanden sich Menschen und Männer von reger Theilnahme, doch
diese standen zu einzeln, waren auch an Wollen und Kraft zu schwach,
sie wurden wohl wie Eisenfeilspäne vom Magnet, wenn der Geist
unmittelbar auf sie einwirkte, ergriffen und festgehalten, allein sie
konnten den Geist nicht ergreifen und festhalten, sie achteten wohl das
Streben und die Sache, sahen auf ihre Weise Gutes und Ersprießliches
derselben ein, wünschten darum dessen Ausführung und Bestehen, allein
zu eigensüchtigen, beschränkten Zwecken, und dennoch suchten sie die
Mittel dazu immer auf Andere, sie wiesen in Beziehung auf die Aus-
führung immer auf Andere hin, statt selbst zu handeln, selbst Hand
an dieselbe zu legen, statt die Mittel zur Ausführung in sich und
durch sich selbst zu suchen und zu finden. Selbst die Meisten von
denen, welche sich später von gleichem Streben ergriffen scheinend,
mit mir verbanden, suchten im Glanze und Lichte des Innern
nur Aeußeres und meinten es in diesem Lichte um so leichter zu /
[3R]
finden; wie konnte es nun anders seyn, als daß diese alle dem Stre-
ben den Rücken kehrten, da sie für ihre endlichen Zwecke hinläng-
lich erreicht, sich mehr als hinlänglich ausgebildet hatten, statt
für die innere reinere Darlebung des Gedankens, dem selbst sie ihr eig-
nes Sich-selbst-finden verdankten, vereint zu bleiben. Diese
mehrseitig täuschende Theilnahme, welche jedoch im Moment des Gesammt-
wirkens für vollkommenere Darstellung und Weiterführung mich gänzlich
verließ, war eben darum überwiegend mehr nachtheilig als förderlich
denn das Wirken schien auch ein Fundament zu haben, wo doch nur bo-
denlose Leere war. Doch war dieß nur das bey weitem Geringere,
das Wichtigere und äußerlich Auslösendere war, daß viele inner-
halb des Ganzen, und mit angestrengter Aufopferung des Ganzen
entwickelte[n] Kräfte, größtentheils durch die Einwirkung der vorhin
gedachten Afterglieder, dem Ganzen mehr als undankbar den Rü-
cken kehrten, wo nach reinen und ewigen Naturgesetzen ihre jungen
Kräfte, ihre neue Wirksamkeit zur Herbeyführung eines neuen
Frühlings gesteigerten Lebens in das Ganze hätten zurückfließen
sollen. - Allein warum wiederhole ich Ihnen denn dieß ur-
alte Lied; es ist ja nur die nun schon so oft wiedergekehrte Ge-
schichte und jedem Strebenden bekannte Geschichte der Entwicklung
und Darstellung eines gesuchten gemeinsamen Strebens zur gemein-
samen Erreichung eines höchsten Zieles? - Warum spreche ich
es Ihnen aus, da ja ein klares Erkennen lehrt, daß alle diese Er-
scheinungen in der irdischen und menschlichen Entwicklung und
Darlebung Wesens, und der Erscheinung des Menschheits- /
[4]
wesens nothwendig gegründet sind? – Ja da alles als nothwendig
erkannt wird, damit Ziel, Weg und Mittel immer klarer ge-
schaut, wandelloser betreten und kräftiger gehandhabt werde?
Keinesweges also aus dem trübsinnigen Grunde der Klage oder des Be-
schwerens, noch um das alte Lied: die Schuld des Mißlingens auf An-
dere zu schieben zu wiederholen, welcher Denkende, Bewußte möchte sich
den Millionen von Thoren dieser Art beygesellen; nein! nur
um anzuzeigen, welche Thatsachen wirklich durchlaufen, selbst durch-
lebt wurden, daß alle Thatsachen, welche die Geschichte eines ge-
meinsamen Strebens für Erziehen im höhern Geiste, bis jetzt dar-
biethet und – wie ich schon aussprach, in welchen Thatsachen be-
sonders auch die Erscheinung meines so langen Schweigen[s] ge-
gen Sie ihren Grund hat.
Bis zu dem oben genannten Punkte nun ist mein Leben, die Schicksale und
die Geschichte meines Wirkens in gewissen Beziehungen eine Wiederholung
der – jetzt aber nur in ihrem Wesen und in ihren Gründen und Bedeutun-
gen erkannten, im Lichte der Wahrheit geschauten – Schicksale Aller, welche
mit Gemeinsinn nach gemeinsamer Darlebung reines Menschheitslebens als
solcher strebten und rangen; doch von diesem Punkte an trennt und wendet
sich Leben und Schicksal und ist ein in sich neues, und auch in diesem neuen
nun hat mein langes Schweigen gegen Sie prüfender und eingehender, im
Geiste und durch den Geist geeinter Freund! seinen Grund.
Frühe, und anhaltende Selbst- und Lebensbeachtung lehrte mich, was
auch später die vielfache Bestätigung vom reinen Denken aus zu wandel-
loser Ueberzeugung erhob: der Mensch müsse die Ursachen seiner /
[4R]
Lebenserscheinungen, seiner Lebensschicksale zuletzt in sich, als dem einen
wesentlichen und bedingten Factor, in seinem Eigenleben, seinem Em-
pfinden, seinem Denken, Wollen, seinem Thun finden und so auch die Wege und Mit-
tel zur Darlebung seines Innern, zur Gestaltung seines Lebens. Diese feste Ueber-
zeugung nun hat mich, bey den seit längerer Zeit fast Schlag auf Schlag
erfolgten äußerlich widrigen Erscheinungen und Begegnissen in meinem eig-
nen und innern Leben eigentlich ganz von allem Aeußeren abgezogen,
um in mir und meinem Eigenleben, und in dem, diesem gemäßen Empfin-
den, Denken u.s.w. Wege, Mittel zur Erreichung meines Lebensberufes,
meines Lebenszweckes zu finden. Und - hochersprießlich war dieß Streben
dieß Bemühn, reich an Ausbeute, reich an Früchten! – Um so mehr ich mich
von dem Wechselnden zum Bleibenden, von der Mannigfaltigkeit zur Ein-
heit, von der Erscheinung zum Wesen wandte, um so klarer, reicher und fruchtba-
rer war die Quelle des Lebens, welche im Innern floß, um so hochwichtiger
[waren] die Lebensschätze welche gefunden und hervorgefördert wurden, und ich konnte
so, wenn auch tief gebeugt, hart gedrückt und im Innern schmerzlich ver-
wundet, dennoch ruhig, ja sogar freudig das äußere Leben zerfallen und
sich auflösen sehen (wie man an den aufbrechenden Blüthenknospen im Frühling
heiter und freudig die schützende Winterhülle abfallen sieht, damit das
innerste Leben jener um so freyer sich entfalten könne) weil ich im Innern
das immer neu aufkeimende höhere geistigere Leben, das beginnende neue
Leben in den durch den Geist Wesens Geeinten schaute und erschaute. Erst
nachdem so das Leben in seiner errungenen neuen Entwicklungsstufe, in
seiner errungenen höhern Dignität, in seinem Wesen, nach dem was
es giebt, fordert und nimmt, klar abgeschlossen vor mir lag, konnte ich /
[5]
[Bogen] 3.) auch, als zur gesammten Entwicklung meines innern Lebens und Strebens
gehörig Ihre freundschaftlich und gütig übersandten Druckschriften lesen,
denn jetzt erst konnte ich nach völliger Durchlebt- und Vollendetheit
einer bestimmten Entwicklungsstufe, sie wahrhaft würdigen, weil
nach einem Grundsatz meines Lebens, alles was mir wahrhaft nahe kommt,
sich auch mit meinem Leben und Streben gänzlich verbinden muß und
ich schlechterdings nichts gleichsam im Vorbeygehen und nebensächlich und
doch wahrhaft beachten kann, sondern alles was ich wahrhaft würdigen,
und seinem Wesen nach beachten und betrachten soll, muß auch sogleich
zu einem organischen Gliede, wenigstens zu einem organischen Stoffe, oder
doch organischen Erregungsmittel des gesammten Ganzlebens und meines
Lebganzen verarbeitet werden. Nun aber da dieß alles erfüllt und er-
reicht ist, nun schreibe ich Ihnen auch mit inniger Freudigkeit und vollem
Seelenfrieden.
Bis jetzt habe ich zwar von den, durch Ihre Freundlichkeit mir übersandten
Denkschriften, und zwar eben jetzt erst zwey, das System und die Logik
gelesen, doch hat mir auch vorläufig schon mein Freund und Mitarbeiter
Middendorff aus den Theses freudig viel Uebereinstimmendes unseres
beyderseitigen Denkens, Wollens und Strebens mitgetheilt, daß mir
unser beyderseitiges Stehen und Streben an sich und im Wechselver-
hältnisse klar vor Augen liegt.
Seit meinem frühesten Knabenalter an der Hand der Eigen-
der Natur- und der Lebensbeachtung wahrnehmend und denkend, prü-
fend und schauend heraufgewachsen, ließen mich später alle philo-
sophischen Systeme, soweit mein Leben mit denselben mich bekannt /
[5R]
zu machen mir erlaubte, so sehr unbefriedigt, daß ich bey allem Theil-
wahren, was ich wohl in jedem erkannte, mich doch nie entschließen
konnte, sie in Gesammtheit oder eines derselben vorwaltend zu
meinem Studium zu machen, denn sie lagen mir alle, jedes für sich
betrachtet dem Schauen, dem Erfassen Wesens und der Wirklichkeit,
dem Erscheinen und Darleben Wesens gleichfern und, bis zum mich Erfüllen
mit Ängstlichkeit, nach verschiedenen Seiten hin gleich nahe, und doch
lag mir die Wesenschauung im Innern, im Leben, in der Wirklich-
keit so klar vor, so gewiß in meinem Geiste und Gemüthe, daß ich
mich nur auf das achtsamste bemühete, das große Lebenganze alles Seyns
und Erscheinens, alles Wesens und aller Wirklichkeit überall klar
und wahr zu schauen und im eignen Leben und Streben, Denken und
Thun darzuleben, und darzustellen, ohne eine genügende und erfassende
Darzeichnung in einem philosophischen System der Zeit zu erwarten.
Den innern lebendigen Zusammenhang aller philosophischen Systeme und
Philosopheme ahnete ich früh, und als eben zu denken und urtheilen
beginnender Knabe sah ich im Irrthume und Wahne Hindeutungen zum
Wahren, allein die Darzeichnung dieses innern lebendigen Zusammen-
hanges, geschieden vom Unwesentlichen u.s.w. zu und in einem Ganz-
leben lag außer meiner Individualität, ich erkannte sie auch bey
allem lebendigen In-sich-tragen doch in der Ausführung so schwie-
rig, und doch für die Gesammtforderung des menschlichen Lebens auf
seiner jetzigen Entwicklungs- und Erfassungsstufe so wenig ersprieß-
lich, daß ich unbedingt in mir und für mich der bewußten gemein-
samen Darlebung Wesens im Leben selbst als eines Ganzlebens den Vor- /
[6]
zug einräumte. Selbst die späteren so klaren als scharfsinnigen
Vorlesungen Schleiermachers in B.[erlin] über diesen Gegenstand konnten
mich in meiner Ansicht nur bestätigen. Darum können Sie sich wohl
sagen, wie hocherfreuend und beruhigend es für mich war, welche Leben
weckende und Leben nährende Wirkung es auf meinen Geist und mein
Gemüth machen mußte, was ich als daseyend, als hervorgefördert noch nicht
erwartete, in Ihrem System der Philosophie und Ihrer Logik zu finden. Zwar
hat mir die Zeit noch nicht vergönnt, das Ganze wiederkehrend, prüfend und
auch dem Einzelnen und in das Besondere ruhig und klar nachgehend zu
lesen, doch sind mir bey einem fast nur durchlaufenden und überbli-
ckenden Lesen schon die Hauptsätze und der ganze Entwicklungsgang
in einer solchen schlagenden Wahrheit entgegengetreten, daß ich bey dem
Lesen des Ganzen hohe Lust und reine geistige Freude empfunden habe,
und daß ich in mir die Gewißheit trage auch die entlegenste und abgelei-
tetste Erscheinung und Frage wird sich auf diesem so tief begründeten als
einfachem Wege leicht beantworten und in ihrem Lebensbau zeigen, ja
was ich las, griff sogleich förderlich, klärend und entwickelnd, das Gan-
ze weitergestaltend in mein Leben und Wirken ein und dieß ist zunächst
mir genug.
Sie innigst hochgeachteter Herr und Freund! werden aus diesen
an sich wenigen (Worten) Mittheilungen leicht erkennen, wie unser
beyderseitiger Bildungs- und Entwicklungsgang, unser Streben
und Ziel der Form nach so verschieden, ja entgegengesetzt, und
doch dem Inhalte, dem Wesen nach immer so gleich war und ist.
Aber darinn mag nun wohl auch der Grund liegen, warum wir uns /
[6R]
so vertrauensvoll, so wahrhaft menschlich und mit Innigkeit, so wahrhaft
achtend und anerkennend Hand und Herz bieten und bringen, weil wir
dadurch – ich darf es wohl sagen – uns verstehen. Sie sind ohne Zweifel in Ih-
rer Bildung einen strengen Schulweg, zwar an der Hand der Geschichte, aber
dennoch mit seltenem Glück gegangen, ohne - bey der Charybdis vorbey
geschifft seyend - von der Scylla verschlungen worden zu seyn. Ich den ganz
entgegengesetzten. Wie ich wohl schon aussprach, wurde ich gar bald, unmit-
telbar mit meinem Bewußtwerden, einsam in einem für mich sehr beschränk-
ten und beschränkenden Kreise lebend, lebendig in Wort und That von den
Widersprüchen des Lebens innerlich und äußerlich ergriffen. Ein in sich zu-
rückgedrängtes, einfaches und kindlich gläubiges Gemüth, ein strenges oft
hartes Zurückgeführtwerden in sich, eine Beachtung der Regungen des
innern Lebens nach Ursache, Folge und äußerer Beurtheilung, ein Leben
mit der Natur, besonders der Pflanzenwelt lößte [sc.: löste] mir bald in meinem
Gemüthe jene Widersprüche, so kam mir frühe, um mein 10tes und 11tes
Jahr die Ahnung eines Widerspruchslosen Lebganzen und trat mir selbst
in den für mich besonders hervorstechenden Lebenserscheinungen entgegen;
so überall nur Leben, Einklang und Widerspruchslosigkeit zu finden, und
so das geahnete Lebganze immer klarer und deutlicher zu erkennen, das
war die stille Sehnsucht meines Herzens, der Trieb meines Lebens; aber
der Weg dazu durch die zerstückelnde alles nur so äußerlich betrachtende
und willkürlich verknüpfende Schulbildung war mir zu todt; ich konnte
unmöglich das so äußerlich aneinander geheftete behalten, leben-
dig machen, und so wurde ich, weil sich schon zwei meiner ältern Brüder
den Studien gewidmet hatten und weil der dritte jüngere Bruder /
[7]
[Bogen] 4.) besonderer Anlagen halber studiren sollte - den Studien entzogen, aber
um so inniger verband mich die liebeleitende Vorsehung der Natur. Mit
dieser und der Mathematik nach meiner Confirmation einige Jahre in stil-
lem und traulichen Umgang gelebt habend, und von der Pflege der letzteren
in die Gesetzmäßigkeit der Natur eingeführt und so die vom Gemüth und Geist
im geistigen Leben geahnte Einigung auch als Einheit in den sich gegenseitig be-
kämpfenden Naturerscheinungen und in der Verschiedenartigkeit der Naturgebilde
heraufdämmern sehend, konnte ich der Forderung des Innern nicht länger
widerstehen; mit Ueberspringung aller eigentlichen Schul- und Gelehrten-
vorbildung, deren Aneignung nach dem gewöhnlichen Grund- und Zusammen-
hangslosen, nur äußerlich anlernenden Schulgang ich mich um keinen Preis
hingeben konnte, und die ich darum in mir in Beziehung auf [mich] auch gar
nicht als die alles ausschließende Bedingung einer wahren und erfassenden
Geistes- und Menschenbildung erkennen konnte, gieng ich in der Mitte meines
18ten Jahres zur Universität. Da ich in den 2 vorher verflossenen 2 Jahren
ganz in der Natur, mit ihr und der Mathematik, nur ganz eigen- und al-
leinthätig meiner Selbstbildung gelebt hatte, so kam ich auch so als eine wah-
re Naturpflanze zur Universität, aber mit einer ganz eigenen Erregtheit
in meinem Gemüth, welche einige Kenntnisse der planetarischen Verhält-
nisse namentlich eine vorübergehende Erwähnung der Kepplerischen Gesetze in
mir bewirkt hatte, indem die sphärischen Gesetze in einem alles erfassen-
den Weltumfang und in einer grenzenlosen Individualisirung in den
einzelnen Naturgegenständen, ihren Leben und ihren Verhältnissen mir
entgegen traten; wie bisher meine Bildung, so bestimmte ich auch hier mei-
ne Studien, die Wahl der Vorlesungen ganz aus mir. Die Vorträge mußten /
[7R]
so eine ganz eigene Wirkung auf mich haben, und sie hatten es. Als Vorle-
sungen wählte ich nur naturhistorische, physikalische und mathematische,
aber wenige genügten mir; was ich erwartet hatte, fand ich selten: ich suchte
überall Ableitung wenigstens aus der bezüglichen Einheit und Rückführung
auf diese; ich suchte überall Nachweisung des innern lebendigen Zusammen-
hanges und Darlegung der innern und durchgreifenden Gesetzmäßigkeit;
dieß gaben mir aber dürftig nur einige Collegien, leider nicht die für mich
wichtigsten, nicht die Physik und Mathematik; ganz besonders war mir
das Flick- und Stückwerk der Geometrie zuwider, wo es immer im Einzelnen
herumtreibend, nie zu einem Ganzen, zu einer Einheit kam; doch fesselte mich
auf's lebhafteste die Combinationslehre, leider nur konnte ich mich ihrem
Studium nicht hingeben, was mich noch immer schmerzt; was mir sonst
die Vorlesungen gaben, war für mein inneres Leben zu wenig, war auch
leider gegen meine Natur, nur zu oft mehr anlernendes als entwickelndes.
Theoretisch[-]philosophische [Themen] zogen mich gar nicht an; ein eigenes Etwas
hielt mich ihnen immer fern; durch das, was ich meine Studiengenossen
sich darüber mittheilen hörte, was mir sonst davon nahe kam, so kam
mir auch auf diesem Felde alles so willkührlich, so widernatürlich tren-
nend und darum so zerstückelt todt, daß mein inneres Leben in die-
ser Studienrichtung keine Befriedigung suchen konnte. Aber wie ich schon
aussprach, einige Vorlesungen ließen mich immer lebendiger den in-
nern großen Zusammenhang aller Lebenserscheinungen ahnen, und in
kleineren Sphären schon mit Bestimmtheit schauen.
So trat ich, da mir meine ökonomische Lage nicht lang den Auf-
enthalt auf einer Hochschule gestattete, und da überhaupt nur ich in /
[8]
meinem Innern meinen Studien, deren Zweck sonst nur das äußere bürgerliche Leben,
ein bürgerlicher Beruf war - eine höhere Beziehung gab, in das bürgerliche
Leben und in äußere Thätigkeit für Lebensunterhalt zurück. Aber das äußere
Leben selbst blieb mir fern, da ich, obgleich in demselben und für dasselbe, doch
ganz abgeschieden lebte, meine eigene Welt in mir tragend und pflegend. -
Meine Leben-Beachtung überhaupt und besonders des eigenen Lebens für den
Zweck der Selbsterziehung mit Natur und Mathematik im Bunde wirkten
schöpferisch, meine Welt mit Lebensgestalten zu erfüllen, sie selbst als ein Glied
des in mir tragenden großen und einigen Ganzlebens fühlend. Mein Bil-
dungsgang war darum ganz einfach: für die verschiedensten und getrenn-
testen innern oder äußeren Erscheinungen waren es Lehren oder Thatsachen,
die letzte innerste Einigung zu suchen; das Geistigste in seinem Wirken und
Wechselverhältniß entweder in den Thätigkeiten und Gestaltungen der
Natur zu sehen oder mathematisch darzustellen, und umgekehrt Natur
und mathematische Gesetze in dem Innersten meines Lebens und im Höch-
sten Einen begründet zu schauen, d.h. in der Wesenheit Wesens, oder wie
ich es mir dort durch Wort und That aussprach: in der unbedingten
Nothwendigkeit an sich; so schematisirte, symbolisirte, idealisirte, re-
alisirte, identificirte und analogisirte ich ununterbrochen alle Er-
scheinungen und Thatsachen, wie alle Forderungen, Aussprüche und
Wahrheiten, welche meinem Geiste und Leben nahe kamen, und so trat
mir das Leben und alle Erscheinungen und Wirkungen desselben nach
allen Richtungen hin immer mehr als ein widerspruchsloses, harmo-
nisches, aber auch einfaches und klares, dem mathematischen Geiste und
Gemüthe eben als eines Theilganzen desselben auch schau- und erkenn- /
[8R]
bares Ganzleben überall entgegen.
So hatte ich wie ich aussprach, im eigenen Leben fast isolirt, doch im bür-
gerlichen Beruf und Geschäft wieder einige Jahre gelebt, da kam auf ein-
mal für mein Leben, in Uebereinstimmung mit der Natur, ein für mich
noch nie dagewesener Frühling, ungeahntes Leben und Streben erkeim-
te und erblühte in meinem Innern; denn all mein inneres Leben und Stre-
ben hatte sich ganz abgeschlossen auf den engen Kreis der Selbstbildung
und Selbsterziehung, ohne auch nur den leisesten Blick aus meinem Ge-
müthe und Geiste bezogen; das äußere Leben und Geschäft betrieb ich
als ganz davon getrennt nur als Sache des Lebensunterhaltes; aber doch
war mir auch hier der Wirkungskreis zu klein und eng, und so trieb michs
zwar einen größern aber doch noch immer nur äußern Wirkungskreis
für Unterhalt suchend, aber mit einem Gemüth voll nicht zu deutender
Sehnsucht fast von der Küste der Ostsee bis fast zu den Ufern des Rheins
wo sich ihm der Main vermählt. Da, im ersten Beginn dieser Reise –
(ich kann es nicht treffender bezeichnen) erkeimte und erschloß sich meinem Innern,
an einem schönen klaren Frühlingsmorgen, umgeben von einer
schönen frischen Natur, mir ganz selbst unbewußt der Gedanke: daß
es wohl einen schönen, sichern und einfachen Weg gäbe das Leben des Men-
schen von Widerspruch zu befreien - oder wie ich es dort wörtlich
aussprach – den Menschen sich selbst (in Frieden) wieder zu geben, und
daß diesen Weg zu suchen mir Lebensberuf sey; doch gehörte mein äu-
ßeres bewußtes Leben und Streben, mein äußeres bewußtes Suchen
und Wollen noch immer einem ganz äußerlichen Beruf, und so den
äußerlichen bürgerlichen Lebensverhältnissen, nicht aber dem Menschen /
[9]
[Bogen] 5.) an sich, noch weniger der Menschheit als solcher oder gar für sie zu erziehen,
darum contrastirte jener Gedanke auch so mit meinem äußern Leben, daß
er mir selbst auffallend war, dennoch und vielleicht eben dieses Contrastes willen
würde dieser Gedanke gar nicht aufbewahrt worden seyn, wäre es nicht durch
eine andre Veranlassung geschehen; auch in mir selbst und in meinem Leben
schien er auch nicht die leiseste Wirkung zu haben, deßhalb entfiel er auch
ganz meinem Gedächtniß. Aber noch einmal auf dieser Reise, als ich von
der Wartburg stieg, kam mir rückblickend auf sie der Gedanke eines hö-
hern erziehenden Berufs und Wirkens, welcher Gedanke doch eben wieder, mei-
nen äußern Lebensverhältnissen so ganz fern liegend, aufblitzend wieder
verschwand. So war also mir selbst unbewußt, und darum auch von mir
ganz unbeachtet der Zustand und die Stimmung meines Innern als ich an
dem nächsten Ziel meiner Reise, von wo aus sich mein Leben weiter entwi-
ckeln sollte, ankam und dort auch sogleich für die Erreichung einer bür-
gerlichen Wirksamkeit thätig war. Allein hier nun begann, als ich ihn
fest ins Auge faßte, das Aeußere meines äußern Lebensberufs mir
mit einemmale nicht zu genügen, da nun kam mir mit Bestimmtheit
der Gedanke, in ihm und noch durch ihn einem höhern Menschheitlichen
Zwecke zu leben, und da führte mich Jugendmuth - nein! das stets
mich liebeleitende Geschick mir ganz unerwartet [mich] vom äußern Bau-
meister und Landbebauer – von welchen eines oder das andre, oder beyde
geeint Lebensgeschäfte werden sollten – durch den Menschenkennenden in
das innere, das Leben erschauenden Blick und das vertrauende Gemüthe
eines eben jetzt zum erstenmale sehenden Mannes – zum Lehrer,
zum Erzieher, - zwey Wirkungssphären, welche mir vorher nie ins /
[9R]
Bewußtsein getreten, noch weniger als Lebensziele erschienen waren. Aber
wie ich zum erstenmale unter meine 30 - 40 Knaben von 9 - 11 Jahren
trat (dieß war die mir vorwaltend zugetheilte Klasse) - war mir sehr
wohl, ich fühlte
mich gleichsam in meinem lang vermißten Elemente, und wie ich dortmals
an einen meiner Brüder schrieb, es war mir so wohl, wie dem Fische im
Wasser; ich war unaussprechlich glücklich. Doch nun, gleich vom ersten Au-
genblick an, denn ich sollte unmittelbar in meinem neuen Beruf wirk-
sam eintreten, welche Summe von Aufopferungen! - welche reiche Thätig-
keit! - Auskunft, Entscheidung, Rath sollte ich geben in Dingen, welche
ich zu beachten noch nicht nöthig geglaubt hatte, und auch hier an einem
ganz fremden Orte stand ich abgeschnitten allein. Aber da suchte ich
Rath, wo ich ihn so oft gefunden hatte; ich trat ins Innere zurück, trat
zu und in mein Leben, trat zur Natur. Da nun kam mir mein, bisher
nur für mich betretener Bildungsweg, mein Bildungsgang mir herrlich zu
statten; ich schaute wenn ich gefragt wurde in die Natur,
ich suchte Antwort vom Wesen des Lebens, ließ
darum die Natur, das Leben, des Lebens Geist und Wesen und das Ge-
setz an sich reden - und - die Antwort genügte nicht nur, nein ihre
einfache, zweifellose Zuversicht und Jugendfrische erfreute, belebte.
Dieß war nun wohl gut, wo es allgemeinMenschliches galt, aber, der
Unterricht! - konnte ich mich doch in gar vieler Hinsicht kaum unter-
richtet nennen, denn alles war ja fast nur Fragment, Rhapsodie.
So trat ich denn von Neuem in Widerspruch mit dem Bestehenden,
denn womit ich früher mich selbst nicht hatte quälen lassen wollen, /
[10]
damit konnte ich nun unmöglich meine Schüler quälen und mir so, jetzt noch
doppelte Qual machen wollen - nemlich mit Anlernung zerstückelter Formen,
und so war ich denn genöthigt mir in mir selbst neue Bahn zu brechen, was
aber eben meine Stelle mir so lieb machte, indem mich diese nicht allein darinn
ganz frey gab, sondern sogar dazu verpflichtete, da die Schulanstalt eine Mu-
sterschule der neuentwickelnden Lehrweise seyn sollte (Unter Anton Gruner in
Frankfurta/m) und mein bisheriger eigner Entwicklungs-, Selbstbildungs- und
Selbstlehrgang, und meine Natur- und Lebensbeachtung kamen mir dabey
trefflich zu statten.
Doch dieser Brief soll ja keine vollständige Entwicklungsgeschichte meines Gei-
stes werden, ich habe ja nun auch schon die Thatsachen zu dem, was ich aussprechen
will, gewonnen; darum eile ich schnell weiter und berühre nur, daß ich von die-
ser Zeit während sechs Jahren in und unter drey verschiedenen Ver-
hältnissen in diesem Geiste und Streben auf das Angestrengteste fortlebte,
aber - obgleich noch ganz isolatorisch mein eignes inneres Leben lebend, doch in
eigne[r], wenn auch nicht ausgebreiteter doch vielseitiger Berührung mit dem
regen geistigen Streben und Wirken der damaligen so be[g]estaltender [be]wegten Zeit
(1805 bis 1810) in pädagogischer, philosophischer, historischer, politischer und
naturhistorischer Hinsicht.
Aber je größer, vielseitiger und erregender das Leben war, was mich
dort umgab und mehr und minder innig berührte, mehr und minder ge-
waltig mein eignes Leben bewegte – (: Auch Ihr Name und Ihr Tage-
blatt wurden mir dort von sehr strebenden, lebenerfüllten Menschen als
am menschheitlichen Himmel aufgehend wegweisende Sterne genannt
u.s.w. Wohl weiß ich noch klar und empfinde es jetzt noch ganz lebendig /
[10R]
daß es mich schon dort sehr nach einer genaueren Bekanntschaft zog. Doch ließen
diese die Gewalt der dortmals näher liegenden Lebensforderungen nicht zu, und so
trat Ihr Name und Streben wenn auch äußerlich dann und wann erneut, doch
eigentlich fast ganz in Hintergrund, gleich den vorhin von mir erwähnten Lebens-
gedanken, bis Ihre gütige Beurtheilung einiger Worte von mir in der Isis alles
wieder und mit erneutem höhern Leben ins Gedächtniß zurück rief, um, wenn
ich, was ich empfinde, recht deute in ewig Leben erzeugender und gestaltender Ei-
nigung zu bleiben :) - und ich so auch außer mir, wie in mir, alles nach Einklang,
Einigung und Einheit strebend fand, um so weniger konnte mich da irgend etwas
länger fesseln, sie diese Einheit, mit Aufopferung, alles auch des liebsten Aeu-
ßern, zu suchen, sie auf meine Weise zu suchen, sie auf das Klarste und Leben-
digste in meinem Innern zu entwickeln und in meinem Geiste auf das bestimm-
teste, reinste und selbstständigste zu schauen, und sie mit Festigkeit, Sicher-
heit und Gewißheit einst im Leben und für das Leben darzuleben.
Nach einem neunjährigen Zwischenraum, bezog ich zum zweitenmal
die Hochschule, es war zuerst (Frühjahr 1810) [sc.: Juni 1811] Göttingen und dann von
hier aus 1 1/2 Jahr später (Herbst 1811) [sc.: Herbst 1812] Berlin. Ich fing jetzt an den
Weg der Sprachen zu betreten. Was von den Schätzen, welche die neuesten
Bemühungen aus Asien zu uns gefördert hatten, mich berührt hatten,
hatte mich tief erregt. Aber im Allgemeinen waren mir die Hülfsmittel
zur Sprachaneignung noch immer zu todt, zu zerstückt und das Streben
sie auf meine Weise und auf meinem Wege selbstthätig zu bearbeiten, und
so die Sprachen gleichsam selbstthätig wieder in einer gewissen Beziehung
aus mir selbst zu entwickeln, führte mich wieder zur Natur, und jetzt
hielt sie mich auch so fest, daß sie mich auf wieder Jahre, obgleich Sprach- /
[11]
[Bogen] 6.) studien und Erlernung noch zur Seite gieng, ausschließlich fesselte, doch
nie ihr Einzelnes als solches, sondern nur als ein Glied des Lebganzen der
Natur, und diese und die Menschheit als in dem höchsten Ein geeint, sich
gegenseitig erklärende und abspiegelnde Gegenleben. Nur als Ein Ganz-
leben trug ich ununterbrochen alles Leben und alle Erscheinungen und Ge-
stalten Wesens in mir, suchte immer mehr bis in das Einzelnste und Ab-
geleiteste hin es als ein solches zu erkennen und darzuleben.
Nachdem der deutsche Krieg (Frühjahr 1813) in dem letzteren Orte Ber-
lin meine Studien unterbrochen und mich unter Lützow auch mit dem
Kriegerleben, dessen Forderungen und Darreichungen vertraut gemacht
hatte, führte mich derselbe auch 1814 zu den Studien und zu einem wissen-
schaftlichen Beruf und Amt nach Berlin zurück. Die Pflege, das Ord-
nen und theilweise die Deutung der Krystallwelt war mein Beruf und
Amt. So war ich denn recht eigentlich in den Mittelpunkt meines eigensten
Lebens und Strebens, wo Wirkung und Gesetz, wo Leben Natur
und Mathematik in einer klaren Festgestalt geeint, wo symbolisch Wesen
zu schauen klar dem inneren Auge vorlag: ich war unter
Weiß Gehülfe am Königlichen Mineralogischen Museum der Univer-
sität.
Es war seit langem mir ein sehr lieber Gedanke und mein Streben
gewesen mich ganz dem akademischen Wirken zu widmen, und ich glaubte
hierinn meinen Beruf und die Deutung meines Lebens zu finden; doch die
Gelegenheit, welche ich hatte die dortmals Studirenden in ihrer geringen natur-
historischen Vorbildung, in ihrem geringen Sinn dafür und in ihrem noch ge-
ringerem ächt wissenschaftlichen Geiste und Streben kennen zu lernen, dieß /
[11R]
brachte mich ganz von diesem bisherigen Vorsatze zurück; aber um so gewalti-
ger traten mir die Forderungen des Menschen, seinem Wesen nach, in Beziehung auf
die Darlebung desselben, die Forderungen eines rein Menschheitlichen, des eigent-
lichen Menschen-Lebens und so besonders die Erziehung und der Unterricht
wieder in ihrer ganzen Lebendigkeit vor die Seele; darum nur zwei Jahre er-
trug mein Geist und Gemüth, mein Gesammtleben dieses Wirken und die For-
derungen dieses Amtes, indem die Steine in meiner Hand und unter meinem
Blick mir zu redenden Lebgestalten wurden, die Krystallwelt ver-
kündigte mir laut und unzweideutig in klarer fester Gestaltung das Leben
und die Lebgesetze des Menschen, und in stiller aber wahrer und sichtbarer
Rede das wahre Leben der Menschenwelt; da trieb es mich alles lassend und
alles opfernd zu den Menschen, zur Erziehung des Menschen zurück, trieb mich
zurück die im Geiste und durch den Geist erschauten, in der Natur wie im
klaren Spiegel wieder erkannten Gesetze der Menschheitsentwicklung Wesen-
entwicklung und Wesendarlebung für die und in der Menschenerziehung anzu-
wenden, in derselben für Darlebung anzuwenden: den Menschen in und
durch, für und zur Darlebung seines Wesens, des Menschheitwesens und so
Wesens an sich, nach dem Gesetz der Entwicklung zu erziehen. Und so begrün-
dete ich, meine Stelle in Berlin niederlegend und es verlassend im Spätherbste
1816 das erziehende Wirken, welches noch jetzt durch mich und unter meiner
Leitung, aber auf das Höchste auf und in sich zurückgedrängt besteht; ich
begründete es ohne den Besitz auch des Geringsten was äußerliches Mittel ge-
nannt werden kann, ich selbst einzig und ganz allein im felsenfesten Ver-
trauen auf die ewige Wahrheit seines Fundamentes, im festen Vertrauen
zu und in inniger Einigung mit dem Gott, welcher das Ganze in meiner Brust /
[12]
entkeimen und erblühen, mich in seiner Welt hatte schauen lassen und mich
mit Trieb, Kraft und Muth ausgestattet hatte alles an seine Verwirklichung
zu setzen.
Ob ich gleich dieses Wirken, wenn auch mir selbst kaum im Wort aussprechend,
als ein umfassendes cosmisches, als ein ewiges menschheitliches Werk in meinem
Gemüth und Geiste trug, so knüpfte ich es dennoch und eben aus diesem Grunde
an mein eigenstes Selbst d.h., da ich selbst noch keine Familie bildete, an die
mir besonders innig lieben und theuern Geschwisterkinder, durch diese und mit
diesen an mein Heimaths- und Geburtsland Schwarzburg und Thüringen
und so an mein eigentliches großes Vaterland an, so forderten es die ewigen
Entwicklungsgesetze, wie ich sie in mir trug. Nur schüchtern, sehr schüchtern wag-
te ich das Wirken und Werk ein deutsches, ein allgemein deutsches zu nennen
und strich darum in einem der Manuscripte das weg, was dessen mensch-
heitlichen Umfang und Wesen bestimmt aussprach; die Forderung Mensch
zu seyn, schien mir noch (wie sich auch nur zu wahr bestätigte) an die Menge
zu groß, zu unverständlich zu seyn; allein Deutsche zu werden, so dachte ich
sagte ich mir, das wird ihnen doch nach so harten und bestimmten Lebenser-
fahrungen der Mühe werth und ein Ernst seyn. Sie rügten jene Beschrän-
kung in Ihrer theilnehmenden und so erhebend eingehenden Beurtheilung
meiner Worte „Ueber deutsche Erziehung“ mit Recht; allein leider! war
die Forderung nur deutsch zu seyn und zu werden schon zu groß, zu
unverständlich; denn jeder sagte und sagt sich: Das bin ich ja schon durch
meine Geburt, wie der Pilz, Pilz ist; was brauchts dazu oder dafür noch
viel Erziehung, nun gar zum Menschen! Aber hätte ich rein umgekehrt mein
Wirken, meine Erziehungsanstalt recht äußerlich, recht speciell für Bediente /
[12R]
oder Knechte und Mägde, oder für Schuster und Schneider, für Kauf- und Geschäfts-
leute, für Militär oder wohl gar für den Edelmann ausschließend angekündigt,
dann würde des Rühmens und Preisens von der großen Nutzbarkeit und
Nützlichkeit meiner Anstalt gewiß genug gewesen [sein], und man würde sie dann ge-
wiß als eine Sache angesehen haben, die vom Staate hinlänglich zu unterstützen sey,
ich wäre der Welt und des Staates Mann gewesen, und beyden um so mehr, als
ich der Lebens[-] und Staatsmaschine, Maschinen geschnitzt und possirt hätte;
doch ich, ich wollte freye, denkende, selbstthätige Menschen bilden, wer mag aber
für sich und seine Kinder frey, denkend und selbstthätig seyn, wer mag freye,
denkende, selbstthätige Menschen ertragen, darum war Deutsche zu erziehen
schon Thorheit, vielleicht mehr noch, wie vielmehr wäre es Thorheit und viel-
leicht noch mehr gewesen, Menschen zu erziehen; so war also schon die Erzie-
hung zum Deutschen zu wunderbar und zu hoch; man konnte es nicht begreifen,
wie viel mehr wäre die Erziehung zum Menschen ein Schatten, und Trugbild
eine blinde Schimäre [sc.: Chimäre] gewesen.
Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zur Ausführung meines Vorsatzes:
Ihnen durch diesen Brief so weit es schriftlich und brieflich möglich ist, mich selbst
nach meinem Streben und Hoffen in meinem Innern schaubar darzuzeichnen
zurück. Darum erlauben Sie mir noch einen Schritt dem näher zu treten, was
von dem, was in der Tiefe meines Gemüthes ruht mittheilbar ist; ich wähle zu-
nächst die Richtung nach dem Wissen, doch werde ich auch die andern Richtun-
gen in diesem Briefe noch berühren müssen. Meine Lebenserfahrungen beson-
ders die meines wiedergekehrten Universitätslebens hatten mich unzwei-
deutig gelehrt, hatten mir für mich unwiderlegbar gezeigt, daß die bis-
herige Erziehungs- besonders die nur anlernende, nur äußerlich historisch /
[13]
mittheilende Lehrweise der Begründungs- wie der Uebungsschulen für hö-
heres wahres Erkennen, für geistige Einsicht und für künftige
ächt wissenschaftliche Bildung, für Wesenschauung und so für wahres Wissen,
für Wahrheit im Wissen abstumpfe, ja ich möchte gerade zu sagen, vernichte[nd wirke]; ich
war darum, wie ich es noch bin, der ganz festen Ueberzeugung, daß der bisjetzi-
ge, auch der verbesserte begründende und übende Unterricht ganz rein um-
gekehrt werden, rein auf die entgegengesetzte Weise als genetisch-entwickelnd
betrieben werden müßte, darum antwortete ich wohl einigen die frag-
ten, was ich denn eigentlich wolle: - "rein das Entgegengesetzte von dem was
jetzt im Erziehungs[-] und Lehrfach im Allgemeinen geschieht." Ich war und bin
fest überzeugt, daß nur auf diesem Wege ächtes Wissen und Wahrheit dem
Menschengeschlechte allgemeineres Eigenthum, die Wissenschaft nicht einzeln sondern
in Mehrzahl wieder ächte Jünger und ächtes Menschheitsleben weit verbreitende
Meister finden wird. Diesen Weg practisch zu betreten, ihn als Thatsache anzu-
bahnen hielt ich für höchste und unerläßliche Pflicht, so unerläßliche nicht zu ver-
äußernde Pflicht, als der Mensch sich seiner Menschheit nicht entäußern kann und
darf. Unsere größten practischen Erzieher, selbst Pestalozzi nicht ausgenommen,
schienen mir viel zu roh, zu empirisch und willkürlich und darum also keines-
weges wissenschaftlich genau, d.h. sich vom Wesen und Wesengesetzen und
Wesenschauung leiten zu lassen, zu verfahren; sie schienen mir selbst die Wissen-
schaft, und so ist noch meine Ueberzeugung, keinesweges in ihrer Göttlichkeit zu er-
kennen, zu würdigen und als so[lche] zu pflegen; darum aber glaubte und hoffte auch
ich in meinem jugendlichen Gemüthe und Jugendmuthe und bey aller Erfahrung in
meiner Erfahrungslosigkeit, die Wissenden, die Gelehrten, mit Eins die Hochschulen
würden mein Streben anerkennen und nach Möglichkeit durch Wort und Auf- /
[13R]
helfung pflegen; doch darinn hatte ich freylich, obgleich im Mannesalter doch als
weltunerfahrener Jüngling gemeint [sc.: geirrt]; allein ich schäme mich dessen nicht, anders,
ganz anders war und fand es sich in der Wirklichkeit, nur wenige Stimmen
ließen sich über mich überhaupt nur vernehmen und Ihr Wort in der
Isis ist die einzige Sonne die mein Leben und Streben wahr und würdig beleuch-
tete. Genug! Die Hochschulen nahmen von dem Schulmeister keine Notiz, die re-
censirenden Herren Collegen dachten zwar anders, aber warum soll ich deren un-
würdiges Handeln weiter gedenken, welches keine andere Absicht hatte, als mich zu-
nächst niederträchtig zu machen; doch dieß konnte und kann meine Ueberzeugungen
nicht wanken machen.
Ich schaue, daß der Entwicklungsgang des Wesens aller Dinge nach einem so festen
als klaren Gesetz fortschreitet, wo nach gewissen durch eigene eine Dignitätenrei-
he bestimmten Perioden Culminationspuncte eintreten, von wo der Entwick-
lungsgang mit einem der Dignität entsprechenden Bildungsgrade (Bewußt-
seynsgrade), den eben durchlaufenen Entwicklungsgang aber rein umgekehrt
u. entgegengesetzt durchläuft um im Sich-selbst-Gefundenhaben mit erhöhetem
Bewußtseyn und Klarheit zur und in die WesenEinheit zurückzukehren,
und sie in sich aufgenommen habend, mit gestärkter Kraft, erneutem Leben, er-
rungener Jugend, für eine noch höhere Entwicklungsstufe aus sich hervorzutreten.
Mit andrem und kurzem Wort ich schaue den einfachen vom analytischen
zum synthetischen fortschreitenden (und so weiter gegebenen) Entwicklungs-
gang, welchen ich im reinen Denken finde, auch als den Entwicklungsgang eines
jeden Wesens. Einen solchen dem bisherigen allgemeinen rein entgegenge-
setzten Entwicklungsgang sehe ich nun als eben eintretend, auch im ganz Ein-
zelnen und unerkannt, darum unbeachtet, schon eingetreten, und mit diesem /
[14]
neu eintretenden und eingetretenen Entwicklungsgang eine ganz neue Periode,
eine ganz neue Zeit für alle Wesen und darum im höheren inneren Sinne eine
ganz neue Welt (: eine Welt des Schauens und Erkennens, des Geschaut[-] und Er-
kanntwerdens, so eine Welt der Klarheit u.s.w. u.s.w. :) beginnend, für die
Wissenschaft, so zunächst ein neues Leben schaffend und so die wahre Wissenschaft,
die Wissenschaft Wesens und alles was darinn begründet, bedingt (als daseyend
gegeben) ist herbey führend. Durch, einer solchen Bildungsstufe und Zeit ange-
messenen und entsprechenden begründenden und übenden Entwicklungsschulen viel-
mehr Erziehungsanstalten nun glaubte ich könnten unsere Universitäten nach dem
einfachen Gang der Denkgesetze und Denklehre, wahre Hochschulen, Schulen für
das Schauen des Höchsten und zugleich wahre und umfassende Lebensschulen, Schulen
zur und für Begeistigung zur Begeisterung für Darstellung des Höchsten, -
Wesens im Leben werden, Schulen für Darlebung des Höchsten. Ich will nicht
fürchten, daß Sie mich mißverstehen oder mir zürnen werden; und was könn-
te es mir auch helfen, wenn ich jetzt eines von beyden fürchten oder es zu ver-
meiden suchen wollte, denn später würden, wenn schon Mißverständniß und
Mißklang, Mißbilligung in den ersten Elementen zwischen uns lägen, diese
doch, und dann nur mit größerer Kraft und zu größerem Nachtheile zwi-
schen uns hervortreten; ich will es darum hier gleich unbefangen aussprechen,
daß ich unsere Hochschulen, wie sie jetzt im Allgemeinen noch sind, noch weit un-
ter ihrer wahren Bestimmung sehe und erkenne, ja sehr häufig im Einzelnen
ihrer Form und ihrem Gegenstande nach wohl gar noch unter dem was in der
kommenden neuen Zeit die Uebungsschulen seyn und leisten werden. Doch ich
sehe auch, was können denn unsere Hochschulen nach Maaßgabe der für ächt
geistiges und wissenschaftliches Leben, für Wesenschauung und Wesendarlebung /
[14R]
getödteten und entkräfteten Jünglinge werden, wie sie von den Gymnasien den
Universitäten überwiesen werden. Darum - so dachte ich - würde mein Stre-
ben gewiß von dieser Seite mehrfach geprüft und pflegend beachtet werden; ich
sahe und sehe dieß eben angedeutete Verhältniß meines erziehenden Wirkens
und Strebens, meiner Erziehungsanstalt zu den Hochschulen erfassend unter
dem Bilde einer Ehe, d.i. des Eins von Vater und Mutter und Kind. In einer
klaren Ehe behütet und pflegt, entwickelt zuerst die Mutter das Kind, lehrt
es beachten, aufmerken, geht immer von der Einheit aus und führt es zu einer zu-
rück, der Vater empfängt das Kind, den Sohn, aus der Hand und vom Herzen
der Mutter mit einem Gemüth voll regen, wahren Lebens, voll Wissens-
trieb nach Ursache und Folge, nach dem Ganzen und der Verzweigung;
geweckten Sinnes für Wahrheit und offenen Auges für den Schein und mit stets genähr-
tem Thätigkeitstrieb immer zu schaffen und schaffend zu beachten und auflö-
send zu erkennen; also zu Hause, in seinem Innern wie in seiner Umgebung
immer thätig, sinnend, schaffend, strebend, so empfängt der Vater den Sohn ihn
bildend und belehrend für das weitere Leben: und so wollte auch ich mit meinem
erziehenden Wirken im Vergleich mit den Hochschulen in Beziehung auf das
heraufwachsende Menschengeschlecht nur eine still wirkende, sorgsam pfle-
gende Mutter seyn.
Der Anfangspunkt alles Erschienenen, Daseyenden, also auch des Schauens,
der Erkenntniß, des Wissens ist That, Thun. Von der That, dem Thun muß da-
her die ächte Menschenerziehung, die entwickelnde Erziehung des Menschen be-
ginnen, in der That, dem Thun keimen, daraus hervorwachsen, darauf sich
gründen - hervorwachsen aus der lebendig schaffenden, schaffend beachtenden
und durchschauenden That und wie alle ächte That zugleich belehren, stärken /
[15]
schaffen und schaffend so zurückwirken vom Culminationspuncte
zum Schutz, zur Erhaltung, zur Ernährung. Leben, Thun, Erkennen dieß
muß eigentlich in dem Menschen ein stets gleichzeitiger Dreiklang seyn nur
mit vorwaltender und überwiegender Hervorhebung bald eines bald des an-
dern bald zweier geeint; werden sie unbedingt getrennt, so bewirken sie
was wir täglich im Leben schauen und empfinden: Ringen mit Leben und
Tod, Hangen zwischen beyden; kein Schaffen sollte darum je ohne bestimm-
tes bewußtes Vorwärtswirken auf das Erkennen, die Einsicht, ohne Erhöhung
und Förderung des Lebens seyn; kein Erkennen ohne zurückzuwirken für
Erhaltung, Ernährung; kein Leben ohne durch Erholung u.s.w. zugleich
nach beyden Seiten zu wirken. In welcher Familie, in welcher deutschen Fa-
milie dieser Dreyklang zuerst stets harmonisch ertönen, und beachtend als Grund-
accord des Lebens stets vernommen werden wird, da werden alle Schreckgestal-
ten des Lebens, die uns noch ängstigen, entflohen seyn; da wird Friede und
Freude wohnen, da wird der Himmel sich zur Erde senken, und die Erde sich zu
einem Himmel gestalten, genügender, Geist und Seele und Leben ent-
sprechender als uns die Kirche ihn mahlt. Verzeihen Sie, ich wollte blos
sagen so sollte und soll das erziehende Wirken durch seine erzeugende
Kraft zugleich Schule für das äußere und bürgerliche Leben zur Befrie-
digung aller wahren Lebensbedürfnisse und so zugleich eine wahre ächte Schule
für Wissenschaft so wahre Schule fürs Leben werden und seyn.
Da aber alles erscheinende Leben, wenn es wahres und ächtes Leben ist aus und
von dem Leben an sich ausgehen und in dasselbe zurückkehren, wie im Wesen seine
Quelle habend, so bleibend in demselben ruhen, aus demselben und durch dasselbe
sich entwickeln muß, so sollte und soll diese Schule ächter Entwicklung, da sie /
[15R]
nothwendig zu diesem Leben im Leben führt zugleich wahre Schule, wahre Er-
ziehung und in einem hohen, tief er- und umfassenden Sinne des Wortes:
Anstalt, Veranstaltung für ächte Religion und Religiosität werden - für Ent-
wicklung und Schauung Wesens in sich und um sich und Darlebung desselben.
Weil nun aber weiter durch ein solches Leben die Menschheit selbst sich wahr-
haft in ihrem Wesen erkennt und auch darlebt als das was sie ist und seyn soll, als
ein großes Ganzleben und Lebganzes, darum diese Erziehung den Menschen zum
wahren Menschen, d. i. das Menschheitswesen in sich entwickelnd und aufnehmend,
in dem Darleben desselben seine Bestimmung finden und dazu geschickt macht,
so sollte und soll diese Erziehung und Schule zugleich auch wahre Menschheitsschule wer-
den, und so das von mir begonnene erziehende Wirken, die von mir begründete Er-
ziehungsanstalt den Menschen nach jeder Richtung und Beziehung seines We-
sens hin: - als Erden- oder Naturwesen, als Erdner, - als Menschenwesen -
als bewußtes und denkendes Wesen, als Vernunftwesen, - und als Kind Gottes
genügen; sollte und soll ihm nicht allein als Erdner genügen, sondern als ächt be-
gründende, erschöpfend genügende Vorschule für alle Natur- und Weltentwick-
lungsstufen, welchen der Mensch und die Menschheit noch entgegen lebt auf welchem
Körper dieses Sonnensystems oder eines andern, für das jetzige und für das
sogenannt aber auch wahrhaft und ewig zukünftige Leben, für das ewige Dieß-
seits und ewige Jenseits jedes neuen Lebensmomentes und das ewige Ruhen
und ewige Wirken, ewige Seyn und ewige Leben in Gott. -
Weil aber nur ein Christ, der es sich bewußte oder nicht bewußte, der getauf-
te oder nicht getaufte, der genannte oder nicht genannte so denken, so handeln
kann oder, wenn Sie es lieber wollen, weil nur dieß, für was hier erzogen
werden soll und erzogen wird, die Gesinnungen und das Streben seyn können, was /
[16]
wir als christliches Leben und Streben erkennen müssen, was nach Jesu Leben
und Wollen als solches beerkannt werden muß, so überzeugen Sie sich gewiß auch,
warum sich meine Erziehungs- und Lehrweise als eine Erziehung und Lehre im ächten
Geiste und nach den Forderungen Jesu Christi erkennt und fühlt.
So haben Sie mich denn hierdurch, innig hochgeachteter Herr und Freund! in
so weit als es möglich ist Wesen auszusprechen, schriftlich und in der gewöhn-
lichen Lebens- und Gesprächssprache auszusprechen, bis in mein Innerstes klar
und wahr. Sie reichten mir nun theilnehmend, schützend und belehrend als ächter
Wissender, nur noch wenig von mir kennend vertrauend und achtend die Hand;-
hat Ihnen nun diese im vielseitigen Lebensgedränge mit unaufhörlichen Un-
terbrechungen niedergeschriebene und darum mehrseitig sehr unvollkomme-
ne briefliche Mittheilung demohngeachtet gezeigt, daß Sie sich in und an
mir nicht geirrt haben, so gegenreiche ich Ihnen als das eigenlebige We-
sen welches ich bin, vertrauend achtend und liebend die Hand und das Herz zu ei-
nem ewig schaffenden, Wesen ewig entwickelnden, ewig darlebenden Bunde,
wie er sich für bewußte, freye, selbständige Geister geziemt. Lassen Sie sich nicht
irren, halten Sie es nicht für zu klein und zu geringfügig, daß wir nur
zwei sind: zwischen jeder ächten sich erkannten Zwei liegt das ewig einende
Dritte, ist Wesen das Einende, und ein ewiges Leben, ewiges Gestalten, kann
nur die Frucht eines solchen Bundes seyn.
Aber auch mit mir schon ist eine Gesammtheit durch Liebe, Vertrauen und
gleiches Streben nach Erkennen und Darstellung und Leben verbundener
Menschen in einem schönen menschlichen Bunde, wie er sich sonst irgendwo
wohl schwerlich finden wird, innig geeint. Sie deuten in Ihrem jüngsten Briefe
an, daß Sie einen kleinen Nachweis der mit mir gemeinsam wirkenden /
[16R]
Freunde und Glieder meines Hauses wünschen; hier stehn sie. Soll es aber eine
nicht blos todte Namenaufzählung und statt eines Lebensbaumes, was es in sich
ist, höchstens ein Kranz oder Strauß werden, so müssen Sie mir schon erlauben,
wieder etwas in die Geschichte meines Lebens zurückkehren zu dürfen, da aus
demselben Geiste, aus welchem mein Streben und meine Lebensverhältnisse her-
vorgingen, auch meine Freunde und der jetzt mir geeinte Kreis hervorwuchs.
Der deutsche Krieg, das Jahr 1813, in welchem so vieles gesäet wurde,
was vielleicht nur zum geringeren Theil bis jetzt kaum keimt, geschweige denn
schon zur Blüthe und Frucht heraufgewachsen ist, dieß ist auch die Zeit des Sä-
ens und Keimens, oder vielmehr, wie in der Zeit eines herannahenden neuen
Frühlings – die des frischen Knospens (Augen-Treibens) meines Lebensbaumes.
In dieser so eben bestimmten Zeit, im April 1813 führte mich Jahn nebst
noch andern Berliner Studirenden zu meinen künftigen Kriegs[-] und Kampfsge-
nossen, Lützows schwarzer Schaar, von Berlin nach Dresden, von wo wir zu
dem größten Theil des Ganzen nach Leipzig abgingen. Auf diesem Marsche
führte mir, vor Meißen, noch Jahn, einen andern Berliner Studirenden
Langethal aus Erfurth als meinen Landsmann zu, und dieser bald darauf
seinen Freund und bisherigen Studiengenossen, beydes waren Theologen, Mid-
dendorff
aus Brechten bey Dortmund in der Grafschaft Mark, zu. Ein vor-
züglich schöner Frühlingsabend an Meißens freundlichen Ufern der Elbe, und
Meißens prachtvoller Dom brachte mich mit ihnen, wie mit noch mehreren An-
dern noch näher zusammen; doch waren es eigentlich die schönen Ufer der Ha-
vel bey Havelberg, die reizende Lage des herrlichen Domes, Georg Forsters
Rheinreisen, gleiche Liebe zur Natur und vor allem gleich reger Bildungs-
trieb, der uns für immer verband. Der Feldzug verfloß bald mehr bald /
[17]
minder einander nahe, mit allem Erhebenden und Drückenden, mit aller Noth
und aller Lust, mit allem Vergänglichen und Bleibenden, was er gab. Im
August 1814 kehrte ich nach Berlin zurück, um dort die obengenannte Stelle bey
der Universität anzutreten. Bald darauf traf ich auch hier ganz unerwartet
die Freunde wieder, die dahin gekommen waren, ihre Studien zu beendigen. Nach ei-
niger Entfernung, die das zu schroff geschiedene Studium herbeygeführt hatte, sie
waren zu eifrige Theologen, und ich zu eifriger Naturhistoriker, brachte
uns gleiches innerstes Streben immer mehr nahe, besonders da sie in Hausleh-
rerverhältnisse getreten waren um dafür manches Rath und Belehrung
bey mir zu suchen. Ja der neu beginnende Feldzug 1815 hatte Middendorffen
sogar vorher schon einige Monate zum Stubengenossen gemacht. So hatte das
Leben uns wechselseitig immer näher gebracht und mir einen jeden der Beyden
in seiner Eigenlebigkeit, seinem Haben und seinem Bedürfen, seinem Geben
und seinem Fordern, seinem Seyn und Wesen genau kennen gelernt. Da
verließ ich im October 1816 meine Stelle und Berlin, jedoch ohne irgend
jemanden zu sagen, was eigentlich das äußere Streben Ziel meines Strebens
sey, nur sagend, daß ich es schreiben und Nachricht von mir geben würde, so
bald ich es gefunden. Im November desselben Jahres, gab mir ein innig von
mir geliebter Bruder, der noch lebende älteste, welchem ich mich so weit es sich
thun ließ mittheilte, und welcher dortmals noch in Osterode am Harze als
Bürger und Fabrikant lebte seine zwei einzigen Söhne (aber nicht einzigen
Kinder) zur Erziehung, zwei Knaben, irre ich nicht von 6 und 8 Jahren. Mit
diesen zog ich in ein Dorf an der Ilm, Griesheim, wo ich mit ihnen noch zwei,
später noch einen, und so die 3 hinterlassenen Söhne des geliebtesten und am
innigsten mit mir geeintsten meiner Brüder, mit ihm verband. Er war /
[17R]
Prediger im genannten Orte, wo seine Wittwe noch lebte, gewesen und war
im Jahr 1813 an den Folgen des Krieges am Lazareth[-]fieber gestorben. Vom
13ten November 1816 an rechne ich daher das Bestehen meines jetzigen er-
ziehenden Wirkens. Schon von Osterode aus schrieb ich sogleich an Middendorff
nach Berlin und lud ihn und Langethal ein für Verwirklichung eines men-
schenwürdigen Lebens und einer solchen Erziehung zu mir zu kommen. Mid-
dendorff machte es sein Gesammtstehen aber erst im April 1817 und Lange-
thal erst im September dieses obengenannten Jahres möglich, doch sandte mir
letzerer durch Middendorf[f] seinen Bruder einen 11jährigen Knaben zur Mit-
erziehung, so daß ich nun 6 Zöglinge hatte. Im Junius dieses Jahres (1817) zog
ich von Griesheim durch Familienverhältnisse bestimmt hierher nach Keilhau.
Mit Langethals Eintritt kamen im September d. J. auch noch andere Zög-
linge. Mein Haus vermehrte sich und ich hatte noch kein Haus. Auf eine,
nur dem welcher die Wirkung des Geistes kennt, begreifliche Weise konnte ich
das Erziehungshaus, welches ich jetzt bewohne, ohne eigentlich Eigenthümer des
Grundes und Bodens zu seyn auf welchem es erbaut wurde, im November
d. J. im Fachwerk aufrichten lassen. Ich überspringe jetzt ein Leben zwar
nur eines Jahres, was aber so reich an Erfahrungen der Noth und der Freude,
des Druckes und der Erhebung [war], daß dessen Schilderung leicht mehrfach den Raum
dieser bogenreichen Mittheilung einnehmen würde. Im April
oder vielmehr Juni des kommenden Jahres 1818 wurde ich auf eine höchst
merkwürdige Weise Eigenthümer des kleinen Bauerngutes, welches ich
jetzt hier in Keilhau besitze, und so und zugleich damit erst Eigenthümer des
Grund und Bodens, auf welchem das Erziehungshaus schon errichtet, aber
noch um Nichts weiter ausgebaut war. /
[18]
Im September 1818 holte ich mir für das nun schon erweiterte Kinder-
und Brüderreiche Hauswesen die Hausfrau, welche gleiche Liebe zur
Natur und Kinderwelt, gleich hoher und strebender Sinn für Erziehung und
Darlebung eines menschenwürdigen Lebens mir verbunden hatte. Sie be-
gleitete freywillig eine Jungfrau welche seit einiger Zeit in ihrem Hause
wie [eine] Tochter aufgenommen war, als Gehülfin. Nun wieder die härtesten
Lebenskämpfe bis zum Jahr 1820. Das Erziehungshaus weiter auszubauen
wollte gar nicht möglich werden, da ich andre unmittelbar noch nöthigere Ge-
bäude herzustellen hatte.
Im Jahre 1820 nun am Himmelfahrtstage verband sich mein obengenann-
ter bis hieher noch immer in Osterode am Harz gelebt habender Bruder, dessen
beyde Söhne noch immer meine Zöglinge waren, aus Liebe zu diesen und zur För-
derung meines Lebenszweckes mit seiner ganzen Familie und mit seinem gan-
zen Haabe [sc. :Hause] mit mir. Da mein Bruder außer obengenannten beyden Söh-
nen noch drei Töchter hatte so wurde nun mein Haus um fünf Personen
größer. Die Ausbauung des Erziehungshauses wurde nun mit größtem Eifer
betrieben; doch wurde es erst möglich es im Jahr 1822 beziehen. Das Leben
wird nun immer (mannigfaltiger) mannigfacher, daß gar nichts weiter, als
was auf den Verband der bleibenden geeinten Glieder Bezug hat, erwähnt
werden kann.
1823 besuchte uns Middendorffs Schwestersohn Barop, bisher Student
der Theologie in Halle, welcher so vom Geiste des Ganzen gehalten, getrie-
ben wurde, mit noch nicht beendigten Kampf seine Theologischen Studien
aufzugeben und sich ganz u uneingeschränkt der Verwirklichung unseres
Lebenszweckes: einer Menschenwürdigen Erziehung mit uns geeint, zu /
[18R]
widmen. Seit jener Zeit war sein Leben und Wirken nur mit Unterbre-
chungen, welche sein Lebenskampf herbeyführte, ununterbrochen mit uns lebend
und wirkend. Jetzt ist er in Berlin um seinen einjährigen freywilligen
Dienst (er ist Preuß[e] auch aus Dortmund) dort abzumachen und die übrige Zeit
einem ernsten Studium, besonders der Natur, zu widmen; nach Ablauf der Dienst-
zeit ist sein jetziges Sehnen für immer in den Kreis zurück zu treten. Kommen-
des Frühjahr hoffen wir ihn wieder willkommen zu heißen.
Erwähnen will ich nur das einzige noch, daß am Himmelfahrtstage 1825
mein mit mir verbundener Bruder in unserm Kreise seine silberne
Hochzeit feyerte.
Im Herbste genannten Jahres (1825) am Geburtsfeste meiner Frau ver-
lobte sich Langethal mit der oben erwähnten von uns als Pflegetochter ge-
achteten Jungfrau welche meine Frau von Berlin hierher begleitet
hatte und Middendorff mit der ältesten Tochter des so ebengenannten Bru-
ders. Am Himmelfahrtstage des folgenden 1826ten Jahres war die Hochzeit.
Die Ehe eines jeden von beyden segnete der Himmel schon mit einer Tochter;
doch die Langethals nahm er auch wieder.
Noch eines treuen Mitarbeiters muß ich gedenken Herrn [Wilhelm] Carl, aus
Hildburghausen seit Neujahr 1825 Glied der Anstalt besonders Lehrer
für Instrumentalmusik und ausübenden Gesang, er lebt und wirkt im
Geiste der Anstalt und fühlt sich innig mit derselben verbunden.
Der übrigen Lehrer, welche längere oder kürzere Zeit, mehr oder minder
lang mit der Anstalt verbunden gewesen sind, erwähne ich gar nicht, da sie
eigentlich nie zum Kreise gehörten. Unter den eigentlich Geeinten hat
seit dem Beginn des Wirkens nie keine [sc.: eine] Trennung statt gefunden, so besteht /
[19]
also der in sich geeinte Kreis aus mir und meiner Frau – Herrn
Langethal und dessen Frau – H Middendorff, dessen Frau und
Kinde – H Barop – H Carl – meinem Bruder, dessen Frau, seinen
beyden Söhnen, die jetzt noch lehrende Zöglinge der Anstalt sind, wovon aber
der älteste das zum Abgang auf Universitäten hier nöthige Examen schon
gemacht hat, und seinen beyden Töchtern – im Ganzen 15 Personen.
Möge ich nun erreicht haben was ich wünschte auch in der gegliederten
äußern Erscheinung als ein einziges Ganzleben und Lebganze von Ihnen
erkannt zu werden, ob es gleich nur möglich war, die innere Geisteseini-
gung des äußern Verbundenseyns mehr ahnen zu lassen als auch nur
anzudeuten.
In dem bisher Ausgesprochenen finden Sie vielleicht auch schon eine
Antwort auf Ihre gütigen Mittheilungen und Vorschläge zur inni-
gern Verknüpfung irgend einer Mehrzahl von Erziehern, und das sollte
mir, da ich es nun einmal nicht ändern kann, lieb seyn: - es will sich kein
Verein zusammen finden! Educationsrath Blasche, welcher im verflossenen
Herbste bey mir war, und dem ich Ihren verknüpfenden Plan mittheilte,
war auch nicht dafür zu erwärmen, so gutes Zutrauen ich zu ihm hatte.
Vielleicht lag es auch in der augenblicklichen Stimmung, doch schienen mir
seine Entgegnungen zu tief in seinen Ansichten begründet, waren mir aber
zu äußerlich und schienen mir ihren Grund im Mangel an Glauben,
Zutrauen und Begeisterung zu haben, ohne welche doch nichts Gemeinsa-
mes erstehen kann. Er hat mir freundschaftlich vor einiger Zeit seine
neueste Schrift: - „Das Böse im Einklange der Weltordnung“ – über-
sandt. Bey dem sehr viel Guten, welches es für mich enthält, so fürchte /
[19R]
ich dennoch daß er seine Hoffnung – es möchte als ein Fundamentalwerk eines
neuen Wissens, der Wissenschaft und des Lebens anerkannt werden,
welche Hoffnung er im Buche selbst bestimmt und noch gesteigerter aus-
spricht – nicht erfüllt sehen wird. Ich glaube seine Darstellung und seine
Auflösung des Bösen wird ihm in letzter Beziehung und im Wesentlichen
der Sache von keiner Parthei, weder von der schwarzen noch von der wei-
ßen Fahne Freunde gewinnen. Er hat meine Meinung über das Buch
gefordert, was soll ich sagen? – was ich sagen würde, würde ihm ohne Zwei-
fel als das Urtheil eines nicht genug eindringenden und eingedrungenen
Geistes, ein Zeichen meiner Unkunde seyn; und er könnte wohl recht
haben, nun aber kann darum ihm auch mein Urtheil doch nichts helfen,
deßhalb ich mich auch bis jetzt noch dessen enthalten. Aber Ihr Urtheil
über das Buch möchte ich wohl hören; ich bin überzeugt Sie würden es in wenige
Worte fassen.
So lebe ich denn, wie aus alle diesem Ihnen klar hervorgehen wird, nur
mit Wenigen unmittelbar mit mir verbundenen ein inniges und lebendi-
ges, erzeugendes und pflegendes Wechselleben.
Nun wäre eigentlich Ihr lieber Brief mit seinen ihn begleitenden freund-
lichen Gaben zu beantworten übrig; aber leider ist es mir unmöglich
dieser Anforderung jetzt und dießmal zu genügen. Es schien mir unmög-
lich diese Anforderung
nöthig mich Ihnen in meinem Eingewurzeltseyn
im praktischen Leben vorzuführen, wenn anders durch unser gegenseitiges
uns-Finden die Blüthen sprießen und die Früchte reifen sollen, die mein
Gemüth als möglich ahnet, und so ist mir denn die Zeit zerflossen, die ich
dem Lebensgedränge zu diesem Briefe wirklich ablisten, abraffen mußte; /
[20]
darum ist er auch unter unsäglichen Unterbrechungen geschrieben, wovon er
in jeder Zeile das Gepräge an der Stirne trägt und deßhalb vielseitig um
Nachsicht bitten muß. Sollte aber dieser Brief keine Trennung, im Gegentheil
noch größere Näherung zwischen uns bewirken, so komme ich nun recht bald wieder
schriftlich, ja wenn ich gewiß weiß, daß ich Sie noch in Göttingen treffe, wohl gar
persönlich nach Göttingen und dann zu Ihnen. Deßhalb, sollte Ihnen auch jetzt
im Drange des Lebens und der Geschäfte nicht möglich seyn mir, was ich sonst
wohl ersehne, irgend eine briefliche Mittheilung zu machen, so bitte ich Sie doch
mir gefälligst nur mit zwei Worten zu melden ob und wann ich Sie noch in
Göttingen treffen könnte. Führt eine Sommerreise Sie durch die hiesige Ge-
gend – (wir wohnen nur eine Stunde von Rudolstadt westlich, nur 1 Stunde von
dem oft gerühmten Thale der Schwarza nördlich und von Schwarzburg selbst 3
Stunden nordöstlich; von den so viel genannten und besuchten Ruinen
des Klosters Paulincelle 3 Stunden östlich) - so würde es mir und den
mit mir Geeinten, besonders dem Langethal und Middendorff große
Freude machen, wenn Sie bey uns vorsprechen und noch größere, wenn Sie
einige Zeit bey uns verweilen wollten.
Würde aber persönliches Sprechen uns in diesem Jahre nicht möglich
werden, so würde ich, wenn es Ihnen gelegen seyn sollte, den Vorschlag
machen daß wir in Zukunft alle 4,6 oder 8 Wochen uns
schriftlich gegenseitig uns mittheilten.
In Beziehung auf Ihre, in Ihrem System der Philosophie ausgesprochene
Sprachansicht jetzt nur so viel, daß in der Allgemeinheit, in welcher ich
sie bis jetzt nur auffassen konnte – (wie wohl auch schon aus der Ge-
sammtheit meiner Mittheilung hervorgeht) – ganz dem entspricht /
[20R]
was auch ich seit Langem als höchste Sprachansicht in mir trage, be-
arbeite und auch in unserem Sprach- und Sprechunterricht, so weit es
möglich ist, in Anwendung bringe. Erlaubt es mir darum Ihr Gegen-
brief, um welchen ich herzlich bitte, so theile ich Ihnen in meinem nächsten Brief
über meine Darstellung oder mit Ihrer richtigen Darzeichnung der Sprach-
begriffe durch Verknüpfung der Wortbestandtheile (Buchstaben), deren
jeder mir einen Urbegriff bezeichnet – das mir wesentlichste mit.
Ich hatte mir zwar vorgenommen Ihnen etwas darüber aus-
zusprechen, wie ich Ihr Verhältniß zu den Wissenden der Zeit und
der Einwirkung Ihres philosophischen Erkennens auf die Zeit-
bildung sehe; doch jetzt sey es genug und geht auch wohl so schon
aus dem bisher von mir Ausgesprochenen hervor; darum wie ich hoffe
und wünsche bis auf ein baldiges wenigstens schriftliches Wieder-
sehen von Ihnen, Ihnen ein herzliches Lebewohl und die freundschaft-
lichsten Grüße von meinen Freunden.
Mit inniger Hochachtung und Liebe bleibend
Geschlossen am 2ten Juny 28.
Der Ihrige

Am 17ten Juni 28. Da sich die Absendung dieser Zeilen gegen mei-
nen Willen wieder verspätet hat, so will ich den noch übrigen
Raum des Papiers, so wie den noch übrigen der Zeit bis zum
nächsten Postenabgang doch nicht unbenutzt vorübergehen lassen,
sondern Ihnen weiter unbefangen, fragmentarisch und unvoll-
kommen, wie es mir nur so eben die freyen Augenblicke des Lebens /
[21]
vergönnen, dasjenige mittheilen, was mich gerade in diesen Tagen durch die
gesammten Lebens- und Welterscheinungen wieder geweckt, wieder
lebhaft beschäftigte und beschäftigt.
In einigen meiner frühern Anzeigeschriftchen, besonders in der von
1822 habe ich mit Bestimmtheit ausgesprochen, wie ich erkenne, daß
wir jetzt in einer ganz gleichen neuen Weltepoche leben, wie die war,
welche zu den Zeiten Jesu statt fand, nur wie immer wieder bey
der Gleichheit bey Zwey Selbstständigen, von dem einenden Puncte
aus rein entgegengesetzt. Die tiefe Weltgeschichtliche Begründunget-
heit dieser Wahrheit tritt mir nun durch die Lebens- und Welter-
scheinungen täglich immer lebhafter entgegen und ich halte darum
ihr recht klares Erkennen und dann ganz besonders das sichere und
unverwandte Darnachleben für den Menschen, zur Darlebung seines,
ja für die gesammte Menschheit zur Darlebung ihres Wesens für Voll-
endung über alles wichtig. Ich erkenne diese Wahrheit so:
Wie alle Dinge ihr Wesen in Dignitätenreichen-ähnlichen Pro-
gressionen darleben, so kommt auch der Mensch oder was gleich
ist die Menschheit in den Dignitäten ähnlichen Stufen zum Be-
wußtseyn seynes oder ihres Wesens, durch eine diesen Dignitäten
ähnliche Darlebung des Wesens; jede Stufe oder Dignität des Bewußtseyns
oder des Bewußtwerdens des Menschen erzeugt eine ganz
neue Ansicht aller Dinge, und eine ganz neue Einsicht in das Wesen
aller Dinge, eine ganz neue Weltanschauung, ganz neue We-
sensSchauung, und so – vom Innern des Menschen aus: gleich-
sam eine neue Weltschöpfung. Ich erkenne also drey große /
[21R]
Weltschöpfungsperioden im Innern des Menschen, d.i.: drey große,
die gesammte Weltansicht aller Dinge, also auch das gesammte inne-
re und äußere Leben und alle sich darauf beziehenden Verhältnisse
derselben umwandelnde, so die Dinge neu gestaltende und darum die Welt
gleichsam neu schaffende[n] – Entwicklungsperioden des sich bewußtwer-
denden Menschen, der sich bewußt werdenden Menschheit: - in jeder
dieser drei großen Entwicklungsperioden erscheint jedes Ding in einem
ganz neuem Lichte, in erhöheter Dignität und so selbst als ein neuge-
schaffenes; die Welt- Erd- und Menschenschöpfungsgeschichte ist der
Anfangspunct der Geschichte des sich bewußtwerdenden und bezugsweise
bewußtgewordenen Menschen: - In diesem ersten Erkennungsmoment -
in dieser ersten Erkennungsperiode, erscheint dem Menschen alles ein-
zeln, jedes für sich allein stehend und dastehend, wenn auch ja äußer-
lich in einer gewissen Beziehung durch Stoff und Form verknüpft (Fleisch
von Fleisch, Bein von Bein) dennoch innerlich unverknüpft, und darum
nur als Äußerliches, als Körperliches, Leibliches, Räumliches; das
Daseyn ist der Beweis des Seyns, das erscheinende Leben, die Lebens-
erscheinung wird genommen als das Leben an sich; das Medium
des Wirkens ist = dem Wirkenden an sich. Im Äußerlichen und
Einzelnen ruht dem Betrachtenden nur das Bestehen aller Dinge;
wenn auch eine sehr laute doch nur momentane, einzelstehende
und darum unverständliche unklare Mahnung einen stetigern Zusam-
menhang aller Dinge ahnen läßt, so vernichtet doch jene äußere und
Einzelansicht diese Ahnung des inner[n] lebendigen Zusammenhanges, und was
auch später gleich einer Markröhre unkenntlich und im dunkeln
Hintergrund von jener Ahnung sich noch durch das Ganze hindurch
ziehen mag, so tritt Wesen zwar als der erste Grund aller Dinge /
[22]
aber in Contrast und Widerspruch mit demselben auf. Zeit der er-
sten Weltansicht, Weltschöpfungsansicht wie uns solche Moses Schriften
aufbewahren: das ist der erste Act des eintretenden und eingetretenen
Bewußtwerdens im Menschen – Adam, erster sich in seiner
Einzelheit (Räumlichkeit und Leiblichkeit) bewußt gewordener, aus
dem Schlaf des Instinktes erwachter Mensch, eigentlich erster Mensch.
In dem zweiten Erkennungsmoment, in der zweiten Erkennens-
periode des sich bewußt werdenden Menschen wird die zuerst wenn auch
lebhaft doch nur dunkel geahnete, wenn auch lebhaft aufgeflammte
doch ebenso schnell und im Moment verloschenen Ahnung des innern Zu-
sammenhanges alles Lebens in der und durch die Einheit – wieder, nicht
vorübergehend sondern bleibend lebendig und klar empfunden und so
klar erkannt; ja das Ruhen alles Einzellebigen und das Leben jedes
Selbwesens und Daseyenden im Seyn und Wesen an sich: in Gott wird
wahrhaft geschaut, darum Bewußtwerden des Göttlichen in allen
Dingen, Erkennen des Einsseyns aller Dinge durch und in Gott, das Be-
stehen aller Dinge in, durch und mit Gott, und so, solches Sich-
bewußtwerden des dieß Erkennenden und Schauenden zuerst
und vorwaltend in und an sich: -Zeit der Erneuung der Weltschö-
pfung im Innern des Menschen, durch die Durchleuchtung des Gött-
lichen, durch die Durchstrahlung, Durchlichtung des Göttlichen durch die Din-
ge: Zeit der erneuten Weltschöpfung durch die gänzliche Einigung
in und mit dem Göttlichen: Gott, d.i. Zeit des zweiten Actes der
sich bewußtwerdenden Menschheit in und durch ein Individuum.
Zeit des Schauens aller Dinge im Göttlichen Lichte, im Ruhen in
in [2x] Einigung mit Gott: Jesus erstes, sich seines uranfänglichen /
[22R]
Zusammenhanges und Einigung mit Gott, seines ewigen Urgrundes
in Gott und seines ewigen seeligen Gemein- und Wechsellebens in
Gott und Wirkens durch und mit Gott, klar bewußtes Erden-
Menschheits- einzelwesen, und in diesem Bewußtseyn lebendes und
wirkendes Wesen.
Dritter und letzter Erkennensmoment, dritte und letzte Erken-
nensperiode der Menschheitsentwicklung der sich bewußt geworde-
nen Menschheit: - Nicht das äußerliche, Räumliche, Körper- und
leibliche Daseyn, nicht das Einzeldaseyn genügt dem Menschenwesen,
dem Menschheitswesen, nicht das Daseyn als Einzelwesen nach der Welt-
und Erdansicht Adams, der Welt- und Schöpfungsansicht wie sie uns
die Schriften Moses vorführen; Nicht das Aufheben und Vernichten des nur
Äußerlichen und Einzeldaseyns jedes Dinges und des Einigen jedes We-
sens mit, das Aufnehmen jedes Wesens in der Einheit an sich, im Wesen,
in Gott, nach dem bis jetzt errungenen Grade der Einsicht in die Weltan-
sicht Jesu, nach dem Grade so weit die Weltansicht Jesus bis jetzt
erkannt und entwickelt wurde, auch nicht dieß genügt der Mensch-
heit, dem nach Gottes Bilde geschaffenen Menschen, genügt der
Menschheit die sogar in ihren Gliedern vollkommen seyn soll wie der
Vater im Himmel. Darum nicht das eine, nicht das äußerliche Allein[-]
und Einzelstehen, und nicht das andere, das Aufgehen alles Selbsti-
gen und Einzelnen im Ganzen und in der Einheit genügt der
Menschheit auf der jetzigen Stufe der Entwicklung ihres We-
sens, sondern was die jetzige Entwicklungsstufe des Menschheits- /
[23]
Wesens genügt ist die innigste Einigung von beyden in gegenseitiger Durchdringung,
in gegenseitiger Begründetheit. Das Menschheitswesen sucht und strebt im
Ganzen wie in jedem einzelnen Menschen auf dieser 3en Entwicklungsstufe
Wesens einmal als ein Wesen zu ruhen im Wesen an sich, sein Leben
zu haben im Leben des Einigen, der Mensch strebt bleibend in Gott, durch
Gott und bleibend mit Gott zu leben; dann sucht und strebt das Menschheitswesen
in jedem Einzelmenschen als Ein Wesen, als das bestimmte Einzelwesen
zu bestehen; das Menschheitswesen strebt und sucht auf der jetzigen Stufe
seiner Wesensentwicklung, und Wesensdarlebung zugleich in Gott, durch
und mit Gott als Gottlebiges, Gottinniges, und auch zugleich – in,
mit u. durch sich, als selblebiges, innwesiges Wesen zu leben:
Nur das Zugleich des Bestehens als eigen- und selblebiges Wesen, beym
Aufgehen in Gott als Gottlebiges Wesen, nur einzig dieß ist es,
was der Menschheit auf der jetzigen Entwicklung und Darlebung ihres
Wesens genügt.
In diesem dritten jetzt eintretenden und eingetretenen Erkennensmo-
ment, in dieser dritten eben eingetretenen und eintretenden Erkennensperio-
de des sich bewußtwerdenden Menschen wird jedes Ding 1ens als daseyend,
2tens als in und durch Wesen daseyend und seyend, lebend, u. 3ens
als selb- u. eigenlebig daseyend erkannt und so wird das erstlich dun-
kel Geahnte, zweytens lebhaft empfundene, - drittens klar im Gei-
ste angeschaut: - Zeit der Erneuung der Weltschöpfung im Innern des
Menschen durch das Zugleich der Gott- u. selblebigkeit, durch das Zugleich
des Selb- und Eigenleben und Gottleben d.i. Zeit des dritten Actes der sich
bewußtwerdenden Menschheit, eingetreten und eintretend in der jetzigen Zeit. /
[23R]
Wegen dieser jetzigen Stufe der Menschheitswesen-Entwicklung sehen wir die Er-
scheinungen um uns, und das Streben der Menschen um uns im Großen und Allgemei-
nen in zwey große Haufen getheilt: - Der Eine sucht das Selbststehen, das Selbsleben
ohne in Einheit und Einigung mit Gott zu leben – äußeres Streben des Men-
schen - , er sucht stets und findet nie, er hat das Schicksal des Tantalus und Si-
syphus - der Andere sucht die Einigung, das Einsseyn mit der Einheit, dem We-
sen mit Gott in der Vernichtung und Aufheben des Selb- und Eigenlebens, des Selb-
und Eigenwesens, aber dieser kämpft den Kampf nicht der hundert[-] sondern tausend-
köpfigen Hydra, denn das Selb- und Eigenleben jedes Wesens ist im Wesen selbst
begründet, wird durch dasselbe nothwendig gefordert; so kommen denn darum bey-
de Partheien jetzt nicht mehr zum Ziele, wie sie eigentlich nie zum Ziele
kamen; die menschheit auf ihrer jetzigen Entwicklungs- und Darlebungs-
Stufe Wesens sträubt sich geradezu gegen beyde. Zwischen beyden nun ruht
die Wahrheit oder vielmehr beyde einend ist die Wahrheit.
Die verschiedenen Erkennungsstufen des sich bewußtwerdenden Eigen-
leben, Selbwesen: (Menschheit Mensch) oder die Stufen der innern Welt-
ansicht (Weltschöpfung) jedes Selbwesen sind darum 3fach, aber auch
in dieser 3fachheit beschlossen; wie dieß so eben ausgesprochen und
dargelegt wurde.
Die erste Weltansicht ist die der innern Weltschöpfung:
Da aber das Wahrnehmen, sehen des nur (äußerlich) Daseyns, des
nur Einzeldaseyns ängstigt, da die Kenntniß des Lebens, als ein
nur äußerliches, körperliches, leibliches, endliches drückt und Furcht bringt,
und da jedoch eine wenn auch noch so dunkle, doch nie zu beschwichtigende
Ahnung dem Menschen sagt, daß diese Ansicht des nur Getrenntseyns,
des nur äußerlich und Endlich-Seyns aller Dinge, nicht die rechte, nicht /
[24]
die wahre sey, so fordert dieses zwiespältige, wiedersprechende Leben – Er-
lösung von Druck, Angst, Furcht und von alle dem, was die Unholde erzeu-
gen, fordert Erlösung, Aussöhnung.
Die zweyte Weltansicht ist die, der innern Welterlösung.
Denn jedem Dinge kommt Erlösung und Aussöhnung mit Widerspruch,
Zwiespalt; von Furcht, Angst, Druck, Noth, Tod kommt Leben durch die
Erkenntniß des Ruhens im Wesen, in Gott, des Lebens und Wesens in,
durch und mit Gott. Jedes Bewußte strebt darum aufzugehen, sein
endliches Daseyn hin- und aufzugeben im Einigen, Einen; aber jedes Wesen
ist ein selbstständiger, eigenlebiger Gottgedanke, und so ist jedes Wesen
ein Selb- und Eigenlebiges Wesen, jedes Wesen trägt Gottes Wesen
an sich, obgleich geschaffen von, hervorgegangen aus, und begründet
in Gott, so und darum, als nach dem Bilde Gottes geschaffen kann
kein Wesen sein Selbwesen, sein Selb- und Eigenleben aufgeben, es
ist dieß schlechterdings unmöglich, und so muß jedes eigenlebige
Wesen, und so von allen der sich selbst und so Wesen vernommene
Mensch
, wie in Gott leben und ruhen, sich zugleich als ein Selbiges,
Eigenlebiges Wesen schauen und erkennen: es muß wie als Glied
eines Ganzen (Auge, Seh, Seele :) schauen und erkennen; es muß sich so erkennen
und schauen als ein vollkommen gesundes, also vollkommen heiles
als ein das Heile, Heil in seiner Wesenheit Darstellendes also heiliges
Wesen (Heilig d.i. in sich einig pp. mit Gott, vollkommen aber soll
der Mensch seyn wie sein Vater :) /
[24R]
Die dritte Stufe der innern Weltschöpfung
(der Weltschöpfung vom Menschen aus) ist also die der Weltheiligung.
Und diese Stufe fordert jetzt die Wesenentwicklung des Menschen,
sie hat begonnen (: Nach den Erkenntnißstufen folgen die Darle-
bungsstufen :)
Adam verkündigte den Dingen ihr Daseyn
   er (erkannte) nannte sie.
Jesus verkündigte den Dingen ihr Seyn in dem Wesen,
durch und in einem liebenden Vater
er (versöhnte) erlösete sie.
  Geist verkündigt den Dingen das Zugleich ihres Seyn[s] in
  Gott, ihres Gottinnenseyns, ihres Gott- und Selblebens,
  also ihr Ganzseyn, ihr heilig seyn,
  er heiligt sie[.]
In dieser dreifachen Weltansicht ist die innere Weltschöpfung
vom Menschen aus vollendet und der Welt Freude und
Friede, so Heil gebracht. Die nun kommende Zeit, ist wie
immer wieder in sich zweifach, einmal dem Schauen und Erschau-
en der 3en Stufe hingegeben, sollte aber eigentlich dem
Nachleben nach den Forderungen der 3en Stufe gewidmet seyn. Die-
se letztere bringt die Zeit des Friedens, ist die Zeit des zur Erde
kommenden Gottesreiches, ist die Zeit, wo alles erscheint, wo alles
ist was der Geist bis jetzt noch erbat, täglich noch erbittet in dem
allerfassenden Gebet, denn bey Einigung mit Gott ist (verstehen /
[25]
Sie mich aber ja nicht falsch) Einigung mit der Natur, bey
Aussöhnung mit Gott ist (ich wiederhole, was ich eben sagte) Aus-
söhnung mit der Natur, welches beyde der Mensch suchte und
bedarf. -
In dem nun eben Ausgesprochenen sind nun auch zugleich die
Elemente und Momente der menschengenügenden, men-
schenwürdigen Menschenerziehung und des gleichartigen Men-
schenunterrichts – meiner Erziehungs- Unterrichts- und
Lehrgrundsätze pp pp gegeben.
Und so haben Sie denn hiermit auch mein eigenstes und
innerstes Leben; lassen Sie mich bald in brüderlicher Er-
widerung wieder etwas von dem Ihrigen vernehmen.
Mit hochachtendem und liebenden Gruß immer derselbe.