Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an E. Leo Blumberg in Berlin v. 6.10.1828 (Keilhau)


F. an E. Leo Blumberg in Berlin v. 6.10.1828 (Keilhau)
(BN 386, Bl 7-9, dat. Entwurf 1 B 4°2 ½ S.+ 1 Bl 8° 1 ½ S. Der verwendete Bogen enthält zunächst Brief Blumbergs an F. vom 17.9.1828; das Blatt enthielt zunächst Reinschrift des Briefs F.s. an die Redaktion der "<Neuen> Monatsschrift für Deutschland" in Berlin v. 12.8.1827.- Handschrift des Entwurfs mglw. Middendorff)

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  Keilhau den 6.Oct.28

Hochgeehrter Herr u Freund !

So ist denn nun Alles zur morgenden Abreise u zum Abgang Ihres Sohnes Louis von
hier bereit. Ich läugne es nicht, d[a]ß ich denselben in Beziehung auf sein gar zu leichtes inneres
Wesen, welches sich immer von neuem wieder, ausspricht, nur mit schwerem Herzen von hier
scheiden lasse. Es ist dieß in d[ie]ser Beziehung der zweyte. Möchte meine Sorge wie bey dem ersten
sich in Zufried[en]h[eit] nun verkehr[en], u er gleich jenen mit d[em] festen Vorsatze von hier gehen, nun durch
Selbsterziehung das zu werden, was er versäumte durch die
daß [sc.: das] Mißtrauen Anderer in
seine sittl[iche] Kraft durch ernste Selbsterziehung u die geringe Meinung von derselben
seinem Charakter durch treue u ernste Selbsterziehung <nöth[i]g> zu Schanden zu machen.
Es ist dieß um so nöthiger, als sein Leben sich ganz anders gewandt hat, als er u wir
erwarteten u er sich von Neuem nach Ihrer Mittheilung zu der mehr innern sprachl[ichen] und somit mehr
Gelehrten u Bildung als zum practischen darstellenden Leben u Wirken hinwenden muß, welchem erste-
ren seine Natur so sehr entgegenzustreben scheint; denn nur mit der größten Mühe
konnte er z u Gewalt konnte er zu alle dem was Sprache u mehr geistige An-
strengu[n]g fordert, (angehalten) <hingeschickt> festgehalten werden. Louis erfährt dadurch nun
freyl[ich] früh, was dem Menschen im späteren Leben so oft geschieht u wor[au]f ich ihn so
oft aufmerksam gemacht habe d[a]ß eben das Unangenehme u Widrige, welchem
wir gern entfliehen möchten, uns um so mehr ereilt u empfindlicher trifft als
wir ihm entfliehen; u daß dem geringen Unangenehmen entfliehen [zu] wollen
nur ein unbedingtes Entgegenzi[e]hen eines größern u schwereren Unangenehmen ist /
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Möchte er sich von der ersten unangenehmen Erfah[run]g d[ie]ser Art so treffen lassen d[a]ß sie ihm zu-
gleich die letzte wäre. Aber sagen Sie mir geehrtester Herr, war es denn
gar nicht mögl[ich] den Luis auf die polytechnische Schule zu bringen, welches
doch seinem gesammten Wesen u Lebenszweck, meiner Meinung nach über allen Vergleich
u überwiegend besser gewesen wäre.
Mit so sehr schwerem Herzen ich daran gehe, so muß ich Sie doch als treu sorgenden
Vater auf Einiges in Beziehung auf Luis aufmerksam machen. Das erste ist,
sein unbesiegbarer Trieb durch Hervortreten im Äußerl[ichen], Kleidung u.s.w die
Meinung anderer für sich zu gewinnen, u das Bestreben d[ie]sen Trieb auf jede nur
einigermaßen mögl[iche] Weise zu befriedigen. Und es möchte wohl noth seyn frühe
rege Achsamk[ei]t d[arau]f zu haben, d[a]ß er Ihren <Eweht> u Namen nicht dazu mißbrauche.
Ich weiß recht gut d[a]ß d[er] Grund d[ie]ser Eigenschaft in einem ursprüngl[ich] guten Bestreben d[es] Menschen
in d[er] Meinung Anderer nicht zurückzustehen, seinen Grund hat. Möchte nur Luis jenen
Zweck nicht d[urc]h überwiegendes Streben nach außen sond[ern] d[urc]h angestrengten Gebrauch
seiner ihm von Gott wirkl[ich] verliehenen Anlagen zu erlangen [nächstes Wort darüber] erreichen> suchen. Das 2te, was
ich aber <oft> gleichfalls wie d[as] vorige schon in früheren Briefen erwähnt habe, ist sein
leichtes u hingebendes Anschließen an schwa Menschen v. schwacher moral[icher] Kraft
u untergeordnete[r] Bildungsstufe. Es hängt d[ie]ses freyl[ich] mit d[em] Vorigen zusammen. Wer gern
vor andern etwas vor[au]s haben möchte u doch nicht <seine> sittl[iche] u geistige Kraft anstrengen
mag, dieses im Seyn mit u <in> nach dem Bessern zu erreichen, der sucht es d[a]durch
zu erlangen, d[a]ß er um sich einen Kreis untergeordneter um sich versammle, über welche
er dadurch sich erhaben fühlt. Das 3te, was an Luis vorherrschend ist, ist seim [sc.: sein]
Trieb nach Sinnengenuß u beso vor allem wohl Gaumendienst. Denn wenn er mit seinen
Genossen auf das ihn nun erwartende freyere Leben, wie er es sich setzte zu sprechen kam,
so war der Schlußstein d[ie]ses Gesprächs immer wie er nun freyer seinen Gaumen vergnügen könne
u d[ie]ses auch für die andern als Einladung <heraushob>, ihn in Berlin einmal zu besuchen[.]
Hierzu kommt nun freyl[ich] als das übelste, daß Luis jede positive Zucht schnöd zurückweist
indem er Lehre u Ermahnung eben deßhalb keinen Einfluß auf sich verstattet, weil Lehrer u Erzieher ihn dazu ermahnt, wie er selbst
wohl bestimmt ausgesprochen, u bey einge-
tretener Strafe er nun mit Vorbedacht die Forderungen seiner Lehrer u Erzieher unbefriedigt lasse. /
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Auch weist er, wie noch jüngst eine sehr bestimmt Äußerung kund that, in <seinem> Innern <selbst>, jedes Mahnende
zurück, was ihm <dieses> Wort auf den Stand seines Innern u die ernstern Forderungen an
ihn aufmerksam machen kann. 1 Das Resultat von allem diesen ist nun nach m[eine]r Meinung das:
daß Luis nur dann gedeihen kann, wenn er in solche Gesammt äußere verhältnisse kommt, wo
er stetig u un[au]sgesetzt nach Wert u Vorschrift eines Andern äußerl, sichtbar productiv
seyn muß, ohne Zeit übrig zu haben zu bekommen erst lange mit sich darüber zu berathen, ob
es ihm auch wohl bequem sey die an ihn gemachten Forderungen zu erfüllen, also in strenger in ernster fester
Forderung aber nicht harter Forderung <an> u leidschaftl[ich] erregender Behandlung, indem sein
innerer Mensch jeder Anforderung an ihn auszuweichen sucht, u so schlechterdings jede Wort-
lehre bey ihm unfruchtbar macht. Drum wäre es wohl vor allem am gerathensten
gewesen, wenn Luis so gleich u ohne Weiteres in eine äußere Thätigkeit gekommen
wäre. Die Stelle bey H[errn] Koch in Cassel erschien mir nun freyl[ich] vor allem dazu geeignet,
leider habe ich aber bis jetzt [noch] immer weiter keine Nachricht empfangen.
Mögen d[ie]se treuen, den Luis möglichst erfassenden Mittheilungen dazu wesentl[ich] beytragen,
d[a]ß Sie später in ihm ein[en] wacker[en] Sohn u eine treue Stütze finden mögen. Denn wie
ich auf der einen Seite viel, sehr viel für Louis fürchte, so erwarte ich doch gar manches
von ihm, wenn er von neuem in ein ihn ganz erfassendes seiner Willkühr keine Luft
lassendes ihn in unausgesetzter Thätigkeit erhaltendes Leben kommt, welches v. außen ihn
eben so umgiebt wie er es fordert.
Nun zur Beantwortung der von Ihrer so freundschaftl[ichen] Theilnahme wegen Keilhau an mich gethane[n] Frage.
Nach den mir neuerdings wieder gemachten Mittheilungen, so wird mein Vorh[aben] zu dem Herzogl[ichen] Meiningschen
Lande, um demselben, wie schon früher ausgesprochen, die nothwendige Sicherheit zu geben, jetzt d[en] Landständen
zur Berathung vorgelegt werden. Keilhau aber bleibt wie auch schon <aus>gesprochen, mein Eigenthum und
wenigstens der ganze wirtschaftl[iche] Theile des Gehöftes von meinem Bruder u dessen Familie bewohnt.
In wieweit nun aber die Oberen (Häuser) im Besondern der Erziehung gewidmeten Gebäude mehr
noch als jetzt schon der Fall ist leer werden werden, hängt von dem Resultate der Landtagsberathung
u davon ab, ob es mir mögl[ich] werden wird Keilhau als Keilhau in seinem erziehenden Verhältniß
zu dem Publicum und zu denselben zu erhalten, welches nicht nur ich sondern wir alle wünschen
u wozu (wofür) mir jetzt v. Neuem ein neuer <  > u kräftiger Stern <auf>zugehen beginnt. Wie dem nun auch
sey, Sie kennen mein ganzes Locale u können es sich d[ur]ch Luis klar vorführen lassen. Können
Sie nun von den mancherley Räumen, welche mein Haus jetzt zur freyen Dispos[ition] bey mein[em] eingeschränkteren
Wirken darbietet, wie welche nach ihrer Bequemlichkeit finden, so hängt es ganz von Ihnen ab uns Ihre Wünsche
deshalb auszusprechen, und Sie können dann von meiner Frau u mir versichert seyn, d[a]ß wir nach Mög-
lichkeit denselben entgegenkommen. Der Ankauf selbst scheint für gewählte Locale hier, wenn nicht eben ein /
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günstiger Zufall obwaltst [sc.: obwaltet], wie es mir scheint, nicht ganz leicht
zu seyn. Doch fällt mir in d[er] Minute d[es] Nied[er]schreibens ein,
daß mir noch im vorigen Jahre eine vollständige, besonders
schön gelegene Besitz[un]g zum Kauf angeboten wurde, deren
Preis irre ich nicht 20,000 war: doch waren dabey außer
einer mäßigen Pacht besonders auch mehrere Naturalsachen.
Doch ist mir, da ich gar nicht d[arau]f eingehen konnte, das Ganze nicht
mehr gegenwärtig u ich kann meine Angaben nicht verbürgen
doch aber liegt d[as] Gehöfte vorzügl[ich] schön auf einer felsigen
Höhe nächst d[er] Saale eine kleine Stunde über Saalfeld.
Meine Frau Schwiegermutter u[n]d liebe Tante haben es ge-
sehen und auch Luis kennt es. Die Lage u Größe d[er] Zimmer
ist ausgezeichnet, das Gebäude ist ganz massiv. Das
Gute heißt Obernitz u Luis selbst ist es bekannt. Woh[n]u[n]gen
zur Miethe wären vielleicht leichter zu finden. Ich
nenne Reschwitz, Obernitz gegenüber, vielleicht noch
einige andere in hiesiger Gegend bey welchen es auf
eine Anfrage ankäme. Doch möchte ich in Erinnerung d[ie]ser Fälle
etw[as] <nicht> ohne Ihr persönl[iches] Gesehen haben bestimmen, weil alle d[ie]se
Orte auch mannigfaches gegen sich haben. Sollte also irgend einmal
Ihre jetzige Neigung sich verwirkl[ichen] wollen, so werde ich dann <auf> Ihren
Wunsch Ihnen gern genaueres mittheilen, aber auf jeden Fall
aber bleibt Ih[nen] Keilhau für so lange es Ihnen gefällt immer ein Punkt
die hiesigen Localverhältnisse selbst prüfend in Aug[en]schein zu nehmen,
was ja bey dem so bequemen als billigen Postenverkehr so leicht
mögl[ich] ist; u Sie werden uns dann immer auf d[as] Freundlichste
willkommen seyn. So fällt mir eben auch noch ein [, daß näch]sten[s in]
Rudolst[adt] eine ganz neue schon gelegene Straße angelegt wird /
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wo nach Gefallen große u kl[eine]Bauplätze abgegeben u bey d[er] hiesigen
leichten Art zu bauen Gebäude in einem Sommer zum Bewohnen
hergestellt werden. [Text bricht ab]