Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 8.11.1828 (Keilhau)


F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 8.11.1828 (Keilhau)
(BN 583, Bl 15R-16V, datierter Briefentwurf auf 1 B fol. Auf gleichem Bogen Briefentwurf an Nonne v. 9.11.1828 (4. Seite) und vom 30.3.1828 (1. Seite) In BN 203,Bl 63-65V befindet sich eine korrigierte Reinschrift 1 ½ B fol 5 S..)

a) Entwurf

Keilhau am 8ten Novbr 1828.


         Sr Durchlaucht
dem regierenden Herrn Herzog von Meiningen

Der Herr Consistorialrath Dr. Nonne
hatte die Güte, mich in einem Schreiben vom
18n October vor M.8br bey mir (eingegangen am 5en d.M) eingegangen
ist mir als Äußerung Ew
in Betreff einer der
unter dem Schutz Ew. Herzogl Durchl u der höchsten Landesregierung
von mir aus zu errichtenden zu begründenden Volkserziehungsanstalt in der
Nähe Meiningens
in Höchst Ihrem Lande als höchste
Äußerung Ew. Herzogl. Durchlaucht mir auszusprechen:
”Wie Ew. Herzogl. Durchl. die Unterhandlungen in dieser Beziehung
”keineswegs als abgebrochen ansehen, sondern
vielmehr nicht abgeneigt seyen, wenn ich
”Helba, wie aus meiner letzten Darstellung her-
”vorgehe für mich und die Anstalt wählen und vor-
”ziehen sollte das Schloß mit den Gärten
”und einigem Felde einzuräumen u mir für die ersten drey Jahre
” eine Unterstützung an baarem Gelde als jähr-
”lichen Zuschuß auszusetzen."
In Beziehung Gegründet auf diese amtliche Mittheilung des
Herrn Consistorialrathes Dr. Nonne ist es mir Pflicht
Ew. Herzogl Durchl auszusprechen zu erklären: daß wenn vorstehende höchste Äußerung Ew
Herzogl. Durchlaucht Höchst Ihre bestimmte Meinung u
Entschluß enthalte u aussprechen sollte, ich es als
dann, da hierdurch die wesentlichsten Punkte Grundlagen zur
weitern und endlichen völligen Bestimmung Feststellung
der Gesammtbestimmung, welche die Ausführung jenes Werkes d[urc]h sich selbst nöthig macht, gegeben wären, bey weitern für
zu einer baldigen gedeihlichen Begründung u zu freudigem Förderung
Wachsthum des Ganzen als [für] das ersprieslichste hielte machen muß
Die weitere Bestimmung von wenn Ew. Herzogl. Durchlaucht
eine weitere mündliche Erörterung höchstgeneigt
genehmigen swollten.
Sollte es mir so gelungen seyn Ew.
Herzogl. Durchlaucht die eigene Überzeugung zu erkennen u auszusprechen, so würde
ich und sollte sie
würde mir nicht das Gegentheil bekannt werden,
so würde ich es mögl zu machen suchen in den letzten Tagen
dieses Monates oder in den ersten Tagen des künftigen nach Meiningen
zu kommen u wie reisen, Ew. Herzogl Durchl um eine weitere unterthänig um eine mündl Bered[ung]
zu bitten um d[urc]h unmittelbare persönl Mittheilung das zu erwägen,
was unter den vom Schicksal d[urc]h Zeit und Ort gegebenen u best einwirkenden Umständen zur Be-
gründung eines für d[en] Einzelnen u für das G[an]ze für Gegenwart
u Zukunft bleibend segensreichen Werkes das Beste sey was
zu einem solchen Zweck wirklich zu beginnen u auszuführen, zu erreichen sey
Helba zu besuchen. Ich würde auf dieser Hinreise wenn
ich aus der mir mitgetheilten Höchsten Äußerung Ew Herzogl
Durchl. den Schluß ziehen darf daß Ew Herzogl.
Durchl. es nicht genehm seyn würde huldvoll auf dieser
Hinreise Helba besuchen u das Schloß Innere und dessen Umgebung in genauen prüfenden
in Augenschein nehmen um die
dad[urc]h voraussichtl gegebenen Bedingungen u Bestimmungen bey
dem Plane des Ganzen wie sie es für nothwendig
machen in Anschlag zu bringen.
Jedes Unternehmen so klein oder so groß es sey
hat rücksichtl[ich] seines Umkreises in Beziehung auf Zeit u
Ort seiner Ausführung einen sicher u fest bestimmten Punkt in welchem es /
[16V]
weil es einmal in der Zeit angestrebt u ausgesprochen
wurde, auch nothwendig vom G[an]zen gefordert, und ge-
fördert wurde. Ist bey jedem Unternehmen u sey es
noch so groß u scheinbar über alle Kräfte der Unter[-]
nehmenden dieser richtige Zeit Punkt in Beziehung auf Zeit
u Ort gefunden so wächst es gleichsam d[urc]h sich selbst freudig u
fröhli[ch] hervor, so wie im Gegentheil wenn der Unternehmer
auch noch so klug ist u die Kräfte die es unternehmen
verhältniß[mäßig] noch so groß sind, so gelingt es nicht, bringt keine
bleibenden keine wahrhaft segensreichen Früchte wenn Zeit u Ort gegen
den die vom Ganzen kommenden Bestimmungen entgegen sind, und des Menschen
bleibt [sc.. liegt] es eigentlich ob dem vom großen G[an]zen – den von der höchsten Gesammt[-]
leitung der Menschl[ichen] Schicksale bestimmten Ort u Zeit zur Begrün[dun]g u Aus[-]
führung jedes Unternehmens für Menschenwohles zu
erkennen, und eigentl besteht unsere Würde unser menschl Vorzug
besteht <-> darinn die jenen von dem G[an]zen aus gegebenen Bestimmungen gemäß zu
handeln u dann des fruchtbringenden u. segensreichen Erfolgs
gewiß zu seyn. Jedes Unternehmen bringe sey es noch so klein soll es sich für das
Leben wahre Wurzelfassen
muß d[urc]h diedas jedesmalige Gesammtstehen der fruchtend u segensreich
hervorwachsenden
G Menschenentwicklung gefordert werden. Ich
leugne es keinesweges daß ich zu einem Erziehenden Werke
u Unternehmen, zu dem bestimmten erziehenden Werke zu welchem ich
mich in meinem Innern u d[urc]h dies Gesammtstehen der Mensch-
heitsEntwicklung u MenschenEntwicklung d[urc]h die gegenwärtigen gesammten Lebensverhältnisse fest bestimmt u aufgefor[-]
dert angetrieben finde - ich jetzt auch u für das Hervorkeimen u emporwachsen im nächsten Frühjahr alle Umstände
auf das erfreulichste un geeint sehe.
Darin ist mein, selbst mit persönlicher Mühe u Anstrengung ver[-]
knüpftes Nachgehen der Anforderung des Geschickes bestimmt
um wenigstens für mich die Überzeugung zu haben gewinnen, jene
von der höchsten umsichtigsten Leitung der Menschenschicksale ge[-]
gebene Zeit u Ort zum Wirken für Menschheits Entw[icklung]
u Menschenwohl nicht d[urc]h eigene Schuld unbeachtet
gelassen zu haben.
Möchte Ew Herzogl Durchl hierinn alle[s] mein
Handeln, mein Denken u Wollen, ja selbst die schüchterne
Unvollkommenheit desselben der oft der Muth gebricht
dem nachzuleben was von der höchsten Lebensführung be-
stimmt ist das zu ergreifen was von derselben für
Darlebung für Menschen Förderung des Menschenwohl[es] des
Höchsten wie des geringsten gereicht wird – so würde ich
das seltene Glück haben in der Wahrheit u uneigennützigkeit
meines HandDenkens Wollens u Handelns und nur als ein
Diener u Gehülfe eines Jeden u dessen erkannt zu
werden der was an ihm ist [strebt] seiner Stellung u seinen
Verhältnissen nach die reine Menschheit in sich darzuleben
u d[urc]h sich darleben zu machen, in sich u d[urc]h sich beyzutragen die Menschheit
die Menschen seines Kreises u seiner Zeit nach u nach der Menschenwürde
entgegen zu führen, die darzuleben ihr Ziel ist.
Es ist hierin die Wahrheit begründet mit welcher ich ehrerbietig
mich unterzeichne Ew
Ew Herzogl Durchl
unterthänigster

b) korrigierte Reinschrift

Keilhau am 8ten November 1828.

Sr Herzoglichen Durchlaucht
dem regierenden Herzog Bernhard
regierenden Herzoge Bernhard
zu Sachsen[-]Meiningen u Hildburghausen pp
souveränen Fürsten zu Saalfeld

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Der Herr Consistorial Rath Dr. Nonne
hatte die Güte in einem Schreiben
vom 18n Octob. (eingegangen am
5ten d.M) – in Betreff einer unter
dem Schutz Ew. Herzoglichen Durchlaucht
in Höchst Ihrem Lande von mir zu
begründenden Volkserziehungsanstalt
als Höchste Äußerung Ew. Herzogl. Durchl
- mir auszusprechen:
”Wie Ew. Herzogl. Durchl. die Unterhandlungen
“in dieser Beziehung keineswegs als abge-
“brochen ansehen, sondern nicht abgeneigt seyen
“wenn ich Helba, wie aus meiner letzten Dar-
“stellung hervorgehe, für mich und die Anstalt
“wählen und vorziehen sollte das Schloß mit
“den Gärten ”und einigem Felde einzuräumen,
“und mir für die ersten drey Jahre eine Un-
“terstützung an baarem Gelde als jährlichen
“Zuschuß auszusetzen." -
[63R]
Gegründet auf diese Mittheilung des
HE ConsistorialRathes Dr. Nonne halte ich
es für Pflicht zu erwidern auszu-
sprechen
, dass, wenn vorstehende Höchste
Äußerung Ew Herzogl. Durchlaucht Höchst
Ihre bestimmte Meynung enthalte u aus-
sprechen sollten, ich es als dann, da hier-
durch die wesentlichsten Grundlagen zur
weitern und endlich völligen Fest-
stellung der Gesammtbestimmung,
welche die Ausführung jenes Werkes
durch sich selbst nöthig macht, gegeben
sind, - für zu einer gedeihlichen Begrün-
dung und zur freudigem Förderung des
Ganzen für das Ersprießlichste machen muß,
wenn Ew. Herzogl. Durchlaucht eine weitere
mündliche Erörterung Höchst geneigt ge-
nehmigen wollten.
Sollte dieß Ew. Herzogl. Durchlaucht
Höchst eigene Überzeugung aussprechen,
und würde mir nicht das Gegentheil
bekannt werden, so würde ich es möglich
zu machen suchen in den letzten Tagen
dieses Monates oder in den ersten Tagen
des künftigen nach Meiningen zu
reisen, Ew. Herzogl Durchl unterthänig
zu bitten, durch unmittelbare persönl
Mittheilung das zu erwägen, was un-
ter den durch Zeit und Ort gegebenen
und einwirkenden Umständen was
zur Begründung eines solchen für
das Ganze und für den Einzelnen, für
Gegenwart u Zukunft gleich segensreichen
Werkes das Beste, was zu einem solchen Zweck
wirkl[ich] zu beginnen, auszuführen u zu erreichen sey[.] /
[64]
Ich würde, wenn ich aus der mir
mitgetheilten Äußerung Ew H. D. den
Schluß ziehen darf daß es Höchst Ihnen
genehm seyn würde, auf dieser Hin-
reise Helba besuchen und mit der vor-
ausgesetzten Erlaubniß Ew. Herz. Durchl.
des Schlosses Innere und dessen Umgebung
in genauer prüfenden Augenschein
nehmen, um die dadurch gegebenen Bedingungen
u Bestimmungen wie sie es nothwendig machen sollten
bey dem Plane des
Ganzen in Anschlag zu bringen. Ich hebe
dieses nochmals heraus, indem ich
keinen Schritt thun möchte der Ew
Herzogl Durchlaucht unangenehm u den Verhältnissen
entgegen seyn möchte wäre[.]
Erlauben mir nun Ew Herz.
Durchlaucht noch huldvollst und hoch-
geneigt Höchst Ihnen hier eine persönl[iche]
Überzeugung von mir aussprechen zu
dürfen, in welcher mein Gesammthandeln
überhaupt, so wie auch das in dem vor-
liegenden bestimmten Fall begründet ist,
um so nach Möglichkeit für das rechte
Verständniß desselben zu wirken.
Jedes Unternehmen so klein oder so
groß es sey, hat rücksichtlich seines
Charakters u seiner Form in Beziehung
auf die Zeit u den Ort seiner Ausführung
einen sichern u festbestimmten Punkt,
in welchem es, weil es einmal in der
Zeit angestrebt u ausgesprochen wurde,
auch nothwendig vom Ganzen gefordert <?>
u gefördert wird. Ist bey irgend einem
Unternehmen, sey es noch so groß u schein-
bar über alle Kräfte der Unternehmenden
dieser richtige Punkt in Beziehung auf Zeit
u Ort, und dadurch zugleich das rechte
Ziel und die sichern Mittel gefunden /
[64R]
so wächst das Unternehmen gleichsam
durch sich selbst freudig u fröhlich hervor
dem Menschen liegt streng genommen
nur ob den vom Gesammt Ganzen, u
von der höchsten Leitung der Menschen
Schicksale aus bestimmten Ort u d. gegebene Zeit
zur Begründung u Ausführung ir-
gend eines Unternehmens für Men-
schenwohl zu erkennen; unser mensch-
liches Verdienst, unsere menschl[ichen] Vorzüge
u unsere Würde besteht darin, jenen vom
GesammtGanzen aus gegebenen Bestim-
mungen erkannt und ihnen ganz ge-
mäß u getreu gehandelt zu haben; dann
aber auch des fruchtbringen[den] u. segenreichen
Erfolges gewiß zu seyn. Ich läugne
es darum auch keinesweges, daß
ich zu dem bestimmten erziehenden Werke
einer Volkserziehung, zu welchem
ich mich in meinem Innern durch das
jetzige Gesammtstehen der Menschheits- u
Menschenentwicklung und die gegen-
wärtigen Gesammt-Lebensverhält-
nisse fest bestimmt aufgefordert
u angetrieben finde - ich jetzt auch
für das Hervorkeimen u Emporwachsen
im nächsten Frühjahr alle Umstände
Zeit- Ort- u Lebensverhältnisse auf
das Erfreulichste geeint sehe. Darin ist
mein mit Mühe u Anstrengung ver-
knüpftes Nachgehen u so Erfüllen der
Anforderung des Geschickes begründet
um wenigstens für mich die Über-
zeugung zu gewinnen, jene von der
höchsten u umsichtigsten Leitung der /
[65]
Menschenschicksale gegebene Zeit u Ort
für Menschheitentwicklung u für Men-
schenwohl nicht durch eigene Schuld
unbeachtet u ungewürdigt gelassen
zu haben. Höhere Einsicht und größere
Umsicht kann es anders schauen und
so anders bestimmen, mir bleibt
dann bloß übrig, das Auge für jene
tiefere Einsicht zu schärfen, für jene
größere Umsicht zu bilden.
Möchte Ew Herzogl Durchl hierin
alles mein Handeln, mein Denken
u Wollen, ja selbst die schüchterne
Unvollkommenheit desselben, welcher
oft der Muth gebricht dem nachzuleben
was von der höchsten Lebensführung aus
bestimmt ist, und das zu ergreifen, was
von derselben für Förderung des Menschen-
wohles, - des Höchsten wie des geringsten
gereicht wird, begründet handeln – so würde ich das
seltene Glück haben von Ew Herzogl
Durchl in d Wahrheit u Uneigen-
nützigkeit meines Denkens Wollens
u Handelns, und nur als ein Diener
u Gehülfe eines Jeden u dessen er-
kannt zu werden, der, was an ihm
ist strebt seiner Stelle u seinen Verhältnissen
nach, die reine Menschheit in sich
darzuleben u durch sich darzuleben
zu machen, in sich u durch sich beyzu-
tragen die Menschheit, die Menschen
seines Kreises u seiner Zeit nach u nach
u nach dem von Gott selbst gegebenen
Entwicklungsganze der Menschenwürde
entgegenzuführen, welche darzuleben
ihre Bestimmung u ihr Ziel ist.
Hierin ist auch die Wahrheit begründet,
mit welcher ich mich ehrerbietigst
unterzeichne