Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 14.12.1828 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 14.12.1828 (Keilhau)
(KN 23,14, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. mit irrigem Datum: „Sonntag“,“16.12.“, zit. Kuntze 1924, 6. – Datierung: Der 16.12.1828 war ein Dienstag, der 14.12.1828 ein Sonntag; entweder Datum oder Wochentag falsch. Gründe für "14.12.": . Es ist wahrscheinlicher, daß jemand das Datum verwechselt als den Wochentag. 2. Der Folgebrief von Montag, 15.12.1828 spielt am Anfang und Ende auf einen vorangegangenen Brief an, den F. "gestern" in Rudolstadt abgesandt hat. Daraus folgt: 1. Die abschließende Beratung der Punktation und das zweite Gespräch mit dem Herzog von Meiningen hat am 12.12.1828 stattgefunden. 2. Der Brief in H V, 214f. (nicht an Caroline v. H., sondern an Charlotte von Ahlefeld) dat. nach dem 12.12.1828.)

Keilhau Sonntags den 16 [sc.: 14.] August Decbr
1828.

Mein Barop.

Eiligst Dir nur ein Paar Worte. Vorgestern am Freytag
Nachmittags bin ich von Meiningen zurück. Ich habe aber-
mals den Herzog persönlich gesprochen der wie immer aufs höchste
eingehend war und ich durfte Meiningen nicht wieder
verlassen bis die Hauptpunkte gegenseitig festgesetzt unter-
zeichnet und ausgewechselt waren. Ja! das lieblich gelegene
und wenn auch etwas alterthümliche aber auf das aller[-]
höchste zu unserm Zwecke zweckmäßig gebaute Schloß von
2 Flügeln, der eine zu 120 u der andere zu 100 Fuß Länge
ist wenn die Anstalt eine solche Ausdehnung bedarf der
Anstalt eingeräumt, für den Anfang aber das 2e Stock
des einen Flügels von 120 Fuß Länge u.s.w.
Außer diesem, auf das höchste zweckmäßigen Locale
wird in dem hohen, altdeutschen Dach (:     :) (:welches, wie
Dir ja schon von ähnlich[en] Gebäuden bekannt ist, die Form
eines großen lat: A hat,:) der untere Stock des Boden-
raumes bey a längs dem ganzen Flügel zu einem
vortrefflichen Schlafraum ausgebaut, sowie dann
der Boden b zu einem zweckmäßigen Trockenboden
zum Trocknen der Wäsche benutzt werden kann.
Weiter bekommt die Anstalt zu ihrem Gebrauch den
ganzen sehr geräumigen Schloßhof, die vortrefflich
gelegenen Grabegarten dicht beym Schlosse und einen
großen Gras[-] und Obstgarten, worinn ein Teich welcher
nur ausgegraben zu werden braucht; dann die Benutzung /
[1R]
des lieblichen mit gemischtem aber überwiegend Laub-
holz bewachsenen Schloßberges welcher wie unser
freundlicher Kirschberg gerad nach Süden liegt und
auf welchem man unmittelbar vom Schloßgarten
nächst dem Gebäude hinauf steigen kann. Auch unsere
Zickzackwege und Sammelplätze finden wir dort
schon angebahnt, wieder. Weiter wird auch dem
Ganzen zum wirtschaftlichen Bedarf Feld abgetreten,
so wie alle die Räume welche die Führung einer
solchen Wirthschaft nöthig machen als: Backhaus, Wasch-
haus, Keller. Ich habe dießmal Helba mit Mid-
dendorffen
, welcher mit mir gereist war, zweymal
besucht. Das 2e mal begleitete uns auf Befehl des
Herzogs ein Architekt der sogleich alles aufzeichnete
was die neue Einrichtung auszubauen nöthig macht
und dießer Architekt mußte sogleich eine ganz
allgemeine Angabe des möglichen Betrags der Bau-
kosten machen. Das Ganze Gebäude wird nämlich
auf herzogliche Kosten den Forderungen und Bedürfnissen
der Anstalt gemäß ausgebaut; so wie auch
der Herzog das Ganze in Zukunft auf herzogliche Kosten
dem Bedürfnisse der Anstalt zu folge im baulichen
Zustande erhalten wird.
Weiter bekommt die Anstalt vom Herzoge das nöthige
Brennmaterial und was besonders der Frau lieb ist
größtentheils hartes Holz.
Als jährlicher fixes baarer Zuschuß sind vom /
[2]
Herzoge 1000 bestimmt; er sagte mir wiederkehrend
daß es ihm leid thue jetzt nicht mehr thun zu können,
doch sey es ihm jetzt nicht mögl[ich]. Auch giebt der Herzog
oder der Staat Zöglinge in die Anstalt für welche
er jedoch bezahlt. "Mit dem Frühling" so heißt es
in der schriftlichen Festsetzung, "soll das Ganze die Anstalt ins Leben
treten".
[Einfügung vom Bogeninnern, wohl hierhin:]
Auch einen Beytrag zu den ersten Einrichtungs- und Zugskosten zahlt der Herzog.
Das für mich wichtigste ist aber, die allgemeine deutsche
Erziehungsanstalt bleibt ihren Grundsätzen Ziele u
Zwecke nach völlig unverkürzt bestehen
. Sollten
jedoch Umstände es nöthig machen so wie könnte es viel-
leicht möglich werden auch sie nach dem Meiningschen
zu verpflanzen. Keilhau hingegen als Eigenthum
und Besitzthum aufzugeben, so drängend hoffe ich sollen
nun die Umstände mit Gottes Hilfe nie wieder
werden. Im Gegentheil wird es mir auch bey der größten
Beschwerde u Last doch immer eine liebe Sorge seyn
Keilhau als die Wiege meines Strebens uns für
immer zu erhalten.
Die neue Anstalt wird nach den dem Herzoge
in diesem Frühjahre vorgelegten Plane und Grund-
sätzen ausgeführt und erhält den Namen
einer Volkserziehungsanstalt und ich setze schon
immer hinzu als gehöre es wie Seele u leib zu[-]
sammen deutsche Volkserziehungsanstalt[.]
Du siehst nun lieber Barop daß es vieles gemein[-]
sam zu überlegen u berathen und schnell auszu[-] /
[2R]
führen giebt besonders da ich wünsche daß Keilhau
in seinen Leistungen und in seiner Wirksamkeit von
Ostern an nicht nur nicht zurück sondern wo möglich
wieder verjüngt ins Leben trete.
Keilhau und Helba, oder die deutsche Volkserziehungs
Anstalt und die allgemeine deutsche ErziehungsAnstalt sollen
in einen organischen Verband treten, so daß
Helba gleichsam die Vorschule und Keilhau die
Übungsschule, Gymnasium, die ächt wissenschaftliche
und Kunstanstalt in möglichster Vollkommenheit
werde. Die Zöglinge für Keilhau würde ich jedoch
in Zukunft höchstens auf 20 festsetzen, die sogenannten
Söhne oder Zöglinge der Anstalt ungerechnet. Für
diese Anstalt wünschte ich nun junge geist-
und talentvolle schafflustige Mitarbeiter denen
Wissenschaft u Kunst die schönsten Huldinnen und
Göttinnen des Lebens wären. Einen solchen jungen
Mann wünschte ich für alte Sprachen und Sprache
überhaupt - einen zweyten für Naturwissenschaft
u Mathematik - einen dritten für zeichnende und pla-
stische Kunst; doch bey Sicherung der Lebensbedürfnisse
müßte diesen jungen Männer[n] die Wirksamkeit
für Darlebung reiner u höchster Menschheit das
Höchste seyn. Was mir auch immer möglich werden
würde an jährlichem Gehalt zu geben, das dürfte sie
nicht ziehen sondern die Darstellung und Darlebung
eines Menschenwürdigen Gedankens. Georg Luther /
[3]
ist leider zu früh Orthodox geworden, wie zu frühe Phili-
ster, das Streben seines Groß- und Urahnen Martin
muß ihn erst noch aufgeschlossen werden, deßhalb sage
diesem nichts von meinen Wünschen für d. allgem. deutsche
Erziehungsanstalt, wir müssen jetzt sorglich mit jeder
Anknüpfung seyn und Gott danken daß er alle
Schuppen und Spreu von uns genommen hat. Aber
dem alten Bauer sage, er sey ein Tausendsasa
daß er gar kein Zutrauen zu einer Mitte zu einem
Punkte eines Umkreises und so zu mir habe
fassen können, ob denn je eine ächte Mitte es mit
ihrer Umgebung oder ihrem Umkreise anders als
gut meinen könne?- Wenn er sich nun nicht wie-
der ins Dienstjoch gespannt hätte würde ich ihn ein[-]
laden mein gütiger Freund u treuer Gehülfe zu seyn;
ich würde ihn damit b eine wesentliche Wirksamkeit
in der mir sehr lieben u theuern allgem: deutschen ErzAnst
und so in Keilhau übertragen haben überzeugt daß
er mir ein treuer Gehilfe geworden wäre das
große Ziel u Ideal zu erreichen was von Anbe-
ginn an mit dieser Anstalt meiner Seele vor[-]
schwebt, dazu wäre gekommen daß er von meiner
Tyranney - wenn er, mein festes, in sich gesammeltes
erstes Handeln, das alles A abschneidet was allen
und so am Ende auch jedem Einzelnen wie dem Ganzen
nachtheilig ist - wenn er mein Handeln nicht anders
nennen kann, daß er dann zum großen Teil davon
frey gewesen wäre, weil ich ja größtentheils /
[3R]
in Helba seyn werde. Doch ob Du von alle diesem
dem Bauer etwas sagen willst oder nicht hängt
ganz von Dir ab der Du sein jetziges Stehen
kennst von welchem aber ich, nichts weiß. Auf
jeden Fall aber grüße ihn. So wie auch Georg
und Ernst Luther; dem erstern sage daß ich gar
nicht verstände warum er sich in Rudolstadt
wolle examinieren lassen; dieß könne ihm nach
unser aller Ermessen auch gar nichts nutzen
könne ihm aber nur schaden da es den Anschein habe
als wenn er ein tüchtiges Examen irgend anders[-]
wo scheue. Frage ihn doch was er von Rudolstadt
erwarte und dann soll er sich an den Herrn
Hofprediger Generalsuperintendenten Zeh oder unsern Herrn Pfarrer
wenden und diese fragen was Rudolstadt ihm
zu geben im Stande sey?-
Nun zur Hauptsache dieses Briefes jetzt da er
bald beendet ist.- Eine Frage: - Könntest Du
nicht zu Weyhnachten hier seyn?- "Ich habe
kein Geld" sagst Du; sage es, <wenn> denn gleich -
- Ach 25 Thaler mußt in Berlin bekommen!
Siehe mein Barop! erstlich möchte ich bis zum 1sten
Januar, wo dann alles in Meiningen fest abgeschlossen
wird, gern manches mit Dir bereden; denn es
ist bey weitem schöner wenn man mit seinen
treuen Seelen alles besprochen hat ehe noch
die äußere Form es in einer gewisser Hinsicht
starr macht, wo es im Gegentheil noch im regen /
[4]
lebendigen Fluß ist.- Auch wegen Westphalen
ließe sich Manches bereden.- Auch wenn es Dir
möglich wäre thätig in das Ganze einzugreifen
(:denn Du mußt vor allen mit nach Helba
und Du wirst jauchzen wenn Du in das kleine
versteckte Thälchen in seinem verschämten
Frühlingsgewand dann eintreten wird [sc.: wirst]. Dein
Herz wird sich freuen und wird glücklich seyn
wenn ich Dich einem Fürsten zu führe fast gleichal-
trig wie Du (:28 Jahr alt) durchglüht für
das Höchste ein Mensch, ein Freund, einfach
u sparsam in Wort kräftig u möglich[st] umfassend
in That:)[.] Also auch über den eigentl[ichen] Beginn
des Ganzen könnten wir schon vorläufig bestimmen
denn, wenn ich das Ganze ohne Dich beginnen sollte
so wäre es nur halb begonnen.
Aber auch ein wahres Christkindchen und Christge-
schenk sollst Du mir seyn. Siehst Du ich bin zu
diesen Weyhnachten blutarm; in den nächsten
Tagen ist es und ich habe noch keinen Apfel in [sc.: im]
Hause; nun siehe das machte aber alles nicht[s]
trätest Du als Christkindchen als am Christfest[-]
morgen aus einer grünen Laube hervor -
(:wir werden Wey[h]nachten in der großen u klein[en]
Lehrstube halten weil wir nur sehr wenige
noch sind: 3 Clemens, 2 Pfeiffer, Julius,
Eduard, Johann, Wilhelm, Leopold) - welch
ein Geschenk wäre das für Jung und Alt /
[4R]
für das obere und untere, Haus soll ich Dir
noch namentlich hervorheben für wen
alles??- Da wäre der Oheim u Großva-
ter oder wie Du mich nennen willst mit aller
seiner Armuth vergessen und alle wären
reich, über reich. Kannst Du nicht Geld
zur Her- und Hinreise auftreiben, so siehe
nur daß Du her- kommst ich will dann mögl[ich]
zu machen suchen Dir hier das Geld zur Rückreise
zu verschaffen.
Nun <!> nicht wahr ich bedarf keines Wortes
mehr wenn Du kannst nur einigermassen kannst
mußt Du kommen.- Steige in Dahlendorf bey
dem Herrn Pfarrer ab, schicke mir von dort
einen Bothen. Nachts gehst Du von Dahlendorf
hieher und keine Seele weiß etwas, wie Nie-
mand von diesem Briefe etwas weiß. Grüße
tausendmal Mutter u Tante, trage Sorge
daß sie mich lieb behalten, sage ihnen nun da die
Eisrinde meines Lebens geborsten sey werde ich
auch bald schreiben; auch Malchen grüße. Siehst
Du zufällig Blumberg so sage ihm von nun an könnte
ich die pünktlichste Zahlung meiner Zinsen zusichern. Deiner
wird sehr viel gedacht von mir u all denen die mir u Dir lieb
sind.
Dein FrFr.