Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 19.12.1828 (Keilhau)


F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 19.12.1828 (Keilhau)
(BN 619, Bl 1-10, korr. Entwurf 5 B fol 20 S.)

Keilhau den 19ten Decbr 1828

Durchlauchtigster Herzog,
Gnädigster Fürst und Herr


Ew Herzogl Durchlaucht für das mir
von Höchst Ihnen gewordene Höchste
Zutrauen meinen Dank mit Worten
auszusprechen, würde mir, wenn ich den
Zweck meines Wirkens u Strebens persönlich
und äußerlich schaute, in meine Person
und sich in die sich daran anknüpfenden
Lebensverhältnisse setzte, bey meiner
Sprachungewandtheit eine schwierige
Aufgabe seyn. Doch erhebt mich da der
Gedanke, daß das Zutrauen eben zu
jenen hohen ich möchte sagen, Himmels-
erscheinungen auf der Erde gehört,
deren Pflege durch sich selbst Blüthen
und Früchte des Dankes treibt, die unver-
gänglich ins Unberechenbare fortgehen
und sich immer von Neuem aus sich
selbst erzeugen. Dieß hier (Ausgedrückte)
Ausgesprochene enthält eine Wahrheit
in welcher mein ganzes Leben, und mein
ganzes jetziges Wirken von dem ersten
Moment seines Hervorkeimens bis zu
diesem Augenblick mit der Gesammtheit
seines Erfolgs und seiner Entwicklung seinen
Grund hat. Denn vor nun verflossenen
zwölf Jahren begründete mein jetziges
gesammtes Ew Hochfürstl Durchlaucht
u meinem Volke vorliegend praktisch
erziehende Wirken das kindlich unbe-
fangene Zutrauen zweyer kleinen
oder eigentlich nur nur eines kaum sechs-
jährigen Knaben. Nur dieses von /
[1R]
aller beystimmenden Einwirkung un-
befangene kindliche Zutrauen (was
freylich wieder eine hervorwachsende
Knospe aus meinem festen Zutrauen
zu dem einfachen Natursinn, zu dem
geraden Sinn für das Wahre in Gliedern
meiner Familie hatte) – entwickelte
sich durch einen Zeitraum von zwölf
Jahren hindurch zu solchen Blüthen und
Früchten, daß Höchst Sie Durchlauchtigster
Herzog, mein Wollen u Streben zutrau-
ensvoll (pflegend) schützend u fördernd in Ihr
Land aufnehmen; Oobgleich meine äu-
ßeren Mittel dortmals so in einem
reinen Nichts bestanden, daß ich nicht die
kleinste Reise damit bestreiten konnte und ich
überdieß durch mein Streben recht eigentlich
ganz allein und von allen fördernden
persönlichen Verbindungen abgeschnitten
stand: so wuchs durch die Erziehung
und Pflege des im Ganzen u im Einzelnen
zum Ganzen u Einzelnen ruhenden Zu-
trauens der Kreis zu dem zusammen
und empor, daß wenn ich auch Ew
Herzogl Durchlaucht jetzt als Gegen-
gabe für das mir von Höchst Ihnen
werdende u gewordene Zutrauen
eben so wenig etwas an äußern
Mitteln (bringen) bieten kann als ich dort
besaß, ich doch einen Kreis von Menschen
zu bieten bringen kann habe, dessen dem
es bey größter Einfachheit d Lebens-
forderungen bey zw höchste Lebensauf-
gabe ist reinstes menschliches Zutrauen
gegenseitig in sich zu pflegen, blühend
und fruchtend zu machen u rein
menschliches Zutrauen zu sich und /
[2]
Andern und die Blüthen u Früchte
derselben um sich zu verbreiten.
Darf ich es mit Ew Herzogl Durchlaucht
höchster Erlaubniß wagen mit diesen
Lebensansichten, mit dieser Ansicht
der Entwicklung des Höchsten u Heilig-
sten im Leben einen Blick auf die
Entwicklungsgeschichte Höchst Ihres
Landes und des freudigen u geistig
kräftigen Aufblüh u Fortblühens
zu werfen, so glaube ich nicht
zweifeln zu dürfen, daß Höchst
Sie Durchlauchtigster Herzog mit
mir davon den Grund in dem hohen
u rein menschl Zutrauen finden
werden, welches Höchst Ihr bleibend
(als) verehrter Durchlauchtigster Vater
zwischen Fürst und Volk hervorzu-
rufen wußte und welches Ew Herz.
Durchlaucht so väterlich pflegend
fortentwickelten und sorgsam be-
festigten.
Der Glaube an Gott heißt in Be-
ziehung auf die Menschen Zutrauen
zu den Menschen, und reden wir
von einem Glauben an die Menschen
so sprechen wir in derselben Beziehung
von einem Vertrauen auf Gott.
Glauben Vertrauen unter u zwischen
den Menschen, Zutrauen zu den Menschen
ist die unversiegbare Quelle oder wenn man
[es] (reiner) lieber will, d Fundament alles
dessen, was des Menschen Herz Höchstes
und Reinstes ersehnt, was der Mensch
zuals ein zu einer steigenden Vervollkomm-
nung bestimmtes geistiges Wesen bedarf. /
[2R]
Daher setze ich in die Herstellung des
menschlichen Zutrauens zu sich nur einzig die wahre
Quelle und die Mittel zur Erreichung
alles dessen, was der Mensch in den
unzählig vielfachen Lebensbeziehungen
jetzt bedarf noththut und die einstige Beseiti-
gung alles dessen, was den Menschen
jetzt sichtbar u unsichtbar hemmt,
drückt und fesselt; ja wie die viel-
fachen widrigen Lebenserscheinungen
ihrem innersten letzten Grunde nach meinem
Innern im Geiste vorliegen, so ist der Zweck
der liebend leitenden Vorsehung dabey nur der,
daß der Mensch wieder Zutrauen
zu Gott als seinem Vater, zur
Natur als seiner Mutter u Gottes
Dienerin, zu den Menschen als seinen
Brüdern und zu sich selbst als einem
Kinde Gottes fassen soll. Es ist dieß
so einfach und scheint doch so schwer;
denn wir sehen ganze Völker wie die
einze[l]nsten Menschen unter den härtesten
und herbsten Lebensschicksalen diese Ab-
sicht der Vorsehtung nicht verstehen;
daher der Ausdruck des vielen zweck-
und ziellosen Umherirrens u Ängstigens
im Leben. Den Menschen nun zu jenem
Mittelpunkte alles wahren Lebens, zum
Verständniß der Lebenserscheinungen
und Lebensschicksale zu führen ist der
eigentliche Mittelpunkt meines erzie-
henden Wirkens und wird auch der
Mittelpunkt (des erziehenden Wirkens),
und bis in das Allereinzelnste hin
der Zweck u d Absicht des erziehenden Wirkens seyn, das sich /
[3]
2.[Bogen] das sich gegründet auf Ew Herzogl
Durchlaucht Zutrauen und im festen
Vertrauen auf den Einen Gottesgeist,
der in Allem wirkt und durch Alles
sich kundthut, wo Kraft u Leben sich
ausspricht, in Helba jetzt zu entfalten strebt.
Für ein solches Wirken
das Verständniß u die Theilnahme
meines Volkes zu gewinnen, war
die Absicht von meiner ersten Anzeige-
schrift von meinem Wirken. Und sollten
Ew Herzogl Durchlaucht derselben auch
schon früher vielleicht einen Blick einige Aufmerk-
samkeit geschenkt haben, so wage ich
es doch, diese Schrift hier bey zu legen [Rand:] Anlage 1. Seite 18-25
und ich würde höchst erfreut seyn,
wenn Ew Herz. Durchl das von mir
dort über das gegenseitige Zutrauen
u über die Erziehung dafür im Volk
Ausgesprochene wieder einiger Auf-
merksamkeit schenken würdigen wollten; viel-
leicht würde möchte sich dann manches einer
lebendigen Bedeutsamkeit besonders in
unmittelbarer Beziehung auf Helba
erfreuen, weil es von einer andern
und von der innersten Seite her
zugleich das Ziel bezeichnen würde,
was mir bey der Führung derselben
immer vor Augen seyn wird.
Denn wird nur erst auch in der klein-
sten Anzahl von Menschen wahres u.
wechselseitiges Zutrauen unter sich u
zu Allem Höhern u Höchsten im Leben
wirkl erscheinen, so wird dadurch die
Bedingung gegeben seyn, daß auch den
Menschen in der Gesammtheit ein neues,
das neue Leben erscheinen wird, was
sie größtentheils so unbewußt als dunkel
und darum auf tausend Irr- u Wirrwegen
anstreben. Und so ist demnach
Und dieß so d solche wie Zutrauen, Menschenzutrauen wie das
Ziel und der Zweck meines u dieses jedes wahren und besonders
erziehenden Wirkens für Menschenwohl u Menschenheil
wie
so auch des Zutrauens dessen Erringung das nur einzige unfehl-
bare Mittel zur (Erreichung) Gewinnung desselben (reinen Zweckes), so wie
überhaupt jedes zu Erreichende u Darzustellende
wenn es zu erreichen u darzustellen mögl werden
soll, immer zugleich Mittel u Zweck seyn muß.
Wollten überdieß Ew Herzogl
Durchlaucht gnädigst das zu Eingang dieser
Schrift dortmals in Beziehung auf Keilhau
Ausgesprochene nun in Beziehung auf Helba
lesen, so würden Ew Herzogl Durchlaucht
auch zugleicher Zeit zum Voraus ein
Bild von dem Geiste, der Gesinnung u dem innern
Leben des Kreises bekommen, welcher /
[3R]
durch das Zutrauen Ew Herzogl Durch-
laucht dahin verpflanzt dort für
die Verwirklichung ächt deutscher
Volkserziehung wirken wird und
ich wünschte wenigstens, daß Ew
Herzogl Durchlaucht nichts mehr als
nur ein einfaches aber in Liebe und
Zutrauen bestehendes Wirken dort
erwarten mögen.
Es ist mir mehrseitig ausgesprochen
worden, daß nicht allein ich, sondern
auch die übrigen Glieder meines Hauses
sich eines völligen Gekanntseyns von Ew
Herzogl Durchl. zu erfreuen haben.
Es kann mir dieß nicht anders als höchst
erwünscht seyn nicht etwa als wäre
mein u unser Leben immer ein cry-
stallklares und thautropfenhelles,
sondern weil ich die Überzeugung haben
darf daß bey allen Störungen und Trübungen
des Lebens doch in allen Gliedern nur
ein Ziel u Streben ist das Leben als
ein dargestelltes, als ein möglichst klares
und reines zu gewinnen. Ohngeachtet
aber des mir von Ew Herz. Durchl.

Soweit sich aber auch mein u unser Leben
von Ew Herz. Durchl. erkannt zu seyn er-
freuen mag, so muß ich doch glauben;
daß es noch manche innere Seite desselben
seiner Entwicklung u seinem Geistes nach
gibt, welche Ew Herz. Durchl. wenigstens
nicht ganz in dem Maaße bekannt seyn
können, als die Kunde davon vor mir liegt.
Da ich nun auf das Höchste wünsche, we-
nigstens in dem Wesentlichsten der /
[4]
Entwicklungsgeschichte meines Wir-
kens und besonders in dem letzten
u innersten Ziel u Geist derselben erkannt
wenigstens nicht mißkannt zu
werden, deßhalb so erlaube ich mir in
Hoffnung huldvoller Verzeihung in dieser
Beziehung noch Einiges anzuschließen
zu dürfen. Das erste betrifft die
Entwicklungsgeschichte meines
Wirkens u mein Verhältniß zu
meiner Heimath, meinem engern Vaterlande.
Ew Herz. Durchl konnte es vielleicht
als Schwäche erscheinen, als bey Er-
wähnung meines bisherigen Wirkens in
meinem Vaterland u der Mittheilung
darüber mir Thränen [in] die Augen naß wurden traten.
Der Grund davon ist dieser. – Schon
im Jahre 1807 nahm der Gedanke mich
zur Darstellung u Begründung u Errichtung
einer zeitgem Anstalt für zeitgemäßige
u menschenwürdige Erziehung auszu-
bilden, meine Gesammtthätigkeit in
Anspruch, und sollte diese Anstalt schon
1809 in meinem Vaterlande meiner Heimath in Wirk-
samkeit treten. Doch waren die Hinder-
nisse zur Ausführung dieses Unternehmens
so groß, daß der Gedanke bald nach dem
Entstehen wieder aufgegeben werden mußte.
Und es war dieß auch wohl sehr gut, denn
dem jugendlichen Eifer gieng die ge-
prüfte u reife Erfahrung noch nicht an zur
die Seite. Dagegen führte mich das väter-
liche Walten, um mich meinem Zwecke
entgegenzubilden, einige Jahre (1808-1810) /
[4R]
nach Iferten. Je fühlbarer mir auch
dort immer die Unvollständigkeit mei-
ner eigenen Ausbildung zur Selbst-
darstellung eines erziehenden Zweckes
wurde, so wurde ich doch auf das innigste lebendigste
schon von den ungemeinen Wirkungen
ergriffen, welche die Pestalozzischen
Lehrmittel auf die Entwicklung u Bildung
der menschl. Geisteskräfte äußerten,
daß mich der Gedanke durchglühte, jene
Wirkungen auch in den Schulen meines
Vaterlandes hervorgehen zu sehen, und
ich wagte es dort die angeschlossene
Darstellung [Randnotiz: Anlage 2] der Pestalozzischen Methode
der dortmals als Obervormünder<inn>
regierenden zur Förderung alles Guten
dem Wohl des Landes Ersprießlichen
höchst geneigten Frau Fürstinn Mutter
zu überschicken. Dieß war der erste Schritt
welcher mein erziehendes Streben mit
dem Erziehungs- u Unterrichtswesen in
meinem Vaterlande in Verbindung zu bringen
suchte; denn ich war von jeher der Meinung,
daß jede Bildung des Einzelnen, wie sie
vom Vaterlande ausgesä[ht] gekeimt von demselben
gepflegt worden sey, so diese in ihrer Ausbildung
in ihren Früchten auf dasselbe zurückfließen
müsse. Wie huldvoll u nachsichtsvoll beachtend
jenes mein von reiner Liebe zum Vaterlande
mir eingegebene Streben von der dortmaligen
Frau Regentin aufgenommen wurde, geht
aus dem ebenfalls abschriftl. angeschlossenen Consi-
storialrescript
fürstl Resolution- u Inspectionsbefehl
[Randnotiz: Anlage 3] an einige der vorzüglichsten
Geistlichen im Lande hervor, welche den
höchsten Auftrag empfiengen genannte
meine Darstellung u die Einführung der Pesta-
lozzischen Lehrmethode, namentlich in den /
[5]
3. [Bogen] Landschulen zu prüfen, und über die
Ergebnisse dieser Prüfung Bericht zu er-
statten. Wie diese Berichte im Ganzen
für die Einführung der Pestalozzische[n] Lehr-
weise günstig ausfielen und so mein
Bestreben eingehend aufgenommen wurde
möge nur aus einem Berichte, der mir
über diesen Gegenstand später zufällig
zur Hand kam u den ich mir erlaube hier
in seinem Originalentwurf beyzulegen, [Randnotiz: Anlage 4] her-
vorgehen, nach welchem der Vorschlag ge-
macht wurde einen oder einige der fähig-
sten Schullehrer Candidaten an der Quelle
für diesen Zweck vor- u ausbilden zu lassen.
Mein Streben nichts zu unternehmen,
zu dessen Ausführung nicht die Mittel
in meiner Hand lägen, u der Drang die mir zu meinem
Zweck möglichst wissenschaftliche u besonders
naturhistorische Ausbildung zu geben verschaffen
und ein Tod im Jahr 1813 dann die den
Gebrauch der Jugendkräfte anders
leitenden großen Begebenheiten des
Jahres 1813 u 14 entnahmen mich
ganz der Ausführung jenes Gedankens.
Doch da nun nach diesem ein Jahre langes ausschließen-
des Beschäftigen mit der Natur mir
in den stillwaltenden Naturgesetzen
und der Vollendetheit der Naturgestalten
mir es klar zeigte und lebendig
schauen ließ, was der Mensch als ein
Geschöpf aus Gottes Hand werden
könne und solle, und wie er es werden
könne u müsse, da erwachte in ihrer
ganzen Fülle u Lebendigkeit mein ur-
sprüngliches Streben einer natur- /
[5R]
gemäßen u menschenwürdigen Erziehung
und meine treue Liebe zu meinem
Vaterlande, eine solche Erziehungsweise
in demselben u an einem Theile seiner Ju-
gend auszuführen. Die nachsichtsvolle
Aufnahme des früh von mir gewollten
Unvollkommnen machten mich hoffend,
daß das nun durch gründl Studium, Er-
fahrung u mehrseitiger Anwendung Ge-
prüfte im Vaterlande gewiß eine solche
fördernde Unterstützung finden würde,
die es zu seiner Darlebung bedürfe,
besonders wenn es mit den sich später
zu diesem Zweck mit mir vereinten
Gliedern es sich zum Gesetz mache erst
klar die Früchte des Wirkens darzulegen, ehe es auf
eine solche der Natur der Sache nach fördernde Unterstützung der
als eine Anstalt der
Heraufbildung der Jugend des Vater-
landes Ansprüche mache. Eine öffentliche
Prüfung, welche im Jahr 1823 auf
Befehl der Regierung durch den dazu be-
auftragten dortmaligen Hofprediger
u. Consistorial Assessor – jetzigen General-
superintendenten Dr Zeh
erfolgte, u
deren Resultate auf nach der Bestimmung
des fürstl Consistorii in öffentl Blättern
ausgesprochen wurde, und die, da sie völlig
sachgemäß waren, mit Interesse u
Wärme gezeichnet wurden, ließ
mir die Erfüllung eines lang gehegten
stillen Wunsches hoffen, daß mein
Wirken, namentlich meine Anstalt
als eine dem Staatszweck keinesweges /
[6]
fremde, sondern vielmehr von demselben
der Beachtung u Pflege würdige
erkannt werden würde. Doch daß die
Wirkungen anders waren, mag,
wie ich jetzt zu schließen wohl Ursache
habe, aus der Art meines Seyns u
meiner Lebensansicht hervorgehen,
welche sich ganz in sich zurückzieht, um
die all ihre Kraft auf die Erfassung
u Ausbildung des Grundgedankens
nach Mittel u Zweck, Weg u Ziel
eint zu einen; (die) es für unstatthaft u
anmaßend (hielt) haltend einen allgemeinen
menschlichen (Gedanken) Zweck zu als einen
nur individuell persönlichen, Einzel-
zweck zu betrachten und so für ihn zu
handeln. Mich dünkte es immer, wie
ein Soldat u überhaupt jeder Staats-
diener demn Rocke u das Kleide, welches er
als solcher trägt, ehren muß u ihm nichts
vergeben u seine Handlungen als Soldat und
Staatsdiener nicht zu seinen eignen
machen u als solche hinstellen darf, so dürfe auch der, welchem
allgemein menschliche Gedanken zur
Darlebung, Ausbildung, Einführung u Aner-
kennenmachung übertragen sind, diese Ge-
danken u das Handeln dafür keinesweges
durch einseitiges persönl Handeln ent-
würdigen u entkräftigen. Ein solches
Handeln mag freylich oft für den
äußerlich beachtenden Menschen schwer
zu durchschauen seyn, weil es vielleicht
grade eben da, wo der Handelnde
mit Schmerz und der größten Selbst-
verläugnung nur einem höchsten Ge-
bote gehorsam ist, den Ausdruck einer
harten hervortretenden Persönlichkeit hat.
Genug wie auch hingebend u aufopfernd auch mein Streben seyn
mochte, wie hier durch die Früchte den /
[6R]
wirkenden Geist erkennen zu machen,
die Resultate sind Ew Hochfürstl Herzogl Durchl
mehrseitig bekannt u selbst von mir
unumwunden ausgesprochen worden;
doch aber vielleicht das nicht, daß ich mich, ehe indem
ich die Wurzeln meines Wirkens und
meines Lebensbaumes
in einem bessern gün-
stigern Grund u Boden zu treiben u
meinen Lebensbaum in unter einen günstigern
Himmel zu setzen mich bemühte, ich
mich so offen als klar u wahr den Per-
sonen in meinem Vaterlande, die es zu
beurtheilen am fähigsten waren, u zugleich
in einer Stellung (standen) sich befanden, die betreffenden
höchsten Behörden davon zu unterrichten
näml dem Landesrepräsentanten Com-
missionsrathe Hoffmann u dem nun-
mehrigen Generalsuperintendenten Dr Zeh
ausspräche. In welcher Form ich dieß
that u daß ich darin meinen den Wunsch aus-
sprach fast ohne allen Aufwand unter
drückte (selbst auf den aus den obwaltenden Um-
ständen schon mit Gewißheit vor mir
liegenden Falle, mich mit meiner Kraft
u meinem Streben in einen andern Staat
wenden zu müssen), ich doch unter hier
eingetretenen
unter hier eben eingetretenen
sehr günstigen örtlichen Verhältnissen
und darum fast ohne allen Aufwand für den
Staat eine solche Volkserziehungsanstalt,
als ich nun Hoffnung habe unter Ew
Herzogl Durchl. prüfenden fürstl Auge
auszuführen, als Ausdruck und Bild
zu begründen dessen was ich
eigentlich bisher im Vaterland und für das-
selbe angestrebt habe zu begründen
und gleichsam zurück zu lassen, auszuführen, Mmöge sich
aus dem anliegenden Schreiben sich
an genannte beyde Herren [Randnotiz: Anlage 5 und 6] so wie die
mehrseitige Zurückweisung selbst dieses An-
trags von den betreffenden Behörden
namentl aus dem im Originale hier
beyliegenden Briefe des HE Gener[al]sup[er]int[endent]
Zeh sich aussprechen [Randnotiz: Anlage 7 u. 8]
Nach einem solchen nun fast 20jährigen
angestrengten Wirken eine zeit- /
[7]
4. [Bogen] gemäßere u menschenwürdigere
Erziehung in meinem Vaterlande
zu bewirken, mich mit fast gar
keinen Früchten u mich vielleicht mehr
als unerkannt ja verkannt von ihm
weg wenden zu müssen, das war es
welche jene Erscheinung bey mir her-
vorbrachte, von welcher ich nicht wünschte
daß Ew Herz. Durchl sie als Schwäche
ansehen möchte.
Ew Herz. Durchl. werden höchstge-
neigt auch aus den Mittheilungen
ersehen, daß ich ebenso klar u wahr
vor den Behörden meines Vaterlandes
stand, als ich mich bestreben werde
vor Ew Herz. Durchl. u den von HöchstIhnen
verordneten hohen Behörden zu stehen;
und daß ich mich keinesweges weder
undankbar, noch aus irgend einer
leidenschaftlichen Erregung oder in
überspannten Anforderungen
mit meinem Blicke nach außen
wandte, sondern daß es die Forderung
eines gebietenden Schicksals und einer
höheren Führung der Lebenswege
der Menschen ist, denen ich nur ge-
horsam, und, ich spreche es wieder-
kehrend aus, mit Schmerz u viel-
seitiger Entsagung Folge leiste.
Allein ich erkenne darin eine höhere
Absicht u einen höhern Zweck des Schick-
sals und ich habe von den ersten Jahren
meines Bewußtwerdens an /
[7R]
gelernt, den Forderungen einer höhern
Leitung zu folgen, auch wenn die Wege
mir dunkel u unbegreiflich u der
Lebensgang mir schmerzlich war.
Durch eine solche Lebenansicht
verliert jedes Lebensbegegniß da
alles Persönliche u indem ich mir er-
laubte das Vorstehende zur Darlegung
des wahren Standes meines Handelns
auszusprechen, so will ich doch dadurch
keinesweges die vielleicht höheren
Gründe in Abrede seyn s[t]ellen die ein Han-
deln bestimmen mußte was mir in
Beziehung auf Landeswohl und Staats-
zweck nicht gleich einsichtig ist.
Ew Herzogl. Durchl. ersuche ich
unterthänigst mir gnädigst zu er-
lauben, anknüpfend an die angeschlossene
Darst. der Pestal. Lehrweise meine Überzeugung von
dem ersten Ausgangs- u letzten Beziehungs-
punkt des Unterrichts u der Erziehung
von einer andern Seite der Betrachtung
hier als in den früheren Darstellungen
zu höchst Ihrer Prüfung hier aussprechen
zu dürfen.
So sehr ich auch gleich anfangs von
den außerordentlichen Wirkungen der
Pestal. Lehrweise auf die Entwicklung
der intellectuellen Anlagen des Menschen
ergriffen worden war, und so sehr ich
dort wünschte die Resultate dieser Lehr-
weise in den Schulen meines Vaterlandes
wiederholt zu sehen; so erkannte ich doch
gleich dort schon, wie ich auch im Ein- /
[8]
gange der anliegenden Abhandlung
aussprach, daß Pestalozzi keinesweges
den Menschen in u mit seinen Lehr-
und Unterrichtsmitteln tief u um-
fassend genug erfassegreife, sondern den ihn
Menschen nur so nehme, wie er in der
Erscheinung sich zeigt u giebt, wie
er als daseyend erscheint
, keinesweges
aber den Menschen in seinem Wesen
und in seiner in der Quelle seines Seyns
bedingten u in die Unendlichkeit fort-
gehenden Entwicklung. Ich fühlte diese
Unvollständigkeit schon bey d Ausarbeitung
jener Darstellung tief, deßhalb fügte
ich den Beysatz hinzu[:] ”nach der Ansicht
Pestalozzis selbst”; allein es war
mir dort noch nicht möglich, das Er-
ziehungsgeschäft, die Erziehung nach
Zweck u Mittel in dem Wesen des
Menschen selbst zu begründen.
Ich fühlte tief, daß wie Pestalozzi den
Menschen nur in seiner Erscheinung
und so der Endlichkeit seines Wesens
nach, so wenig es auch auf den ersten Anblick
scheinen mag, (denn auch die Ausbildung des Verstan-
des gehört in gewisser Beziehung der Erscheinung
u so der Endlichkeit an) auf u erfasse,
er und seine Lehrweise darum auch
nur den Menschen in endlichen Beziehungen
ausbilden könne; genug ich empfand tief
und
lebendig, daß den Bestrebungen Pestalozzis
ein tieferes, das eigentl ewige u unver-
gängliche Fundament, die Anschauung u
Eindringung in das Wesen des Menschen
(die ächte Religiosität) mangele.
Denn die eigentl Erziehung u Bildung geschieht
nicht wie beym ErAuffassen des Menschen in d[er] Erscheinung v.[on]
außen nach innen, sond.[ern] einzig nur nach Erfassung
seinem Wesen nach von innen nach außen. Allein /
[8R]
ich war dort noch zu schwach dieses
klar durchschauend zu erkennen u nach-
weisen zu können u noch viel weniger im Stande,
es vollkommner u besser, es ergreifender
darzustellen zu können. Nur als ich den
Menschen wieder in Gott ruhend, aus Gott
hervorgegangen und doch in Gott u durch
Gott ihn lebend u wirkend – als Kind Gottes
erkannte, da hatte mein Gemüth wie
mein Streben Ruhe, Klarheit u Sicher-
heit gewonnen. In jener nur äußerl
Anschauung des Menschen, in jener Ansch[auun]g
des Menschen nur seiner Erscheinung
nach, sehe ich auch bis in das Kleinste
hin die ungeheure Bekämpfung so wie
die Schicksale der Pestal. Lehrmittel, seiner
Schule u Erziehungsanstalt begründet.
Denn es ist eigentl eine außerordentl
Thatsache, wenn man bedenkt, daß eine
Sache, die so riesig dastand, die von
fast allen Regierungen getragen wurde,
so in sich selbst zerfallen konnte; daß
der Mann selbst, der ein solches Werk
schuf, den ganz eignen Äußerungen seiner
Schrift nach in einer gewissen Beziehung
so in sich selbst zerfallen konnte; mit
einem Worte das Menschenwesen, zu
welch einem geringen Grade das Selbst-
bewußtseyn es sich auch in der Menge
nach hervorgearbeitet haben möchte,
es sträubte sich, sich selbst unbewußt
mit aller seiner Kraft dagegen, als
ein ewiges göttliches Wesen nur als
eine Erscheinung u in seiner Erscheinung
sich betrachtet u als solche erzogen und
entwickelt zu sehen. –
[9]
5. [Bogen] Wenn ich eben aussprach, daß die so
erschütternden u so ergreifenden Schicksale
Pestalozzis, seiner Lehrweise u seiner Erzie-
hungsanstalt in der nur äußerlichen
Auffassung des Menschenwesens, der
Erfassung des Menschenwesens seiner
Erscheinung nach ihren Grund haben,
so hat aber auch darin der glänzende
und rauschende Beyfall seinen Grund Quelle, den
Pestalozzi zu einer Zeit fast das ganze
europäische Festland zollte. Der Mensch
war zum großen Theil aus sich selbst her-
ausgetrieben, sah u erkannte sich selbst
nur als eine Erscheinung und so ergriff
er das mit Hast, was seiner Erscheinung
gleichsam einen so glänzenden Effect gab.
Es könnte von diesem Punkte aus
noch weiter geschlossen werden; doch
dieß gehört zunächst nicht mehr hieher.
Ganz anders aber muß die
Erscheinung einer Erziehungsweise
eines Unterrichtes u Lehrganges
seyn, welche den Menschen seinem Innern
seinem ewigen und so seinem göttlichen Wesen nach
zu erfassen und zu behandeln sich bemüht strebt;
wo dort Zerstreuung muß hier Einigung
wo dort Krieg muß hier Friede, wo
dort Mißverständniß muß hier Einklang,
wo dort bey glänzenden u rauschenden
Hervortreten innerer Tod muß hier
bey scheinbarem u äußern Zerfallen
inneres Leben herrschen, wo dort Ent-
gegnung u Abstoßen von den erfahrungslosen
Menschen muß hier Beystimmung u An-
ziehung des unverdorbenen u einfachen /
[9R]
Menschen herrschen seyn; wo dort höchstens
Ergreifen u Erregung des Gemüths
mußte hier Beruhigung u Befriedigung
desselben herrschen; wo dort die errungene
Mannigfaltigkeit blendet leuchtet hier
klar die gefundene Klarheit Einheit selbst aus dem
Diesseits ins Jenseits, und wie ein
Bogen des Friedens am Himmel vereint
sie Irdisches u Himmlisches, Endliches
u Ewiges, Menschliches u Göttliches.
Erscheinungen wie die letztern genannten
gewährt nun die Ansicht des Menschen,
aus welcher die Grundsätze hervorgehen,
auf welche die unter dem Schutze Ew
Herzogl Durchl. in Helba zu errichtende
deutsche Volkserziehungsanstalt ruhen wird;
und nach den genannten wirklichen
Erscheinungen eines langjährigen und
vielseitig geprüften, Wirkens u Lebens
trage ich in mir die Überzeugung,
daß die theilweise schon aufgestellte nun aber in
Reinheit u Klarheit erscheinen sollende
Erziehungsweise den M[en]schen wahrhaft
in seinem ewigen u so göttl Wesen
erfaßt und so dem Menschen die von ihm,
wenn auch noch so unbewußt, ange-
strebte menschenwürdige u darum ge-
nügende Erziehung u Bildung reichen geben wird.
Ich sprach vorhin (nur eben) aus,
daß selbst der noch unentwickelte
aber einfach einer innern Stimme ruhig
(ich möchte sagen) u wenn auch mit einer
noch so rauhen Außenseite doch im Innern
sinnig nachgehende Mensch einer Be-
handlungs- u Erziehungsweise des Menschen /
[10]
an u durchfühlt daß als sie d Menschen seinem
ewigen u göttlichen Wesen nach erfaßt:
(ich könnte dafür höchst eigenthümliche
gleichsam unbewußt hingesprochenen
Urtheile von ganz gewöhnlichen höchst unscheinbaren Landleuten
anführen, wenn es nicht den Anschein
haben könnte, als wollte ich damit mehr
sagen als mir hier Zweck seyn kann);
Allein es liegen auch Urtheile vor
mir und zum Theil vor dem wissenschaftl
gebildeten Publikum vor, wo die den-
kendsten Männer, deren Lebensbeschäfti-
gung fast ausschließend der Entwicklungs-
u Bildungsgang, die Entwicklungs- u Bildungs-
mittel des Menschen sind, in ihrem
Urtheil mit jenen ganz einfachen
unscheinbaren u ungebildeten sich gleich-
sam selbst unbewußten Menschen, die
Form abgerechnet, fast in Eins zu-
sammenfallen.
Ew Herzogl Durchl mögen mir huld-
voll erlauben nur zwey solche Urtheile
über mein Bestreben dessen Ausgangs-
u Endpunkte Höchst Ihnen für angeschlossen mittheilen
zu dürfen, [Randnotiz: Anlage 9] das eine von Prof. Krause
dortmals in Dresden jetzt in Göttingen
in einem Jahrgang der Isis ausgesprochen
u das andere brieflich von dem in der
neuesten Zeit als theoret. u prakt. Er-
ziehungsschriftsteller mit größter Aner-
kenntniß aufgetretenen
vielseitig
(rühmlichst) anerkannten Educationsrath Blasche
[Randnotiz: Anlage 10]
Das erste Urtheil war, wie HE Krause selbst
ausspricht, hervorgerufen worden, durch
die eine meiner Anzeigeschriften über
deutsche Erz
welche die Frage beant- /
[10R]
wortet, warum wir uns eine allge-
meine deutsche Erziehungsanstalt nennen
u sich über deutsche Erziehung überhaupt
ausspricht. Da auch das in dieser
Schrift Ausgesprochene bleibend die Grund-
sätze
Fundamente auch meiner der in Helba durch d thätige
Zutrauen Ew H. D. zu errichtenden deutschen
Volkserziehung[sanstalt] seyn werden. So erlaube
ich mir diese Schrift in dieser doppelten Be-
ziehung auch hier beyzulegen [Randnotiz: Anlage 11] um so mehr
als eine solche Schrift einen ganz eigen[en]
Ausdruck bekommt, wenn sie in Beziehung
auf ein im Geiste derselben auszuführendes
wirkl Leben gelesen wird. Denn von nun
an werde ich Helba als den eigentlichen
Herzpunkt meines erziehenden Wirkens
beachten und pflegen; und um so mehr die
Gesammtheit der menschl Verhältnisse
um[-] u erfassend die Grundsätze meines
erziehenden Wirkens seyn mögen, um so desto mehr
werde ich alle meine und unsere frischesten
Kräfte in einen kleinen Punkt u Kreis
vereinen, ohne etwas anders zu suchen als das
Leben dieses Kreises zu entwickeln, zu
Pflegen u zu bilden, und ohne Kraft u Blick
aus diesem Kreis herauszuwenden.
Da nur Kleinstes wie Größtes dann er-
reicht wird, wenn die gesammte Kraft
nur immer zu u für Ein Ziel innig geeint ist.
Bey diesen treuen Gesinnungen u Bestrebungen,
bey diesen Gesinnungen u Bestrebungen aller Glieder
meines Hauses glaube ich noch an an Ew
Herzogl Durchl die unterthänige Bitte
thun zu dürfen
1) daß wenn auch wirkl der Ausbau des
Schlosses [vollzogen wird] insofern derselbe nicht durch den
baul Zustand des Gebäudes selbst sondern durch die
zu errichtende Erziehungsanstalt im Verfolg herbey
[bricht ab]
Ew. Herzogliche Durchlaucht
bitte ich unterthänigst um
gnädige gelegentliche Zurückerstattung
–stellung, -gabe der angeschlossenen
Documente von No 1 bis No 10, indem dieselben nicht sowohl
mein persönl Eigenthum sind als der
Geschichte unseres gemeinschaftl erziehenden
Wirkens (u. so unserer Erziehungsanstalt)
angehören. In tiefster Ehrerbietung verharrend
   Ew.
Herzogl Durchl.

Sr Herzoglichen Durchlaucht
dem Herrn Herzoge und Herr, Herrn Bernhard
regierenden Herzogs zu Sachsen Meiningen
u Hildburghausen
souveränen Fürsten zu Saalfeld


gnädigst

zu Höchst eigenhändiger Eröffnung.

[Zwei Abschlußfloskelvarianten]
Huldvolle Genehmigung der höchsten und reinsten
Ehrerbietung hoffen zu dürfen welche
Glieder meines Hauses erfüllt für Ew Herzogl Durchlaucht
erfüllt und von welcher besonders durchdrungen ich bin

Ew Herzogl Durchl

Vor dem Ausdruck huldvoller
Genehmigung der höchsten als innigsten und reinsten
Ehrerbietung hoffen zu dürfen von dem Gefühl
durchdrungen ich <-> bin
EW. Durchlauchtigster Herzog
Ew Herzogl Durchl
unterthänigster