Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 21.12.1828 (Keilhau)


F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 21.12.1828 (Keilhau)
(BN 619, Bl 11-14, korr. Entwurf 2 B fol 7 S.)

Keilhau d 21 Decbr. 1828

Durchlauchtigster Herzog,
Gnädigster Fürst und Herr!

Wie der Reisende nach Erreichung
eines auf einer Anhöhe liegenden Wan-
derzieles einige Zeit bey demselben
ruhend harrt, und theils den schon
zurückgelegten, theils noch zurückzulegen-
den Reiseweg (Weg) überschaut, um
den Weg des Diesseits u Jenseits in
Einklang zu bringen, das vom Diesseits
noch Nöthige im Geiste zu ordnen u Jjedes
an seine richtige Stelle zu stellen setzen, und
für das Jenseits den einfachsten Weg
zur sichern Zielerreichung zu erkunden;
wie der Mensch nach Erreichung eines ge-
wissen Lebenszieles überschauend u sinnend
steht was ihn <wie so oft noch> in Beziehung auf
den eben zurückgelegten Lebensweg als auch
zur sichern zielerreichenden Fortsetzung des
vorliegenden zu thun übrig sey
: so beschäftig-
te mich auch nach der vorläufig dem Abschluß durch den
HF Präsidenten von Uttenhoven vorläufig
abgeschlossenen aufgesetzten Punktation – wodurch gleichsam
eine scheidende Grenze u Marke, ein sehr
bestimmter Abschnitt in demr Entwicklungs-
gange
meiner Bestrebungen gemacht
worden – auf dem Rückwege von Helba hierher der Blick in die Vergangenheit
u Zukunft u mein ganzes Streben trat
seinem Ziele nach, seinem Zusammen-
hange nach mit Vergang[en]h[ei]t u Zukunft
und in Beziehung auf die gegenwärtige
Forderung beyder lebendig vor meine
Seele. Da schien es mir denn auch
unerläßliche Pflicht auch Ew Herzogl Höchst Ihnen Durchl /
[11R]
Durchlaucht in allen den dadurch gegebenen
Beziehungen mich auszusprechen, in Beziehung auf die Bedin-
gung eines segensreichen Gedeihens meines
Wirkens; in Beziehung auf das Verhältniß
dessen u meiner zur Zeit u zum Volke
als ein Streben nach Wiedererweckung
u Wiederbelebung des reinsten u leben-
digen gegenseitigen menschl Zutrauens
in dessen Mangel ich zuletzt alle widrigen
Erscheinungen der Zeit begründet, so
wie in dessen Herstellung u Belebung
ich alle Mittel zur Erreichung dessen
was den Menschen im Ganzen u Einzelnen
jetzt notthut, vereint sehe
;
in Beziehung auf den Anfangspunkt u
die Entwicklungsgeschichte meines erziehen-
den Wirkens durch Ausführung einer men-
schenwürdigen Erziehungsanstalt namentl
in meiner Heimath meinem engern Vaterlande u für dasselbe,
welches schon mit dem Jahr 1809 von
mir von Iferten aus begonnen sich dort
einer besondern Beachtung der damals als
Obervormünderinn regierenden Frau Fürstin
Mutter in meinem Vaterl. Rudolst. Erfreute
und sich nun nach einem mehr als 12jährigen
unbefriedigten Bemühen eine menschen-
würdigere Erziehung u Bildung des herauf-
wachsenden Geschlechtes in meinem Vater-
lande erreicht zu haben mich mit Schmerz
genöthigt sah von demselben weg und
gleichsam zu einem neuen Vaterlande
mich hinzuwenden
; in Beziehung auf
die herrschende Erziehungsweise der Zeit
welche mehr den Menschen in seiner Er-
scheinung als in seinem eigensten, ewigen Wesen erfaßt
und so namentlich zu Pestalozzi [bei] welchen
ich die Blüthe Gipfel dieser erzieherischen Ansicht
u dadurch den glänzenden Beyfall bedingt
sehe fand (so wenig es auch auf den ersten Augenblick Anblick
so sogar das Gegentheil davon erscheinen
mag) den seine Erziehungsweise einmal
so allgemein empfieng, erhielt ohne doch
wie es scheint sich z ausspricht den Menschen das zu geben
was das innere u äußere Leben derselben
bedarf;
(für den größern Brief: die eigentl Erziehung
<u die <-> Bildung die Versittlichung des Menschen geschieht nicht wie
/
[12]
nach der Pestalozzischen Schullehrweise,
beym Auffassen des Menschen in der Erscheinung
von außen nach innen sondern einzig
nur nach Erfassung des Menschen seinem
Wesen nach, von innen nach außen)

in Beziehung meines erziehenden Wirkens
zu den Forderungen u Erwartungen
so wohl des unverdorbenen Kindersinns und der einfachsten (u schon un-
gebildeten aber, wie in einem rauhen
harten Kern einen eben so verborgenen
als unerklärlichen höhern Sinn für das
Wahre u Höchste, in sich tragenden)
Menschen
der Denkendsten in der Zeit zur Ver-
wirklichung u Darstellung einer dem
Gesammtwesen des Menschen genügen-
den Erziehung. In allen diesen
Beziehungen Höchst Ihnen Durchlauch-
tigster Herzog u Ihrer so vertrauenden
als thätigen fördernden Theilnahme an meinem Streben
mich besonders noch vor völliger Abschlie-
ßung mich ebenso offen als zutrauensvoll
auszusprechen, da nach derselben die
Wirksamkeit für Darstellung des zu
leisten Versprochenen alle Kraft und
Zeit in Anspruch nehmen u zu weitern
wörtl[ichen] Erläuterungen wenig Zeit über
bleiben möchte

da von dem bestätigenden Worte Ew.
Herzogl. Durchl alle Zeit u alle Kraft
dem (Ausführen und) Thun, dem Darstellen das zu leisten <versprechen>
gewidmet seyn muß und mir so zur schriftl
weitern schriftlichen Erläuterung darüber
wenig Zeit vergönnt seyn möchte, hielt ich für mich
für meine unerläßl Pflicht, indem ich wün-
schen muß, daß Ew Herz. Durchl. keine
einzige von den Beziehungen fremd
seyn möchte zu mit welchen ich mein Wirken
in meinem Innern in Verbindung setzte;
ich dann ich wünsche von Ew Herzogl
Durchl ebenso klar durchschaut zu werden
als ich offen vor mir selber liege stehe. Doch da diese
Mittheilungen wurden besonders durch die
Belege auf die ich sie zu stützen wünschte
so erschien mir doch das Ganze in dem Maaße
zu viel
dem Umfange nach mir zu groß erschien,
als daß ich bey der Ew Herzogl
Durchlaucht so kostbaaren vielfach in Anspruch genomm[enen] Zeit ohne un- /
[12R]
bescheiden zu seyn, die Erwartung hegen
durfte daß <-> daß sie besonders in den jetzigen Tagen des
sich jetzt so vielseitig zusammendrängenden
Geschäftslebens, von Ew Herz. Durchl. auch
nur überblickt zu werden könnten demnach Aber wiederum
So schien es mir denn aber doch auch eine Unwahr-
heit gegen den Entwicklungsgang in
meinem Innern u eine Mißachtung u Verletzung der
dadurch an mich ergehenden Anforderung
wenn ich das Ganze jetzt ganz überhaupt zurück-
behalten wollte.
Darum lege ich diese Mittheilungen angeschlossen
so unvollkommen und andeutungsweise
ich sie auch im Drange eines vielfach des Lebens nur aus-
führen konnte, hier bey
, als sie eine viel[-]
fach gestörte Zeit jetzt darzustellen aus[-]
zuführen mögl. machte – hier bey. Möge pp
Mögen es darum Ew
Herzogl Durchl sie jetzt immerhin als
eine für die Gegenwart zu weitläufige
Auseinandersetzung bey Seite legen; vielleicht
findet sich später zur Beachtung des einen
u des andern in denselben ausgesprochenen eine günstige Zeit, viel-
leicht ist es mir später selbst vergönnt,
das Ganze die Sache mit lebendiger mündl. Erklä-
rung Ew Herz. Durchl. vorzuführen;
und so fasse ich Muth das Ganze so an
Ew Herz Durchl so abgehen zu lassen
als es eine vielfach gestörte Zeit dar-
zustellen mögl machte.
Nun zur Noch ist es mir Pflicht Jetzt liegt mir noch ob die schuldigen Beachtung dessen
der für ob, was die Gegenwart in Bezieh-
hung
Hinsicht auf die zu Helba zu errrichtende
Volkserziehungsanstalt u in Beziehung Hinsicht
auf die von dem HE Präsid v Uttenhoven
vorläufig aufgesetzte u von mir unterzeichnete
Punktation von mir fordert. Zwar
habe ich in dem Wesentl nach dem au-
genblickl Stande der Entwicklung des Ganzen
nichts mehr hinzuzufügen; allein ich
halte es doch für Pflicht, der mögl Ent-
in d Zukunft nicht allein mögl. sond.
wirkl zu erwartenden Entwicklung halber
auf einige Punkte vor Abschluß des Ganzen,
wiederkehrend aufmerksam zu machen und
an Ew. Herzogl Durchlaucht die unterthänige
Bitte zu thun erstlich, daß wenn auch wirkl der Ausbau des Schlosses
in so fern derselbe nicht durch den baul Zustand
des Gebäudes selbst jetzt schon sond. durch die zu er-
richtende Erziehungsanstalt im Verfolg herbey- /
[13]
geführt werden sollte, ein hundert Gulden
oder mehr, mehr betragen sollten, Ew
Herz. Durchl alsdann die so vielleicht um
etwas vermehrte Ausgabe zur zwar
immer höchst einfachen aber doch zweck-
mäßigen Einrichtung des Ganzen nicht scheuen
mögen, weil durch eine zweckmäßige
Einrichtung bey einem Wirken von solchem Umfange
außerordentl viel gewonnen werden kann.
So erinnere ich mich z. B. daß bey d Veran-
schlagung wohl der Einrichtung einiger
Dachfenster auf dem Boden über den eigentl Schlafsaal der
Zöglinge, welcher nothwendiger Weise zum
Trocknen d Wäsche benutzt werden muß zu
veranschlagen zu vergessen worden seyn wird
und so vielleicht noch eines u das andere,
was im Einzelnen in d Augenblicke nicht
so scharf in das Auge gefaßt werden konnte.
Das Besondere in dieser Beziehung dem Herrn
Präsidenten von Uttenhoven auszusprechen
hielt ich für das Angemessenste.
Zweytens 2) Ersuche ich Ew Herz. Durchl unterthänig
nach Maaßgabe der einstigen Ausbildung
u des Umfanges der Anstalt dieselbe an
Ackerland u sey es auch nur durch trag-
bares aber jetzt wüst liegendes Berg-
feld nicht zusehr zu beschränken,
damit die Anstalt in d Stand gesetzt
werde den wesentlichsten Theil ihrer Wirth-
schaftsbedürfnisse in seinem Kreise durch
sich selbst zu erzeugen, weil nur auf
diese Weise es mögl wird einem Haupt-
erforderniß der Anstalt, das jährl Er-
ziehungsgeld so mäßig als mögl zu
setzen, entgegenzukommen [ist].
Eben so bin ich fest überzeugt, daß
drittens 3) fest über von Ew. Herz. Durchl bey einer
verhältnißmäßigen Aus[-] u Fortbildung
der Anstalt, wie von Ew Herz. Durchl derselben /
[13R]
auch gleich anfangs bestimmt war, das
ganze Schloß der Anstalt eingeräumt wird
indem die Unannehmlichkeiten u die mißbildenden Einwirkungen, die besonders
bey einem erziehenden Zwecke, durch gemeinschaftl
Raumes[-] u LocalBenutzung, namentl. durch das
Gesinde entstehen, fast unabübersehl[ich] werden können, und
wo man später gern eine verhältnißmäßige Summe
hingäbe, wenn man solche Einwirkungen ungeschehen
machen könnte. Indem ich mir dieses aus-
zusprechen erlaube, mache ich keinesweges
die Forderung, daß solches gleich augenblickl
eintrete, sondern ich weil ich die großen
Schwierigkeiten davon lebhaft fühle, (sehe)
sondern ich bitte Ew. Herz. Durchl nur
die gänzl Räumung des Schlosses für den Fall
daß es die Erweiterung d Anstalt fordere u
es durch die anderwärtigen Umstände mögl
werden sollte, immer als ein <-> Wesentl[iche]s
zur vollkommneren Erreichung des Gesammt-
zweckes dAnstalt vor Augen zu behalten.
Nun habe ich
noch einen kleinen Wunsch in Beziehung
auf die Jugend, die zugleich mit mir
kommen wird. Es ist der, daß wenn
es mögl ist, der Pächter aus dem Schloßgarten
keine Rosenstöcke und andere blühende Ge-
sträuche aushebe; sollten sie des Pächters
Eigenthum seyn
[bricht ab]
4) Beschränkung wirkt zwar entwickelnd,
doch muß sie der wirkenden Kraft, dem
darzustellenden Gegenstand u den deßhalb
zu überwindenden Schwierigkeiten u Stoff[en] an-
gemessen seyn; sonst wirkt sie statt entwickelnd
hemmend, statt schaffend vernichtend, wie der
Baum, die Eiche mehr Raum u Stoff fordert
als das Gebüsch Strauch u Gartengewächs,
wenn sie er nicht in einer dürftigen u ver-
krüppelten Gestalt erscheinen soll. Darum kann
ich nicht umhin Ew. Herz. Durchl (ein- u) durchdringen[-]
den Blick es zur Prüfung vorzulegen wie auch das
jetzt neu beginnende Streben nur dann gedeihen
u zum hohen Ziel führen kann, wenn die dafür wirksamen
Kräfte nicht mehr als angemessen beschränkt werden
u die Schwierigk[ei]ten nicht mehr vergrößert werden als sie
es dNatur dSache nach schon in {hinlängl Maaße / genug} selbst
sind. Zu dieser im Leben gewonnenen Bemerkung fordert mich, die mir wiederkehrend
u jüngst wieder im Leben geworden[en] Erfahrung auf, daß der Mensch
merkwürdiger Weise im praktisch darstellenden Leben meint,
die Kraft, welche eine bestimmte Gestaltung erschaffen, welche
uns zu einem bestimmten Ziele führen solle werde beydes um
so sicherer leisten, wenn man in etwas fessele, ihr die Schwin-
gen beschneide mit deren Hülfe sie doch nur eben sie das ihr vor-
geschriebene Ziel erreichen kann. Durchl Herzog es wirkt
in keiner aus Gott hervorgegangenen durch Gott ihr Daseyn
empfangen[en] Sache, sey sie so klein u unscheinbar od. so groß u her-
vortretend als sie wolle mehr Kraft, als eben zur Ausführung
u Darstellung des dem Gegenstande gleichsam übertrag[enen] Wirkens nur eben
nöthig ist. Die ganze Natur vom Flachshalm bis zur Edeltanne
<?> vom Schmetterling bis zum Adler sind ist mir dafür Zeuge.
Es es ist thöricht v. demn letzteren die himmelanstrebenden Ziele
zu erwarten, wenn man den Gipfel [sc.: Spitze] ausbricht u dem
andern die Schwingen beschneidet. Aber so handelt dM[en]sch im
Leben immer. Der innere M[en]sch, der innere unsichtb[are], ewige M[en]sch
möchte wohl d Große u Göttl schauen, aber wenn es erscheinen könnte,
erscheint der äußere zerbrechl M[en]sch; er fesselt lieber die Kraft
als durch sie des Geistes u Gemüthes Sehnen erreicht u erfüllt zu sehen[.]
Und so ist denn leider unser eigenes Leben, das wie solches Handeln in Bezieh[ung]
auf d verhältnißmäßig höchsten Punkt auf die sonst beziehungsweise kleinste Kraft
statt findet erinnert ein verkrüppeltes u stümperhaftes, ein zerbrochenes, wie
wir [uns] auch über all nur von verkrüppeltem u zerbrochenen Leben in solchen Erscheinungen. /
[14]
umgeben sehen. als statt uns in der Gesammtheit des Lebens in
allen menschl Beziehungen von solchen Gestaltungen umgeben
zu sehen, wie sie aus Gottes Hand hervorgingen u ehe der Mensch in
seiner Willkühr sie in ihrer Entwicklung band u in ihrer Gestaltung
schulte u meisterte[.]
Möge Ew Herzogl Durchlaucht mir
zu höchsten Gnaden halten, daß ich mir
erlaubte mich über mehrere mir wichtig
erscheinende Punkte mich so weitläuf-
ig auszusprechen. Es schien mir un-
erläßliche Forderung des Höchsten Zu-
trauens zu seyn, welches mir von
Ew Herzogl Durchlaucht geworden ist, u
es schien mir für die Zukunft dazu
gar keine Zeit mehr übrig, indem
von nun an u vor dem bestätigenden
Wort Ew Hochfürstl Herzogl Durchl an
alle Zeit u alle Kraft dem Aus-
führen u dem Thun dem Dar-
stellen gewidmet seyn muß
u mir so zur schriftl Erklärung darüber
wenig zeit mehr übrig bleiben möchte vergönnt sey.
Ich ersuche Sie bei diesen Mittheilungen ganz von
meiner Person ab u hinwegzuschauen welche dabey
ganz in Hintergrund tritt, sond. nur den Gegenstand
selbst den es betrifft, das Menschengeschlecht einer
noch in Gotteshand ruhenden Zukunft entgegenzubilden,
ein biederes Volk der Führung zu eines edlen Fürstenstammes würdig heraufzu bilden
im Auge zu behalten[.]
Genehmigen Höchst Sie, Durchlauch-
tigster Herzog den Ausdruck (der) meiner
tiefsten Ehrerbietung.