Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Charlotte von Ahlefeld in Weimar v. <Mitte/Ende/nach 12.>12.1828 (Keilhau)


F. an Charlotte von Ahlefeld in Weimar v. <Mitte/Ende/nach 12.>12.1828 (Keilhau)
(BN 492, Bl 65 u. BN 358, Bl 5, undat. Entwurf 1 Bl 4°2 S.+ 1 Bl 8° 2 S. Die Textrekonstruktion kombiniert 2 Blätter aus verschiedenen BN-Mappen; Reihenfolge: 492,65VR / 358,5RV. Der 1.Teil ist ed.: H V, 214f. mit falscher Adressatin [Caroline v. Holzhausen], mit falscher Datierung [Aug. 1828] u. falscher Charakterisierung als "abgebrochene Reinschrift".)

[492, 65V]
Hochwoh[l]geborene Frau
Gnädige Frau.

Der strebende Mensch muß wenn er sein hohes Ziel doch endl[ich] doch einmal erreichen, wenigstens
es bis dahin nicht aus den Augen verliehren will sich entschließen können eines viel[-]
fachen Todes zu sterben wenigstens in verschiede[ner] Beziehung Tod erscheinen zu können, ja er
muß wie bey gewissen wirklichen Krankheiten den fürchterlichsten aller Zustände <ertragen>
lernen bey äußerer Abgestorbenheit des Körpers und der darlebenden Organe, u doch bey regestem Gefühl
des <regesten> noch gesunden innern Lebens und daß bey lebhafter Wahr[nehmung] alles
um ihn herum gesprochen, vorgenommen werdens - daß man ihn für tot achte und er[-]
kläre und schon über die Bestattung seiner Leiche verhandle, dieß mein Zustand
nur in immer steigender Zunahme seit länger als 2 Jahren seit der Zeit als ich zuletzt
Ihren höchst freundschaftlichen und theilnehmenden Brief erhielt aber dessen Beantwortung
ich aber immer von einer Zeit zur andern aufschob, weil ich immer von einer Zeit
zur andern hoffte mein Zustand, mein[e] Lage würde sich doch endl[ich] einmal lösen,
doch jetzt eben erst bin ich an den [sc.: dem] Wendepunkt meines Lebens, wie die Erde in ihrem
Kreislauf <um> die Sonne angekommen und wie sich mein Leben nur eben erst zu einem wieder
beginnenden neuen Frühling hinneigt, ehe auch noch der Geschäftsgang das bestätigende
Fürstensiegel aufgedrückt hat eile ich Ihnen dieß zu schreiben um wenigstens
durch diese Eile wenn auch noch so nur ganz leise die Sorge anzudeuten mit welcher ich < ? >
ununterbrochen meiner Schuldigkeit Ihnen <sich> innig hochverehrte gnädige Frau Ihre hohe theilnahme
erwiedern [sc.: erwidern] zu haben müssen, gedacht habe. Doch ohne längere Einleitung. Ich suchte <längst>
für mein erziehendes Wirken besonders für den begründenden u fundamentalen
Theil desselben einen günstigeren Boden ein entsprechenderes Klima <eine / rein> entwickelnder[e]
Sonne kurz ein wahres Fürst[en] Auge ein pflegendes Fürstenherz u einen hohen edlen
schützenden Fürstensin[n], eine fördernde u helfende unterstützende Fürstenhand; es war ein
sehr hohes nach den [sc.: dem] ich strebe ein hoher Preis nach dem ich rang, darum dau[e]rte
es auch so sehr sehr lang ehe mir vom Schicksale dieses hohe Geschenk wurde,
denn nur dem in [sc.: im] <freitags> reinigenden u Glühfeuer des Lebens <gebeuterlten> bestandenen kann
so etwas werden, und so mußte auch ich erst die Feuerprobe des Lebens aus[-]
halten ehe mir eine solche Gabe werden konnte. Aber nun nach einer zweymaligen
mündl[ichen] Unterredung mit dem He[rrn] Herzoge von Meiningen Dhl. sind endl[ich] die Präliminarien /
[492, 65R]
gegenseitig unterzeichnet worden, und ich sehe mit Beginn des neuen Jahres
der nichts mehr im Wege stehenden bestätigenden Abschl<ießung> des Ganzen von Seite[n]
des Herrn Herzog[s] entgegen. So wi
So wie mein erziehendes Wirken sich bis zu der Stufe dem Grade entwickelte, daß aus der
fundament[alen] begründenden u äußerlich schaffenden Stufe; die übende, erkennen[de]
die innerlich schaffende geistig darstellende Stufe [sich] entwickelt, so wünschte strebte ich auch
<  > mir es mögl[ich] werden müsse zu mach[en] beyde Bildungsstufen in zwey verschiedene Bildungsanstalten
in eine fundament[al] u äuserl[ich] schaffende u in eine übende geistig darstellende zu
trennen, doch wollte es mir so sehr ich auch das hemmende u störende für beyde Ent[-]
wicklungsstufen fühlte nie gelingen, die Aufgabe war für einen Privatmann meiner
Mittel zu groß u unsere eigene hiesige Regierung dafür zu gewinnen wollte mir
bey allen selbst öffentl[ich] anerkannten Leistungen von unsere[r] Seite nicht gelingen. Aber der He[rr] Herzog
von Meiningen wurde als ihm dieser Gedanke nur leise nahe gebracht
wurde von demselben ergriffen und als Resultat davon ist vom demselben nun
zur Errichtung einer Volkserziehungsanstalt welchen Namen diese begründe[nde] u
durch Selbst<schaffen> <pp.> entwickelnde Anstalt führen wird - das Herrschaftl[iche] Schloß
auf dem Cammerguthe zu Helba ½ Stunde von Meiningen nordöstlich <dazu nebst dem>
einräumen und das zur Ausführung und zum Bestehen derselben nothwendige Garten[-] und Ackerland anweisen
lassen. Außerdem trägt der dhl. Herzog die Kosten d zum Ausbau des höchst günstig ganz ähnlich Keilhau in einem kleinen Thale gelegen[en]
Schlosse[s] zum Zwecke der Anstalt, so[-]
wie die Anstalt durch einen jährlichen Zuschuß von Bedeutung unterstützt wird p[p].
Der Staat selbst wir[d] Zöglinge für die er aber gleichfalls bezahlt in die Anstalt geben und sie
selbst soll nach dhl. Herzogs Wunsche <mit künftigen Frühling> ins Leben treten.- Nun erst
nach dem dieß u anderes wenn auch nur erst durch abgeschlosse[ne] Präliminarien bestimmet
ist, kann ich Ew. Hochwohlgebor[en] auf alles eine Ihnen und mir genügende Auskunft /
[358, 5R]
geben - nun erst kann ich mit freudiger <Seele> Ge
Zuversicht die Hoffnung aussprechen daß wir die
Erziehung der 3 Brüder Clemens - welche Richtung
Ihre [sc.: ihre] Anlagen u welche Forderung so die Ausbildung
derselben auch machen werden, werden beendigen können
denn, die Sorge u Sor[g]falt für die Ausbildung beyder
Anstalten - so wohl der
Volkserziehunganstalt
in Helba als der allgemein deutschen zunächst noch in Keilhau
werden stets Hand in Hand gehen u es wird mir {schönstes / angelegentlichstes / keine Mühe u Anstrengung scheuendes}
Streben seyn, - beyde Ansta in sich
lebendig auf das engste geeint
u organisch <fortbi> vor u fort[-]
bildend in einandereingreifende Anstalten zu dem
mein Seel Gemüthe u Geiste u mein[e] Darstellende
Bestrebung immer vor Augen geschwebten u schwebenden
Ideal zu erheben u so hoffe ich zu Gott d[a]ß
unsere 3 Brüder eine so vollkommene Ausbildung
als jeder seiner Individualität nach nur immer <  >
erreichen kann geben zu können, u so hoffe denn es
sind zwar wirklich wenn auch bis jetzt (was eben
gut ist im einzeln wenig entwickelte aber in einem
vielseitig geweckte u erstarkte wirkl[ich] anl[agun]gsvolle
Knab aber auch höchst eigenthüml[ich] u wirklich
daher eben so eigenthüml[ich] als schwierig zu führenden
Knaben so daß gewiß Ew Hochwohlgeb. in solcher
Beziehung der Entschluß u dessen Ausführung seyn wird
welcher Sie bestimmte sie unser Erziehung anzu-
vertrauen u ist dieß so bin ich aufs Höchste glückl[ich.] /
[358, 5V]
Sobald als es die völlige Entscheidung u meine sich jetzt auf
das höchste dringenden Geschäfte nur <einigermassen vergönnen>
werde ich Ihnen eine Charakteristik u eine Darlegung
der Bildungs Entwicklungsstufe der 3 Knaben und meine Ansicht
von Ihren [sc.: ihrem] nächsten Bildungswege zur Prüfung vorlegen[.]
Ich beeilte mich Ihnen alles dieß und einstweilen so wie
es mir selbst erst mögl[ich] wurde auszusprechen damit
uns nicht das alte Jahr wieder verschwinden u sie d[urc]h mi
mögte ohne Ihnen wenigstens die Beruhigung zu geben die mir
mögl[ich] ist u die <Schuld> meine Pflichtesschuld wieder in ein neues
Jahr mit über zu tragen. Fassen Sie gnädige
Frau nun auch wieder volles Zutrauen zu uns
u seyn Sie mir und meinem Wirken wieder gütig wohlwol-
lend gewogen. Die Gewalt des über mich ein[-] und
zusammenbrechenden widrigen Lebens Geschicke war zu groß
sie war kam wie in einer gewissen Beziehung
da ich immer sie zu beseitigen gehofft hatte zu uner-
wartet u so betrübten sie mich. Die Darlegung der
<ununterbrochen u ? > bey allem widrigen das Leben, <treuesten>
< ? > Sorgfalt den eines mit hohen ohne K vertrauenden
Gemüth für die übergebenden 3 Brüder wird sie [sc.: Sie] nicht immer
mehr so wie besonders die mit Gott mehr < ? >
freye <Zukunft> <überzeugen> wie sehr ich daß mein gesamter
Kreis u mein Sin[n] wohl das eines solchen Zutrauens das
sie [sc.: Sie] uns schenkten wert war u es zu pflegen wußte.
Von nun an gehe auch uns wieder die Sonne der dem
Mensch so hohes Bedürfniß seyenenden u so wohlthuenden zutrauensvollen Mittheilungen
auf. Meine Sorgfalt wird seyn Ihnen mein u unser g[an]z[es] Leben
aus ein d[urc]h den < ? > so geläuterte[s] Leben zu zeigen
[Text bricht ab]