Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 8.2.1829 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 8.2.1829 (Keilhau)
(KN 24,3 Brieforiginal 2 ½ B 4° 10 S., ed. H V, 216-223)

Keilhau am 8en Februar 1829


Lieber Barop.

Einige der Knaben sind, ich weiß nicht wodurch auf den Gedanken
gekommen Dir zu schreiben und bringen mir nun ihre Briefe zur
Absendung an Dich, ja die ersteren welche mir ihre Briefe brachten
fragten mich schon ob sie abgesendet wären; da muß ich mich denn nun
doch auch bequemen an Dich zu schreiben, ob ich gleich dazu eine
genügendere Zeit abwarten wollte, ich aber auch noch überdieß in
etwas mit Dir unzufrieden bin, daß Du es gar nicht für gut befunden
hast mir auf meine beyden Briefchen an Dich, welche Du doch nach einer
Nachschrift von Georg Luther erhalten haben mußt, auch nur mit einem
Worte zu antworten; ich dächte nun doch die dazu nöthige Zeit und Auf-
forderung hättest Du nun wohl gehabt doch Du hast ohne Zweifel Gleiches
mit Gleichem vergelten wollen weil ich Dir eigentlich noch die Antwort
auf Deinen ausführlichen Brief vom Oktober v. J. schuldig bin; allein
Du vergißt dabey daß es bey Briefen von mir nicht so wohl um Freund[-]
schaftliche Mittheilungen, sondern um Mittheilungen der Fortschritte
des Innern und äußeren Lebens zu thun war; Mittheilungen letzte-
rer Art lassen sich besonders schriftlich nicht so leicht machen und
und die Veranlassungen zu Mittheilungen ersterer Art lassen
sich nicht herbey führen, auch machte ich sie Dir so schnell als ich konnte
genug ich erwartete am Neujahrstag bestimmt einige Zeilen
von Dir. Zwar hat mir meine l. Frau gesagt daß sie Dir in aller
Namen für die mehrfach schönen Reis schriftlichen und bildlichen
Reisebilder durch die liebe Mutter schon habe danken lassen; ich
will aber doch auch von meiner und nochmals von allen übrigen /
[1R]
Seiten her den schönsten und freundlichsten Dank für das Schöne
und Klare aussprechen. Die zufällige Art wie das dem Allgemeinen
Bestimmte, im Allgemeinen das Eigenthum Einzelner wurde wird
hoffentlich Deinen Beyfall haben wenn es sich einmal finden sollte daß
ich es Dir mündlich mittheilte; genug 4 wurden das Eigenthum der
4 Frauen im untern, und 2 der beyden im obern Hause.
Was unser äußeres Leben betrifft so steht es in örtlicher Beziehung
noch ganz so wie ich es Dir mitgetheilt habe, nur ist von mir
gerad am Weyhnachtsfest eine weitere Erklärung an den Herzog
von Meiningen
und an den (Consistorial-) Präsidenten von Uttenhoven
abgegangen doch habe ich darauf noch keine Antwort erhalten.
Obgleich jetzt nur noch wenige Zöglinge hier sind: die 3 Clemens
die beyden Pfeiffer, Eduard M., Julius G., Leopold T., Johann Sch.
und Wilhelm Fr., so wie Friedrich B. von hier und Laura und Bern-
hard aus Eichfeld so regt sich doch wieder von manchen Orten das
Zutrauen und gleich lebhaft für das alte Keilhau als das neue
Helba; ja für das letztere ist schon ein Zögling angenommen ein
Pflegesohn einer gewissen Fr. Majorin von Arnim-Bülow bey
Bayreuth. Und Leopolds Vater hat mir schon fürs nächste Jahr
seinen zweiten Sohn nebst noch anderen für Helba zugesichert; auch
im Meiningschen selbst scheint sich, obgleich eigentlich noch gar nichts
öffentlich ausgesprochen worden ist, das Interesse für Helba
zu regen, wenigstens ist mir auch von daher schon Theilnahme
ausgesprochen worden.
In Keilhau selbst geht alles ruhig seinen Gang, im Ganzen
wird wohl von allen tüchtig gearbeitet. Da Herr Carl seit /
[2]
Michaelis immer auf dem Sprunge stand wieder nach Cassel zu Spohr
pp zu gehen und sich ausschließend der Musik zu widmen, wozu
er nur eine Unterstützung vom Herzoge erwartete, so habe ich ihn
in diesem Halbjahre außer allen Antheil an den eigentlichen Unterricht
gesetzt, er giebt nur noch den wenigen Musikunterricht als Elise, Wilhelm pp
arbeitet aber sonst sehr viel für sich, Du würdest Dich über die Masse
der Sache die er schon geschrieben hat wundern wenn Du sie sehen solltest.
Besonders componiert er jetzt sehr viele Lieder aller Art und in den
Singstunden der Großen werden oft nur Sachen von ihm gesungen. In
der letzten Zeit ist ihm wiederkehrend die Adjunctur bey seinem alten
Großvater dem Cantor in Wernshausen angetragen worden. Ob er
diese Stelle annehmen wird weiß ich nicht, er sagte mir, nein! doch
nach Cassel wird er wenigstens vor der Hand auch nicht gehen da
ihm von Seite des Herzogs sein Gesuch um Unterstützung nicht gewährt
worden ist. Mich hat dieses Schwankende in Carl in meinem Innern ihm
etwas entfremdet, denn ich sage mir weder als Componist noch als
ausführender Musiker d.h. Virtuos wird er etwas Ausgezeichnetes
leisten, mittelgutes dieser Art aber giebt es genug; wenn es ihm
möglich geworden wäre die Musik mehr allgemein menschlich
und erzieherisch aufzufassen so hätte er mit uns in einem Kreis
dem Menschenerziehung Lebensaufgabe ist wohl etwas vorzügliches
leisten können, doch hatte er dazu - ob Du gleich darüber anderer
Meinung seyn magst - die Musik mehr innerlich und in ihrem Wesen
als nur in ihrem Tonverhältnissen und Gebilden erfassen müssen. Auch
sehe ich nicht wie er auf dem Wege zu welchen er neigt Lebensbefriedigung
finden wird; doch dieß ist ja seine Sache. Es ist ganz auffallend wie /
[2R]
wenig der Mensch auch der bessere jüngere jetzt vom Geiste und Wesen
sondern nur vom Äußeren des Lebens und der Lebensverhältnisse
gehalten werden kann; so wie nur das äußere Leben hier freylich
wohl stark zurück trat, gleich wendete auch unser Carl dem ganzen
den Rücken, ja er theilte sogar seine Stimmung schon anderen mit, so
daß sogar Leopold welcher dortmals viel und noch jetzt mit ihm ver-
kehrte mir aussprach, daß auch er Ostern abgehen werde. Nach dem
eben erhaltenen Brief seines Vaters bleibt jedoch Leopold nun noch
bis 1sten Januar k. J. und nun auch mit Freude. Allein diese wiederkeh-
renden Lebenserscheinungen machen mir doch das äußere Leben und dessen
Verhältnisse und Verbindungen sehr gleichgültig weil sich ja nirgends
ein Verlaß auf die Menschen ausspricht denn was der eine Wind bringt,
das nimmt ein anderer wieder und die Menschen haben nicht mehr Selbst[-]
ständigkeit als die Festgestalten des Schnees. Dagegen sehe ich überall
die Wahrheit und tiefe Begründetheit meines Wollens und Bestrebens
sich bestätigend, denn nirgend sehe ich daß einer welcher vor der Zeit von
dem Ganzen sich wendete zu einer Vollkommenheit und einer Reife
gekommen wäre, überall sehe ich bey allen diesen nur zerbrochenes
zerstücktes Leben[.]
Nun davon weg den Blick und nach dem Inneren. Das Innere Leben
entwickelt sich so stetig als ruhig von Stufe zu Stufe empor und hervor
unwiderlegbar wahr und so in gleich inniger als lebendiger Einigung
ja Einheit mit Geschichte, mit dem besonderen wie mit dem allgemeinen
Leben des Menschen und mit dem der Natur; das Gemüth fühlt immer
bestimmter die innere lebendige Einheit, und der Geist schaut sie und
den innigen innern Zusammenhang aller Lebens- und Lebenerscheinungen /
[3]
immer klarer ja der Verstand wird immer sicherer in den Grundtypus
die Entwicklung aller Mannigfaltigkeit aus der Einheit zu sehen und
auch gegenständlich und äußerlich nachzuweisen. Das philosophische
Streben aller Zeiten und aller Völker, das augenblickliche wissenschaftliche
Weltstehen das Größte wie das Kleinste die Erzeugnisse des menschlichen
Geistes wie die der Natur sprechen dafür. Überall walltet Ein Gott
Eine Gotteskraft, eine Gottesliebe im Gottesgeist Ein göttliches Leben
und Streben in allem, o! Heil Kraft, Friede u Freude bringt es dem
menschlichen Gemüthe es zu fühlen dem Geiste durch das innere Geistes
Auge es zu schauen bey allen Widersprüchen und Erbärmlichkeiten des
äußeren Leben.
Der treue Johann ist jetzt sehr thätig mir nach meinen Angaben
aller Fest- und Raumesgestalten stetig und als ein Lebganzes
aus der Raumeseinheit dem Würfel oder wenn Du wahrer und
bestimmter willst aus der Kugel zu entwickeln. Es ist herrlich ja
es ist wie klärend, so erhebend welch ein inneres Wechselleben
sich in dem scheinbar todten Massen sich kund thut. Gestern
hat Johann Abends die 90ste Gestalt beendigt alle im nothwendigen
innern und lebendigen Zusammenhang und nach in und durch das
Wesen der Kraft sind der Einheit mit Nothwendigkeit bestimmten Ge-
setzen entwickelt und auch auf dieser ersten Stufe, der mathema-
tischen Nothwendigleit schon die Erscheinung der moralischen Freyheit[.]
Ja! Gottes Geist Du wirkst in Allem und durch Alles.
Im verflossenen Sommer haben wir herrliche Belege für die Einheit
der Formenerscheinung in der Pflanzenwelt gefunden. Ich freue
mich sehr auf kommendes Frühjahr wo nun, da das äußere
Auge mehr entwickelt und der innere Sinn bestimmter und klarer
ist: das inner[e] Leben der Pflanzenwelt auch in den äußeren
Formenerscheinungen in seiner unzerstückten Einheit zu schauen.
Auch Middendorff hat an unsren Arbeiten so weit es ihm mög[-]
lich wurde Antheil genommen. Wir sind nemlich jetzt wöchentlich
2 bis 4mal Abends zusammen d.h. Meine Frau, ich, Middendorff, /
[3R]
Elise, Emilie; Frau Langethal, Herr Carl Johann und das junge Mädchen
was bey uns ist Luise Beyer aus Jena, wo aus dem Jean Paul
und zwar ["]Die unsichtbare Loge["] oder ["]Die Mumien["] vorgelesen werden.
Diese Abende geben uns viel, gelesen wird gewöhnlich 1 Sector
aber wie es das innere Leben mit sich bringt wird darüber ge-
sprochen und unserm Leben nahe gebracht. Das Sprechen thut nun
leider Niemand als ich Middendorff und höchstens meine Frau, und noch
überdieß bin ich meistens Bruder Redner aber auch die Stille
hat ihre Sprache, und so ist das Ganze doch ein großer Austausch
des inneren Leben und viel Schönes für Geist und Gemüth ist doch
dabey zur Sprache gekommen. Ich habe sehr oft dadurch veranlaßt
Deiner gedacht aller und gewünscht Du möchtest gegenwärtig
seyn. Diese frischen Geistesblumen sie können doch in der Bestimmt-
heit ihres innern Lebens mit dem lebengebenden Duft nicht wieder
gegeben werden.
Da mein Denken mein inneres Leben die ihm noch nothwendigen
inneren Entwicklungsstufen in dem letzten besonders Kampf- und
druckvollen Zeit durchlaufen hat, und ich, ich möchte sagen von der
Steinwelt durch die Pflanzen- und Thierwelt zum Menschen emporge-
stiegen bin den Menschen und die Menschheit wie sie in sich selbst ruht
und doch im innigen Lebensbunde mit allem lebt gefunden habe,
so werde ich, so ist wenigstens jetzt mein Wunsch in den nächsten
Tagen mit Leopold einen Unterricht beginnen in welchem ich alle
Erscheinungen des äußeren und innern Lebens in ihrem innern lebendigen
Zusammenhang geknüpft an äußere symbolische Anschauung zu ent-
wickeln mich bemühen werde. Es wird der erste Keim der
erste stille Versuch zur Ausführung des großen Gedanken der
in meiner Seele ruht: alle Lebens- und Lebenerscheinungen in ihren
innern innigen friedlichen und freudigen stets schaffenden Zusammen-
hang dem Geiste zur klaren Anschauung für Lebensanwendung
vorzuführen - seyn. Middendorff und Johann werden wohl
nach meinem Wunsche davon Antheil nehmen. /
[4]
So magst Du nun doch wohl sehen daß auch das Leben in seiner winterischen
Erscheinung nicht ruht, denn die Noth und der Druck, die Kälte und der
Forst [sc.: Frost] des Lebens hat [sc.: haben] uns zur Erhebung und Stärkung zur Verflüchtigung
und des Phlegma und zur Ausscheidung des Geistigen gewirkt. Ja,
Barop das kannst Du felsenfest glauben ein großes göttliches, liebendes
väterliches Wirken thut sich ununterbrochen in unserem Leben [kund], wir
sind leider nur alle gar zu engen Herzens, körperlichen Sinnes und
getrübten Augens das wir es viel zu wenig sehen.
Mit unserm alten Ferdinand in Jena da geht es wie ich es in der
Ferne sehen kann recht er ist in jeder Hinsicht ein wackerer kräftiger
Student und zeigt mehrfach daß in Keilhau etwas gründliches
und geistig lebendiges zu leben war; er hatte eine schöne edle freye
Haltung als er da war, Du wirst wie ich es immer im Geiste sahe
und wünschte, nichts an ihm vermissen und doch wie keine Beschränkung
und Fessel so keine Roheit an ihm finden. Du weißt daß er Mitglied
des philologischen Seminars ist, jetzt lernt er nun erst recht den
Keilhauschen philologischen Unterricht namentlich den von Langethal
auch schätzen. In der Mathematik hat ihn der Professor Wahl
zu einer Art von Repetent ernannt indem er seine übrigen
Zuhörer wenn sie etwas (was sehr oft der Fall ist) nicht verstanden
an ihn gewiesen hat. Seit sei ihrer Rückkehr nach Jena sind
Ferdinand und Wilhelm Christian zu Mitgliedern der mineralogischen
Gesellschaft in Jena ernannt worden; ja der Professor hatte vorher
durch das Interesse Christians für Naturgeschichte veranlaßt, indem
dieser nur einigemal durch Ferdinand bestimmt in der Miner[al]kunde
hospitirte - denselben eingeladen seine Mineralogischen Vorlesungen
unentgeldlich zu besuchen. Es ist mir sehr lieb, daß gerad
jetzt Ferdinand in Jena ist, wo so viele kritische Blicke auf
unser Wirken gerichtet sind, und daß unser Ferdinand sich
se wirklich auch als ein ächter geist- und wissenschaftsgebildeter
Zögling Keilhaus sich beweist.- Vor einigen Tagen haben die
Jenaischen eine große Schlittenfahrt gehabt 175 Studiosen /
[4R]
haben daran Angetheil genommen. Die Masse der Schlitten
bestand aus 66 theils 6, theils 4, theils 2spännig. Das Ganze war in 3 Züge geordnet. Wie
Ferdinand schreibt war der
Zug ½ Stunde lang er ging erst durch die Stadt und dann
nach Chala [sc.: Cahla] wo sie im Schützenhause abstiegen. Christian schreibt
nur 2 seyen trunken gewesen was ihnen aber da sie Vor-
reiter gewesen seyen und da es grimmig kalt gewesen wohl zu
verzeihen wäre. Nach der Rückkehr haben sie den Univer[-]
sitäts Amtmann hochleben lassen, weil sie es durch dessen Ver[-]
mittelung haben erlaubt bekommen.
Nun wirst Du auch wohl etwas aus unserm Vaterlande
wissen wollen. Da kann ich Dir nun etwas ganz frisch gebackenes
melden. Der Herr Generals[uperintendent] Zeh hat im Rudolstädter Lande
einen neuen Schulplan in den Landschulen einführen lassen.
Das ist nun ein geflickter Flicken auf ein morsches Kleid;
auch der Unbefangenste sieht das halbe und ungenügende daran[.]
Es ist nicht möglich Dir einen Begriff davon zu geben; reine Zahl
und Figurenzeichnen haben sie eingeführt aber alles so verschroben,
und zerknickt, zerbrockelt daß unmöglich eine gesunde Frucht
davon kommen kann. Nun wenn Du einmal wieder zu uns kommst
sollst Du Dich selbst überzeugen. Bey der so höchst geringen Kennt-
niß vom Unterrichtswesen besonders vom begründenden, wel-
cher sich aus diesem Schulplan ausspricht läßt es sich nun er-
klären wie wenig ächte Theilnahme unser Wirken in R.-
finden konnte. Aber so wenig es ist was gefordert wird, so wissen
die Schullehrer doch nicht was sie damit machen und wie sie es be-
handeln sollen, weil die Sachen so einzeln als Forderung hinge-
stel[l]t sind fast ohne Anleitung wie ohne Zusammenhang. /
[5]
Mach aber von diesen Mittheilungen wenigstens so ganz mit meinen
Worten nicht keinen Gebrauch bey Georg denn ich wünsche nicht daß
durch einen Umweg mein Urtheil von Berlin nach Rudolstadt und gar
an Zeh komme, ob ich mich gleich hier offen und bestimmt darüber gegen
unsern Herrn Pfarrer darüber geäußert habe.
Vor einiger Zeit habe ich wie schon erwähnt einen Brief von Ge-
org Luther
bekommen ich bitte Dich ihn für denselben zu danken und ihm
zu sagen daß ich ihn antworten würde so bald über einiges ich mit mehr
Bestimmtheit sprechen könne. Aber sagt mir nur Ihr beyden zwey habt
Ihr mich denn in meinen Zeilen an Dich so ganz falsch verstehen können
oder habe ich mich gar zu ungeschickt mit meiner Meinung über Georgs
Examen ausgedrückt daß dieser wie es in seiner Nachschrift scheint
sich sogar dadurch veranlaßt findet sein Candidatenexamen in
Rudolstadt zu machen. Er ein Berliner Studiose läßt sich im kleinen
und kleinlichen Rudolstadt prüfen wo die Prüfung - wie ich doch glaube
ausgesprochen zu haben [-] ihm weder innerlich noch äußerlich etwas ge-
währen kann. Ein tüchtiges Examen in Berlin hätte er als Berliner
Studiose machen sollen dieß dünkt mich hätte überall ihm Achtung
verschaf[f]t, wie es früher Langethal auch gethan hat, und wäre gewiß
auch überall im Meiningschen Rudolstadtschen oder sonst wo er hätte
Gebrauch davon machen wollen, anerkannt worden. Aber so Rudol[-]
stadt, ich weiß nicht wo Georg hingedacht hat - oder was ich unbestimm-
tes geschrieben haben muß. Georg kann sich doch wahrscheinlich nicht vor
einem Berliner Examen fürchten, und fühlte er sich noch nicht stark
genug dazu so könnte er sich ja noch ¼ oder ½ Jahr auf seine Stube
einschließen, wahrlich die äußern Mittel zum Bestehen noch diese Zeit
würden ihm gekommen seyn. Auch ist ja ein theologisches Examen
wohl noch keine Ablegung eines Glaubensbekenntnisses, und wäre
es dieß, wahrlich so hätte Georg gleich diese erste Gelegenheit be-
nutzen können um sich als ein Senkreis Luthers, der [sc.: des] alten Kämpfers
bethätigen zu können. Nochmals, ich weiß nicht wie ich mich so halb und
zweydeutig habe ausdrücken können. Und endlich wollte er Berlin nicht
warum wählte er nicht Meiningen, wo so wackere Männer seyn sollen?- /
[5R]
Ich will es auch nur kurz aussprechen daß ich sehr unzufrieden war
als ich in Georgs Brief diesen seinen Entschluß las. Übrigens sind auch alle
Glieder meines Hauses so wie Ferdinand und Christian die eben von
Jena hier waren ganz mit mir einverstanden. Nun mags aber auch
da es vom Herzen ist gut und genug seyn und grüße nur beyde herzlich
von uns allen. Nur sage den Ernst noch er soll kein solcher Geldfinke
(gleichdeutig mit Mistfinke) seyn sondern soll sich die Ausbildung
seines Kunst und seines Geistes pp höher als alles Geld seyn lassen.
Mit dem erstern lasse sich später bey Fleiß Geld hinlänglich er-
schwingen, aber mit dem letzteren wenn es zu spät nicht das erstere.
Am Weyhnachts- und Neujahrfest waren wir ob ihm gleich alles
äußere mangelte auf das herzinnigste froh. Wir waren die Festzeit
über immer alle in der großen Lehrstube zusammen. Mehrere
Sachen von Lessing wurden dramatisch von der nöthigen Personen
zahl gelesen unter anderem Nathan. Am Neujahrsfest und Abend
waren wir besonders vergnügt und Herr Carl sagte daß er noch
kein glücklicheres Neujahr gefeyert habe.
Nun dünkt mich wäre es aber auch genug und ein 2½ Bogen
langer Brief verdiene nun wohl auch eine Antwort. Doch noch
Eins. Der alte Constant hat aus Bernburg wo er jetzt auf dem
Gymnasium ist einen herzlichen Brief an uns geschrieben. Es geht
ihm im Ganzen gut auch kann er etwas lernen, doch wünscht er sich
sehr zurück und er schreibt: "gern wollte er mit einer Wohnung im
Posthause zufrieden seyn wenn er nur wieder in Keilhau seyn könne
besonders fühlt er den Unterschied in der Behandlung der Lehrgegenstände[".]
Der theuern guten Mutter der verehrten lieben Tante sage meinen kindlich
hochachtenden Gruß, weil ich nun einmal so lang gewartet so
möchte ich nun nicht gern schreiben bis alles ganz klar sey, und da müßte
ich mich nun nicht, nicht nur Wochen sondern Monatenlang in Geduld
üben; wenn sie nur nicht irre an mir werden, aber das gewaltige
Geschick bindet mich auch gar zu fest. Alles ist, nachdem es [sc.: uns] der
Husten und Schnupfen gehörig heimgesucht besonders mein treues liebes
Weib, nun alles wieder wohl; alles grüßt Dich und alles zählt Wochen
und Tage bis Du wieder in unserer Mitte bist. Kommst Du denn aber auch?-
Mit Liebe und Treue der Deine FrFröbel

[Nachschrift auf den Rändern von 5R/5V/4R:]
Eben da ich dieses schreibe gelangen durch die 3e Hand, durch unsern Herrn Pf. von Rudolstadt aus, wunderbare
Fragen, mein Wirken und dessen Bestreben betreffend an mich. Sie scheinen das Signal einer sehr entscheidenden Ent- /
[5V]
wicklung zu werden, so bald ich selbst etwas weiß schreibe ich Dir wieder - doch laß uns nicht
länger auf einige Zeilen von Dir hoffen. Grüße den alten Bauer. Gehe doch in die Scharlotten-
burger Anstalt. /
[4R]
Zeit und Papier mangelt mir 2 Bitten an Dich zu thun. Erstlich mache Dich doch etwas genauer mit
Hegels Philosophie bekannt ich habe etwas sehr Interessantes darüber im Conversationslexicon 2e Folge Buchst.: H gelesen.
Das zweyte betrifft die Charlottenburger Anstalt.