Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Maria Elisabeth Hoffmeister in Berlin v. <20.>2. 1829 (Keilhau)


F. an Maria Elisabeth Hoffmeister in Berlin v. <20.>2. 1829 (Keilhau)
(Undatierter Entwurf, aus 2 Texten aus dem KN zusammengesetzt: Der Hauptteil in KN 23,19, 1 B 4° 4 S; der Schlussteil aus KN 24,7, 1 Bl 8° ½ S. auf Rückseite des Br. an Lommler v. 20.2.1829. Datierung nach den beiden im Briefentwurf genannten Dokumente Meininger Behörden v. 28.12.1828 und 12.1.1829, die Fröbel am 11.2.1829 erhalten hat bzw. nach dem dat. Entwurf an Lommler, also: zwischen 11. und 20.2. Wahrscheinlich ist der vorliegende Brief zugleich mit dem Schreiben an Lommler entstanden.)

[KN 23,19]
Mit welcher Freudigkeit u Heiterkeit des Geistes u Gemüthes, mit welcher frohen Aussicht in
die Zukunft beginne ich diesen Brief an Sie innig Hochverthrte [sc.: verehrte] u geliebte Theuere
Was immer es war in meiner Seele lag als ich es wagte Ihnen meine Wünsche und mein
Streben auszusprechen, als ich es wagte mich Ihren Sohn zu nennen alles dieß geht nun
zur Erfüllung klar fröhlich mit dem beginnenden kommenden Frühling am klaren Morgenhimmel auf. Auch
Wohl [wußte] ich es wußte es, wohl ich empfand ich es immer lebhaft: Die Wahrnehmung meines Geistes und Gemüthes
mußten wie meine Worte einmal in Erfüllung gehen mußten zur That werden. Nur
dauerte es lang, sehr lang ehe es in die wahre Erfüllung <ginge> bey weitem länger als ich selbst geahnet
und erwartet hatte, allein es war auch ein sehr Großes was ich ersehnte und erstrebte[.]
Es war die innige Theilnahme eines jungen strebenden Fürsten durch Einsicht u That an meinen
Bestrebungen, die Lebendige Theilnahme eines kräftigen Fürsten an meinem Wollen, welcher
es nicht als als das seinige betrachtete und mit seiner Sorge für des Landes Wohlfahrt und
für seiner Unterthanen Glück verwebte, es war die Theilnahme eines jungen thatkräftigen Fürsten
welcher in meinem Streben das seine erkannte und die Mittel besitzt das
Wollen zum Ziele zu führen. Es war – Sie innigst hochgeachtete werden es mit Ihrem
lebendigen klaren Sinn und Gemüth klar durchschauen! – Es war etwas sehr großes
was ich ersehnte – was ich aber auch zur Verwirklichung meines Bestreben[s] bedurfte [.]
Zu diesem Großen um es handhaben und gebrauchen zu können dafür mußte ich, ja mußten
wir in Gesammtheit erst durch Druck Ausdauer pp erzogen werden. In diesem Druck
und langer Prüfung lernten wir uns alle gegenseitig nur [umso] immer inniger kennen lieben u schätzen u schlossen
uns immer inn[ig]er u fester zu sammen; ja was nicht minder vortrefflich ist, alles sonderte
und schied sich ab, was das Läuterungsfeuer nicht ertragen konnte und dieß zum größten
Heil des Ganzen, denn nun stehen die Geprüften immer für einen Mann und kommt immer
die Noth u der Schmerz wieder – welcher ja vom Leben unzertrennlich ist, so kann sich jeder
fest auf den andern verlassen u keiner verläßt den andern wir sehen nun ein die Wahrheit bestätigt sich durch Darstellung die Wahrheit <suchte> Leben und so muß es auch seyn wenn
ich u wir den Forderungen und Erwartungen eines Fürsten u eines Landes entsprechen sollen
wenn ein Fürst u ein Land sich auf uns verlassen soll und Zu[-] u Vertrauen schenken sollte.
Doch ich will mich nicht bemühen Ihrem klaren innern Sehen Auge Ihrem lebenserfahrenen scharfen Blick fürs Leben, das
Heilsame ja Nothwendige der nächtlichen u winterischen Zeit, der Zeit der Prüfung und der
Zurückführung auf u in sich – durch die wir alle hindurch mußte[n] im Einzelnen vor[zu-]
führen, wie wäre es auch mögl dieses Gute alles auszusprechen da ich es nicht einmal alles
denken kann. Nur auf eins ruhe ihr [sc.: Ihr] prüfender beachtender Sinn mein u unser Wirken
ist nun ein lebendiges Glied eines großen in sich geschlossenen lebendigen Ganzen eines
Staates, ist ein Zweig der gesammten Erziehung dieses Staates, so ist es der bestimmte Wille
des Fürsten, so ist es der klare Wunsch seines Consistorii (gleichsam des Ministerium des Cultus) /
[1R]
Dieß Consistorium spricht dem Herzoge in seinem Bericht [v. 28.12.1828] über die Nneue Erziehungsanstalt
wie eine Mittheilung derselben mir vorliegt als Wunsche aus - - „Daß die Anstalt zwar nicht isolirt und fremd außer[-]
halb des Kreises der Volksbildungsmittel stehe – und daß sie <dennoch>
rein in, der ihr zu kommenden eigentlichen Stelle im Kreise der Volksbildungs Mittel
Anstalten festhalten u durch nichts fremdartiges gestört werden möge – daß
besonders die vom Staate aus der Anstalt zur Vorbildung für den Schulberuf gegeben
werden[d]en Zögl. bis zum 17en Jahr in der Anstalt verbleiben mögten und daß
überhaupt diese Altersausdehnung pp zur großen Nutzbarkeit u Zweckmäßigkeit für
das Land sich auf alle Zögl der Anstalt so bald es der Wunsch der Theilnehmer wär
sich erstrecken möge.[“] Dieses Letztere ist es nun auch Der Herzog spricht das letzte[re]
noch nahmentl in seinem Cabinetserlaß [v. 12.1.1829] an das Consist: wie derselbe in abschriftl [Fassung]
vor mir liegt des längeren bestimmt wahr aus.
Die äußeren Gewährungen von Seite des Herzog: Er
Wohnung nebst geräum[igen] Hof u Spielraum - Herstellung derselben Wohnung für den erziehenden Zweck u für die damit ver-
bundenen Wirtschaftsbedürfnisse auf Kosten des Staates *auf gleiche Weise Erhaltung derselben im dem dem Zwecke angemessenen Zustand - Feld zu Kartoffel[an]bau – Feld zu
Futterkräuter[an]bau – schöne Gemüs- Gras- u Obstgärten – Stallung für 2-3 Kühe – jährlich eine solche Quantität Brennholz daß mir gesagt wurde
ich würde jährl nichts mehr bedürfen – außerdem dann 1000 Gulden
jährlichen Zuschuß – außerdem <Erstattung> der wirklichen Unterhaltskosten für alle Zöglinge
jedoch nur in angemessener Anzahl welche vom Staate aus der Anstalt gegeben werden werdenden Zöglinge und einen
baren Geldbetrag zu den jetzigen <Zeug>- und Einrichtungskosten – Alle
diese äußeren Gewährungen will ich gar nicht als so wesentlich hervorheben
da sie mir des Herzogs inniges u persönliches Interesse und das
Verwoben[-] ja das innige Geeint seyn der Anstalt mit dem Interesse
des Lan mit den Erziehungs- u Schulanstalten des Landes bey weitem
mehr als dieß alles gilt. Dabey muß ich jedoch zur Würdigung des
jährlichen Beytrages aussprechen, daß mir vielseitig ausgesprochen wurde
daß man in Franken und in Meiningen mit einem Gulden ebenso viel
kann u eben so viel bewirke als hier mit einem Thaler, so daß
also diese 1000 Gulden Zuschuß dort ebens für jene Gegend eben so viel wären
als hätte ich hier jährl 1000 Rth erhalten [.] Dazu kommt daß ich nicht
allein keine Baukosten, sondern noch überdieß einer Großen Ausgabe für Holz über[-]
hoben bin.
Was nun Keilhau betrifft so bleibt dieß, u die allgemeine deutsche Erziehungs[-]
Anstalt nicht nur in sein[em] Wirken [erhalten], sondern wir bestreben uns es in <möglichster>
Vollkommenheit als Anstalt darzustellen. Das Erziehungsgeld für Keilhau /
[2]
bleibt auf 200 Rth Preuß[isch Ct] festgesetzt. Die Anzahl der Zögl aber soll nicht die
Zahl von 20 übersteigen. Vor der Hand bleibt Langethal hier mein Stell[-]
vertreter doch ist es fast so gut weil als wäre ich selbst immer gegenwärtig
weil Helba auf geradem Wege nur ohngefähr 8 Meilen von hier entfernt ist
der Weg großentheil[s] sehr gut eine sehr fahrbare ja zum Theil bequeme Chaussee ist. Im Sommer
läßt sich der Weg von einem Manne wohl in einem Tage u in den kurzen Tagen in 1 ½
Tag[en] zurück legen, der Weg geht durch sehr schöne Gegenden u er ist im Ganzen
ausgezeichnet schön und ob er gleich über den hohen Thür[inge]r Wald geht doch gerade da
besonders auch zum Fahren sehr bequem. Die Lage Helba[s] [ist] sehr schön, das Thäl[-]
chen wie Keilhau nur kleiner u <geradlicher> und öffnet anStatt nach Morgen nach Abend und
Statt des hier nur herrschen[den] Schwarz[-] u Nadelholzes ist dort selbst viel Laubholz
Buchen Birken Eichen. Die ganze Gegend ist bey weitem weniger rauh als die hiesige die Berge zumeist nicht <so kahl> als die hiesige[n] es liegt
schön weil es auf an der andern AbendSeite des Thür[inge]rwaldes liegt u das Thal gegen Morgen geschlossen ist wesentl gleichsam südlicher, so
giebt soll es dort auch viele Nachtigallen geben, doch ich will mich jetzt nicht mit Ausführung
der [sc.: des] Einzelnen aufhalten ich werde nun viel Gelegenheit haben darauf zurück zu kommen[.]
Ich werde von nun an die hohe Freude sich mit Ihnen theuerst[e] Mutter u Tante wenigstens brief[-]
lich zu besprechen nicht allein mehr meinem treuen lieben Weibe überlassen, aber sehen
sie [sc.: Sie] empfinden es gewiß mit mir <schmerz[lich]> wie lastend u drückend es für mich seyn mußte immer nur
von einem zu Werdenden wie von einem klaren fröhlichen frischen Seyenden zu reden darum mein oft so langes Schweigen. Ich freue mich schon darauf wie jeder schnelle Fortschritt mich treiben wird Ihrer Theilnahme <mich> zu <schätzen>. Noch ist
zwar noch manches Stöhrende was aus der frühern druckvollen Zeit herüber wirkt zu
beseitigen aber in wenigen Monaten soll es mit Gott doch so überwunden seyn, daß es wenigstens
nicht mehr nachtheilig u vernichtend wirken kann, und diese Monate wird ja der mit
Muth, und das Gottvertrauen, die Ausdauer u Thätigkeit die sovieles {besiegen überwinden} half
beseitigen helfen. – Ich freue mich schon innig darauf wie dann jeder schnelle Fortschritt
u jede weitere Entwicklung mich treiben wird Ihrer mütterlichen Theilnahme ihnen [sc.: diese] mitzutheilen[;]
nachholen will ich dann was ich besonders in dem verflossenen Jahre versäumt habe.
Oder schöner wäre es auch sie [sc.: Sie] entschlössen Sich gar wieder zu einen Besuch bey uns
zu machen. Wie kann ich jetzt Dann sähen Sie selbst wie alles frisch u freudig unter einem Klar
pflegenden Fürsten Auge hervor wachse u blühe. Wie kann ich jetzt diesen Wunsch Ihnen
so frey u so freudig aussprechen und freudig stelle ich alles Ihrem Ermessen frey. - Das Schloß in Helba ist zwar ein alterthümliches
Gebäude mit hohen spitzen sogenannten altdeutsch[em] Dache aber die Zimmer sind groß
haben eine sehr schöne gesunde Lage gegen die Nachmittag Sonne u sind d[urc]h lange Corridor[e] u Unter sich durch T[hüre]n
verbunden nach der altitalischen frühern edlen Bauart. -Der große Gemüß Garten ist ganz nahe hat mehrere
Morgen[-] Mittags[-] u schöne Lauben von blühendem Gesträuch u von /
[2R]
diesem Garten führten <geheime>
zickzack wege unmittelba[r]
zu der <Anh mit Laub so>
höhe die sich wie ein Kolm
gleich un[mit]telbaar hinder [sc.. hinter] dem
Wohnhause erhebt, aber dieser [sc.. diese]
Anhöhe ist großentheil[s] mit laubholz bewachsen u hat einige schöne Plätze, so auch einen
unter frischen jungen Linden. Doch ich wollte ja die Schilderung des Einzelnen
mir vorbehalten bis wir dort sind u bis der Frühling, die Blüthen u die Vögel
uns alles verschönern, aber unwillkührlich komme ich immer wieder darauf zurück[.]
Es ist dieß die innige Freude des so gern dankbaaren Gemüthes auch Ihnen endlich einmal etwas
wahrhaft freudiges sagen zu können. Auch Ich weiß es ja daß ich Ihnen u dem lieben
treuen Weibe so unaussprechliches verdanke ohne welches ich schwerlich zum
Ziele zum so schönen Ziele meines Wollens u Strebens gekommen wäre. Ich weiß
daß ohne den großen häuslichen streng sorglichen klar ordnenden Sinn u fast mehr als mütterliche Sorgfalt
unsere[r] Henriette Wilhelmine
die hohen die großen aufopf hingebenden Beweise Ihres
beyderseitigen mütterlichen Vertrauens es sind die welche die nicht zu brechenden festen Stützen des Ganzen in den wichtigsten u entscheidendsten Lebensmomente waren [ohne] daß [sc.: das] mein erziehendes Wirken nie das Zutrauen sich errungen haben würde dessen
es sich jetzt unter den Einsichtigsten u Prüfendsten erfreut. Darum bin ich
hoch beglückt daß auch mir ein Stern aufgeht wo ich der mich die Hoffnung habe hoffen läßt Ihnen allen auch nun <noch>
im Leben noch viel wahre Freude zu machen und so das sinnigste Streben meines Herzens in Erfüllung zu bringen. Gott erhalte Sie uns zu einen frohen freudigen Leben
noch lange. Unserer lieben Tochter
Auch der theuren Wilhelmine scheint sich eine besondere Wirksamkeit aus dem Ganzen zu entwickeln
die ihrem zarten hohen mütterlichen Sinn ihrer großen mütterlichen weiblichen Sorgsamkeit u ihrem zarten
liebenden Gemüthe besonders zusagt u die darum ihr Herz vielleicht längst
ersehnt hat; eine Wirksamkeit die wie ihrem strebenden ihrem ganzen Wesen so auch ihren gesammten
Kräften zusagt. Wir haben nämlich den Gedanken, mit [der] Erziehungsanstalt
in Helba eine Pflege[-] u Entwicklungsanstalt für 3-7jährige mutter[-] und älternlose Kinder <aber von>
beyderley Geschlecht, für bemittelte Stände
zu verbinden. Diese Kinder werden mit Iihrer Pflegemutter ihr ganz eigenes
<friedliches> Leben und Kreis ungestöhrt von dem Ganzen haben; ein einfacher Gemüthvoller denkender u strebender geistiger
[1R]
[KN 24,7] junger Mann so wie eine entsprechende Gehülfin haben. Dieser Gedanke
der zwar erst ganz jüngst unter uns zu Sprache gekommen hat aber von
allen Seiten einigen Beyfall gefunden und besonders da auch das Locale für
dessen Ausführung so günstig ist, und sich so <Hieran> würde [das] so strebende Ge-
müth Wilhelminen[s] höchste als einer höchst <rüstigen> Wirkung volle Befriedigung finden
und durch die Leitung des Ganzen ihre Kräfte nicht übersteigen. Die Allgemeine Haupt Leitung
des Ganzen des Häuslichen in allen Anstalten u besonders [als] Hausmutter des Ganzen aller Anstalten bleibt sie immer, doch
können die jungen starken Hausfrauen sich nun
in die Leitung des <S? > einzelnen theilen.