Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <Ferdinand Breymann in Mahlum> v. Febr. / März (vor 21.3.) 1829 (Keilhau)


F. an <Ferdinand Breymann in Mahlum> v. Febr. / März (vor 21.3.) 1829 (Keilhau)
(KN 23,10, Stück I+II, undat. Entwurf I: 1 Bl 4° 2 S. + 3 Zettel 16° 5 S.; II: 1 Bl 4° 2 S., erw. Heiland 1993, 187.336.
Rekonstruktion des Briefs in KN 23,10:
In KN 23,10 liegen zwei Briefstücke, beide an einen "Freund und Vetter":
- I: 1 Quartblatt (I,1-2), 2 halbe Quartblätter (I,3-4.5-6), 1 halbes Quartblatt (I,7, darauf und auf Rückseite auch Reste einer Finanzaufstellung)
- II: 1 Quartblatt (II,1-2, wurde zuvor als an F. adressierter Umschlag für einen Brief verwendet, der einen zerbrechlichen Inhalt hatte)
Die dazugehörigen Unterlagen rechnen sowohl mit der Möglichkeit, daß es sich um einen oder zwei Briefe handelt. Für die Einheitlichkeit spricht:
- das gleiche Papier, derselbe Schriftzug
- die inhaltliche Kongruenz
- die gleiche Anrede "Freund u Vetter" auf II,1 und I,7
- dem Anfang von II,1 muß etwas vorausgegangen sein.
Die Möglichkeit, daß II eine Fortsetzung von I ist aber unplausibel, da I, S.7 deutlich Briefschluß ist.
In folgender Abfolge gibt es aber einen geschlossenen Text: I,1-2; I,3-4; I,5-6; II,1-2; I,7
Argumente:
- alle anderen Seitenübergänge von Stück I (1-2, 2-3, 3-4, 4-5, 5-6) lfd. Text
- die "lange Mitteilung" (II,1) ist dann I,1-6
- in II wird die Anstalt für 3-7jährige Waisenkinder inhaltlich wieder aufgegriffen
- die Ziffer 7 in der Kopfmitte von II,1 wird sinnvoll als 7. Seite des Gesamtentwurfs
Adressat:
- Briefliste vermutet Christoph Müller und dat. "(1828)"
- Heiland 1993, 187 u. 336 (2 Briefe): F. Breymann in Mahlum, dat. nach 11.2.1829
- für Breymann in Mahlum spricht die implizit vorausgesetzte Nähe zum Ort Nette
- Verwandtschaft lt. Lyschinska II, 586: Die Frau Breymanns heißt Luise, geb. Hoffmann aus Nette; das könnte die am Ende erwähnte "Gute" Breymanns sein
- Verwandtschaft lt. KN-Typoskripten: die am Schluß erwähnte Christiane könnte Christiane Rauterberg geb. Hoffmann in Nette sein, eventuell Schwester Luise Breymanns, also Schwägerin Ferdinand Breymanns
Datierung:
- frühestens Mitte Dez. 1828 (Helba steht für F. fest)
- sicher vor 21.3.1829 (Frühjahr und Ostern noch zukünftig)
- wenn Breymann Adressat, dann dürfte die Begegnung vor mehr als einem halben Jahr im Zuge der Reise nach Göttingen usw. stattgefunden haben, also Ende Juli / August 1828, damit Datierung Febr. / März 1829
- die Pflegeanstalt für Vorschulkinder kommt auch im Brief an Barop v. 18.2.1829 vor)

[I,1]
Schon mehr als über ein ½ Jahr ist verflossen <als wir> seit ich bey Euch und namentlich bey u mit Dir u Deinem lieben
häuslichen Kreise Tage der Freude und des hohen Lebens Genußes verlebte und noch habe ich Euch Ihr
Lieben sämtlich und namentlich Dir mein sehr theurer noch kein Wort des Dankes ausgesprochen.
Überdenke ich nun die Zeit die ich seit jenen Freudentagen u dem Ausdruck meiner u unserer aller meiner
Reisegenossen herzinnigen Dankes verfließen ließ, so muß ich Euch entweder als ein sehr leicht des Lebens, der
Freundschaft u der vertrauenden Mittheilung und des dafür schuldigen Dankes leichtsinnig vergessender, <oder> als
ein den nicht minder hohen Freuden des innigen lebendigen Dankes verhärteter und unempfänglicher er-
scheinen, und doch ist keines von beyden bey mir der Fall, ja viel mehr ist die lebhafte Erinnerung an die bey
u mit Euch u Dir verlebten Tage u meine u unser aller immer wiedergekehrte lebendige Empfindung inniger Dankbarkeit Erinnerung
die Schuld meines so sehr langes [sc.: langen] Schweigens. Das Ganze ist so. Seit einigen Jahren schon bemühete u bestrebte
ich mich die Herz[-] u Grundwurzel meines allseitig erziehenden Wirkens in dem Herzen u wahrhaften Leben
eines wahrhaft lebendigen u strebendes [sc.: strebenden] Staates zu treiben. Schon seit einigen Jahren war ich auf das sorglichste
achtsam einen Staat u ganz besonders einen Fürsten zu finden welcher mein erziehende[s] Wirken u Streben in seiner
Gesammtheit achtend anerkennen u pflegend in sein Land aufnehmen würde. Es war etwas sehr großes
was ich suchte, es wurden die Prüfsteine an Manchen Sta[a]t gelegt allein es wollte sich keiner finden
welcher dem Umfang der menschliche[n] Forderung genügte, in allen Verbindungen war für die freye Entwicklung des reinen Ge-
dankens welcher dem Ganzen zum Grunde liegt fast mehr zu fürchten als zu hoffen war die Darstellung der erstrebten
reinen gründl. freyen Menschenentwickl. durch die Gesammtheit der Umstände u Ansichten des Menschen u der Lebens[-]
verhältnisse fast mehr gefährdet als gefördert. So schien es fast als müßte der Fürst u der Staat in
dessen Herz wir unser Herz in dessen Leben wir unser Leben finden sollten erst geboren werden; und so war
u ist es aber auch fast wirklich. Durch den Tode des letzten Herzogs von Gotha, wo dieß Land in mehrere Erbtheile zerfiel trat
ein neues das Fürstenthum Meiningen <unter anderen> aus der Unbedeutendheit mehr hervor u so bildete sich das Herzogthum Meiningen-Hildburghausen-Saalfeld, und so wurde es dem <jungen>
Fürsten des Landes mögl. sich mehr auch in seiner <Tüchtigkeit> Bedeutenheit frey als Regent mehr hervor zu treten zeigen u seinen
allgem. menschl. Bestrebungen für reine menschenbildung größere Wirksamkeit zu geben. Wie nun durch die Landes
vergrößerung uns das Meininger Land uns gleichsam näher rückte, so rückten auch wir in unserm erziehenden Wirken
ich in meinen erziehenden Bestrebungen dem Herzoge näher.
Nach dem Tode des letzten Herzogs von S. Gotha trat unter andern auch das Herzogthum Meiningen als
Meiningen-Hildburghausen-Saalfeld aus seiner bisherigen Unbedeutendheit mehr hervor, u so wurde
es dem jungen thatkräftigen einsichtigen jetzt regierenden Herzog desselben [möglich] auch sich mehr in seiner Bedeutung
als Fürst u Regent zu zeigen u in seinen Bestrebungen für rein menschliche Ausbildung <seinem>
mehr Ausbildung Wirksamkeit zu geben. Wie nun durch die Vergrößerung Meiningens, das Land
gleichsam uns gleichsam näher rückte so rückten auch wir in unserm erziehenden Wirken, ich in meinen
erziehenden Bestrebungen dem Herzoge näher. Die Reise des He. Herzogs in sein uns nahe liegendes Fürsten[-]
thum Saalfeld vor 2 Jahren bewirkte die Verknüpfung, und seit jener Zeit wuchs sie, besonders, durch einige[-]
mal wiederkehrende Mittheilungen in M mündl. Unterredungen mit d[em] He. Herzog in Meiningen selbst stetig, so daß
ich nun als Folge dieser Verknüpfungen Einigung aussprechen kann: mit dem Beginn des kommenden
Frühjahrs werde ich, was ich so lang ersehnte, eine Volkserziehungsanstalt in Helba
und [sc.: unter] sehr günstiger befördernder, besonders achtend u anerkennend erziehender Mitwirkung
des Herrn Herzogs nach einem, demselben schon im Febr. v. J. eingereichten Plane im Allgemeinen wie im besondern ausgeführten Plane errichten. Helba ist ein kleines Dörfchen auf de ½ Stunde von Meiningen
links seitwärts der Straße von Meiningen nach Eisenach.
Das Herschaftl. Gebäude des dasigen /
[I,2]
herrschftzogl. Cammerguthes, welches zwar im Äußeren keinesweges sehr als schön in die Augen
fällt aber in seinem Innern eine diesem Zwecke sehr zusagende Einrichtung hat und besonders
angemessene angenehme Lage hat, wird nicht allein von läßt Sr. Herzogl. Durchlaucht nicht allein zu diesem
Zwecke räumen, sondern es wird auch auf des Herzogs Kosten dem erziehenden Zwecke
gemäß <in einem> ganz ausgebaut u hergestellt; - eben so übernimmt d[er] He. Herzog bleibend die Unterhaltung des
Gebäudes in einem dem Zustande welchen der Zwecke der Anstalt angemessenen Zustand fordert. Auch das nöthige Feld
um so viel Kartoffeln zu baue[n] als die Anstalt jährl. bedarf und Ackerland zu Fütterkrautan[-]
bau so wie Stallung für 2 Kühe erhält die Anstalt vom Guthe so wie namentl.
den bedeutenden u sehr bequem unmittelbar bey dem Gebäude liegenden Küchengarten
u einen entfernter liegenden Gras[-] u Obstgarten. Weiter empfängt die Anstalt jährlich
so viel BrennHolz daß mir versichert wurde, das Bedürfniß an Feuerungsmaterial wird
dadurch gänzl. gedeckt seyn. Unser [sc.: Außer] allem diese[n] aber bekomme ich eine für diese Gegend jährlich
eine so bedeutende Summe als jährlichen Beytrag Zuschuß - denn die Anstalt ist in jeder Hinsicht mein unbeendigtes
Eigenthum - als ich verhältnißmäßig in der blühendsten Periode meiner hiesigen Anstalt nicht jährl. rein Ertrag
hatte. Dazu kommt daß natürlich Aber das Wesentlichste des Ganzen ist außer
dem schon vorhin erwähnten völligen, sich in thätiger Unterstützung aussprechende Eingehen des He. Herzogs
die Stellung der Anstalt zu den übrigen (Erziehungs) Schulen des Landes namentl. den Landschulen; so soll
nach des Herzogs bestimmten Willen und des Landes Consistorii Wunsch diese Anstalt zugl. eine wirkliche Vorschule oder viel[-]
mehr Vorbildungsanstalt für alle diejenigen werden die sich dem Schulfache widmen
wollen deßhalb ist auch den Zögl. besonders den sich hierfür bestimmten (der Eintritt) noch
nach schon beendigter Confirmation und nachdem sie den gewöhnlichen Schulen entlassen sind hier nach
dem <13>en Jahre, der Eintritt in die Anstalt erlaubt wo sie dann bis gegen das 17[.] Jahr
nach d[es] He. Herzogs Bestimmung zu bleiben haben. Ja der Staat giebt selbst Zögl. in die
Anstalt wofür er aber die Unterhaltskosten vergütigt durch ein Festgesetztes
vergütigt. Dem Zweck des Ganzen - als Volkserziehungsanstalt - wird Lehre und
Thun - Denken u Arbeiten - Erkennen u Schaffen auf das innigste sich gegenseitig durch-
dringendste nach einem ganz neuen Plane geeinigt. Der Schul u Wort Unterricht ist sehr auf das strengste
geordnet aber auf die Hälfte des Tages bis 1 Uhr beschränkt; die 2e Hälfte
des Tages gehört dem Schaffen u Thun dem <eigentlichen> Arbeiten für materielles Erzeugniß
nicht als Spiel werden die Arbeiten betrieben sondern als ein ebenso dem Unterricht ganz
gleichgeordneter Gegenstand. Die Zögl. werden besonders hierdurch wirkl. Söhne
der Anstalt indem alle Bedürfnisse des Ganzen u des Hauses so weit als es immer mögl. ist durch die Glieder der
Anstalt selbst befriedigt /
[I,3]
werden sollen. Doch ich verliehre mich zu weit. Die Mittheilung des Planes ausführlichen Planes wird <mir>
ja auf eine andere Weise nöthig werden. Jetzt nur zunächst noch das eine dieser Gesammtrücksicht ge[-]
mäß und damit es besonders eine Anstalt für den bemittelten Mittelstand werde
wird das jährliche Erziehungsgeld nur die ½te des Hiesigen <[mo]natl.> Rth. 100 prßsch Cur.
in halbjährl. Vorausbezahl. betragen. Doch wird ganz der begründende Unterricht
ganz im Geiste u nach dem Umfange der hiesigen Anstalt gegeben werden nur
der eigentl. höhere u wissenschaftl. besonders sowohl in Beziehung auf Sprachen als
Kunst Mathem. Naturlehre Kenntniß der Natur u für Kunst bleibt der hiesigen
Anstalt - der allgemein deutschen - welche zunächst noch hier fortbestehen
wird vorbehalten. In Beziehung auf diese höhere Anstalt bleibt wird jene
gleichsam vorbildungsschulanstalt, so wie die hiesige in Beziehung auf Unterricht in
Rückbeziehung auf jene gleichsam Gymnasium wird. Keilhau als Grundbesitz bleibt
<demnach> mein Eigenthum (so wie der Bruder als Bewirthschafter desselben hier bleibt) so wie
die allgem. deutsche Erziehungsanstalt nur beschränkt auf höhere Bildung u so auch in
der Anzahl der Zögl. <in der gest> unter meiner Leitung u in lebendiger Verknüpfung /
[I,4]
mit Helba fortbestehen bleibt. Überhaupt geht durch diese Ausbreitung u Entfaltung des
Ganzen durch diese Fortentwicklung die lange von mir ersehnt wurde eigentl. keine Theilung noch we[ni]ger
eine Trennung in dem Ganzen vor und wir Männer die wir bisher für ein[en] Mann standen - mein
Bruder - Langethal - Middendorff, Barop auch Herr Karl und ich stehen ferner geeint u andere
junge Kräfte werden sich noch mit uns verbinden. Keilhau selbst ist nur ohngefähr 8 Meilen
von Helba entfernt, der Weg dahin <nicht> allein angenehm sondern auch belehrend; so hoffe
ich von diesem Zwischenraum zwischen beyden Anstalten ganz namentl. viel Erfrischendes Belehrendes u Veredelndes; Es wird
zwischen beyden Anstalten ein ähnl. Verhältniß statt finden als hier
in Keilhau zwischen dem sogenannten untern u obern Hause oder der Familie meines Br[u]ders u meinem
Hause. Beyde Anstalten werden sich gegenseitig Muster seyn. So werde ich denn meinem schönen
Ziele daß [sc.: , das] ich so viele Jahre in meiner Seele trug endlich bedeutend näher rücken u dieß um so
mehr als ich Hoffnung habe der neue Ort meines Wirkens, eine noch tiefe[re] Erfassung desselben mögl. macht: da dessen
Gesammtlage sehr erziehend ist so wohl durch Form als Gegenstand ein
kleines Thal mit Wiesengründen u von kleinen größtenth. mit Laubholz bewachsenen Berg[en] eingeschlossen welche deren
Thäler grüne Wiesen durchziehen, da das Gebäude 2flügl. ist der eine von 120, der andere von 100 Fuß
u diese beyden Flügel ganz unter sich gesondert werden - dieß u die Gesammtlage des Hauses
macht es mir mögl. <ein> besonderes hinzukommend zu meines lieben Weibes besonderer /
[I,5]
Vorliebe zur Pflege der jüngeren Kinder, macht es mir mögl. den Grundgedanken meines Erziehenden
Wirkens auch an noch kleinen Kindern als eine gewöhnl. Erziehungs Anstalt verstärkt
auszuführen. Ich werde daher In Helba in zwar in äußerer innerer Verbindung mit der
in Verbindung
mit Helba noch eine Helba dritte Anstalt verbinden
die: - eine Pflege u Entwicklungs Anstalt für mutter- u besonders elternlose
3-7jährige Kinder beyderley Geschlechtes, bemittelter Eltern. Diese Anstalt
wird in sich ihren ganz eigenen häuslichen Kreis bilden, meine Frau wird vorwaltend
die Pflegende Mutter dieses Kreises seyn, so wie ihr ein denkender u <[dem] gemüth des
Kindes erz[i]eh. nachgehender> junger Mann als Gehülfe u eine junge weibl. Gehülfin beygegeben
werden; doch wird die Behandlung ganz nach Grundsätzen der in meinen Schriften dargelegten höhern
Ansicht des Menschen, statt finden. Alles führt mich jetzt zu dieser letzten Anstalt als der Kern u Keim Anstalt hin, ich erwarte sehr viel von ihr.- So hoffe ich durch diese 3 Anstalten meine Erziehungs Grund[-]
sätze in ihrer Ganzheit u Einzelheit, in Vollstä[n]digkeit u Klarheit der Prüfung des ganzen
deutschen Volkes
so wie ich es längst anstrebte. Ich wollte u mußte in Keilhau, so
sehr ich mich längst bemühte wenigstens das Ganze in 2 Anstalten zu trennen, zu lange zwey zu ge-
trennte Stufen einen, ja die 3e Anstalt führte zeigte mir selbst das Lebensbedürfniß mehrmals als <höchstes>
Bedürfniß indem ich mehrmals <vater> mutter[-] u elternlose Kinder anzunehmen aufge[-] /
[I,6]
gefordert wurde und wirkl. einmal sogar vom 3en Jahre schon aufnahm, und auch diese
3te Anstalt hatte ich eigentl. so hier schon geeint. Dieß war der Verschiedenheit
in einem zu viel u erschwerte so mehrfach das Ganze. Doch nun erscheint alles
klar geschieden alles in seinem Element u <Grenzen> so hoffe ich, ich spreche es wiederkehrend
aus sehr viel von meinem mit dem Frühling neu begründeten Wirken, besonders
da mein ganzes Leben dort auch mit dem Leben einen [sc.: eines] Volkes eines Landes lebendig ver[-]
webt wird und ich besonders einen lebendig warm eingehenden u doch besonnen u ruhig fest aus[-]
dauernden thatkräftigen geistig einsichtigen Fürsten gefunden war [sc.: habe]. Dieß bedurfte mein Wirken
u Streben ich fühlte es immer tief aber es war etwas zu großes und außer meiner Macht liegende[s] als daß ich es
hätte anders als nur durch die höhere Führung eines liebend
leitenden Geschickes finden können. Dieß [sc.: Diese] sich jetzt nun so entwickelte Lage und Verhältnisse
meines Lebens lagen noch im Dunkel des Schicksals als wir und im Hoffen des Gemüthes
u in der Erwartung des Geistes als wir Euch besuchten, ja meine u unsere Reise stand in seinen
Endpunkten mit der Entwickl. dieser Verhältnisse in Verbindung, dieß mag meinem ganzen
Sein wie mir später ausgesprochen wurde etwas sehr in <sich> den Ausdruck zu groß[er] Abgeschlossenheit gegeben haben. Sollte
es auch Dir dem lieben Freunde aufgefallen seyn, so hast Du hier den Schlüssel dazu[.] /
[II,1]
Verzeihe mir mein <innig> hochgeachte[t]ster lieber Freund u Vetter diese lange Mittheilung, allein ich
will es gern gestehen daß ich damit ein[en] doppelten Zweck verbinde von welchen der erste
mir persönlich am Herzen liegt der zweyte mir um des Ganzen willen wichtig ist. Du hast eigentl. mein
theurer Freund seit Deinem Hierseyn nichts von mir u der Entwickl. meines Strebens gehört u doch nahmst
Du so innigen freundl. Antheil auch als ich Dich besuchte lag noch alles fest in <Entwi.> daß ich
das Kommende noch nicht gedenken konnte u das Daseyende sich schon in mancher Beziehung ausgelebt hatte
daß nicht mehr viel mehr darüber zu sagen war, so dünkt es mich bin ich wohl Deiner lieben Herzlichen Theil-
nahme auch eine größere u Ausführlichere Mittheilung schuldig u dennoch verspare ich noch vieles namentl.
was das Locale selbst betrifft bis nach meinem Einzug in Helba, wo mir auch wenn
es anders Deine freundl. Theilnahme mir ferner erlauben wird Dir auch noch vom Einzelnen
u der ferneren Entwickl. gar manches mitzutheilen übrig bleiben seyn wird. Der 2te Grund
in dem Wesen des Ganzen liegend ist der - daß ich u wir alle wünschen - unser
Wirken möge in Deutschland mehr durch freundschaftl. Mittheilung von Mund zu Mund u Herz
zu Herz als durch den nach Aufforderung des Bedürfnisses als durch den todten Buchstaben
der öffentlichen Mittheilung bekannt werden. Dieß ist ganz besonders in Beziehung auf
die zu errichtende Entwicklung[s]- u Pflege Anstalt für 3-7jährige Waisenkinder der Fall.
Die Pflegegelder würden wird nach den Umständen mögl. billig, u die Pflege
u Erziehung der Kinder die gewählteste seyn. Hast Du Zeigt sich Gelegenheit diesen
Gedanken zu verbreiten so ist bin ich überzeugt daß Du ihn gern benutzen wirst weil
die Begründung mehrseitigen W wirkl. sich fortentwickelnden Wohles für manche verwaiste besonders elternlose Kinder
daraus hervorkeimen könnte.
Nur kurz einige Personalien: Middendorff kehrte erst Michaelis von seiner Heimath jedoch
ganz gesund zurück. Sein Mädchen meine Pathe ist ein kräftiges liebes Kind. Sein Weib ist gesund
so wie Gott sey Dank wir alle <sind> u also auch der Bruder Christian
u die Seinen. Ferdinand ist seit Mich. in Jena u ist ein wackerer Student, d.h. er ist
kräftig u fleißig darum auch wie ich höre nach jeder Seite hin namentl. auch v. seinen Lehrern
geachtet. Wilhelm ist noch zu Hause. Christian Langethal wird Ostern v. Jena abgehen
u ohne Zweifel im Fache der Erdkunde u Naturwissenschaft <mein> Gehülfe werden.
Barop erwarte ich mit Eröffnung meinen neues [sc.: neuen] Wirkens als treuen Mitarbeiter, sein
letzter Brief v. d. Mon. spricht mir sein Sehnen danach aus. He. Karl unser Musiker kompo[-]
nirt jetzt sehr fleißig u schenkt uns manches schöne Lied so wie er sich mit seinen Schülern
Wilhelm u Elise große Mühe giebt. Auch unsere Musik freut sich der neuen Zeit[.] /
[II,2]
Georg Luther wird Ostern Berlin verlassen u vielleicht auf einige Zeit zu uns nach
Keilhau kommen, doch zeigt sich ihm mancherl. für die Zukunft er weiß nicht was
er wählen soll. Ernst Luther ist ebenfalls in Berlin u jetzt im Baufach in
der Bauschule sowohl als in der Akademie sehr fleißig. Von meinen lieben Verwandten
aus Berlin habe ich die erfreulichsten Nachrichten.
Diesen Nachmittag war Theodor Fröbel (der Griesheimer) hier bey mir; seit er im
vorigen Jahre als Gärtner in Eisenach ausgelernt hatte, war er Gärtnergehülfe in <Weimar>
u ist jetzt eben im Begriff als solcher nach Göttingen zu gehen. Vielleicht besucht er Euch
von dort. Karl sein Bruder lebt als Lehrer in einer Erziehungs Anstalt
bey London sehr zufrieden. Julius der älteste dieser 3 Br[ü]der studirt
jetzt in Jena Mathematik u bes. Naturwissenschaften. Ihre Mutter lebt
diesen Winter in Rudolstadt, so wie ihre Schwester in Königsee bey der
Muhme war.- Doch dieß wißt ihr besser als ich es schreiben kann
aus andern Quellen. In Rudolstadt sind unser[e]
Verwandten wie ich höre wohl. Auch aus Dollstädt haben wir
kürzlich Briefe. Nach Mögl[ich]keit geht es auch dort gut
doch ist der alte Schwager jetzt sehr schwach, er hat daher um
einen Substituten angehalten u wie ich höre soll sein Sohn Ernst
ihm adjungirt werden.- Heinrich der älteste ist TischlerM[ei]ste[r] in
Gotha und hausvater. Die Mädchen sind sämtl. beym Vater.- In Stadtilm
wo ich vor einigen Tagen war ist auch alles wohl - des Bruders ältester
Sohn Arthur ist seit Michaelis ebenfalls wie Ferd. in Jena.
In meinem Hause ist wie ich schon aussprach zu auch alles wohl u alle die Euch
bekannt sind grüßen Euch Dich u Deine liebe Frau achtungsvoll, vor allem meine
Frau mit mir Euch herzinnig. Von allen im untern Hause die seelenvollsten wärmsten freundschaftl.
Grüße. Vom mir u mein[em] Reisegefährten herzinnig den schönsten freundlichsten Dank für alle Liebe die besonders Du nebst Deinem Bruder
besonders uns erwiesen u uns die Tage des Aufenthalts
bey Euch zu Lebensfesttagen gemacht habt. Kommt dieser Dank auch etwas sehr
spät so nehmt ihn doch gütig ist [sc.: auf]. Ich wollte ihn Euch nicht früher
schreiben da ich ihn dort <nicht> von <einem frischen> Lebenskranz wie mir nun mögl. ist umschlingen konnte. /
[I,7]
Die anliegenden Zeilen besorgt wohl Deine Gute nach <Nette>
so wie sie wohl dort die Thatsachen die er in Beziehung auf
mein neues Verhältniß enthält u die sonstigen Personalien
die er enthält gütig mittheilen wird? Da mir <es> die Zeit
zu kurz ist nicht erlaubt im gleichen S wörtl. das Ganze nochmals
dort mitzutheilen auszusprechen.
Die Herzlichsten Grüße von uns allen an die liebe <Muhm[e]> Christiane[.]
Auch der Dem. Wislizceniu[s] freundschaftl. Grüße von uns.
Nun lebe wohl recht wohl im Kreise Deiner schönen
Häuslichkeit, beschenke mich bald mit einigen freundl. Zeilen
u vergilt nicht Böses mit Bösem. Mein Wunsch <Euch> bald
einmal wieder zu besuchen verspare ich auszusprechen bis ich
nach Helba komme.
Immer bin ich mit wahrer Liebe u Treue
Dein Dich innig hochachtender Freund u Vetter

         Friedrich Fröbel