Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 1.4.1829 (Keilhau)


F. an Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. 1.4.1829 (Keilhau)
(BN 619, Bl 23-26, dat. Entwurf 2 B fol 6 ½ S.)

Keilhau, den 1. April 1829


Durchlauchtigster Herzog,
Gnädigster Herzog u Herr!

Wie gleich vom ersten Keime des Gedankens
eine menschenwürdige, den Menschen be-
sonders in seiner Erscheinung auf der Knaben-
stufe eine möglichst vollkommene, eine
nach {jeder Seite / Richtung} der Anf später an ihn er-
gehenden Anforderungen / oder der von der
spätern Zukunft an ihn gemacht werdenden
Anforderungen hin
also eine darum allseitig begründete
Erziehung zu geben, und auch in den spä-
tern
eine solche Erziehungsanstalt un-
ter Ew Herzogl Durchlaucht {Obhut / Schutz} u
Pflege zu stellen, und in den spätern
Unterhandlungen eine solche Erziehungs-
anstalt unter dem Namen einer Volks-
erziehungsanstalt in Helba auszuführen.
So ist bis auf die letzten Augenblicke
dieser Unterhandlungen hin die Füh-
rung u Leitung einer höhern Hand nicht
nur nicht erkennbar sondern vielmehr
wahrnehmbar bleibend hervortretend.
Und dieß vor zuletzt vor allem in der
Bestimmung des Nachtrags vom 10. Decbr.
v. J. welcher festsetzt, daß zur Eröffnung
der bezweckten Volkserziehung in Helba
zwanzig Zöglinge mit dem nachweis-
lichen Betrage von 2000 rt PrCt Erzie-
hungsgeld
daß das Vorhandenseyn von 20 Zöglingen
mit dem nachweislichen jährlichen Erziehungs[geld]
von rt 2000 PrCt die Erziehungsanstalt
zugleich für eröffnet erklärt /
[23R]
Diese Bedingung legt das Ganze wie-
der in die Hand der Vorsehung zurück,
läßt mich von dem Vorwurfe unberührt
willkührlich eine vorschnelle Entscheidung
herbeygeführt zu haben und giebt mir
vor allem dadurch, daß sich die Meinung Absicht
eine Ents die (eine) Erscheinung nach ir-
gend
die Entscheidung nach irgend einer
Seite hin herbeyzuführen – in sich selbst ver-
nichtet – die Unbefangenheit Ew Herzogl
Durchlaucht das Ganze, wenn auch nur einige
Theile des Ganzen, wenigstens in einem
höheren Lichte, vom sein eigentl innersten
Standpunkte aus möglichst klar vor-
zuführen, vor welchen (3theile) aus jedoch
hoffentlich das Ganze nach jeder Seite
hin in klarem Licht erscheinen wird[.]
Es ist mir oft wiederkehrend im
Laufe der Verhandlungen ausgesprochen
worden, daß die Sache von großer Wich-
tigkeit sey, und darum eine vielseitige
Erwägung erfordere; auch ich erkenne dieß
auf das Höchste wahr. Nur ist darum auch
vor allem wichtig, daß der gleich anfangs
bestimmte u einfache Gesichtspunkt in seiner
Klarheit Reinheit u Einfachheit festge-
halten werde.
Dieser HauptGesichtspunkt ist nun dieser der
gleich oben gleich Eingangs ausgesprochene,
daß der Gedanke einer menschenwürdigen
Erziehung, die Ausbildung des jungen
Menschen nach jeder Seite d künftigen Lebens-
forderungen hin begründenden Erziehung
unter der schützenden Obhut Ew Herzogl
Durchlaucht und was damit zugleich ge- /
[24]
geben (bestimmt ist), in Höchst Ihrem
Lande Pflege finden möge. Wenn
sich an diesen Gedanken des Schutzes
u der Pflege u freye[n] Entfaltung hinzukommend die Pflege
der Gedanke einer förderlichen und
haltenden Unterstützung kam u
festgehalten wurde, so geschahe dieses
keines weges als Hauptsache, sondern
nur, weil es, gleichsam in dem ersten
bedingt es dasselbe dadurch zu erreichen
nur möglich schien. Es bleibt aber
dadurch immer nur ein äußerlich
hinzukommender Gedanke u eine so be-
dingte Forderung u als solche der freyen
Entfaltung des Grundgedankens
untergeordnet. Dieser ist darum auch
(ausschließend) nur (rein) festzuhalten und al-
les andere beseitigend an die Seite zu
stellen. Doch scheint es mir nun eben
als sey dieser Haupt- und Grundgedanke
bey den betreffenden Behörden ohngeachtet der
vielen deßhalb ge[p]flogenen Mittheilungen
durch die Länge und Umstände der Unter[-]
haltungen [sc.: redungen] zurückgetreten. Freylich trenne
ich hierbey nicht, dieß muß ich, zum dem
zu sagenden möglichst seine richtige
Stelle zu geben, sogleich {bekennen / erklären} – die
Meinung und Überzeugung im Collegio
von der Meinung und Überzeugung in den
freyen Mittheilung[en] darüber außer dem[-]
selben. So wurde mir z. B. bey meiner
jüngsten Anwesenheit in Meiningen außer-
halb des Collegii
in freyer Mittheilung /
[24R]
über die von mir auszuführende ErzA:
von dem Herrn O.C.R. Msgl [sc.. Mosengeil] die Äußerung
und Anerkenntniß des Enthusiasmus und
der [sc.: des] Glaubens welcher sich in der Gesammtheit
meiner Mittheilungen und Darstellungen darüber
die auszuführende Erziehungsanstalt
ausspreche achtend hervorgehoben anerkannt, und
wie ich aus dem Gang und Zusammenhang
des Gespräches nicht ganz, als das ei-
gentlich beste und Höchste meines Wol-
lens, meiner Bestrebungen. Doch
so groß, so wichtig auch die mir dadurch
zuerkannten Güter immer sind und
seyn mögen, so sind sie doch unter[ge]ord-
net dem dritten, dessen Kinder sie
eigentlich erst sind: Dem Grundge-
danken in seiner Wahrheit Einfach[heit]
und darum Ausführbarkeit, dem Gedanken
einer menschenwürdigen für die Viel[-]
seitigkeit der künftigen Lebensforderung
begründend entwickelnden der Gesammt-
bestimmung des Menschen genügenden Erziehung;
dieses Gedankens welcher sich auf die
Würde und das Wesen des Menschen
und die in ihm selbst gegebenen Entwicklungsgesetze desselben
gründet. Die klare Auffassung und {ernste / männl}
Festhaltung dieses Grundgedankens ist
darum {das Wichtigste der Wendepunkt} um welche sich das
G[an]ze handelt, und die Ausführung desselben
das zu erringende Ziel. Außer seiner eigenen
Wichtigkeit bedarf dieser Gedanke gar nicht <auf zu>
und äußerlich Hinzukommendes um ihn in seiner
Wichtigkeit, Er- und Umfassen[d]heit zu erheben
denn in seinem Zwecke das {Unendl / Göttliche / Unsterbl} des
Menschenwesens durch Schaffen, Thun u Arbeit /
[25]
am äußern Werk kund zu thun, und sich so
selbst als nach dem Bilde Gottes, geschaffen,
d.i. schaffend bethätigen, ist dessen
hohe Bedeutsamkeit schon auf das voll-
endetste gegeben und ausgesprochen[.]
Wie nun aber der Gedanke schon
seine Wichtigkeit u seine Würdigkeit in sich selbst trägt
ohne sie erst von irgend etwas äußerem
zu bekommen, so kann er eben so auch nur
auf seinem Felde u in sich u d[urc]h sich selbst ge-
prüft zu werden. Jede von außen kommende
und darum nicht im Wesen des Ganzen ruhende
und davon ausgehende Prüfung muß deßhalb
nothwendig ungenügend in ihren Folgerungen
seyn einseitig seyn. Die Wahrheit kann
also nur dadurch geprüft, in ihrem wahren
Werthe und Lichte gezeigt werden, daß
die Gesammtheit der Leistungen u Erzeugnisse
in so weit sie schon ausgebildet sind und vorliegen
in Beziehung auf die Einheit u den Grund[-]
gedanken aus welchem sie hervorgegangen
sind geprüft werden, so wie auf die
Einheit auf welche sie zurückführen
und ob diese Einheit eines u dasselbe
mit dem Wesen des Menschen nach
jeder Seite seiner Bestimmung seines geistigen
u leiblichen Berufes hin ist; nur eine solche
Prüfung kann da entscheiden wo man sich
mindest nicht zur reinen Prüfung des Gedankens
mindestens nicht erheben will. Frühere
Zeiten hatten es freylich besser, so fand
Pestalozzi seinen Philosophen Fichte welcher
vor der ganzen deutschen Nation u zu derselben
in seinen Reden an sie aussprach: und wenn
die Resultate der Pestallozzischen Idee
in seiner Anstalt, als Anstalt noch bey /
[25R]
weitem schlechter wären als man sie schildere
so wäre doch der Gedanke wahr und die
Wahrheit des Gedankens könne durch die Un-
vollkommenheit u Schlechtheit des Gedankens der Ausführung
nicht getrübt werden. Zwar fand auch mein
Wollen seinen würdigenden und anerkennenden
Philosophen Krause, wie ich mir dessen <gel.> Ur-
theil bey Höchst Ew Herzogl Durchl historisch mitzu-
theilen erlaubte doch war dieses Urtheil und
in und vor einem sehr kleinen Kreis von <schaffenden>
u Forschenden ausgesprochen und so seine
Wirksamkeit im und auf das Publikum
kaum von einiger Bedeutung [.] Dieß hätte
nur eine Prüfung vermocht welche von
dem Grundgedanken ausgehend und auf
denselben zurückführend an u durch denselben
alle seine Erzeugnisse geprüft hätte; allein
eine solche Prüfung würde mir nicht einmal
von irgend einem Einzelnen wie viel weniger
also von einem g[an]zen Collegio und doch ist es
nur einzig eine solche auf dem Grund des Hauptgedan-
kens ruhende Prüfung welche etwas zu
entscheiden vermocht hätte. Merkwürdig
ist es darum immer daß mir und uns
eine solche Prüfung von Ew Herzogl Durchl
nicht wurde u werden konnte als wir
so glücklich waren sie [sc.. Sie] nahe am Ort unseres
Wirkens zu wissen, es läßt sich nur
dieß im Ganzen wohl und ich werde sogl Anforderung haben
vielleicht haben ich noch in
dieser Mittheilung Aufforderung dieß eigene
zu lösen aber höchst beachtenswerth
(merkwürdig) bleibt es immer, weil
mein Gemüth u Geist in Ew Herzogl Durchlaucht –
wenn die andern widrigen u entgegnenden Eindrücke nicht zu
große Trübung in dem Ihrigen zurück lassen – die Vermuthung Person
{gefunden / erkannt} zu haben glaubt welche in den
Erzeugnissen, Früchten u [Werken] den Grundgedanken
erfaßt, erschaut <-> aus welchem sie hervorgegangen /
[26]
auf welchen sie zurück zu führen [sind]. Es ist
dieß von der einen Seite her um so merk-
würdiger – (doch trägt dieß auch zur
spätern Lösung bey) – als wir dort im
Stande waren den Beweis d[urc]h sehr günstige
äußere Umstände zu unterstützen – Menge
der Zöglinge – Vergleichbarkeit der Arbeiten –
Vorzüglichkeit derselben – besonders
hoher [Text bricht ab]
[26R]
[vakat]