Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an E. L. Blumberg in Berlin v. 9.4.1829 (Keilhau)


F. an E. L. Blumberg in Berlin v. 9.4.1829 (Keilhau)
(BN 386, Bl 1-5, dat. Entwurf 3 B fol 9 S.)

Keilhau am 9ten April 1829.

An Herrn E.L. Blumberg
in Berlin
Judenstraße No 59.


      Hochgeehrtester Herr u Freund!

Mein Vorsatz war eigentlich Ihnen <von den>
<neuen Entwick> mir nicht eher die Freude zu
machen und Ihrer freundschaftlichen Theilnah-
me von der neuen oder vielmehr der günstigen Fort-
entwicklung meines Lebens nicht eher
unmittelbar durch mich selbst Kunde zu
geben als bis ich alles davon zu Sagende auch
mit Druckschrift gleichsam belegen
könnte, weil das Gedruckte immer
eine eigene bestätigende Kraft mit
sich führt; - doch mein Leben und dessen
Erscheinungen bleiben sich immer gleich: es
entwickelt sich in dem Maße fest und
klar als es sich langsam entwickelt
- so wird auch der äußerlich noch un-
sichtbare, nur von dem, welcher die
Baukunst des Lebens versteht - zu
würdigende Grundbau immer tiefer
u breiter und somit sicherer das große
würdige Gebäude zu tragen, allein
der äußerliche Aufbau des Gebäudes
verzieht sich aber dadurch auch gegen
Hoffen u erwarten länger hin als das Herz
es wünscht und ersehnt; da kostet es
denn di nicht zu ermüdende Ausdauer
nicht zu schwächenden Muth und wankelloses
Gottvertrauen. Wenn sich mir aber
je der Muth und die Ausdauer man-
nichmal verringern will, so sehe
ich in die Geschichte wie alles wahrhaft
Gute und das Tüchtigste bis auf die letzte
Minute, ehe es errungen da stand kämpfen
mußte, damit in dem Kampfes Bestehen, die
Anderen die Gewähr seiner Güte u Tüchtigkeit finden,
[links neben der letzten Zeile: Bleistiftnotizen] /
[1R]
- so schaue ich in die Natur wo dieje-
nigen Gewächse die ausdauerndsten und
großen sind deren Saame ehe er
äußerlich die Pflanze erscheint am
längsten in der Erde liegt und sich am
langsamsten entfalten wie z.B.
die deutsche Eiche und so strömt vom Leben
und Natur neues Vertrauen ins feste
Gemüth. Verzeihen Sie mir gütig
theilnehmender Herr u Freund, daß ich Sie
eigentlich gegen mein Wollen in mein
inneres Leben, in das Leben meines Geistes
und Denkens einführe, der Sie wohl
im Drange des äußeren Lebens, nur
die einfache Hinstellung der äußeren
Thatsachen wünschen; - doch ich kann ein-
mal nur mein Leben, wie alles wahr-
haft bleibend Gute nur im großen Spie-
gel der Menschen- und LebensGeschichte, der
Entwicklungsgeschichte der Menschheit und
in den wankellosen, sich immer gleichblei-
benden Entwicklungsgesetzen der Natur
schauen undm so die Wahrheit und das
sichere Bestehen meines Wollens und Stre-
bens an der ewig bestehenden Wahrheit
in der Geschichte und der Natur zu prü-
fen und in ihr zu finden.
Nun will ich aber auch - [{]da ja / indem[}] das
innere Leben von dem äußeren, für
das ein- und durchdringende Auge des
Lebenserfahrenen Mannes nicht wider-
sprochen wird in das äußere Leben
zurück kehren und es Ihnen so einfach
mittheilen als es vor mir liegt.
Ob ich gleich nicht, wie ich gewünscht hatte, /
[2]
Ihnen jetzt schon durch die Druckschrift
das Ganze in seiner jetzigen wahren
Gestalt vorführen kann, weil sich
alles in dem Maaße als es sich immer
sicherer und vortheilhaft aber auch lang-
sam entwickelt - der für die öffentliche
Bekanntmachung bestimmte, von unserm
frischen, neuen Wirken offene Nachricht
gebende Aufsatz, von welchem ich sogern
hier schon einen Abdruck beygelegt hätte,
ist nämlich kürzlich von mir zur Genehmigung
an den Herrn Herzog und an die Cultus
Behörde gesandt worden, von dort aber
bis jetzt noch nicht zurück und so kann
ich die Absendung dieses Briefes bis
zu dessen Abdruck nicht aufschieben
- so wird dieß auch wohl nicht so
nöthig seyn als Ihnen unser Barop
gewiß lebendiger als es dieser Brief
thun würde den jetzigen Stand des Ganzen
mitgetheilt hat; und ich finde auch in sol-
chen Umständen wie diese wiederkehrend die Anfor-
derung daß das Ganze sich nicht durch
äußere Umstände, sondern nur durch
seinen innern Werth u innere Wahrheit
für sich sprechen und erhalten soll.
Wie nun aber der Mensch in seinem
Kleinmuthe und in seiner Schwäche immer
lieber und gern mit dem Geringern
und Unvollkommenen zufrieden ist,
wenn es ihm nur weniger Mühe macht
und Anstrengung kostet - was aber
umgekehrt nicht der Vorsehung Wille
und Forderung ist, die immer das Beste
auch für die Menschen will und sucht, auch /
[2R]
wenn beydes damit verknüpft
ist - so gestehe ich ganz aufrichtig
daß ich persönlich wohl mit einer
etwas weniger vollkommenen Ent-
wicklung des Ganzen zufrieden gewe-
sen wäre und noch wäre, wenn es
sich nur etwas schneller und mit etwas
weniger Überwindung kostender An-
strengung hätte entwickeln wollen;
aber die Vorsehung hört in seinen ihren großen
Absichten und hohen Zielen des kleinen
Menschen Ächzen nicht, wie wir nicht
auf das der unserer Kinder hören, wenn wir
ihrer Einsicht entgegen von ihnen Handlungen
zu ihrem Besten wollen und so bleibet
auch dem Menschen und mir nichts
übrig als sich in die Forderungen der Vor-
sehung zu fügen und so füge ich auch
mich.
Gegen das Ende des verflossenen
Jahres glaubte ich mit Bestimmtheit
daß sich meine Verhältnisse bis zum
ersten May d. J. in völliger Klarheit
und mit offen darliegender Bestimmt-
heit entwickelt haben würden und
so ging ich bis zu diesen 1sten May
Verpflichtungen und Leistungen ein
die ich sicher durch meine sich bis dahin
klar entwickelten Verhältnisse
zu lösen und zu erfüllen hoffte.
Diese meine Verhältnisse haben sich nun
zwar bestimmt entwickelt u entwickeln
sich immer allseitiger und Früchte reicher /
[3]
Bogen 2.
Blbrg in Berlin
April
9.29
doch kann ich diese Früchte noch nicht
pflücken. Darum muß ich suchen jene
Verpflichtungen noch einmal unmit-
telbar durch mich persönlich zu lösen
erfüllen, dazu ist mir nun nur ein
Mittel haltbar: mich an Ihre
eingehende Freundschaft und Theilnahme
mit der Bitte zu wenden, mir wo
möglich bis zum 1sten May mir Rth 500
und dann einige Zeit darauf noch mir
Rth 500 also im Ganzen noch
Rth. 1000 ferner als Capital
zutrauensvoll zu verschaffen.
Ich weiß daß Sie meine Bitte
erfüllen können wenn Sie es wollen
darum spreche ich Ihnen mein Be-
dürfniß auch nur vertrauend
aus. Nur noch ein Wort spreche ich
aus, und auch dieß wäre unnöthig
spräche der Mensch nicht auch gern die
Sache aus wie er sie in sich trägt,
denn die Umstände reden bestimmt
u sicher für sich: Sie wissen bey jeder
Unternehmung gewinnt der gewiß
welcher die Mittel u die Kraft der
Ausdauer hat, so wie umgekehrt der gewiß
auch das Ganze verliehrt welcher die
letzte und kleinere Forderung die das
G[an]ze macht, nicht erfüllen kann, und
so werden Sie wie Sie es können, es
auch wollen, wenn Sie das Ganze
mit Ihrem erfahrenen Lebensblick
durchschauen; denn die Vorsehung
will mir durch diese scheinbare /
[3R]
Entsagung und Verzögerung dem Fürsten
den Ministern und dem Lande gegen-
über größere innere u äußere Frey-
heit und Selbstständigkeit dadurch geben
daß sie sehen wie schon mein jetziges
Wirken durch ein Zutrauen besteht
welches mehr ist als Fürsten Zutrauen
durch das Zutrauen des Menschen zum
Menschen des Mannes zum Manne,
denn nicht zuerst durch Fürsten Zutrauen
als solchem soll mein Wirken, welches
besonders dem Menschen und allen
Menschen u Eltern angehört bestehen.
Es soll nicht das Werk eines Fürsten
als solchen, sondern ein Werk des
deutschen Vertrauens und ächt deutschen
Sinnes seyn u werden; darum soll
mein Wirken auch zuerst durch das
Zutrauen der Menschen fest gegründet
werden, damit ich nie vergesse
daß ich nur für die Menschen wirken
soll und daß mein Wirken dem
Menschen dem Bürger dem Vater
angehöre daß ich nie vergesse
es sey eine Sache aller Menschen
und des Volkes, wie denn auch selbst das
Finden eines eingehenden, charakter-
festen, keine persönlichen d[urc]hgreifendes Handeln
scheuenden Fürsten
welcher mir persönlich und meinem
Wirken auf das Beste wohl will
verdanke ich nicht dem Fürsten, sondern
seinem menschlichen Herzen u väterlich sorgenden /
[4]
Sinn und auch dieser menschliche Va-
tersinn sollte gerechtfertigt werden.
Sehen Sie hochachtbarster Freund, so
sehe ich überall die eine liebend
leitende Hand der Vorsehung die
Alles zum Besten aller leitet und
führt und welche wünscht das des
Lebens wahre Freuden und Genuß,
Lebensfrieden allen Menschen komme.
Darum fest ja felsenfest können Sie
vertrauen, ich werde das Ganze
zu dem Ziele führen, zu der Vollendung
bringen welche schon seit Jahren meinem
Geiste vorschwebt, wenn auch erst
Sturm u Nacht u Kampf, doch alles dieß
ist nun bald beruhigt. Vergleichen Sie
mit ihrem erfahrnem u klarem Lebensblick
inneres u äußeres Leben und Sie werden
in beyden keinen zerstörenden tödtenden
Widerspruch, sondern nur Leben,
Wachsthum, Blüthen u Früchte finden.
Vertrauen Sie darum Sie werden finden mein Leben
u Streben ruht in höherer in höchster
Hand, wie hätte es sonst in dem was
es alles durchkämpfte bestehen
wie hätte das Vertrauen sonst immer
siegen können.
Vertrauen auch Sie darum der
Sie schon so oft im Leben vertrauten
einem Manne dessen einziges Streben
es ist dem Menschen das verlohrene
Zutrauen zu andern und zu sich wieder
zu geben; aber vertrauen Sie ihm,
vertrauen Sie mir ganz, fordern /
[4R]
Sie wegen dieser Summe keine
Bürgschaft von meinen theuern
lieben Verwandten im Berlin. Es hat die-
se Bitte gar keinen andern Grund
als daß ich diesen mir und uns so
theuren Frauen - von welchen aber
nicht zu erwarten ist daß sie das
große Lebensgetriebe überschauen
und durchschauen sollen - nicht gern
noch in ihren noch geschenkten
Lebenstagen, einen trüben Augen-
blick machen möchte. Dagegen
wird meine liebes Weib Frau
wenn Sie es wünschen, gern als Mit-
schuldnerin sich unterzeichnen; ja sollten
Sie eine Mehrheit von Bürgschaft
wünschen, so tritt auch Barop, welcher
durch seine Lebensverhältnisse es wohl
kann als Bürge oder Mitschuldner
ein - doch nochmals nöthig ist dieß
gewiß alles nicht ich zahle persönlich
< ? ? Ihnen ? > alles auf
das pünklichste zurück und gewähre
Ihnen auch bis dahin eine solche solche [2x]
Sicherheit als Sie solche nur immer
wünschen können; allein reichen Sie
mir zur letzten steilsten Stufe
zum des Lebenspreis die freundschaftlich
helfende Hand. Lassen Sie Sich
dadurch nicht irren daß ich oft meine
Ziele etwas später erreiche
als ich es selbst erwartete /
[5]
Bogen 3.
Blbrg in Berlin
April
9.29.
aber erreichen thue ich sie, wie
schon frühe ein mich ganz durchschau-
endes Gemüthe mir vorverkündigend
aussprach, und welchem Ausspruch sich
mein Leben bisher noch nicht wiedersprach.
Ich kann nicht aussprechen worauf
sich mein Vertrauen stützt - aber
das fühle ich, ich thue keine Fehlbitte
an Sie hochgeachtetster Freund darum
füge ich nur noch hinzu: - kann ich
wenigstens die Rth. 500 was ich
um meiner gegebenen Worte
willen sehr wünschen muß mit
den 1sten May erhalten, so ersuche ich
Sie freundschaftlichst mir das Geld
unter der Addresse He[rr] WhlmKoch j.
in Jena zu senden und mir von
der Absendung des Geldes zugl[eich] gefälligst
Nachricht zu geben.
Barop schreibt mir viel Gutes von
Luis u (Marie) ich freye [sc.: freue] mich dessen
und bitte, sie von uns zu grüßen und ihnen
zu sagen daß ich ihrer bleibend
in Treue u Sorge gedenke.
Mit den Ihnen wiederkehren[d] ausge-
sprochen herzlichen Gesi[nnun]gen bin ich bleibend
         Ihr
dankbar ergebener