Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 18.4.1829 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 18.4.1829 (Keilhau)
(KN 24,19, Abschrift 1 ½ B 4° 5 ½ S, vermutlich Handschrift Middendorffs. Diese Abschrift ist das Brieforiginal; lt. dem ersten Absatz dürfte F. den Brief diktiert haben.)

Keilhau, den 18. Apr. 1829.


Einigung und Gottvertrauen zum Gruß, lieber Barop.

Dießmal muß ich Dir durch eine zweyte, aber gewiß in ihren ersten Zügen sogleich er-
kannt werdende Hand schreiben, weil ich zuviel in mir beschäftigt bin, um darum
meine Kraft nicht noch zur äußeren Darstellung zu verwenden.
Nun zuförderst die Geldangelegenheiten und Dir mein und unseren Dank für Dein
offenes und männliches Handeln, wenn es für Dich wie für jeden an Deiner Stelle
noch einen bedürfe.
An Blumberg habe ich, da ich nicht wußte, wie die Sache steht, einen Brief über
Erfurt geschrieben. Ich bat in demselben, mir bis zum 1. May, da ich nicht wissen
konnte, daß er sogleich über die ganze Summe würde disponiren können, 500 rth
und etwas später noch 500 rth zu senden. Da nun die 1000 rth, wie Du schreibst, parat
liegen, so kann auch die Summe sogleich, wie ich schon in dem Brief an He[rrn] Blumberg
bestimmt habe, für mich an He[rrn] Wm Koch jun. nach Jena gesandt und mir
von dem Abgange des Geldes sogleich Anzeige gemacht werden. Vielleicht hat aber
Herr Blumb[er]g dieß alles schon besorgt, ehe nur dieser Brief in Deine Hände kommt. Darum
jetzt noch an Blumb. zu schreiben, halte ich weder für zweckmäßig noch für nöthig. Du schreibst
mir wenn ich noch etwas mehr bedürfte, möchte ich es frey und offen aussprechen, denn
jetzt wäre noch Zeit dazu. In dieser Beziehung sage ich Dir also frey und offen: aller-
dings müßte es nicht sowohl mir lieb als für das Ganze gewiß höchst förderlich seyn,
wenn die Summe von rth 1000, wenn auch nicht sowohl in diesem Augenblicke,
im Fall dieß schwierig seyn sollte, um etwas könnte bestimmt vermehrt werden. Dieses Etwas muß ich
zu bestimmen Dir freylich ganz überlassen, denn Du weißt, daß ich, wenn es nur
möglich ist, lieber selbst Leid trage als Leid mache und den innig guten Frauen möchte
ich nach so vielen Opfern doch gar nicht gern auch nur das leiseste Leid verursachen.
Also nicht als eine Forderung, sondern als auftauchende Gedanken, die erst noch
einer ernstern Prüfung zu unterwerfen sind, und die man zuerst sich kaum
selbst auszusprechen wagt, spreche ich Dir als mir selbst aus, daß etwa ein 500 rth, die
noch zu meiner Verfügung wären, wohl für das Ganze unter den jetzigen Umständen
noch ein sehr gewiß wünschenswerthes wäre. Doch nochmals, ich wage das kaum
auszusprechen, handle Du nun, wie die Umstände vor Dir liegen, ohne jedoch Mutter
Schmerz zu bringen. Es bleibt freylich wahr, je freyer und selbstständiger ich meinen
neuen Verhältnissen gegenüber trete, umso freyer und selbstständiger bewege ich sie, und /
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um so selbstständiger ich dieß thue, um so gesündere und reichere Früchte trägt auch äußerli[ch]
das ganze Wirken. Dieß ist der Hauptgedanke, den ich Herrn Blumb. aussprach. Vor allem laß
Deine Sorge seyn, daß wenn nach Eingang dieses Briefes die 1000 rth noch nicht abgegangen
wären, ihre Absendung sogleich zu besorgen.
Nun zur Verlängerung Deines Keilhauers Urlaubs. Daß es wesentl[iche] Vortheile bringen
könnte, wenn Du anfangs [des] Monats May hier in Keilhau seyn könntest, siehest Du selbst ein, und zwar
in der doppelten Rücksicht, einmal weil die innere Entwicklung des Ganzen, ich möchte sagen die
geistige Selbsterfassung desselben nach jeder Seite hin gerade in dieser jetzigen Zeit außerordentlich
wichtig ist und ich mir gar oft schon die Überzeugung habe aussprechen müssen, daß Du und so
wir alle und so allso das Ganze wesentlich verlieren, daß Du gerade jetzt nicht hier bist; doch
die allerwichtigsten Lebensmomente sind nun wohl durchlebt und müssen Dir nun einmal
nur historisch mitgetheilt werden. Es beginnt nun schon und zwar mit diesem Briefe die
Ausführung dessen, was das Leben lehrte, und so macht es schon von dieser Seite her Dir Deinen
Wunsch wahr vom Ganzen aus freudig zu erfüllen der Stand der Lebensentwicklung wohl möglich,
und so muß man sich denn auch über den zweyten nicht minder fühlbaren Verlust trösten, daß
Du nicht gleich beym Beginn der Einrichtung gegnwärtig bist. Zwey Dinge werden dieß mögl[ich]
machen, erstl[ich] daß die Anzahl der Zöglinge wegen der sich so sehr verspätenden Ganzentwicklung wenig-
stens im allerersten Anfange nicht gleich so groß seyn wird, und daß ich die wichtige Seite der
Ausführung oder vielmehr Stellvertretung meiner, die ich gleich vom ersten Anfange an Dir über-
tragen, nun noch selbst handhaben werde und muß. Und so wird auch von dieser Seite der Be-
trachtung her vom Ganzen aus gern die Zustimmung zugeben [sc.: gegeben], daß Du noch einige Zeit in
Berlin bleibest, und dieß vor allem umso mehr, als eben auch für die reine u kräftige, ge-
sunde u ganz namentl[ich] gesicherte Ausführung des Grundgedankens dadurch wesentlich gewonnen
werden mag, einmal, weil es Dir das höchst drückende Gefühl der halben Ausbildung nimmt und
dann weil Deine gewonnene Ganzbildung zum Aus- und Aufbau des Werkes einen sicheren Grund geben
kann. Außer alle diesem kann ich Dir nun persönlich gern die Zusicherungstimmung zur Verlängerung
Deines Aufenthaltes in Berlin geben, weil ich gestern in einem Blick darin den Keim einer möglichen künftigen
Fortentwicklung sah, doch vorher erst noch ein Wort über die eigentliche Zeit Deiner Abwesenheit.
Du schreibst: bis Mitte Sommers, welche Zeit verstehst Du denn darunter? mit klaren Worten wohl
die Mitte des Monat August. Dieß ist freyl[ich] etwas sehr lang, aber wenn einmal der Gedanke selbst sich recht-
fertigt, so kann freylich nicht mehr um ein Paar Wochen gemarkt[et] werden, aber bedenke daß bis dahin noch
vier Monate sind und welch ein Reichthum von Entwicklungen ein so reiches Leben wie das nun beginnende
in sich faßt. Bey diesem Gedanken wird mir freylich immer wehe zu Muthe welches nur der andere, daß Du
reichen Ersatz durch die gesammelten Thatsachen vor allem aus dem Gesammtgebiete der Naturkunde mitbringst
mildern kann. Daß Du aber nach Mitte August oder wohl gar zu Ende desselben erst hierher kommst, das muß ich /
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wie die Sachen jetzt vor mir liegen ganz für nachtheilig halten, weil sonst das ganze erste Leben für Dich
verloren ginge. Auf jeden Fall schreibst Du mir noch einmal bestimmt; vor allem beschäftige Dich nur sehr,
inso weit es nur immer möglich ist, mit der ausübenden Chemie und Physik und siehe ob Du Dir die Kunst des
Experimentierens und die Kunde der Instrumente verschaffen kannst; denn wie zunächst Christian dem Ganzen
der Professor der Erdkunde und Geschichte und letzteres später Ferdinand werden soll, so sollst Du später unser Profess.
der Naturkunde werden. In Rücksicht auf die Einzelkunde der Pflanzen und Thiere, soll uns, hoffe ich Christian, wel-
cher wie er mir sagt, viel darin gearbeitet hat und sich auf 1 oder 1½ Jahre bis näml[ich] Ferdinand nach
Beendigung der ersten Hälfte seiner Universitätsjahre auch wieder einige Zeit in den Kreis zurückkehren
kann, bey uns aufhalten wird, manchen Schatz der Kenntniß mitbringen, und ich hoffe vor allem, daß sich
der Schreiber dieses sammeln wird.
Endlich nun den Blick auf den neuen Keim der Fortentwicklung. Alles Große geht aus dem Kleinsten, alles
Riesige und vom Blick kaum zu Umfassende geht aus dem Unscheinbarsten hervor, und wer das Kleinste nicht
festhält, der wird auch das Größte nicht schauen, und wer das Scheinloseste nicht festhält, wird auch kein
Daseyendes erlangen, im Bilde zu reden keine Pyramiden Egyptens oder entsprechender vielleicht, keinen
Tempel auf Zion erbauen; und denn hätte ich zb. nicht leise Keime in den Familien meiner Brüder
und nach anderen Richtungen hin frühe genährt, so würde jetzt mein Wirken schwerlich einen sicheren
Grund und Boden, noch weniger ein schützendes Haus haben, um nur eins namentl[ich] zu erwähnen
würde ich vor nun mehr fast 13 Jahren nicht unser aller jetzigen Mutter Interesse für Natur dadurch gepflegt
haben, daß ich ihr, als sie einst die Sammlungen der Universität sah, einige Winke über den Zusam-
menhang der Naturmannigfaltigkeit gab, so würde es Dir bey dem besten Willen nicht möglich
werden, uns jetzt zur Förderung und Festhaltung des Ganzen 1000 u mehr Thl. zu schicken; das ist
was ich meine, daß aus dem Scheinlosen, wenn es zur rechten Zeit gepflegt, nach Jahren
das Größte hervorgeht. Ich habe das selten Segensreiche gehabt, daß dieß in meinem Leben, wie
ich eben andeutete, sehr oft der Fall war. Doch was die Jugend durch Gunst bekommt, das soll der
reife Mann durch sorgfältige und bewußte Pflege erringen; denn der Mann soll alles in seine Ge-
walt bekommen, damit er sicher handle, also auch die Gaben der Gunst und der Huld. Also in dem
was ich Dir jetzt sage, ist nicht von einem Produ[k]t in der jetzigen Zeit die Rede, es soll nur der harte
Boden aufgelockert werden, damit die Sonne die Erde befruchten könne, der Saamen wird
dann schon fallen, oder die Erde wird denselben wie bey der Erscheinung der ersten organischen
Bildung auf den Steinen aus sich selbst erzeugen. Nach der langen Einleitung nun zur kurzen
Ausführung. Es ist auf das höchste merkwürdig, daß wir in der letzten Zeit und ganz namentlich durch Dich
wieder so auf Berlin hingewiesen worden sind, und daß uns alle mit unserem Wirken Berlin so fest
hält: Du weißt, wie man in jeder Monarchie wenigstens mit der Residenz zugleich an das ganze Land denkt
so unter Berlin immer an ganz Preußen, was mir hoffentlich Berlin und auch Herr Blumberg (verzeihen) nachsehen werden.
Auch ist das was mir besonders noch in dieser Minute hervortritt, aufs höchste merkwürdig, daß wir den /
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größten Theil unserer äußeren Mittel aus Preußen und Berlin erhalten haben, denke nur an meine Frau,
an den Lutherverein u.s.w. Dieß kann nicht bedeutungslos seyn. Dazu nimm die erste Theilnahme Berlins
an meinem erziehenden Wirken selbst, das spätere Zurücktreten, das macht nichts, es ist dieß nur die Rück-
schwingung des oscillierenden Lebenspendels; sieh doch selbst wie die Theilnahme von neuem kommt, sobald
ich mich nur nach meinem Winterschlaf in neuer Kraft aufrichte (ich denke hier an Deine eigenen
Mittheilungen Deiner letzten Zeilen), nimm selbst Bauers Seyn, er ist wild, grob und doch kann er seinen
Blick von Keilhau nicht wegwenden. Doch ich mag nicht ins Einzelne gehen, so sehr es sich auch andrängt;
auch Weißes Interesse an meinem Leben und Schaffen ist wohl nicht abgestorben. Nun halte ich mit
kurzen Worten, und darin liegt alles eingeschlossen, was ich Dir zu sagen habe, und Du Dir nun weiter ent-
wickeln kannst:- den Grundgedanken meiner Volkserziehung, das Herz und den LebensHerzpunkt zu dem
Kopf und dem Hirnpunkt der eigentl[ich] preußi[schen] bildung, und, könnte Herz und Kopf sich einigen und
verstehen, so müßte ein nach jeder Hinsicht sehr gesunder Mensch, und gewiß nicht nur ein, sondern
solche Deutsche hervorgehen, wie ich sie in meiner Schrift über deutsche Erziehung dargelegt habe.
Nun an Dich also die Forderung: mache Dich in Deinem eigensten und stillsten Selbstleben recht
mit dem Grundgedanken der Volkserziehung, wie ich sie jetzt in der Volkserziehungsanstalt in Helba
auszuführen anstrebe, und soweit Dir derselbe, jetzt schon bekannt ist, recht vertraut, erkenne
und finde darin Dein eigenes Leben und Streben, daß Dich der Gedanke, wie Dein eigenes Herzblut
erwärme und durchströme, und suche überall dafür zu erwärmen, wo sich Dir nur der Schatten
vom Schatten des Schattens dazu zeigt, laß Dich nicht irren, wenn sie bissig sind, ich glaube, man kann Schlei-
ermachern
in einer Beziehung als einen normalen Preußen ansehen und denke an dessen eigenen
Ausspruch in seinen Monologen, er heißt wenn ich nicht irre: "ich muß alles bezweifeln und besonders
zurückwerfen um es zu erfassen", suche ihnen also das Bild unserer Volkserziehung mit kräftigen
Umrissen und frischen Farben zu malen, laß Dich nicht täuschen, wenn sie wie der eisig kalte
nasse Kalk sind, der beym Auftragen des Gemäldes immer die Farben, sie gleichsam verzehrend
so in sich einzieht, daß fast nichts davon übrig bleibt, nach Ausdauer stehen Farbe und Zeichnung
in jugendlicher Frische und das unvergängl[iche] Freskogemälde da; Ausdauer gehört dazu, Gott giebt
uns von neuem Zeit sie zeigen zu können, wolle nichts von ihnen, auch nur dem Schein nach,
zeige ihnen, daß wir in uns und durch uns feststehen, zeige ihnen in der Person des Herzogs, daß es
doch eine edle Gestalt gebe, wo Kopf und Herz in einem gesunden Körper in Einig[un]g wohnen: was
könntest Du in dieser Beziehung nicht alles sagen? Doch ist der Gedanke, indem ich dieß schreibe, wahr,
so würden sich auch Dir dazu Anknüpfungspunkte zeigen. Ich möchte Dir in dieser Beziehung wohl sehr
gern alle die Verhandlungen namentl[ich] zwischen mir und dem Herzog persönl[ich] mittheilen, aber die Papiere
sind mir wegen der Gedanken die sie enthalten zu wichtig, als daß ich es wagen könnte sie, in ihrem nur einmal[igem]
Daseyn aus d[er] Hand zu geben. Vielleicht lasse ich sie abschreiben und theile sie Dir dann mit. Für heute führe ich es auch
nicht weiter aus. Und ich dächte die Andeut[un]g[en] lagen auch zur Ausführung klar genug vor. Nächstens mehr. Ich erwähne
nur die Namen Nicolovius, vielleicht Uhden, gieb ihnen auf einmal nicht mehr als sie verdauen können, damit
sie es in einem niedrigen doch wahren Bilde nicht auskotzen wie Bauer sagen würde. Grüße ihn.
(Rand)
Die sorgsame Hausfrau hat Gäste, Malchen und Jettchen aus Döllstedt u Heinrich <Möller / Müller> mit seiner Frau aus Gotha; sie kann darum, so innig es ihr Herz
auch ersehnte, der theuren Mutter nicht schreiben. Auch ich kann es jetzt nicht. Ich werde überhaupt nicht eher schreiben können, bis ich wieder neue Entwicklungen in schönen
Gestaltungen mittheilen kann. Sage der guten lieben Mutter und der verehrten Tante, was Du ihnen als guter dankbarer Sohn unter diesen Verhältnissen sagen würdest, in unserem Namen. /
[2V, Rand]
Hast Du Gelegenheit, freyen Walde und dessen Umgebung zu sehen, so benutze sie, ich habe immer gehört es soll eine erzieherische Lage haben.
Damit Du nach Umständen wenigstens etwas zur realen Mittheil[un]g habest, theile ich Dir angeschlossen mit was Du zum Theil schon kennst. Mache sorgl[ichen]
Gebrauch davon, damit Du nicht gleich von Anfang an Dich in zu große Entgegnung bringst. Doch wir haben ja Zeit, sie sich entwickeln zu lassen.
[1R, Rand]
Was die Frau Langethal betrifft, so darf ich eig[en]tl[ich] darüber nichts äußern, mein Gedanke ist kurz der, sie ist mehr im Herzen als unterm Herzen
guter Hoffnung, welches letztere mir ganz unmögl[ich] scheint. Doch sollen sie uns dieß ja von Berlin nicht zurückschreiben. Geistig angesehen glaube ich von
ihr, was auch anderswo gilt, daß zu lebhafte Wünsche ihre Erfüllung vernichtet. Doch mag sie, um nicht etwa Doppelsinniges gesagt zu haben, gar nicht schwanger gewesen seyn.
[1V, Rand]
Zu den Grüßen von uns bleibt mir nun noch das letzte und kleinste Räumchen, wie sich das Leben ja überall um sich zu bergen, in das letzte Räumchen
zurückzieht. Wir sind, Gott sey Dank alle gesund, unsere Maßliebchen, Veilchen, Tausendschönchen, rothe und blaue Märzblumen blühen auf das schönste und duften
auf das lieblichste, unsere Heidelerchen und Drosseln schlagen bis um Mitternacht, und der Finken schlägt uns sein kräftiges Leben vor um frisches und kräftiges in den Menschen hervorzuschlagen.
Morgen wird getanzt und Ferdinands Sorge, daß diesmal kein Mangel an Tänzerinnen sey, ist wie Du aus dem vorigen weißt
schön belohnt worden, und die Luise Bayer aus Jena tanzt auch rüstige Tänzer wie Du wurden uns wieder lebendig. Viel entbehrst
Du dadurch, daß Du Allwina nicht in ihrer ersten Entwicklung siehst. Sie grüßt Dich mit allem, was ihr zugehört besonders. Fr.Fr. /

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* Das Nachstehende ist nach Beendigung des vorigen Briefes geschrieben und muß ebenso nach diesem erst gelesen werden.
Du mußt den Plan so anlegen daß ich aus Deinen und durch Deine Mittheilungen nach und nach ein solches
Interesse für die wahrhaft entwickelnde oder vielmehr innere Erziehung nach dem Plan und dem
Grundsatz unserer Volkserziehung, wo Arbeit und Selbstschaffen das Fundament oder vielmehr
der Herzpunkt ist, erregt werde, daß man wenigstens einmal eine solche Sache in der Wirklichkeit
selber sehen möge, und sich vielleicht die Möglichkeit entwickle, daß, wenn auch erst nach einigen
Jahren, wenn das Ganze in der Blüthe seines Darlebens dasteht, einer Prüfung von Preußen
aus zu uns, die Sache selbst aber nach und nach, wo möglich vor den König selbst komme, so er-
regend vor den König komme, daß er davon selbst ergriffen werde. Wer ist denn der Geheime
Cabinetsrath Albrecht in Berlin? an diesen hat sich nun fast vor 3 Jahren schon wegen unserer
Anstalt der Herr von Wedemeyer auf <Aneröde> [sc.: Anröde] bey Mühlhausen gewandt, der wie Du weißt
für unser Leben sehr warm ist. Daß die Kunde der Sache einmal vor den König kommen könne,
das mußt Du, wenn auch ein in den grauen Nebel sehr ferne liegendes, immer sehr fest halten,
alles andere ist Unterbau und Mörtel, wähle den Grundbau fest und den Mörtel tüchtig, daß
der Bau ein Cölner Dom werde. Als Beweis dafür, und vielleicht als Andeut[un]g für daß in Preußen
der Kopf das Herz bedürfe, ist wohl das allgemeine Hinwenden nach den naturhistorischen
Wissenschaften und selbst das Hinneigen des Königs nach dieser Seite durch Humboldt.
Vielleicht kann Dir diese Richtung einmal den Anknüpfungspunkt geben, um ihnen in
ihrem eigenen Streben und [der] Richtung die gleichsam unbewußt hervortritt, die Nothwendigkeit
und Wahrheit unseres Wirkens mit Bewußtseyn, die Nothwendigkeit dessen zu zeigen, was von
uns mit Bewußtseyn nach diesen Seiten hin geschieht. Bey und für Gott ist nichts klein, wie
sollte es etwas für den kleinen Menschen seyn, darum vergiß nicht, daß die Herzoginn
von Meiningen
die Tochter von des Königs liebster Schwester ist u.s.w., daß des Königs
Tochter Kayserinn von Rußland ist, welches den größten Theil von Asien ausmacht,
und in seinem östlichen Ende an das westliche von America grenzt. Tausend Jahr sind
nach des Sehers Ausspruch vor Gott wie ein Tag, was sind nun 10, und 3 Jahre? In 3 Jahren
beginnt für mich oder vielmehr die Volkserziehungsanstalt in Helba nach gemeinsamer
Bestimmung ein neuer Abschnitt, und was ich nicht erlebe und ausführe, dafür seyd ja
ihr, dafür bist ja Du da, jetzt als der jüngste von uns. Aber solang ich noch da bin, müssen alle
Kräfte vereinigt werden, daß ich nicht vor der Zeit sinke und falle. Wir müssen dahin wirken
weil uns schon der Weiseste der Weisen das Vergänglichste um des Unvergängl[ichen willen] achten lehrte und
wir täglich sehen wie aus dem Vergänglichsten das Ewige hervorgeht, so müssen wir dahin wirken,
daß wir uns einen bleibenden und wo mögl[ich] steigenden äußern, mit kurzem Wort - Geldcredit sichern.
Dazu müssen wir vor allem und keinen von uns wer es kann ausgenommen, den jetzigen
Augenblick benutzen, wo wir ihn so unmittelbar eben nicht bedürfen. In dem Moment, wo /
[3R]
man für die Gegenwart am bedürfnißlosesten ist, muß man am thätigsten für das Be-
dürfniß arbeiten, welches nach Jahren kommt. Du darfst hierfür in dem ganzen Bereich
Deiner Verhältnisse keinen Punkt aus dem Auge lassen, und jemehr man bey diesem Deinem
Wirken klar sieht, daß Du bedürfnißlos bist, um so mehr wird man an Dir Bedürfnisse her-
vorsuchen, um einmal Dir zu dienen. Suche in einem großen Umfange, ohne daß Du
suchst, die für die Sache zu gewinnen, die Dir eigentl[ich] nicht realiter helfen können, und Du
wirst den kleinsten Punkt für Dich bekommen der Dir helfen kann. Denke Dir in dieser Be-
ziehung und als eine Anfüh[run]g, Berlin und der König nennte uns mit Achtung, so würde der
kleine verborgene Punkt, die Tante uns gern mit 1000 rth helfen, wenn wir sie brauchten u.s.w.
wir [sc.: Wir] müssen alles vermeiden, und alles beachten um nie wieder
in eine Lage zu kommen wie die in den letzten Jahren war, so seegensreich sie auch war.
Ich schreibe oder vielmehr sage Dir dieß Nachmittags nach Tisch, drum ist es schlechter und matter
gesagt als gedacht. Hast es Dich jetzt kalt gelassen, so ließ es zum 2tenmal, wenn einmal Dein
Leben rege ist, vielleicht geht Dir dann der innere Sinn und die Bedeut[un]g recht auf. Vergiß nicht
daß auch die Mark zu Preußen gehört, und daß wenn ich nicht irre unter den alten und großen
deutschen Eichen immer das Große oder vielmehr Menschliche Schutz und Pflege fand, und nur
kräftige Menschen können das Große vertreten, wie der kräftige Wein gute Gefäße bedarf.
Als ich dieß alles heute früh dachte, sagte ich zu Dir am - und zum Schluß: nimm dieß von
mir zur Vor- und für Dich zur Nach- und Mitfeyer des dießjährigen 21ten dieses Monats.
Dein Fr.Fr.