Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 7.5.1829 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 7.5.1829 (Keilhau)
(KN 25,1, Brieforiginal 1 B 4° 4 S.)

Keilhau am 7en May 1829.
Da ich wenigstens seit 2 Posttagen bestimmt auf Briefe aus Berlin auf
sahe, so wartete ich auch mit Absendung der nun beykommenden Anzeigen
und Stundenpläne der Volkserziehungsanstalt an Dich, lieber Barop.
Zwar weiß ich nicht recht welchen Gebrauch Du in Berlin von dieser Anzei-
ge machen kannst, weil man mich und das ächte Zeitbedürfniß in Berlin
schwer verstehen wird, dennoch sende ich Dir 25 Ex: Anzeigen und 8 Ex: Pläne.
Könnten oder vielmehr wollten mich die Berliner verstehen und wäre es möglich,
ihnen mein Streben nicht so wohl seinem Geiste nach als in seinen Wirkungen
auf das Innere der Zöglinge, welche nothwendig daraus hervorgehen müssen,
nahe und zur Anerkenntniß zu bringen, so müßten sie einsehen daß dieß die
einzige Art der allseitig begründenden Erzieh[ungs]anstalt sey welche sie für
ihre Knaben und Söhne nach jeder Seite ihres künftigen Berufes hin bedürfen,
und dieß vor allem oder vielmehr namentlich (:denn warum soll ich durch be-
vorrechtete Heraushebung eines Berufes die allseitige Wirksam Wichtigkeit
dieser Erzieh[ungs]weise schwächen?:) für die Knaben welche sich dem Landbau später
widmen wollen. Doch Reden wird nichts helfen also Punktum. Aber einiger
bedürfen wir zum Anfange um die Ergebnisse zu zeigen; auf diese Einigen
nun aber soll und wird nun aber auch der größte Fleiß und Sorgsamkeit
gewandt werden um die Folgen, die Ergebnisse in ihrem Umfang wie in ihrem
Wesen anerkennend zu machen darum liegt auch hier wie überall der Seegen
auf dem Ersten dem Anfang, d.h. auf dem Vertrauen, dem Zutrauen in
den Geist und das Wesen. Und so Barop! sind auch hier wie überall die
Gesetze des geistigen Wirkens d.i[.] des Wirkens, der Kraft sich gleich.
Möchten wir dieß doch nie, nie im Leben, nie in unserem Denken, wie in
unseren Entschlüssen und Vorsätzen und vor allem in unserem Handeln vergessen, /
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wie ganz anders würde es mit uns und im Leben stehen. Ja, das Reich der Kraft,
das Reich des geistigen Wirkens ist <mir / nur> eine einzige und einige große Ein-
heit; wie tritt mir dieß immer klar in den Einzelnsten und Kleinsten der
Natur und des Lebens entgegen wie kann wie sollte es auch anders seyn
ist Gott nicht der Einzige und Einige durch und in dem alle Dinge leben.
Du sieht, wie es mich drängt, Dich zu geleiten in das Reich der Einigkeit
und Einheit; warum bleibst Du auch so gar lange; bleibe ja nicht länger
als es nur eben Dein wieder begonnener Lauf und das von neuem fest
gefaßte Ziel nöthig macht. Zurück zum Nächsten.
Es ist höchst merkwürdig: wenn man die Sache von Innen, vom Geiste aus
betrachtet, so tritt einem das Bedürfniß überall entgegen, und man
glaubt nicht daß es allgemein und besonders von denen nicht gesehen
werden könne, die ihm am meisten unterliegen, sieht man sich aber nach
Personen und Männern um, welche das Bedürfniß in ihrem Kreise sehen,
erkennen und ihm abzuhelfen sich bemühen, so findet man fast keine; jeder
ist dann mit den Leistungen seines Kreises so zufrieden daß ihm gar nichts
besseres nahe zu bringen ist. Du schreibst mir in dem jüngsten Brief
daß sich Luis jetzt gut mache, auch das Schmids mehr freundlich sind
wäre denn durch diese beyden Väter nun nicht anderer Väter - welche
ihre Söhne besonders dem höheren Gewerbe oder dem Landbau widmen wollen
- Interesse zu wecken?- Es könnte sich dann in Beziehung auf die ersteren
der Plan so machen lassen daß die Knaben später von hier in die Ber-
liner Gewerbe- oder politechnische Schule eintreten. Nun kein Wort mehr.
Jeden Augenblick erwarte ich den {Stiefsohn / Pflegesohn[}] der Frau Majorin von
Arnim-Bülow
aus Grunau bey Bayreuth als künftigen Zögling /
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und die Frau Majorin selbst. Gestern hat mir die Frau Amtmannin Hoffmann
in Königsee den Wiedereintritt Gustav Schepß angezeigt. Auch Constant
oder eigentlich Robert Dietrich jetzt Schüler in Bernburg hat mir vor wenigen
Tagen einen zweyten Brief voll der innigsten Anhänglichkeit und des stillen
rührenden Wunsches der einstigen Rückkehr in unsern Kreis geschrieben;
wäre nur der Brief nicht gar zu lieb würde ich Dir ihn mittheilen. In dem
vorigen Briefe schreibt er mir - und wenn er nur im Putzhäuschen einen
Platz haben sollte so würde er wenn es sonst die Verhältnisse erlaubten
gern nach Keilhau zurückkehren. Ein solches Ergriffen- und Durchdrungen-
seyn von inniger Liebe zu Keilhau und dem Keilhauerleben wie dieser
beginnende Jüngling zeigt kann für die Zukunft nicht ohne Folgen bleiben.
Ich bin erwartungsvoll sie einst zu sehen.- Aber auch Leopold Teske
zeigt jetzt die kindlichste Anhänglichkeit, und nicht allein Liebe sondern
auch wahre Treue, er folgt mit gespannter Aufmerksamkeit den inner-
sten Aufschlüssen vom Wesen der Dinge und des Lebens an welchen er
mit Middendorff und Johann - angeknüpft an die Formen[-] und Pflanzenbe-
trachtung - jetzt Antheil nimmt. Diesen Vormittag haben wir in der
Stunde von 12/1 auf dem Kirschberge die Potentilla vernalis betrachtet[.]
Ich hatte wohl gewünscht daß Du Theilnehmer an dieser Betracht[un]g gewesen
wärst. Eine fast merkwürdige Gleichgesetzigkeit der Bild[un]g zeigte diese
Pflanze von ihrer Wurzel bis zur Blüthe u.s.w. Ja Barop die Einheit
in der Natur ist groß wird immer einiger und inniger und da wo auf
den ersten Blick ein Gewirr ist, lößt sich alles in dem schönsten Einklang auf[.]
Wie thut mir jetzt jedes Wort leid was gesprochen wird ohne von Dir
aufgenommen gepflegt und fortgebildet zu werden. Die Betracht[un]gen jetzt
sind gleich dem Blühen und Knospen im Frühling, ihre Frische und Kräftigkeit, ihr /
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Duft und ihre Farbe erfreut besonders. Könnte ich doch nur in Einig[un]g
mit Wenigen Vertrauenden und Vertrauten der Darlegung und
Darlebung der großen Natur, und LebensEinheit leben!-
Daß für die nicht preußischen Staaten die Bekanntmach[un]g unserer
HelbaerErziehanstalt, durch die Dorfzeitung geschieht so weit als ihr
Kreis reicht, geschiehet habe ich Dir wohl schon geschrieben. Aber
für die verschiedenen preußischen Provinzen weiß ich - da die
Dorfzeitung wie ich höre in ganz Preußen zu lesen verboten ist - keine
Art der Bekanntmachung, welche wirksam seyn könnte. Könntest
Du mir etwas darüber mittheilen so würde es mich freuen. Sprichst oder
kennst Du wenigstens den Buchhändler Ferdinand Dümmler - er wohnte
sonst unter den Linden in der Nähe der Sonne oder des Hotel de Russie -
wir sind uns gegenseitig bekannt, vielleicht könnte Dir dieser Vorschläge
zur Bekanntmach[un]g in den Provinzen machen.
Wie steht es denn aber nun mit den Geldgelegenheiten? Mit dem gestrigen
Posttage erwartete ich nach Deinem Briefe gewiß eine Antwort, aber
auch er verging wie die nächstfrüheren. Sollte gegen alles mein Ver-
muthen nach Ankunft dieses Briefes noch keine Nachricht an mich von
irgend einer Seite her abgegangen seyn, so schreibe mir doch ja mit der
umgehenden Post damit ich doch wenigstens weiß wie es steht. Nicht-
wahr das Mehr über die Rth. 1000 hat Schwierigkeiten herbey geführt
welche Du selbst nicht vermuthetest?- Ich ahnte wohl so etwas doch
Deine Zuversicht machte mich sicher. Hättest Du doch in diesem Falle das Mehr
sinken lassen. Bl[u]mberg hat doch meinen Brief über Erfurt erhalten?-
Wäre es nöthig gewesen daß ich selbst an die liebe gute Mutter geschrieben hätte
?- Dein Brief schien mir es ganz unnöthig zu machen. Doch wozu alle diese
Fragen, sie können nichts herbey führen. Schreibe mir bald. Viel, so steht die Sache vor mir, hängt für mich von dem /
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baldigsten Empfang von Rth. 500 ab. Wenn nur diese schnell an mich abgehen könnten[.] /
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Die kindlichsten und hochachtendsten Grüße an die gute Mutter und liebe Tante übertrage ich ganz Deinem Herzen
wie das vorige mal. Auch Bauern, Ernsten, Georgen, Malchen meine Grüße.
Mit Liebe und Treue Dein Fr.Fr. /

[1, Rand]
Christian Langethal kann noch nicht von der Mannigfaltigkeit die ihn noch so sehr fesselt zur Einheit die ihm noch nicht höchstes Bedürfniß ist zurückkehren, darum hielt ich es für gut, wenn er noch ½ Jahr in Jena bleibt wie er so sehr wünschte namentlich der Pflanzenkenntniß und Chemie halber. Alles ist gesund und grüßt Dich.