Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an F. Korn in Obernitz v. 28.5.1829 (Keilhau)


F. an F. Korn in Obernitz v. 28.5.1829 (Keilhau)
(KN 25,6, Abschrift 7 S., Handschrift "Frl. H.", von Otto Wächter veranlaßt und korrigiert. Lt. Abschreibernotiz waren mehrere der Ortsnamen auch auf dem Original vom Empfänger mit Strichen versehen; dies könnte darauf hindeuten, daß dorthin die Anzeigen von Korn weitergeleitet worden sind. - Das Original befand sich im Besitz von Geh. Baurat Treibich, Rudolstadt.)

Keilhau am 28 May 1829.


Sehr geschätzter Herr und Freund;

Sie sind wegen der Förderung des neuen Unternehmens so
thätig, daß ich recht sehr wünsche Früchte, schöne reife
Früchte möchten davon auch in den Schoos ihrer lieben
Familie niederfallen. Sie wissen auch gewiß daß es,
durch ihre frühe herzliche Theilnahme an meinem Wir-
ken geweckt, ein alter Wunsch von mir ist unsere
erziehenden Bestrebungen möchten sich, besonders in
Beziehung auf Ihre lieben Kinder, wechselseitig
Hand reichen und durch dringen; Sie wissen es aber
auch, daß es nicht an mir lag daß unser gegen-
seitiges Wünschen noch nicht einemmal erwartung-
reichere Blüthen gebracht hat. Nach meiner Ansicht
und Erfahrung bestätigt es sich auch hier : daß das
Scheitern von wahrhaft Lebens- und Menschen wich-
tigen Unternehmen nicht so wohl von fernern
fremden als von ganz nahen verwandten Punkten /
[2]
und Verhältnissen abhängt; nach meiner Meinung näm-
lich würde sich längst in Obernitz eine erziehende Wirksam-
keit begründet haben, wenn nur ihr Herr Schwager in
Saalfeld wegen der Einräumung und Benützung des
Schlosses weniger spröde gewesen wäre. Ich aber war
durch meine hiesige Unternehmung freylich ökonomisch
und besonders priecuniär zu sehr beschränkt, als daß
ich dieß Hinderniß hätte durch Geld heben können.
Ob sich mir nun gleich, nach dem jetzigen gesammt
Stand meiner Verhältnisse, für eine ganze Reihe von
Jahren keine Aussicht zeigt, in Obernitz ein erzie-
hendes Wirken unmittelbar und persönlich zu be-
gründen, so haben Sie doch ganz recht die Hoffnung
zur Begründung eines erziehenden Wirkens im
Geiste des hiesigen und meiner reinsten geprüf-
testen und bewährtesten Grundsätze, in Obernitz, mit-
telbar
durch mich und von hier aus - niemals
auf zu geben. Manche Wege könnte in einigen
Jahren die Zukunft dazu eröffnen, besonders /
[3]
wenn Ihnen nur noch mehr Freyheit in Beziehung auf
die Benutzung von Obernitz würde. Von diesen
Wegen die jetzt noch vom Vorhang der Zukunft ver-
deckt sind, will ich nur einen andeuten, welchen ich
vielleicht an Ihrer Stelle beträte, es wäre dieser:
Da Sie so vielseitige Bekanntschaft, ja, auch mit
strebenden jungen Männern haben; vielleicht könnten
Sie einen finden der seinen Lebenszweck und Be-
ruf mit Ihnen darinne fände, mit Ihnen ganz
langsam und ganz vom eigenen Familien Be-
dürfniß ausgehend ein erziehendes Unternehmen in
Obernitz anzubahnen. Dieser junge Mann müßte
nun freylich auf irgend eine Weise so viel Mittel
haben, daß er ein bis 2 Jahr hier in Keilhau
oder Helba wie jeder andere Zögling auch leben
könnte; diesen jungen Mann würde ich dann
nach Maaßgabe seiner Anlage und eigenen
Strebens in das gesammte erziehende Wirken und
Leben wie es nach Grundsätzen, Geist, Mitteln /
[4]
und Weg klar und durch Erfahrung vor mir liegt
gleichsam wie mich selbst einführen; und in zwey
Jahren, freylich kaum früher könnte er, wenn er die
unerläßlichen Bedingungen dazu schon in sich einige
und sich ausschließend des erziehenden Lebens wid-
mete, wohl im Stande seyn geeint mit Ihnen et-
was Tüchtiges zu leisten; vielleicht aber auch früher.
Ich würde dann Ihr Unternehmen im seinen Fortwach-
sen gern mit Rath und That, Mitteln und Nachweisungen
stetig unterstützen. Freylich von Seite Ihres Herrn
Schwagers dürften dann keine Hindernisse mehr zu
überwinden seyn.
Ich hatte freylich mit und wegen Obernitz einen
anderen einen schönen Plan indem ich es in ein
großes, zusammenhängendes erziehendes und lehrendes
Unternehmen als ein wesentliches Glied verflocht;
doch daram [sc.: daran] darf ich, wie sich mir der Geist und
der Charakter des menschlichen Handelns in der
letzteren Zeit gezeigt hat, nicht mehr denken. Vor /
[5]
meinen Augen sehe ich immer ein altes Schauspiel
sich erneuen, der Titel ist: - die Selbstsucht vernichtet
viel ohne sich und, wie sie vor giebt, Andern zu nützen
.- Man mag darum gar nicht mehr von einem
heilsamen Wirken und Unternehmen für Andere re-
den, weil man fürchten muß, mehrseitig in jenem
Schauspiel unter zu gehen.-
Sie wollen die Güte haben noch mehreren Ihrer
Freunde von unserm neuen Unternehmen Kunde zu
geben; ich erlaube mir Ihnen zu diesem Ende nach
Ihrem Wunsche 100 Ex: Anzeigen und zunächst 30 Ex:
Pläne zu überschicken; wo mehrere Freunde an
einem Orte sind, so ist es vielleicht möglich sich den
Plan bey wirklich eintretenden Interesse mitzutheilen.
Vielleicht kann ich jedoch später Ihnen auch noch einige
Pläne mittheilen, wenn ich unsere Bedürfnisse etwas
mehr befriedigt habe. Anzeigen kann ich schon eher
abgeben.
Da Sie so gütig waren mir Ihre Freunde zu /
[6]
nennen, so erlaube ich mir einige Orte heraus zu
heben an welche es mir besonders lieb seyn wird wenn
dahin Anzeigen, auch vielleicht an eine Person einige,
zur Verbreitung gelangen; weil besonders in Preußen
die Dorfzeitung verboten ist und es mir noch nicht mög-
lich wurde durch ein anderes Blatt nach dorthin für
die Verbreitung wirksam zu seyn. Torgau. - Halle
a/d. S. - Merseburg - Ziegenrück - Berlin - Stettin -
Düsseldorf - Pegau - Groitsch - Suhl - Frankfurt -
Hannover. - Münden Bremen - Langensalze -
Skeuditz - Lobenstein - Altenburg Mainz - Dresden
- Würzburg - Stuttgard -
und Coburg. Doch durch diese
Heraushebung einiger Orte, soll Ihr freyer Gebrauch
nicht im Mindesten gehemmt werden; besonders
ist mir die Mittheilung an Ökonomen z.B. in
<Sauhelitz> bey Merseburg, in Burg Liebenau bey
Halle pp lieb. Freuen würde es mich vor allem,
wenn ich durch Ihre gütigen Mittheilungen dem
Herrn Dr und Generals: Gensler in Coburg, von /
[7]
welchem ich sehr viel Gutes gehört habe, näher bekannt
würde. Vom Herrn Canzler und Consist: Präs: Opitz
ist mir nicht bekannt ob er ein pädagogisches Interesse
und in welchem Umfange er es hat. Nach dem was
ich von Herrn Dr Gensler höre, so möchte ich fast
glauben daß Sie, wenn es Ihnen mit Obernitz
früher solcher Ernst gewesen wäre, als sich jetzt
ausspricht, Sie vielleicht dort regere Aufnahme
gefunden als Sie vermuthet hätten.
Herzliche und freundschaftliche Grüße von
allen Gliedern meines Hauses an das werthge-
schätzte Ihrige.
Mit wahrer Hochachtung bleibend
       Ihr
freundschaftlich ergebener Diener u Freund

       FrWA Fröbel