Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hedwig von Arnim auf Gut Grunau bei Bayreuth v. 6.6.1829 (Keilhau)


F. an Hedwig von Arnim auf Gut Grunau bei Bayreuth v. 6.6.1829 (Keilhau)
(KN 25,7, dat. Entwurf 2 B 8° 7 S., zit. Halfter 1931, 639f.)

Keilhau am 6en Juny 1829.


Gnädige Frau.

Ew. Hochwohlgeboren gütige Nachricht von Ihrer glücklichen
Heimkehr brachte uns allen, besonders aber Ihrem
treuen Felix Freude, welcher schon vorher oft davon
gesprochen hatte ob und wenn [sc.: wann] Sie wohl zu Hause ange-
kommen seyn möchten.
Noch verlangen Sie wohl kein Urtheil von mir über
ihn, die Zeit seines Aufenthaltes bey uns ist dazu
noch zu kurz, ich möchte sonst leicht damit entweder
jetzt ihm oder später mir und uns Unrecht thun.
Der vertrauende Sinn mit welchem er in unsern Kreis
getreten zu seyn scheint spricht sich noch ungetrübt in ihm
aus. Ich habe ihm aufgetragen Ihnen das Verzeichniß
seiner jetzigen täglichen Lehr- und Arbeitsstunden zu
überschicken. Ew: Hochwohlgeboren werden nach demsel-
ben entscheiden können ob Felix vorläufig seiner Kraft
wie seiner schon besitzenden Kenntnissen und so für Geist
und Körper gleich angemessen beschäftigt ist. Die Be-
schäftigung eines Knaben welcher schon mehreren Unter-
richt bekommen darinne schon einige Fortschritte gemacht
hat und darum schon eine Mannigfaltigkeit von Kennt-
nissen, Einzelkenntnissen besitzt, welche man weder auf Kosten
der Gründlichkeit und des Zusammenhanges weder nicht fort-
bilden und doch noch auch durch ein längeres Nichtbeachten
nicht ganz in den Hintergrund treten lassen will, die /
[1R]
Beschäftigung eines solchen Knaben in Beziehung auf
Lehre und Unterricht muß Anfangs, weil Anlage
Kraft und Kenntnisse noch wenig gekannt sind, immer
etwas schwankendes und unbestimmtes haben. Die Be-
handlung derselben hat besonders hinsichtlich der Resulta-
te ihre großen Schwierigkeiten denn mir bey meinen
Erziehungs- und Lehrgrundsätzen kommt es keineswe-
ges und allein und zuerst darauf an daß der Schüler, Zögling
gewisse Kenntnisse rc: besitze; sondern wie und wodurch
und in welchem inneren Zusammenhang er sie be-
sitze, dieß ist mir für ihn noch bey weitem wichtiger
als daß er sie schon und wie viel er davon besitze.
Sehen Sie gnädige Frau! das ist das verborgene Riff
an welchem ich bisher mit meiner Erziehungs- und
Lehrweise beym Publikum gescheidert [sc.: gescheitert] bin und
ohne Zweifel noch lange hin mein Glück nicht bey
demselben machen werde. Das Publikum <nur>
will Kenntnisse viel eine Masse Kenntnisse
und fragt gar nicht darnach ob und wie die Kennt-
nisse abgerissen buntscheckig im Geiste des Schülers
also zusammenhangslos und so todt liegen, eben
so wenig wie und auf welche Weise der Zögling
Schüler zu den Kenntnissen gekommen ist. Der
lebendige Zusammenhang und die innere nothwendige Be-
gründetheit der Kenntnisse ist mir aber minde[-]
stens ebenso wichtig als die Kenntnisse selbst
warum? - Hat der Schüler den wahren Anfangs- /
[2]
punkt und den inneren Zusammenhang des Unterrichts
der Lehre aber einmal erfaßt so führt er sich, er stehe
auf welcher Stufe der Mannigfaltigkeit seiner Kennt[-]
nisse auf welche[r] er wolle, und sey diese auch wirklich
noch untergeordnet, doch leicht durch sich selbst und
durch das selbst schaffende und wirkende Leben der Er-
kenntniß und Einsicht weiter, während der andere
mit der großen Summe seiner todten Kenntnisse sich
nicht helfen kann. Diese verschiedene Erziehungs- und
Unterrichtsansicht zwischen mir und den Eltern ist,
ehe sie mir klar und einsichtig wurde der Grund
zu den schmerzlichsten Erfahrungen und drückenden
Lagen geworden und kostet mich Erfahrung und Einsicht
Summen von Tausenden; denn mehrere Eltern, einge[-]
nommen von den chaotischen und unreifen Wissen
der Trödelbude in dem Kopfe ihrer Kinder übergaben
sie mir in der Forderung noch einige Tressenkleider
mehr in die Bude zu hängen und einige Stoffe mehr ins
Chaos zu werfen; wohl übergaben sie mir ihre Knaben
dieß will ich nicht leugnen mit Vertrauen; ich aber
in dem Wahne sie wollte[n] menschliche geordnete
dem ordnende[n] Menschen Geiste und seinem menschlichen
Leben angemessene lebendige zusammenhängende
schaffende Kenntnisse, ich fing an zu den Augias[-]
stall auszufegen, zu ordnen zu ackern zu säen
zu pflanzen, daß [sc.: das] aber war ihnen ein Nichts,
wo die herrlichste Saat keimend lag, da stellten sie /
[2R]
Treib- und Parforcejagen auf neue schimmernde und glänzen[-]
de Kenntnisse an und da sie wenig oder auch Nichts
davon erjagten aber die schöne Saat die sie mit Füßen
traten den Garten edler Gewächse den sie ver-
nichteten nicht sahen so fingen sie ein häßliches
Geschrey an daß [sc.: das] sich nur dadurch stillte indem ich erklärte
ihr Götze sey mir nicht Gott. Doch das Leben wurde
von den armen Knaben genommen wie sie aus dem
Garten des Lebens gerissen und noch jetzt muß meine
Seele weinen wenn es den armen zerbrochenen
Knaben begegnet die mir vorkommen wie die
kranken Kinder des Balanciers, weil ihnen ihre bunte
und gleisende Jacke ihres Einzelwissens ihnen Ersatz
seyn soll für das verlohrene Leben. Verdenken
Sie mir es darum nicht gnädige Frau wenn ich
mit der Mehrzahl des deutschen Publikums nichts
mehr zu thun haben mag. Mögte es mir gelingen
in dem großen Land deutscher Zunge ein Duzzend
Eltern zu finden mit welchen ich mich über Lehre und Er-
ziehung der Knaben verständigen könnte und <wovon>
mir jede wenigstens einen Sohn zur Erziehung an[-]
vertrauen; doch wenn auch nicht, so wird mich dieß
doch nie bestimmen können, der herrschenden Ansicht
des Lehr- und Erziehwesens
<unbeschehen [sc.: unbesehen> [-] so glänzend u schimmer[n]d sie im[m]er auftrete [-] >
beyzutreten, denn ich
bin nach allen Richtungen der Prüfung hier im Laufe vieler Jahre hier fest über[-]
zeugt worden daß der von mir betretene Erziehungs- und
Unterrichtsweg den, der ihn geht, den, welcher ihn /
[3]
geführt wird in Hinsicht auf wissenschaftliche, classische
Berufs- und Lebens-Bildung zum genügendsten Ziele
bringt. Zu einer dem deutschen Charakter und Wesen ganz
genügenden Erziehung und Lehre, einer vollendeten
Erziehung für den Deutschen oder vielmehr den Menschen
erkenne ich es unerlässig daß sich wissenschaftliche
religiöse classische Berufs- und Lebensbildung
auf das vollkommenste durchdringen. Weil ich nun
unsere Erziehungsanstalt eine deutsche und eine allg[e-]
mein deutsche nenne, so soll dies nicht heißen als
sollten die Zöglinge nur durch Kunde der deutschen Sprache
gebildet werden sondern es soll heißen, daß es
eine Erziehungsanstalt sey welche sich bemühe die
Bildung und Erziehung zu geben die eigentlich jeder
Deutsche welcher auf vollendete Bildung, auf allgemeine
und nicht einseitig menschliche Bildung ansprüche
mache - unerläßlich besitzen solle, also auch
zwar nicht vor allem aber ganz und unzertrenn[-]
lich gleichgeordnet mit dem andern auch ächte
alte classische Bildung, also nicht nur Können und
äußeres Verstehen des Lateinischen und Griechischen
sondern vor allem Würdigen des römischen und
griechischen Lebens für Darlebung eines ächt
menschlichen. Zur würdigenden Prüfung unseres classi[-]
schen Unterrichtes und Strebens und zugleich zum Beweis
der steigenden Fort- und Ausbildung und der Leistungen
unserer - der allgemein deutschen Erziehungsanstalt /
[3R]
lege ich Ihrem gütigen Wunsche gemäß das allerein-
zige vollständige Exemplar der Lectionspläne
vom Sommerhalbjahr 1822 bis Winterhalbjahr 1825/26
welches ich noch gedruckt besitze und wie solche von uns
in verschiedenen öffentlichen Blättern z.B. allgem:
Anzeiger der Deutschen, Isis und anderen bekannt ge-
macht worden sind bey. Es ist dieß nur noch wie
ich schon aussprach das einzige vollständige gedruckte
Exemplar für diese Jahre darum würde es mir
erfreulich seyn wenn ich diese Pläne gelegentlich
einmal zurück bekommen könnte. Die Lections
Pläne vom Sommer 1826 bis jetzt besitze ich gar nicht
mehr gedruckt. Glauben aber Ew: Hochwohlgeboren
daß das Interesse an unserer Erziehungsanstalt, d.h.
der classischen der allgemein Deutschen so gediegen
ist, daß man deßhalb wohl gern die Mühe übernimmt
die Originalpläne wie solche jedes Halbjahr in dem
Lehrzimmer aufgehangen werden abschreiben zu
lassen so wird mir es Freude machen Ihnen solche
in Abschrift möglichst bald mitzutheilen. Vor [sc.: Für] jetzt muß
es mir genügen Ihnen anliegend das in Übersicht
mitzutheilen was seit Winter 1825/26 in der an-
stalt für classische Bildung geschahe und in diesem
Augenblick noch dafür geschieht. Ich leugne keines[-]
weges daß das Verhalten eines deutschen Publiku[m]s
gegen meine erziehenden Bestrebungen mich auch
für fernere öffentliche Mittheilungen <an> dasselbe ganz /
[4]
gleichgültig gemacht hat. Was von nun an wieder
in Zukunft geschehen wird, muß der Erfolg der jetzt
von mir geschehenen hoffentlichen [sc.: öffentlichen] Bekanntmachung zeigen,
welche ich vermöge eingegangener Verpflichtungen
zu thun schuldig war. Von dem Erfolge dieser öffent[-]
lichen Anzeige nach einem mehrjährigen Schweigen
vor dem deutschen Publikum hängt auch der Aus[-]
bau des Schlosses zu Helba und der schnellere oder
langsamere Betrieb dieses Ausbaues ab. Bey so
drückenden und schmerzlichen Erfahrungen über von
der so oberflächlichen Prüfung einer so wichtigen Sa-
che von einem deutschen Publikum und bey der
so geringen Anerkenntniß eines schon so blüthen-
und früchtereichen Strebens als das unsrige schon war,
muß man auf das Höchste sorgsam seyn zu der
sich nur eben <mindernden> Last neu[e] hinzuzu[-]
fügen. [Text bricht ab]