Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

Henriette Wilhelmine Fröbel / F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 20.6.1829 (Keilhau)


Henriette Wilhelmine Fröbel / F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 20.6.1829 (Keilhau)
(KN 25,10, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Der Brief war ursprünglich als Brief Wilhelmines an Barop konzipiert; F.s nachträgliche Einfügung auf den Rändern aller vier Seiten gerät zu einer umfangreichen Nachschrift und macht F. zum Mitverfasser des Briefs.)

Keilhau den 20ten Juni
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Lieber guter Vetter Johannes

Unser Fröbel ist vollauf beschäftigt, daher
soll ich Sie von ihm herzinnig grüßen, so wie
es von uns allen geschiehet, durch unsern wakkern,
treuen Leopold - von dem wir uns jetzt trennen
müssen - den wahren Sohn auf den jedes Herz u
jeder Sinn mit reinem Wohlgefallen ohne Trübung
und Schmerz sehen konnte wie noch auf keinen -
den wir lieber, wäre es auf uns angekommen -
ganz behalten hätten. Doch die Stimme des Schicksals
die ihn jetzt in der besten Blüthe seiner Entwicklung
von uns ruft; da wir nach einer früheren Bestimmung
seines Vaters noch beinahe ein Jahr mit ihm zu
verleben hofften - steht höher - und so ist es
gewiß gut, für ihn, und für uns.-
Aus guten Gründen mag ich ihn nicht veranlassen /
[1R]
zur lieben Mutter zu gehen. Ich kann nicht ver-
langen daß das sorgliche Mutterherz jede äußerlich
widerwärtige Erscheinung, unbedingt gleich von
der Seite aufnehme, die auch das schmerzlichste
durchleben hilft, und ihr Glaube mag ja wohl nach
vielen Seiten hin - der Prüfungen genug zu bestehen
haben. Suchen Sie guter Vetter, ich bitte Sie - ihr auch
die Verzögerung wegen Helba*), die gewiß für uns recht
heilsam ist - damit das Leben, das hart angefochtene -
sich erst beruhige, kläre, und stärke - von der mög-
lichst besten Seite vorzustellen, damit ihren alten Tagen
nicht unaufhörlich Anläße der Beunruhigung durch uns
kommen mögen. Wie kann ich es Ihnen wohl danken
daß bei ihrem eignen regsten Leben und Streben sie den-
noch mit Kindesfreundlichkeit dem Leben der einfachen
alten Mütterchen so behülflich werden[.]- Wie beruhigend
und erfreuend würde es für mich seyn, eine Seele wie
die Ihrige der geliebten Mutter in ihrem Alter für die
noch übrige Dauer ihres Lebens nahe zu wissen, ein
so theures Glied unseres Kreises dürfte ihr ja mehr
gewähren, als das beste, was ich selbst ihr aus meinem
armen Leben reichen könnte. Nun dem Mütterchen /
[2]
allein zu liebe mögte ich rufen bleiben Sie immer
noch in Berlin - aber von Fröbels wegen soll ich
sagen "lieber Barop bleibe ja nicht über die
bedingte Zeit hinaus!"-
Ich werde Sie bemühen, eine Kleinigkeit bestehend
in einem P. Strümpfen und einem Schnupftuche, die beim
Einpakken v Louis Wäsche aus Versehen zurück ge-
blieben und die Leopold so gut ist in seinem Tornister mit
zu nehmen dem Louis mit herzlichem Gruße zu zu-
stellen sobald als sie Gelegenheit dazu haben - Wie
macht sich L noch gut?- Möge es der Himmel geben.
Schreiben Sie uns ja recht bald Ihre Briefe bringen
jederzeit wahre Freude ins Haus. Waren Sie schon
so gütig zu Herrn Dr Hesse zu gehen? es würde mir
sehr werth seyn in Ihrem nächsten Briefe einige Nachricht
von ihm und seiner Familie zu erhalten.
Haben Sie auch so rauhes Wetter in B? 8 herrliche
Tage nur hatten wir bis jetzt hier vom 1' <Viertel> des
Mondes bis zum Vollmond. vorher mußten wir heitzen
und jetzt mögten wir es wieder thun - denn es ist
so rauh als wohnten wir bey Neuhaus oben auf dem
Walde. Ein einziger Donnerschlag brachte Regen < ? > und kaltes
trübes Wetter wieder. Desto lieber mag man mit
warmen und <doch> milden Herzen verkehren - darum
schreiben Sie ja bald.
Mit aufrichtigster Achtung und Liebe

die Ihrige
H. W. Fröbel.

*) [Einfügung Fröbels auf den Rändern aller vier Bogenseiten, die durch Grußworte u. ä. faktisch zu einer Nachschrift gerät:]
die nur einzig und ganz allein in der durch Umstände verzögerten öffentlichen Bekanntmachung der Anstalt und
nur in der sich noch nicht bestimmt genug ausgesprochenen öffentlichen Theilnahme und der darum
sich noch nicht vertragsmäßig hinlänglich genug gemeldeten Anzahl von Zöglingen für die neue Anstalt
wozu noch 8 bis 10 die bestimmte Meldung von 8 bis 10 
Zöglingen fehlt - liegt. Eine Mehrheit von Verhältnissen sind
angeknüpft aber nach keiner Hinsicht hin etwas bestimmtes
entschieden. So bald aber der Eintritt von dieser genannten Anzahl von Zöglingen - damit
die junge Pflanzung nicht durch zu frühen Druck leide - vor mir liegt, geht es dann auch bald
nach Helba, denn alles liegt abgeschlossen vor und das Verhältniß ist in sich völlig fest und klar.
Selbst der Herzog wünscht es baldigst ins Leben tre-
tend, allein es ist Sorgfalt nöthig um gleich anfangs
jeder künftigen Krankheit der neuen Pflanzung vor
zu beugen, die ist der ganz einzige Grund der Zögerung in dem äußeren
Hervortreten des neuen Lebensverhältnisses. Ich bin gar zu sehr
und zu vielseitig in Anspruch genommen daß ich das Ganze nicht
wie ich wohl möchte u könnte fördern kann und es fehlt mir nach
jeder Seite hin an entsprechender Hülfe. Ich habe mit gar zu vielem
halben zu kämpfen und dieß ist oft mehr hindernd als wenn
man gar nichts hätte. Zum Ziele käme ich da wohl noch eher
zum Ziele aber komme ich gewiß und auch nun bald - aber durch
die Verzögerung und durch die dadurch gewonnene innere Ausbildung zu
einem schönern und höheren Ziele als ich selbst noch kürzlich ahnete.
Dieß ist es was sich anderen die nur immer auf das Äußere schauen
und denen man nie die innere Einsicht u Reife zur Anschauung bringen
kann so schwer mittheilen läßt. Das Gesammte innere Leben in
seiner Einheit u.s.w. und damit die Hoffnung für das kommende äußere
steht schöner als je u wird täglich innerlich tüchtger u so wird auch bald
das Ganze in äußerer Klarheit u Gesundheit und - - ewiger Jugend erscheinen.
Grüße alle u sage großes Leben, inneres Leben, müsse auch nach einem großen u innern Maaßstab gemessen werden[.]
Gott alle befohlen u[n]d tausend dankbare, kindlich
und - freudige Grüße an Alle von Fr Fr.