Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hedwig von Arnim in Grunau b. Bayreuth v. <nach 28. 6.> 1829 (Keilhau)


F. an Hedwig von Arnim in Grunau b. Bayreuth v. <nach 28. 6.> 1829 (Keilhau)
(KN 25,11; undatierter Briefentwurf 1 B 4° 4 S., auf 1R und 2R zwei überschriebene dat. Entwurfsfragmente eines Briefs von F. an seinen 22jährigen Neffen Ferdinand Fröbel v. 28.6.1829, wo von der soeben (?) erfolgten Abreise Leopold Teskes die Rede ist. Wilhelmine F. schreibt am 20.6.1829 an Barop über Leopold Teske, „von dem wir uns jetzt trennen müssen“ . Die Abreise Leopold Teskes von Keilhau geschah also in der Zeit vom 20.-28.6.1829. Der Briefentwurf an Frau von Arnim ist daher wohl am 28.6. oder wenig später entstanden. Der im Brief genannte Felix ist Felix Minerow, der Pflegesohn Frau von Arnims)

Hochwohlgebo[rne] Frau

Wir sind Ihnen gnäd. Frau auf das Dankbarste für die so schnelle Beachtung
unserer ergebensten Bitte verpflichtet. Lieb wäre es uns nun wenn wir die gleich
in Beginn Ihrer freundschaftl Zuschrift gedachten 40-50 Gulden <doch> baldigst bekommen könnten.
Ob die Spedizion über Schleiz oder die über Coburg in Hinsicht auf Schnelligkeit u Be<dachtsamkeit> die bessere ist müssen wir dem
Comittirenden Hause in Bayreuth zur Bestimmung überlassen. Über Schleiz
<haben?> wir <früher> von Hof u Wunsiedel <aus> früher ausführen [lassen] Irre Do[nnerstag] fährt irre ich nicht von Schleiz
nach Saalfeld <fährt> wöchentl ein Bothenwagen. Aber ich glaube auch ebenso von
Saalfeld über Coburg nach Nürnberg.* Unser comittirendes Haus in Rudolstadt ist Kaufmann Rönsch[.] Wegen der <Begleichung> des
Betrags sind wir Ihrer Hochwohlgeboren besonders dankbar. <kann> Herr
Krause dann in 6-8 Wochen noch 1-2 Stück a 66 fl und viel[-]
leicht von noch größerer Güte besonders auch hinsichtlich der Farbe verfertigen
so wird es uns sehr lieb seyn[.]
Die Offenheit mit welcher Ew Hochwohlgeboren sich mir über Felix <[aus]sprachen>
ist mir sehr erfreulich nur auf diesem Wege kann sich bey dem Knaben
wie dieser [ist] ein genügendes Resultat [er]hoffen lassen *weil früher [sich] dann erwarten läßt, daß man
gegenseitig sich schneller u heftiger <äußert>. Dieß erleichtet mich eben so
so offen auch Ew Hochwohlgeboren mit meinen Ausführungen u Überzeugungen <?> doppelt <auszusprechen>[.]
Knaben wie Felix und fast alle welche in diesen Jahren aus ähnl Ver-
hältnissen kamen sind in einer gewissen Beziehung Kranke, weil Sie [sc.: sie] zu
unterbrochen u nicht gleichmäßig mehrseitig angemessen beschäftigt u behandelt <wurden>
dann sind sie bedürfen eines deutlichen Curs[es]. Dieß erfordert nun mehreres
erstl eine genaue Kenntniß der jetzigen physischen u psychischen Bildungsstufe
des Knaben dieß ist schon nicht so leicht zu entdecken als <nun> wohl [zu] <nennen>
Dann das [sc.: daß] Ordnung u Stetigkeit in die Kenntniß komme; darum
ist oft ziemlich lang nicht an eigentl. Vermehrung der Kenntniß u Fertigkeiten
zu denken. Da Sie <von Gesinnung aus> das Wohl Felixens wünschen
so wünschte auch ich wohl es mögte mir gelingen [daß ich] mich Ihnen ruhig
klar über den Bildungsweg dahin aussprechen <möchte> damit Ihnen /
[1R]
der Erziehungsweg nach meiner Überz[eugung] klar vor liege und Sie sich so wie
von wenigstens der Unzuläng[lich]keit der gewöhnl Erziehungs[-] u Lehran[-]
sicht: die nur auf das {Object / den Gegenst[an]d} u die {Quantität / Masse} der angeeigneten Unterrichts[-]
sicht u höchstens auf den äußeren Menschen <insbesondere> überzeugten – Die Folge, die Stetigkeit u die Verknüpfung
oder das <wahre> gegenseitige Verhältniß der verschieden[en] Erziehungs- und
Lehrmittel zu einander, dieß ist das wichtigere. Und wo
dieß eines davon oder gar alle 3 fehlen dort haben die einzel[nen] Fort[-]
schritte so namhaft sie auch sonst an sich seyn mögen doch wenig
bedeutenden Werth.
Erklären will Ich will mich d[urc]h ein Beyspiel an Felix‘ Leistungen selbst deutl[ich]
machen. Ich habe seine Leistungen im Zeichnen gesehen. Er muß im
Vergleich mit dem nach allem Bestehenden einen sehr guten Zeichenlehrer gehabt haben
da er selber nach der Natur gezeichnet hat. Die Zeichnungen
selbst haben ihr Gutes. Ich habe Zögl[inge] die noch bey weitem dieß
nicht ausführen was Felix leistet; dennoch stelle ich ihn besonder[s]
seines Auges wegen welches er zu haben scheint nicht mit diesen
auf eine Stufe, sondern er beginnt bey mir g[an]z neu. Warum? -
ist das nicht Zeit verliehren? – Ich denke nein! Wie? so? – Sehen
wir was Felix jetzt leistet ist weder in der [sc.. dem] Auge, noch in der
Hand noch im Bewußtseyn stetig begründet und in sich selbst ruhender Ort, es kann sich
darum auch nicht organisch selbstthätig fort entwickeln, soll
nun diese eigentliche selbstthätige Fortentwicklung – was welches
nicht aber der Besitz <einer> todten Masse auch die kostbarst <beza[h]lte >
das Ziel
aller ächter Erziehung u Unterrichtes ist) im Vorlagen-
falle beym Zeichnen nun in Zukunft zeigen; so
muß zwar stets geordnete begründete Wege
betreten werden*
[2R]
[Notiz]* denn nun kann man wenn gleichsam alles in Geist Gemüth u Kraft
in dem <Gänzl[ich]> ausgearbeit[et] vorbereitet darl[iegt] und er die Übereinstimmung der
Innere[n] u Äußern Bildung d.h. der Einsicht Erkannt u das Handeln erkannt hat nun
kann man ihn in Ernst u Strenge zusammen nehmen u an ihn die Forderung machen
daß er sich selbst mit noch größrem Eifer zusammen nehme. Und so haben wir
wiederkehrend ein[ige] reife Jünglinge zu Ihrer [sc.: ihrer] eigenen derselben u unser[er] Freude /
[2]
In dieser Beziehung <thut scheint> nun Felix wenn die <Äußerung> nicht ander[s]wo begründet ist eine gute Eigenschaft zu
haben, die neml[ich] daß er
ruhig u streb[end] den an ihn erziehenden Forderungen nachgeht, freylich auch
mit ein[em] Mangel welchen ich jetzt noch nicht <wägen> will weil ich hoffe er
wird bald d[urc]h sich selbst schwinden – aber auch diese Erscheinung
mag er wohl dem EinSiegeldruck jenes festen Zutrauens zum hiesigen
Wirken verdanken welcher ihm aus dem Handeln Ew Hochwohl[-]
geb[oren] hervorgeht – sollte dieß auch in Zukunft ungetrübt u noch
mehr ungestöhrt bleiben so würden sich dadurch später die segens[-]
reichsten Folgen <zeigen> und würden Sie besonders bey Prüfung seines Fortschrittes
zuerst auf den Entwicklungs[-] u BildungsZustand seines gesammt[en] Wesens u sie [sc.: Sie] den Beweis
seiner gesammt[en Entwicklung u Bildung] <zuförderst> nicht nicht [2x] [in] der Menge
der Fortschritte Kenntniss[e] sondern in der Art u von begründetheit
u der Lebendigkeit der Kenntnisse finden. Ja Ew Hochwohlge[-]
boren können nicht glauben wie[,] wo dieser Weg betreten wird
dann zur richtigen Zeit auch mit einem Mahle [sc.. Male] die Menge der
Kenntnisse hervorbricht – wie an einem Ob[st]Baum im günstigen Frühling
die Blüth[en]menge: Freylich läßt sich nicht bey
jedem diese Zeit bestimmen; Aber ich habe die Freude dieser
Erscheinung – wo der Unterricht nicht gestöhrt u der Ent-
wicklung die gehörige Zeit gelassen wurde nun schon einige[-]
mal in der Anstalt gehabt. Und noch ganz kürzlich habe
ich unsern Leopold Teske aus dem Großher[zog]thum Posen entlassen welcher
wiederkehrend aussprach: er begreife nicht warum wie /
[2R]
viel er in den letzten Jahr[en] erlernt habe und dieß mit einer Freudigkeit einer Lust, die nicht schöner seyn konnte – u bald wären
alle diese schönen Früchte verlohren gegangen wenn er wie es
einmal schien gerade um diese Zeit hätte die Anstalt
verlassen müssen – Er hätte kein[e] Früchte <mit[nehmen]> u der
Vater keine wenigstens nicht diese befriedigende Freude
gehabt – gnädige Frau es wäre ein Baum gewesen
welcher mitten in seinem knospenden u blühenden Trieb ver[-]
pflanzt worden wäre, alles wäre verwelkend u
ohne bleibende Frucht abgefallen. – Darum gnädige Frau
bitte ich Sie lassen wollen Sie ernstl das feste gesicherte Wohl
Felixens so lassen sie [sc.: Sie] die Zeit seines Aufenthaltes nicht
schon vorh[er] d[urc]h die Zahl der Jahre sondern d[urc]h den Zustand seiner
innern Entwicklung bestimmen – ein Jahr mehr oder weniger
kann die Früchte den Erfolg ich darf wohl sagen verwirken.* Ich werde zur rechten Zeit
in dieser Beziehung darüber zur Zeit wenn Sie es uns erlauben auf das offenste
über Felix mich aussprechen
[Notiz* auf unterem Teil 2R bei 1R eingeordnet, auch vor Schlußsatz möglich]