Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 1.8./2.8.1829 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Berlin v. 1.8./2.8.1829 (Keilhau)
(KN 25,14 u. 25,15, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.+1 Bl 16° 2 S. - Die beiden Briefteile werden in KN-Katalog u. in Briefliste Nr. 378f. irrig als zwei Briefe angesehen. F. bezeichnet das Blatt v. 2.8.1829 aber selber ausdrücklich als eine "Nachschrift".)

(KN 25,14)

Keilhau am 1sten August 1829.


Gott zum Gruß lieber Barop!

Freundlichen Dank für Deinen lieben Brief; er kam eben auch zu einem
sehr schönen Augenblick hier an. Unser alter Georg Luther war
eben auf seiner Rückreise von seinen Eltern nach Wittenberg bey
uns vorgesprochen, Du kannst Dir wohl denken zu unser aller
großer und inniger Freude. Sein Aufenthalt in Berlin hat doch
manches wenn auch nicht überall zur Freymachung seines Geistes
und Gemüthes durch zum freyeren Bewegen von beyden beygetragen
wir haben uns darum alle recht herzlich zusammengefunden.
Ich hoffe der Geist wird ihn schon noch frey machen und dann ist er
recht frey.- Nun denke Dir, Tags darauf d.h. gestern nach Mittag
sprach Dein Studiengenosse und Landsmann Landmann bey uns
ein, da war nun freudiges Erstaunen als ich ihm den alten Georg
in langer Tabackspfeife und im langen grauen Überwurf (Kittel) in die
Stube führte; dadurch wurde nun Landmann wohl noch besonders
veranlaßt diese Nacht hier zu bleiben, denn er wollte noch bis Stadt-
ilm. Beym Kaffee fügte es sich daß ich, ich weiß selbst nicht wie
durch Pflanzen veranlaßt wurde ihn meine Ansichten der Ge-
staltungseinheit, und der Gleichgesetzigkeit und Einfachheit
der Naturbildungen andeutete; er schien davon sehr überrascht
sagte mir wie ihm diese Ansichten fremd und neu seyen und forder-
te mich wiederkehrend auf sie doch öffentlich mitzutheilen, so
kam ihm dem technischen Chemiker auch mein erziehendes
Wirken nahe und er nahm dann regen Antheil daran so
daß wir uns noch mehrseitig darüber mittheilten. Nunmehr
sind wohl alle Deine Besuche abgemacht sonst würde es mir
lieb seyn wenn Du besonders dem Mitscherlich mit Deinem
pädagogischen Zwecken und Deinem persönlichen Verhältniß /
[1R]
zu hier vor Deiner Abreise von Berlin durch einen Besuch noch-
mals ins Gedächtniß zurück gerufen würdest. Es ist bey aller
unserer Zurückgezogenheit und Unbekanntheit ja Kleinheit unseres
Wirkens als sollte sich auch äußerlich etwas Großes gebähren
und als sollte sich uns auch dazu ein ganz angemessener Wirkungsort
vorbereiten, es ist als wenn in dem Plane der Vorsehung alles
noch nicht angemessen, nicht schlagend genug genug [2x] entwickelt sey
aber die innere Ausbildung geht stetig beschleunigend ihren
herrlichen Entwicklungsgang fort und äußerlich bilden sich zwar
ganz still und unbemerkt aber auch rastlos die Fäden der Ver[-]
knüpfung weiter fort. Es bedarf nun nothwendig wie Deiner per[-]
sönlichen Gegenwart so der unmittelbar persönlichen ununterbroch[enen]
Mittheilungen. Gott nur weiß es, alle Verhältnisse die sich mir
dargebothen haben sie scheinen zu klein zu schwach zu seyn um das
Ganze in seiner großen Entwicklung tragen zu können, und doch
möchte ich so klein so einfach und von großen Staaten unbemerkt
als möglich beginnen. Es ist die höchste Zeit daß Du kommst, damit
wir in Beziehung auf Zeit und Ort nichts versäumen, stelle kein
Verhältniß in Berlin was eine einstmalige Prüfung oder auch
nur Bekanntwerden in B von Seite der höheren Pädagogik und
Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft herbey führen könnte
an die Seite noch weniger brich es ab, beson namentlich keines was
uns zu irgend einer Zeit den Weg zu Alexander v Humbold[t]
bahnen könne; nun höre ich das [sc.: , daß] Mitscherlich und Humbold[t] sehr
genaue Freunde sind u.s.w. Was nun Deinen Wunsch
und Bitte wegen Westphalen in Beziehung einer besonderen
an Dich zu gelangenden Aufforderung von Seite des Herzogs
zur Mitwirkung an der Erz: Anst: in Helba betrifft, so kann
 /
[2]
ich Deinem so einfachen als kindlich natürlichen Wunsche nicht genügen, denn
die Vorsehung hält mich in dieser Beziehung noch wunderbar gefesselt. Die
Sache ist äußerlich betrachtet und dastehend diese: - daß ich - wie ich Dir
ja auch wohl schon schrieb, nach der Anzeige des Eintritts einiger
Zöglinge, namentlich auch durch Herrn Teske, Leopolds Vater, entgegen-
sehe um die neue Anstalt, als in Helba ins Leben tretend anzeigen
zu können; weil später, (um die neue Anstalt nicht gleich von vorne
herein einer nachtheiligen Sorge um Subsistenz Preis zu geben) -
die Anzahl von 20 Zöglingen, (die schon gegenwärtigen mit gerech-
net
), und [zwar] wenigstens als eintretend angezeigt, festgesetzt wür-
den [sc.: würde], um die Anstalt als wirklich ins Leben getreten zu betrach-
ten; diese, wie ich schon ausgesprochen, später anfügend hinzuge[-]
kommene Bedingung schien mir nun nichts weniger als hemmend, doch
ist bis in diesem Augenblick die Zahl noch nicht vollzählig; allein von
mehreren Seite[n,] so namentlich auch aus Posen her, sind noch keine ent-
scheidenden Briefe eingegangen. So die Sache von Außen angesehen.
Ein mir aber noch nicht zu ergründen möglich gewesenes, sich we-
nigstens nicht auf diesem Raume schriftlich mittheilen lassendes Innere Höhere
scheint wie in einem Allerheiligsten im Hintergrunde zu
liegen. Ein höheres Geschick, eine liebeleitende Vorsehung scheint
uns nicht von Keilhau weglassen zu wollen, auch unsere Kräfte
durch nichts Neues zu zerstreuen und ableiten zu wollen, bis wir
etwas höheres und das für unser Leben höchstes
- vielleicht, wer
kann es wissen, innerstes und innigstes Verständniß und Einheit
gefunden haben. So viel scheint gewiß, Dein neues Einleben in den
Kreis, doch nicht so wohl in den Kreis, als Dein Aufnehmen, Dein unge[-]
stöhrtes Aufnehmen des sich geklärten und ausgebildeten Grundge[-]
dankens des Ganzen scheint nöthig zu seyn, ehe unser Leben wie[-]
der in äußerlichem Wirken hervortrete. Vielleicht soll auch selbst /
[2R]
Butzke erst in den Kreis treten und den Grundgedanken desselben
lebendig und pflegend in sich aufnehmen. Ich halte den reinen Butzke
in seinem hohen Kunststreben höchst wichtig zur Erreichung unseres Zieles
- was, wie aus allem hervorgeht, auch das Ziel der Vorsehung
in der jetzigen MenschheitsentwicklungsEpoche ist - Darstellung
und Darlebung der reinen Menschheit. So viel scheint mir
ganz klar: - es ist uns ein großes Geschäft in der Menschheits[-]
Entwicklung zugedacht, aber die Vorsehung will uns nur noch
mehr zu diesem großen Geschäft erziehen, zunächst wohl
einen, klären, befestigen; also vor allem, immer klares
Auge, ruhigen besonnenen Blick, per vorurtheilsfreye Umsicht
und festen Tritt u festes Handeln!- Butzke hat mir einen lieben
Brief geschrieben, ich antwortete ihm gern, aber was in mir liegt
ist zu groß, zu viel, zu klar, zu durchsichtig, es will sich nicht durch
Striche ans Papier heften lassen; darum durch Nichts soll er sich
von seinem Entschlusse abbringen lassen, diesen Herbst zu uns zu kommen.
Das Weitere wird alles unser aller Vater uns finden lassen. Bauer
in seiner stachlichen Natur wird nicht eher ruhen, bis er sich selbst tau-
sendfach sein eigenes Leben zerstochen hat und die Selbstverblutung Nie[-]
manden anders als sich selbst wird Schuld geben können. Du hast seinen
Brief an Middendorff gelesen: das ist ja Alles leer und nichtig was er
schreibt. Ich habe ihn ja mit innigster Liebe mehrmals zur Theilnahme
an unserm Wirken aufgefordert, warum vergiftete er selbst meine
Worte. Er macht mein Wirken und Streben mindestens zu einem ge-
meinen Wirken zu einem alltäglichen pp dieß kann und darf ich in mir
und für mich nicht zu geben, andern gern überlassend was sie, ge[-]
trennt
von mir darüber denken mögen. Ich halte mein
Wirken und Streben als einzig in der Zeit, als nothwendig in derselben
und als heilbringend für alle Zeit, als vor- und rückwärts
 /
[3]
wirkend und dem Menschengeschlecht alles das reichend und ge-
bend was er [sc.: es] nach jeder Seite seiner Anlagen und seines Wesens
hin bedarf und sucht. Ich habe gar nichts dagegen wenn Ander[e]
darüber anders denken, ich kann sie ertragen, ich kann sogar
und ich habe es bewiesen mit ihnen leben; nur kann ich
mit ihnen nicht ein Lebensziel nicht einen Lebenszweck haben,
daran bin aber nicht ich, sondern sie Schuld, ich scheide sie nicht aus
sondern sie sich selbst. Doch wer mach [sc.: mag] Mohren waschen. Ich for-
dere Vertrauen; sie und namentlich B-r [sc.: Bauer] gesteht mir diese
Forderung nicht zu, ja er sucht sogar das Zutrauen, das Ver-
trauen derer zu schwächen zu trüben die es schon besitzen.
Er ist Christ (doch diese Anmuthung wird ihm schon lästig seyn)
weiß er nicht das [sc.: , daß] Jesus sagt: liebet Euren Bruder, denn wie
könnet Ihr Gott lieben den ihr nicht sehet, wenn Ihr euren Bru-
der nicht liebt den ihr seht. Ich sage im gleichen Sinn:
Glaubet, vertrauet Eurem Bruder, denn wie könnt ihr
Gott glauben, an Gott glauben den Ihr nicht sehet, wenn ihr
Eurem Bruder nicht glaubet nicht an dessen Wahrheit glaubt
den Ihr doch sehet; Ich sage: schauet das Göttliche in Euren
Bruder, denn wie könnet ihr Gott schauen und schauen
wollen den Ihr nicht und nie sehet, wenn ihr das Göttliche
nicht in Eurem Bruder schauet, den Ihr doch sehet.- Diese
meine Überzeugung hoffe ich durch mein ganzes Leben, durch
alle Begegnungen desselben hindurch, ja zu meinem größten
Nachtheil bewährt zu haben: - denn ich habe an Viele
ja an die Meisten mehr Zutrauen u Vertrauen und
Glauben gehabt, als sie an sich selbst, ich habe mehr /
[3R]
Göttliches in ihnen geschaut als sie in sich selbst. Stehe ich darum
nicht verkannt als Erzieher da? - könnte ich mich entschließen
meine Zöglinge d.h. den jungen Menschen nur als einsaugenden Schwamm oder als von außen zu bildende Masse zu
betrachten, wie anders würde ich im Urtheile Anderer
dastehen, denn die Kunststückchen die sie können, sollten mir
wahrlich noch ein bischen leichter werden. Habe ich jetzt
nicht noch immer Liebe, Zu- und Vertrauen und Glauben an
B-r da er doch eigentlich in seinem Bewußtseyn nichts von
alle dem zu mir hat?- Aber hat B-r - sage mir es,
hat d er eigentlich, Liebe, Zu[-] u Vertrauen und Glauben
an
sich selbst?- Das ist das Eigenthümliche meines
Wesens, warum soll ich es läugnen, daß ich dem
der Zutrauen, Vertrauen zu mir hat - Zutrauen und
Vertrauen zu sich selbst, Glauben an sich selbst ge-
ben kann. Dieß ist aber auch das höchste Bedürfniß
was die Menschheit in seinen einzelnen Glieder[n]
jetzt hat - hat die Mehrzahl, ja nur eine Vielzahl
ja nur eine Kleinzahl ächtes Zutrauen zu, ächten
Glauben an sich d.h. an das höhere seines Wesens 
?- Doch nur ein langes Leben löst des Lebens Miß[-]
verständnisse, nur dem lösen sich des Lebens
Mißverständnisse der die Lösung davon in sich
oder in Gottes Welt und All, der Natur findet und
sieht.-
Ich erinnere mich daß Carl sagte, daß gar nichts von
Gluck u auch Bach hier sey d.h. daß er nichts habe, er äußerte
sich zugleich daß man wohl auch streben müsse sich das /
[4]
Leben dieser großen Geister nahe zu bringen. Von Gluck
nannte er mir die Sachen aus Alceste u Iphygenie als das
Vorzüglichste. Die Ouvertüre aus Alceste 2 händig für Pianoforte
ist hier. Bauer hat sie früher nebst mehreren Ouverturen in
den Kreis gebracht.-
Georg will den 6en bis 8en d. Monats wieder in Witten-
berg seyn, gehst Du vielleicht über Wittenberg?- Dann
wirst Du ihn wohl wieder finden. Mondtags will er nach Jena
einen Tag in Jena bleiben, dann bis Naumburg u.s.w.
Grüße den Ernst recht vielmehr sage ihm sein Entschluß
nach Italien und Rom zu gehen habe mich ganz außeror-
dentlich gefreut nun sähe ich doch, daß er etwas ganz
durchaus Tüchtiges in seinem Fache werden wolle. Gottes
Schutz und Seegen möge ihn geleiten. Er soll wegen seinem
Namen Luther die nöthige Vorkehrung treffen; unter diesem
Namen Italien u Rom zu bereisen soll nicht rathsam seyn.
Er soll sich doch da ja in Berlin berathen und mit seinem
Bruder das Nöthige besorgen.
Grüße den würdigen Großheim [sc.: Großoheim ?], sage ihm daß das Ganze
noch immer unter Gottes Schutz fortlebe und daß ich einer schönen
Entwicklung entgegen sähe[.]
Mutter und Tante die seelenvollsten Grüße sage Ihnen
sie sollten mir ja nicht zürnen daß ich nicht schreibe allein
wenn ich nicht Realien mitzutheilen hätte könnte ich
nicht schreiben; die Verbindungen wären so zusammengesetzt
und umfassend, daß die Entwicklung langsamer ging als
ich selbst gedacht hätte, doch könnte im Augenblick das Ganze /
[4R]
in Bewegung kommen; allein es sey die bisherige Ruhe
für mein liebes Weib recht erwünscht und wohlthätig
gewesen; sie ist sonst gesund und wohl. Auch Mal-
chen vergiß nicht.
Aber bald hätte ich das neueste und Wichtigste, zwar
nicht vergessen, wer könnte dieß, aber den Raum
zur Mittheilung verlohren - Unsere Albertine
hat ihren Mann gestern vor 8 Tagen am 24 July mit
einem kleinen zarten aber sonst kräftigen Jungen
beschenkt. Der kleine lebelustige Mensch kam ganz
unerwartet, eigentlich sagt man ein Wenig zu
früh ist aber wie ich schon meldete frisch wie ein
Fisch und läßt sich die Mutterbrust wacker schmecken.
Wir hoffen darum Gott werde ihn uns, den Ersehnten
zu unser aller Freude erhalten. Mehr wird Dir
schon der Herr Vater selbst schreiben.
Noch weiß durch ein eigenes Zusammentreffen Niemand
im Hause von Deinem letzteren Briefe an mich also
auch nicht daß Du bald kommst. Vielleicht theile ich es
Morgen mit. Willst Du nicht Deinem Briefträger
sagen daß er etwa an Dich einlaufende Briefe hieher
sende, oder dieß bey der Post anzeigen. Mittags 12 Uhr
sind alle Briefträger im Posthause versammelt.
Bist Du nicht näher mit Prof Weiß bekannt geworden[?].
Besuchst Du ihn denn noch vor Deiner Abreise, auch Schlei-
ermachern?- Nun lebe wohl. Gottes Vater Güte
geleite Dich mit seinem Schutze zu uns. Dein
FrFr. /

(KN 25,15)

[1]
Keilhau Sonntags am 2en August 1829.
Das Leben ist ein wunderbar erregtes: kein Tag keine Stunde ist jetzt
ohne Fortentwickelung; es ist als fühle und spüre man, wie in früheren
alten Zeiten wieder das unmittelbare Regen und Wegen [sc.: Weben] des höheren
Gottes Geistes. Etwas Ähnliches ist es selbst mit den Mittheilungen welche
auch zunächst nur noch mittelbar eine höhere Beziehung haben, sind sie ein-
mal begonnen und angeknüpft so ist es schwer sie zu beendigen. Doch nur
eine Frage sollte diese Nachschrift enthalten: Wie steht wohl Alexander
von Humboldt
in religiöser oder wenn Du lieber willst kirchlicher Hin-
sicht zum kön: Hofe?- Weißt Du noch nichts darüber, so siehe doch ob Du
vielleicht durch B.- etwas darüber vernehmen kannst.
Auch meine Frau läßt ihre theuren Verwandten herzlichst grüßen und bittet
um eine baldige Nachricht. Nun diese wird ihr ja nun bald durch Dich werden.
Gott geleite Dich!-
Immer Dein FrFr. /

[1R]
Führte Dich Dein Weg über Torgau, so lebt daselbst
der Frau Langethal Schwester, Ulrike, beym
Herrn Röhrich Zeugschreiber das[elbst.]
Ferdinand Fröbel wohnt in Jena bey der Frau Raths-
assessorin Koch in der Saalgasse, Du kannst
gleich bey ihm einsprechen.
In Bernburg ist jetzt Const: Dietrich Gymnasiast, wohnt
beym Herr[n] Dr Herbst.