Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an F. Korn in Obernitz v. 25.10.1829 (Keilhau)


F. an F. Korn in Obernitz v. 25.10.1829 (Keilhau)
(KN 25,16, Abschrift 19 S., Handschrift "Frl. H.", von Otto Wächter veranlaßt und korrigiert. Die Abschrift merkt auf Blatt 7 bzw. 13 den Beginn des 2./3. Bogens an, also Original auf 3 Bogen geschrieben. Das Original befand sich im Besitz von Geh. Baurat Treibich, Rudolstadt.)

Sonntags am 25en Oktbr 1829


Hoch- und Werthgeschätzter Herr und Freund.

Nur im Vertrauen auf die Festigkeit Ihrer freund-
schaftlichen Gesinnungen und die Ausdauer Ihrer aufrich-
tigen Theilnahme an meinen erziehenden Zwecken und
besonders dem der Ausführung einer Volkserziehungsan-
stalt in Helba, konnte ich seit einiger Zeit Ihre lieben Zu-
schriften ohne ausführlichere Antworten lassen, so wie
durch die sich immer von einer Zeit zur andern hinaus-
schiebende Erfüllung meines Wunsches, Sie einmal wieder
persönlich in Obernitz zu besuchen; auch gestehe ich frey,
daß sich mir mein Verhältniß zu Meiningen noch nicht
klar genug entwickelt hatte, um mich umfassend
und bestimmt darüber auszusprechen, wozu es mir
aber auch wirklich an Veranlassung fehlte. Doch jetzt
schreiben Sie in Ihren letzeren lieben Briefe: "ich
hoffe vor Ihrer Abreise mich noch persönlich mit Ihnen
zu unterhalten." Diese Äußerung spricht mir von /
[2]
Ihrer Seite die bestimmte Erwartung aus, als würde ich bald
in das Meiningsche und nach Helba ziehen; allein mir
will der Stand der Verhältnisse und Umstände gerad
das Gegentheil aussprechen, als würde ich nie in das
Meiningsche, nie nach Helba ziehen, und so meine
Erziehungsgrundsätze und so namentlich den Gedanken
und Plan meiner Volkserziehung in einer besondern
Erziehungsanstalt, "der Volkserziehungsanstalt" sich
nie im Meiningschen, nie in Helba verwirklichen.
Das Ganze liegt einfach so vor mir: - Die Verhält-
nisse und Umstände, die Thatsache hat keinesweges im
Gesammtmeiningschen das Zutrauen und die Un-
eigennützigkeit der Gesinnungen gerechtfertigt, mit
welchen ich mich zum Meiningschen hin wandte, noch
dem Unternehmen bey der Ausführung die Würdigung
bezeigt, die aus mehreren Gründen mit Recht von ihm,
dem Meiningschen, zu erwarten war. Ich sahe dieß früh,
sehr früh, und so bald als die Sache zur Ausführung aus
den Händen Sr H. in andere kamen, so bald andere
als die hohen reinen Absichten und Zwecken Sr H. sich /
[3]
damit verbanden. Ich habe darum auch im Monat März
mehrmals wiederkehrend auf das Bestimmteste in Meinigen
und Hildburghausen ausgesprochen: daß ich jeden Augen-
blick bereit sey, alle Verhandlungen als abgebrochen an-
zusehen und die in Händen habenden Documente zur
Aufhebung des Contractes zurück zu geben; doch die-
jenigen, denen ich es besonders aussprach, haben viel-
leicht Gründe gehabt, die Sache lieber eines langsamen To-
des sterben zu lassen als eines schnellen. Ich wußte dieß
alles von dem Augenblicke, als ich in der ersten Zuschrift
des H. Consist: zu M. an mich d. D. 3en Febr d. J. las: -
"es ist doch wohl nicht darauf zu rechnen, daß der Staat
"bei so vielen andern, jetzt dringenden Bedürfnissen zur
"Erhaltung einer solchen, wenn auch nützlichen, doch nicht
"notwendigen Anstalt, wird beytragen können und
"wollen." Gewiß brauche ich Ihnen gar nicht zu erwäh-
nen, daß sich hier von Seite des Collegiums ganz andere
Gesinnungen und Ansichten als von Seiten Sr H. D.,
ganz andere Gesinnungen und Überzeugungen aus
sprachen als während der ganzen Zeit der Unterhandlungen /
[4]
von meiner Seite geherrscht und sich mir von Seite Sr H. D.
kundgethan und ausgesprochen hatten, daß diese Gesinnung-
en und Ansichten meiner geprüftesten Überzeugung rein
entgegengesetzt sind; ich habe dieß mit der unzweydeutig-
sten Bestimmtheit sowohl Sr H. D. selbst, als den H H.
Consistorialen ausgesprochen, daß ich die von mir vor-
geschlagene Volkserziehungsanstalt jetzt für die vor
allen anderen nothwendigste Anstalt in jedem Lande,
vor allem aber auch in dem M-schen Lande, und
zwar zunächst der Residenz halte. Diese meine felsen-
feste Überzeugung habe ich unumwunden vor Sr H. D.
sowohl, als vor einem H: Consist: ausgesprochen. Bey
so sehr, ja gänzlich verschiedenen Ansichten meiner
künftigen Obern konnte ich in der Zukunft kein heil-
bringendes Handeln, kein seegenvolles Erzeugniß
voraussehen, darum hätte ich mit Freudigkeit dort
alles mit einemmale, wie schon ausgeprochen, ab-
gebrochen, doch es ging nicht, Sr H. D. schien es absicht-
lich nicht zu wollen und ich hoffe denn bey manchen,
was mich, ich läugne es nicht, doch ein Wenig täuschte /
[5]
im Verfolg nach Ausgleichung und Verständiß. Bey dem
sich nun im H. Const: ausgesprochenen Ansichten und Ge-
sinnungen, wie ich Ihnen solche zum Theil mit den eige-
nen Worten desselben mitgetheilt habe, konnte nun der
Erfolg nicht wohl anders seyn als er war; denn was
sollte sich nun bey diesen Ansichten und Meinungen
des H. Consistoriums, welche doch wahrlich nicht in den
vier Wänden des Sessionszimmers erzeugt waren und
darinne verschlossen blieben, was sollte sich bey solchen Ge-
sinnungen und Ansichten derer, in deren Hand, ja Ge-
walt das ganze, wenigstens Volkserziehungswesen liegt,
was sollte sich da von Predigern, Schullehrern von Kir-
chenältesten und Schulzen, und überhaupt von allen
denen erwarten welche dabey zuerst betheiligt seyn
müssen?- Und so war, ganz dem gemäß war auch
der Erfolg; hat sich doch in dem ganzen Meiningsch-
Hildburghäusischen Herzogthume nicht ein Heimchen
und außer Ihnen geehrtester Herr und Freund, von wel-
chem eigentlich das Ganze angeregt wurde, obgleich
das ganze Herzogthum ich weiß nicht wie viel 10/Mille /
[6]
Einwohner zählt, nicht ein Mann, geschweige besonders ein
Schullehrer oder Prediger nur durch ein Wort zur Theilnahme
erklärt, hat sich mir doch aus dem ganzen langgestreckten
Meiningisch-Hildburghäusischen Lande nicht eine Spur
von nur äußerer, geschweige denn innerer thätiger Theil-
nahme, von förderlichem Antheile ausgesprochen, wäh-
rend es von einigen Punkten des nicht Meiningisch-
Hildburghäusischen S-schen [sc.: Saalfeldischen] Landes doch ganz anders.
Prediger, einfache Landprediger haben da gleich Ihnen
hochgeschätzter Herr und Freund seit Jahren meine erzie-
henden Bestrebungen fest gehalten, und den Gedanken
und die Ausführung der Volkserziehungsanstalt mit
Feuer und fördernder Thätigkeit ergriffen; sie haben Ge-
danken, die von unsern Bestrebungen und Zweck sie
nur flüchtig berührten, Jahre lang fest gehalten
und sind gekommen sich mit mir darüber zu besprechen[.]
Diese Geistliche, nicht MeininigschHildburghäusische,
haben gleich Ihnen tief und lebendig eingesehen, wie
wichtig meine erziehenden Zwecke und Anstalten bey
der völligen Uneigennützigkeit meines Wirkens, /
[7]
besonders für strebende Landprediger sind, welchen die Sorge
für eine menschenwürdige Erziehung und einen der Menschen-
natur genügenden Unterricht für ihre Söhne am Herzen
liegt. Von solchen Äußerungen aus dem M. H. Schen
Lande doch auch nicht ein Hauch. Was geht daraus an-
ders hervor, als daß man im Lande mit dem gesamm-
ten Erziehungs- Lehr- und Schulwesen auf das beste
zufrieden ist, wogegen dann auch gar nichts einzu-
wenden, obgleich schwer einzusehen und zu begreifen
ist, wenn man Schilderungen ließt wie die vom
M-schen Gymnasium und dessen Schülern im Ere-
miten No 97 v. diesem Jahre. Mir würde freylich bange
seyn, wenn ich als Vater in die Nothwendigkeit versetzt
wäre, einst meine Söhne zu ihrer Ausbildung auf ein
solches, wie dort geschildertes Gymnasium zu schicken.
Doch wer weiß, ob nicht gar die große Gleichgültig-
keit im Mschen Lande gegen ein Unternehmen wie
das der Volkserziehungsanstalt ist, ob diese Gleich-
gültigkeit nicht auch einigermaßen in den Folgen
eines solchen Gymnasiums seinen Grund hat, auch /
[8]
die Wirkungen des Schlechten kommen oft in Regionen, in
welchen man sie nicht vermuthet. Und diese Erfahrung
nur war es, welche besonders mich bestimmen konnte, hier
der Gymnasialbildung zu erwähnen welche sonst zu-
nächst außerhalb den Grenzen dieser Betrachtung und
Mittheilung liegt, da überhaupt die Nothwendigkeit der
von mir in Vorschlag gebrachten Volkserziehungsan-
stalt in ihrer Eigenthümlichkeit von einer andern ganz
nahe liegenden Seite her lebendig und unzweydeutig
genug in die Augen springt, von der Seite nehmlich
der Nachschule für den bis jetzt noch bestehenden un-
vollkommnen Volksunterricht - von der Seite der
Vorschule für das anwendende und thätige Leben
und vor allem von Seite der Vorbildungs- und Ein-
führungs-Anstalt für zweckmäßige und genügende,
besonders praktisch nutzbare Schullehrerseminarien.
Zwar für jede dieser drey Seiten sind mir von Ur-
theilsfähigen und Urtheilswürdigen die beyfällig-
sten Urtheile zugekommen, aber vor allen in letzter
Beziehung; hier stimmen alle Unbefangene und /
[9]
Unpartheiische über ein. Das gewichtigste Urtheil in die-
ser Sache, was mir zugekommen ist, ist das des Herrn
Regierungs- oder Schulrathes von Türke in Potsdam
des Direktors eines großen Schullehrer Seminariums
und Vorgesetzten anderer Lehranstalten: dieser war
gleich erfreut über den Gedanken einer solchen Anstalt
als sie nach seiner Erwartung schon ausgeführt zu se-
hen, die er eben, von ihrer großen Nothwendigkeit über-
zeugt, erst auszuführen strebt, zu welchem Entzwecke
er eine kleine - mir persönlich zugesandte - Schrift ge-
schrieben hat, in welcher er die Nothwendigkeit einer
solchen Anstalt - die Nothwendigkeit junge sich dem
Landschulfache widmende Leute nach ihrem Austritte
aus dem gewöhnlichen Schulunterrichte bis zu ihrem
Eintritte in das Landesseminarium - also vom 13 
bis 17en Jahre (in welchem Jahre sie fast durchgehend
erst als Seminaristen aufgenommen werden) ange-
messen zu erziehen und vorzubilden. Dieser nun fast
30 Jahre für das Volkserziehungsfach wirkende, mit
größtem Eifer wirkende Mann, also bald Veteran /
[10]
des Volkserziehungswesens sieht und erkennt es als das
Nothwendigste, was jetzt zur und für Bildung des Land-
schullehrer zu thun ist und vereint jetzt all seine Mittel
und Kräfte, diesen Gedanken auch im Bereiche seines
Wirkens auszuführen. Die Schrift dieses Mannes ist
kein Beweis zu der Behauptung: eine Anstalt wie
die von mir angestrebte und dargelegte sey wohl
nützlich, aber nicht nothwendig.
Von noch zwey anderen Seiten her ist die von mir
beabsichtigte Volkserziehungsanstalt, als Vorbildungs-
anstalt für Schullehrerseminarien und Vorschule für
das Leben, für den Predigerstand überhaupt, als auch
besonders für den Stand der Landprediger wichtig.
Erstlich wird von dem von mir aufgestellten Erziehungs-
und Unterrichtsgang wahre Religion in Herz und
Kopf begründet durch Entwicklung in und aus dem-
selben, und so lebendige Religiosität in das Leben,
in die Lebenshandlungen eingeführt; dadurch ent-
steht nicht nur wahre Achtung der äußern und
Kirchlichen Religion, sondern was unzertrennlich /
[11]
damit verbunden ist, aufrichtige und thätige Achtung und
Anerkennung der Pfleger der innern und Beschützer der
äußern, der kirchlichen Religion d.i. der Prediger, der
Geistlichen; die Wahrheit dieses Satzes bewährt und be-
stätigt sich durch einen Blick in meinen Kreis und
durch das Verhältniß der Glieder desselben zu
den öffentlichen Religionslehrern und Religionscultus.
Dieß nun sollte wohl der Prediger Stand in den Städten
und auf dem Lande nicht unbeachtet und nicht uner-
wogen lassen, welcher besonders in den Heraufkömm-
lingen der mittleren Stände (durch Glück und Geld) 
über Mangel an ächter Religiosität und allem, was
davon abhängig ist, zu klagen hat. Daran knüpft
sich ferner: Ich habe in den letzteren Jahren wieder-
kehrend besonders von Landgeistlichen die Klage ge-
hört, daß die in den neuern Schullehrerseminarien
gebildeten Schullehrer sehr häufig den Ortsgeistlichen
trennend, ja sich überhebend und feindlich gegenüber
stehen: der Grund davon mag nun wohl seyn, daß
viele dieser Seminarien mehr Werth auf Worth- und /
[12]
Gedächtniswissen, als auf Herzens- und Lebensbildung
legen, mehr Werth auf die Einsicht als auf die That
und - die Art der That; nach meiner Einsicht, Über-
zeugung und Erfahrung darf dieß bey Zöglingen nach
dem von mir aufgestellten und von uns ausgeführten
Bildungswege der Schullehrer wenigstens nicht als
Regel statt finden; vielmehr muß jene Doppelklage
nothwendig durch unsern Erziehungs- und Bildungsgang
nach und nach aufgehoben werden und dieß um so mehr,
als Geistliche und Landprediger als Förderer diesesr dem
Zögling wohlthätigen und dem Menschengeschlechte heil-
bringenden und der Menschheit entsprechenden Bildungsweise
sich bezeigen. Dazu kommt noch eine wie mich dünkt
besonders für den Landprediger Stand höchst wichtige Be-
hauptung, es ist diese: der Landprediger ist jetzt sehr
häufig der einzig geistig Gebildete in seinem Dorfe, oft
in seinem aus mehreren Dörfern bestehenden Pfarr-
spiele, oft mit diesem in einer einsamen abgelegenen
Gegend. Was müßte es für solche Prediger schon zur Er-
hebung des eigenen Lebens erfreulich seyn, in ihren /
[13]
Schullehrern Menschen zu finden und zu haben die - menschlich
gebildet, d.h. mit Sinn und Würdigung für alles das gebildet
wären was dem Menschen wichtig und theuer ist, wie wichtig
müßte es für die Landprediger als - Familienväter seyn
in ihren Schullehrern Menschen zu wissen, welchen sie mit
Überzeugung wenigstens einige Stunden des Tages ihre
Kinder zur Führung und zum Unterricht anvertrauen
könnten welche wichtigen seegensreichen Folgen könnten
aus einem solchen Verhältnisse für Prediger und Ge-
meinde und doch gleichsam nur als Zugabe nur neben-
bey hervorgehen; wenn ich einen festen Blick auf diesen
Punkt richte, so dünken mich die Folgen davon unabseh-
unbestimmbar. Und doch wie merkwürdig: - nur höchst-
wenige, kaum, einige Landprediger scheinen dieß er-
kannt, noch weniger es ernstlich erwogen zu haben;
aber was noch merkwürdiger ist, ist dieß: - daß
dieß von den Geistlichen, die selbst Vorsteher und
Führer von Landschullehrerseminarien sind, und die
als Geistliche und Prediger, doch ihren Stand lieben und
das Wohl desselben befördern müßten, dieß noch nicht /
[14]
erkannt, wenigstens nicht in Ausführung gebracht wor-
den ist. Wer es mit der Erhebung des Menschengeschlechtes
und überhaupt der Menschheit unseres Abendlandes gut,
gründlich gut meint, der muß an der und für die Er-
hebung des geistigen, häuslichen, familien und über-
haupt menschlichen Wohles der Geistlichen und vor allen
der Landgeistlichen arbeiten, nur auf diesem Wege
kann unser Streben und Ziel Volksbildung und Volks-
wohl wirklich und ersprieslich erreicht werden. Nochmals
erwähnt, es ist wirklich bemerkenswerth, daß jenes
von Geistlichen, welche selbst Vorsteher und Führer von
Schullehrerseminarien sind und welchen auch sonst die
Erhebung des Lebens vorzüglich der Landgeistlichen am
Herzen liegt - nicht beachtet worden ist; es soll damit
nicht aber etwa zugleich gesagt werden, als müsse deß-
halb auch ein bestimmtes Entgegnen mit Hand und
Fuß, mit Schwarz auf Weiß, mit Wort und Blick durch
im Thun und Handeln überhaupt stattfinden, sondern
der Geist auch in seiner Entgegnung ist so wirkend
und durchdringend, daß schon das Nichtwirken, wirkend /
[15]
genug ist, und dem, für das wahre Gute schon trägen
Menschen hinreichend genug, dafür gar nichts zu thun.
Dieß ist nun meine einfache und unumwundene
Überzeugung und Ansicht und - da für den Geist nichts
klein und da er auch in der Ruhe wirksam ist, so
zweifle ich nicht, daß sich auch das schönste und letzte Ziel:
allgemeine Verbreitung ächter Volksbildung und Erheb-
ung aus unserm hiesigen kleinen und stillen Wirken
entwickeln wird, sollte es auch wirklich um ein Jahr-
fünft oder mehr später seyn, dann aber auch wohl
um so sicherer und bleibender, und was ist denn
am Ende, selbst für das so kurze Menschenleben
ein Jahrfünft oder mehr früher oder später?- Für
Keilhau um die ursprüngliche Erziehungsanstalt, die
sogenannte allgemeine Deutsche zu beleben, und da das
Erziehungsgeld für jeden Zögling derselben mehr als
doppelt so groß ist als es von mir für einen Zögling
der Volkserziehungsanstalt festgesetzt wurde, so über-
trägt sich am Ende auch durch eine sehr mäßige An-
zahl von Zöglingen der Baarzuschuß welcher der /
[16]
Volkserziehungsanstalt in Helba zugesichert wurde, Wohnung
und Geld besitze ich ja an und für sich schon; um alles
dieß war mir ja eigentlich überhaupt gar nicht nicht zu thun,
sondern um das förderliche Mitwirken eines eingehenden,
verstehenden gleichen Geistes da mir nun der Erfolg die-
sen nicht, wenigstens nicht als ungefesselt zeigt, so
wüßte ich überhaupt nicht warum ich meinen Aufent-
halt in Keilhau mit einem andern vertauschen sollte.
Da ich überhaupt das Große im Einverständniß und
Einigung mit einem geordneten Ganzen zu wir-
ken nicht finden soll, so danke ich innig Gott, der mir
noch früh genug die Augen für das Kleine und
Einzelne meines jetzigen Verhältnisses und Wirkens
öffnete ehe ich es gegen den Schatten eines bessern
Preis gab, und will mir lieber das höchste und
Edelste bewahren in Einigung mit und im kind-
lichen Vertrauen zur väterlichen Menschenführung
zu handeln. Ich könnte wohl auch noch manches Ein-
zelne und Äußerliche was sich dem Ganzen jetzt
günstig zeigt und zuwendet aufführen doch warum /
[17]
soll ich es thun, denn am Ende ist es doch nur der Geist der
ewig und unsichtbar waltet welcher vom Tode zum Leben
führt und vor Vernichtung behütet und dazu heute diese, mor-
gen eine andere Form wählt wie es ihm gut dünkt, wer
wollte darum auf Formen und äußere Erscheinungen
als solche etwas Werth legen oder gar bauen, nur
der Geist ist beständig.-
Für Ihre gütige Mittheilung der freundschaftlichen Ge-
sinnungen des Herrn Superintendenten Lommler, so
wie für so vieles Liebes und Gutes was ich durch
diese Sache Ihnen verdanke (auch die Briefe v. H H. pp
Bagge und Opitz so wie alles frühere ist mir gut
zugekommen und wird dankend zurück folgen) - sage
ich Ihnen noch meinen besonderen verbindlichen Dank.
Daß ich so reich bin in gedachtem H. Superint: einen
lieben und achtenden Verwandten zu besitzen habe
ich gar nicht gewußt; überhaupt besitze ich viele Ver-
wandte da meine Familie sehr verzweigt ist die
ich weder dem Namen nach noch wen[i]ger persönlich
kenne, einmal weil ich fast während 20 Jahre zum /
[18]
großen Theil von meiner Heymath abwesend war, dann
weil es mir nie in den Sinn gekommen ist durch Fami-
lienverhältnisse und Verbindungen für die Zwecke mei-
nes Lebens herbey zuführen. Sollten Sie jedoch Gelegen-
heit haben den H. S. früher als ich zu sehen so seyn
Sie so gütig denselben meine besondere Hochachtung
und wahren Dank für seine freundschaftlichen Ge-
sinnungen zu versichern. Ob aber von der Theilnahme
des Herrn Superint. Lommler überhaupt in dieser
Sache etwas wahrhaft förderliches zu erwarten ist,
wird besonders wohl davon abhängen, wie er
die Gesinnungen, An- und Rücksichten anderer theilt,
welche darinne wesentlich wirksam sind.
Ich wollte Ihnen hochgeschätzter Herr und Freund
erst heute alles dieß selbst persönlich und mündlich über-
bringen und mittheilen, doch die Umstände fügten
es anders, und so mag es denn auch recht und gut
seyn, in der Rede verhallt Manches dem man wohl
gern eine wiederkehrende und ernstere Beachtung
wünsche, und so mag denn auch das Ganze /
[19]
vertrauend durch die nächste Post zu Ihnen wandern.
Zuvor mache ich von meinen Gesinnungen, Ansichten
und Überzeugungen keinen Hehl, doch habe ich sie hier
und Ihnen hier zum ersten male so unumwunden und
als ein Ganzes ausgesprochen; ich sehe auch jetzt nicht
ein, wo ich die Veranlassung haben sollte es gegen
einen Zweyten und noch einmal so zu thun. Ich
spreche Ihnen dieß noch aus weil es Ihnen wohl
lieb seyn könnte dieß zu wissen um den zweck-
mäßigsten Gebrauch davon, darnach zu bestimmen.
Sobald Wetter und Umstände es erlauben mache
ich mir das Vergnügen Sie, vielleicht in Gesellschaft
von Herrn Barop und Herrn Carl zu besuchen. Bis da-
hin und immer leben Sie recht wohl, empfehlen Sie
mich meine Frau und die bekannten Glieder meines
Hauses Ihrer geehrtesten Frau Gemahlin, grüßen Sie
Ihre lieben Kleinen von mir und seyen Sie bleibend
von mir versichert der aufrichtigsten Gesinnungen
eines treuen Freundes
FrFröbel.