Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hedwig von Arnim auf Gut Grunau bei Bayreuth v. 12.12.1829 (Keilhau)


F. an Hedwig von Arnim auf Gut Grunau bei Bayreuth v. 12.12.1829 (Keilhau)
(KN 25,12, dat. Entwurf 2 Bl fol 3 ¾ S. Dieses Stück aus KN 25 enthält 2 Briefe: Obere Hälfte des ersten Blattes [1V] enthält Entwurf an F. Korn v. 11.7.1829)

An die Frau Majorin von Arnim auf Grunau


Hochwohlgeborene,
Gnädige Frau!
Seit fast zwey Monaten liegt Ihre theilnehmende u ein-
gehende Zuschrift d[atiert] d[en] Franzbrunnen v. 18 Oct. zur Beant-
wortung bey mir vor, u schon manchen Sonntag habe
ich seit jener Zeit mit dem Vorsatz begonnen meine
Schuld gegen Sie durch eine genügende Beantwortung
Ihrer <besser> schätzbaren Zuschrift zu bezahlen. Hat sich schon
nun während d[er] langen Zeit die Frage aufgeworfen,
warum jene Antwort so meine Erwiederung so lange
bleibe, so ist Ihnen vielleicht auch darauf die Antwort gekommen,
daß eine abschließende Beantwortung einer solchen Mittheilung nicht so
leicht sey. Dazu kam noch ein noch eingetretener mehrseitiger
lebendiger Verkehr mit Freunden der Anstalt, u das immer
klarer sich entwickeln wollende, selbstständigfortdauernde
Bestehen derselben hiesigen Anstalt. Dieß alles zusammen
genommen, mit den davon abhängigen unaus-
gesetzten Bearbeiten des Gegenstandes von meiner Seite,
machten mir es nicht möglich, kaum einige Tage früher als
eben jetzt erst diesen Brief zu schreiben.
Allem Voraus sende ich nun meine und unser
aller dankbare Anerkennung Ihrer so durchdachten
als klaren u wahren Mittheilungen. Würde
ich etwas ganz von Neuem beginnen, u wäre
es zweckmäßig jetzt wieder, abgesehen von meiner
u unserer gegenwärtig bestehenden Wirken, unsere
bestehenden
Lehr- und Erziehungsanstalt, etwas in einer
andern wenigstens neuere Form zu beginnen, so
würde ich bis ins kleine hin auf Ihre gütige Mittheilungen
Rücksicht nehmen. Jetzt fordert jedoch, die höchste eine
treue Sorgfalt für das Ganze, mehr den Entwicklungen
desselben selbst nachzugehen, als eigenmächtig Selbst-
bestimmungen zu machen, die nicht sowohl aus den
Entwicklung Forderungen des Ganzen selbstthätig lebendig hervorgehen. /
[1R]
Dafür muß ich mich nun: ruhig der eigenen Entwicklung des Ganzen
nachzugehen - muß ich mich nur ganz besonders be-
stimmt fühlen, wenn ich sehe, wie die wirkl[ich] bis jetzt statt-
gefundene (lebendi) Entwicklung der ErziehungsAnstalt im Wesentl[ichen] so
ganz genau mit dem mir von Ihrer Güte ausgearbeiteten
Plan übereinstimmt. Ohne
Ohne zwar wörtl[ich] immer die Parallele herauszuheben will
ich jedoch an dem Faden Ihres gütig vor mir lieg[en]d[en] Planes
den jetzigen Entwicklungsstandpunkt der hiesigen Anstalt
Ihnen vorführen. Mögen Sie dann selbst entscheiden.
1. Ew Hochwohlgeboren scheint in dem Publikum ein Be-
dürfniß entgegen getreten zu seyn, <könnte> daß mit einer solchen Anstalt
auch zu gleicher Zeit die Mehrheit der arbeitenden Glieder
genannt werde. Seit diesem Herbst nun Es ist nun
zwar wohl war, daß in den früheren Zeiten auch bey
mehrere[n] Lehrern an der hiesigen Anstalt es doch vorzügl[ich] He[rr]
Langeth[al] u He[rr] Midd[en]d[or]ff waren, welche die Zwecke der Erzie-
hungsanstalt als gleich selbst gesetzte festhielten u für ihre voll-
kommene Erreichung sorgfältig arbeiteten. Allein eine Reihe
prüfender u bewährender Jahre führten denselben <noch ein[i]ge>
hinzu, so daß nun der Kreis der eigentl[ich] wirkenden u <fest->
verbinden[den] Mitarbeiter an d[er] hiesigen Anstalt, welche der Zweck
als den ihren erkennen u <sorgfältig> für dessen Darstellung ar-
beiten, nicht nur aus He[rrn] Langeth[al,] He[rrn] Middendorff u mir sondern
auch aus He[rrn] Barop, He[rrn] Carl u He[rrn] Schmidt besteht. Und so wie
früher vorzügl[ich] wir drey erstere es waren, welche
Schriften: Zeugnisse u Censuren unterschrieben so ist
seit Michaelis die[es] J[ahres] bestimmt worden, daß alle solche
(Erklärungen) Mittheilungen in d[er] Zukunft von den genannten
sechs <Glieder[n]> unterzeichnet werden. Ja es wäre wohl mögl[ich]
daß bis künftige Ostern noch einer oder zwey der Anstalt
längst befreundete u ihre Erziehungszwecke theilende Männ[er]
in ganz wesentl[ichen] Fächern des Unterrichts, namentl[ich] der höhe[ren]
darstellenden Kunst einträten. Ew Hochwohlgeb[oren] werden
hieraus sehen, daß das Nachgehen der innern Entwicklung, wenn
auch vielleicht etwas später, doch zu seinem dem, dem Ganzen
Alles entsprechenden Zeichen Punkte <hindurch> hin führt.
2. Es scheint zwar u mag wohl auch wirkl[ich] gegründet seyn
<daß> besond[ers] bey einer solchen Anstalt, als die von mir angestrebt wird
viel auf den Ort u namentl[ich] auf die damit verbunden[en]
äußere[n] unterstützend[en] Verhältnisse ankomme. Aber wenn
damit nicht zugleich auch mit Sicherheit innere freye u freudige Ent-
wicklung mit Gewißheit sich bestimmen läßt, so ist das äußerl[ich]
hinzukommende Vortheilhafte mehr nachtheilig als förderl[ich].
So will es uns nun fast mit Meiningen scheinen -
die Äußerungen von Steins u anderer Ihnen nicht genannter
Familienväter möchte nun wohl zu unbedeut[en]d seyn
daß sie auf einige Dauer nachteilig wirken könnten; /
[2]
2. An Fr. v Arnim
12 Decbr 29.
denn sie sind zusehr in sich selbst ungegründet u von
andere[n] ihrer nächsten Kreise u Standes schon als solche
erkannt. Allein, wie soll ich es Ihnen doch entsprechend
genug u mit keinem zu unädlem Worte bezeichnen: Raub-
vögel u Adler, selbst die Störche leiden unter gewissen Ver-
hältnissen nicht gern, daß sich ein andrer ihres gleichen in ihrer
Nähe anbaue. Etwas Raubvogel Natur bleibt dann
immer dem Menschen u besonders dem Mann, der sich in einer
Gegend od[er] Lande zuerst sein Nest od[er] seinen Wirk[un]gskreis
angebaut hat u er leidet nicht gern wenn ein andrer
seiner Art in seine Nähe kommt. Davon sind nun am aller-
wenigsten die Schulmeister u die welche Schulmeister pressen d.h.
die Directoren von Landesschullehrerseminarien ausgenommen.
Wenn ich nicht irre, habe ich so etwas auch früher von He[rrn]
<Greser> gehört, u es erläutert daß [sc.: das] Beyspiel vielleicht was ich
sagen will. Auf diesem Felde nun mögen sich dann
auch im Meiningschen die eigentl[ich] wirksamen Gegner mei[ner] Ansiedl[un]g daselbst,
wie ich mit Bestimmtheit gehört habe, befunden haben. Wenn nun
dieß und mehreres Andere mir vom Meiningschen ausgesprochen wurde
was kein[en] andern Grund seines Handelns u s[eine]r Entgegnung hatte,
als mein Wirken nicht in das Meiningsche kommen zu lassen
u da wie höre diese Gegner selbst <eigene Wünsche> im dem Consistorio
haben sollen, so sehen Sie leicht ein, wie gern ich den Winken
der Vorsehung folgte, unser erziehendes Wirken hier in Keilhau
seinem Begründungsorte festzuhalten. Denn aus Ihrem Brief
selbst geht mir ja hervor, wie, wenig bey solcher Opposition
selbst die wirkl[ich] persönl[iche] Theilnahme des Her[r]n Herzogs das
Ganze zu halten fähig gewesen wäre. Und so scheint
es nun wohl zieml[ich] ausgemacht zu seyn, daß unsere
Erziehungsanstalt hier in Keilhau (sein[em] urspr[ünglichen] Thäthik[keit]sorte)
verbleibe u sich hier nach u nach zu der Vollkomm[en]h[ei]t entwickeln soll
die mir u uns allen bei ihrer Gründung vorschwebte. Was
sie dadurch zwar an äußern Mitteln verlier[en] wird, das wird
sie wieder durch die innere freyere Entwickl[un]g, wenn auch
auf sehr langsamerem aber sicherem Wege gewinnen. Denn der ächte Geist derselben
wird sich ohne Fessel gestaltend u in seine[r] reinen menschen-
würdigen Form dem nach Menschenwürdigkeit Strebenden
darstellen und so zuletzt einmal doch <wahren u ächte> Anerk[en]n[un]g
finden um sie nie wieder zu verlieren.
Ob darum gleich das Publikum wohl der Anstalt im Allgem. die Unterstützung eines Staates sehr wünscht, so ist doch nicht zu läugnen, daß wenn wir anders die Äußer[un]g[en] desselben richtig zu deuten
verstehen, daß sich d[as] Publikum selbst freut, wenn unsere Erziehungsanst[alt] hier in Keilhau fortbesteht, u selbst dieses Bestehen an sein[em] ersten Orte scheint ihm in sein[en] Folgen für manche Unter-
stützung zu entschädigen, die ihm vielleicht ein Ortswechsel sonst bringen könnte.
3, Unter manchen Zu den vielen Vortheilen, welche
uns doch d[er] Plan, in Helba eine Volkserziehungsanst[alt]
zu errichten gebracht hat, gehört auch der, daß sich in
unserer Anstalt zunächst eine HauptClasse oder Ab-
theilung für den begründenden Unterricht oder wie
Ew Hochwohlgebor[en] es nennen - eine Knaben-Vor-
bereitungsschule gebildet hat. Der Gedanke näml[ich]
welcher der zu errichtenden Volkserziehungsanstalt in Helba
zum Grunde lag, hat doch mehr als ich aus dem /
[2R]
Erfolg schließen konnte, prüfend eingehende
Anerkenntniß gefunden. Da sich nun außer Felix
noch andere Zöglinge theils eintraten theils angefragt
haben, so hat uns dieß bestimmt, diese erste oder untere
HauptClasse oder Hauptabtheil[un]g für die Zukunft
für immer bestehen lassen. Die Unterrichtsgegenstände
für d[ie]se Classe werden im Allgemein[en] ganz mit dem
übereinstimmen die Sie schon in Ihrem ausgeführten Plane auf-
geführt haben. Wie sich Ew Hochwohlgeb[oren] leicht selbst
überzeugen werden, wenn Sie den hier auf darin auf-
geführten Gegenst[an]d gefälligst mit dem vergleichen wollen,
die in dem Unterrichtsverzeichniß aufgeführt sind
welches ich mir schon früher erlaubte Ihnen mitzutheilen[.]
Ob wir nun gleich recht wohl einsehen, daß das
für diese Abtheilung jährl[ich] bestimmte Erziehungsgeld von 100 r[t]h pr Ct.
zu gering ist, so ist es doch einmal zu viel von uns
ausgesprochen u durch d[en] Druck bekannt gemacht worden
so daß wir uns deßhalb keine Änder[un]g erlauben können[.]
Alles was Sie sonst noch in d[ie]ser Beziehung aussprechen ist
völlig zweckmäßig, ja vorzügl[ich] u wird gewiß von
uns ver benutzt werden.
4, Da aber die Leistungen dieser Anstalt doch für
manche Zöglinge, namentl[ich] für solche, die über das
erste Knabenalter weit fortgeschritten sind u deßhalb nur noch ein[e] kurze Zeit zu ihrer Ausbildung übrig haben, nicht immer
g[an]z zweckmäßig gefunden wurde, besonders dann
wenn sie sich nach Austritt aus der Anstalt einem höher[en] Geschäftsleben widmen wollten, so hat sich in unserer
Anstalt seit längerer Zeit schon, eine zweite Abtheil[un]g
von Zöglingen gebildet u sind jetzt noch welche für diese
Bildungsstufe in der Anstalt, welche der wegen der er-
weiterten <Förderung / Forderungen> die sie ohne jedoch sich d[en] Studien zu
widmen, machen, ein jährl[iches] Erziehungsgeld von 150 r[t]h p.C.
bezahlen. Dies entspricht allso ganz dem, was Ew
Hochwohlgeboren unte[r] §. 15 u bey einer wenigstens
dr[e]yjährigen Dauer d[es] Aufenthaltes in d[er] Anstalt, erwähnen.
5, Das was Ew Hochwohlgeb[oren] Jünglingsausbildungsanst[alt]
nennen, umfaßt wirkl[ich] den Gipfel u d[as] Ziel, welches
unsere Anstalt gleich v. Beginn an vorschwebte,
u welches sie in möglichster Vollkom[men]h[ei]t zu erreichen, unab-
lässig bemüht ist: zu den Leistungen derselben gehört
größere Leistungen in der darstellenden Kunst als Ew Hoch-
wohlgeb[oren] erwähnen; außer dem lat[einischen] u griech[ischen] noch
das Hebräische; außer dem Französ[ischen] noch d[as] Englische[.]
Das für diese Abtheil[un]g unsre[r] Erziehungsanstalt
seit länger als 6 Jahren bestehende jährl[iche] Erziehungsgeld
ist beträgt freyl[ich] nur 200 r[t]h sächs[ischer] Convention[.] [Text bricht ab]