Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an F. Korn in Obernitz v. 23.12.1829 (Keilhau)


F. an F. Korn in Obernitz v. 23.12.1829 (Keilhau)
(KN 25,20, Abschrift, Handschrift "Frl. H.", von Otto Wächter veranlaßt und korrigiert. Die Abschrift merkt auf Blatt 5 den Beginn eines 2. Bogens an, also Original auf 2 Bogen geschrieben. Das Original befand sich im Besitz von Geh. Baurat Treibich, Rudolstadt.)

Keilhau den 23ten Decbr 1829.


Hochgeschätzter Herr und Freund!

Herr Middendorff hat mir Ihre letzten freundlichen
Zeilen an ihn mit der Äußerung übergeben, daß es
Ihnen wohl lieber seyn würde, wenn ich die darin
ausgesprochenen Fragen persönlich beantwortete.
Darin der Grund meines so baldigen schriftl Wieder-
kehrens bey Ihnen. Möge das Mitzutheilende Ihren
Wünschen entsprechen.
Was die Rückmittheilung des früheren schriftl.
Auszuges von dem Plan der Volkserziehungserzieh-
ungsanstalt betrifft, so wurde er nur von mir in
der Meinung erbeten, daß Sie noch ein Exemplar
davon zu Ihrem Handgebrauch besäßen und kann
nun die Erfüllung meines Wunsches so lange an-
stehen, bis gelegentlich ein Exemplar zu Ihnen
zurückkommt.
Nun zur Hauptsache, das jetzige und künftige /
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Stehen unserer Erziehungsanstalten zu dem Publikum,
ihre verschiedene Verhältnisse unter sich und des Bildungs-
kreises jeder einzelnen. Ich glaubte zwar ich hätte
mich bey meiner letzten persönlichen Anwesenheit
in Obernitz darüber ausgesprochen; doch da sich das
Gesprochene leicht zerstückt, so wiederhole ich es im
Zusammenhang in Bezug auf das Wesentliche gern
schriftlich.
Obgleich der bey der Begründung einer Volkserziehungsanstalt
in Helba vor Augen gehabte Plan von Seiten des Publikums
kein solches Eingehen und keine solche Würdigung d.h. von der
eigentlich sie betreffenden Classe - gefunden zu haben
scheint, daß ihr eine auschließend und selbstständig für
sich bestehende Erziehungsanstalt gewidmet werden kann,
so hat doch der Gedanke, wie Sie selbst aus Mittheilung-
en die an Sie ergangen sind, gefunden haben werden,
im Einzelnen eine solche Anerkenntniß gefunden, daß
mir im Publikum bestimmt der Wunsch ausgesprochen
worden ist, den Grundgedanken und Plan, und dessen
Ausführung festzuhalten, wie sich dieß auch schon als /
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Vorsatz von mir am Schlusse meiner Helba betreffenden Anzeige
ausspricht.
Darum wird von nun an und hat eigentlich schon seit
dem 1ten März d. J. durch dafür aufgenommene Zöglinge
in unsere Erziehungsanstalt eine große Hauptabtheilung,
oder wenn Ihnen der andere Ausdruck lieber seyn sollte,
eine Erziehungsanstalt ist, deren Wirkungs- und Bildungskreis
und Erziehungs- u Lehrgang ganz der ist, welcher der Volks-
erziehungsanstalt zu Helba zum Grunde liegen sollte,
stattgefunden, sie ist ihrem Charakter nach rein begrün-
dend u entwickelnd. Doch so, daß sie alle diejenigen Unter-
richtsgegenstände umfaßt, welche bey dem Plan der
Volkserziehungsanstalt genannt sind, selbst mit Einschluß
nothdürftiger Kenntnisse vom Lateinischen u Fran-
zösischen, d.h. Kenntniß u Aussprache der im Leben
gewöhnlichen Ausdrücke - also in Verbindung mit der
dieser Abtheilung besonders eigenen praktischen Selbst-
thätigkeit ganz geeignet dem Bedürfniß des höhern
Landmannes u des Bürgers zu genügen. Das jähr-
liche Erziehungsgeld für jeden Zögling ist hier in /
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halbjähriger Vorausbezahlung 100 Thaler Preuß. Cour.
Doch da der Bildungsumfang dem höheren Gewerbs-
und Geschäftsmanne nicht genügen kann, so wurde ge-
wünscht daß in unserer Erziehungsanstalt eine 2te Haupt-
abtheilung hierfür gemacht werde, in welcher die Gegen-
stände des Unterrichts sowohl als der Umfang derselben
diesen Lebenskreisen entspreche. Wir konnten diesen For-
derungen um so bestimmter nach gehen als in dem Fort-
gange der Entwicklung unserer Erziehungsanstalt auch
hierfür schon Zöglinge in die Anstalt aufgenommen wor-
den sind. Die Lehrgegenstände sind umfassendere Kennt-
niße in der deutschen Sprache besonders Fertigkeit in
schriftlichen Darstellungen, (Stylübungen); ausgebreite-
tere Kenntniß in der Mathematik, selbst mit Kenntniß
des Ausmessens, u. den verschiedenen Zweigen der
Naturgeschichte, Physik u Chemie umfassendere Kenntniß
im Lateinischen, Gewandtheit im Gebrauche des Fran-
zösischen und höhere Kunstfertigkeit im Zeichnen und
andern Künsten.- Das jährliche Erziehungsgeld für
einen Zögling dieser Abtheilung ist in halbjähr. Voraus- /
[5]
bezahlung 150 Thaler Preuß. Cour.
Als letztes Ziel u Zweck der Erziehungsanstalt wird
jedoch, wie immer, allseitige und vollkommene Ausbil-
dung für die Wissenschaft bis zur Universitätsreife festge-
halten, also vollkommene Kenntniß u. Gebrauch der clas-
sischen Sprachen, umfassende Kenntniß u. Gebrauch der
lebenden Sprachen, Englisch mit eingeschlossen, mathema-
tische, Natur-, Erd-, Geschichtskenntniße bis zu dem
genannten Ziel; außerdem Ton- und Zeichenkunst bis zur
frey- u selbstthätigen Anwendung. Das jährliche Er-
ziehungsgeld ist wie seit mehrern Jahren schon bestimmt
200 Thaler sächs. Cour.
Der Geist des Unterrichts u die Behandlung der
Unterrichtsgegenstände wird in allen dieser drey Haupt-
abtheilungen ein und derselbe seyn, u wird in einer
gewissen Beziehung der Unterricht jeder Hauptabthei-
lung auf dem der vorhergehenden ruhen, so daß je-
der Zögling aus einer untergeordneten Abtheilung,
wenn sich in ihm die dazu nöthigen Fähigkeiten
entwickeln, u. er die dazu gehörigen Mittel besitzt, /
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zu der höheren heraufrücken kann. Umgekehrt kann aber
auch jeder mit der für seine Stufe genügenden Bildung austreten.
Der Eintritt in die erste Hauptabtheilung ist vom 7ten bis 9ten Jahr;
der Eintritt in die 2te Abtheilung ist vom 10ten bis 13ten Jahr;
der Eintritt in die 3te Hauptabtheilung vom 12ten bis 14ten Jahr.
Und so rechtfertigt denn unsere Anstalt in Keilhau als
eine Gesammtanstalt von einer andern Seite her den
Namen der allgemeinen.
Theilen Sie sich mir nach Ihren beendigten Festarbeiten
sich gefälligst über diese Mittheilung mit, und halten Sie es
sich bey Ihren vielseitigen Bekanntschaften es für das
Ganze ersprießlich, eine Übersicht dieses mitgetheilten
Planes zur resp. Beylage bey Ihrem Briefwechsel zu
besitzen, so werde ich gern nach dem Feste Ihrem
Wunsche genügen, wozu mir aber jetzt Zeit u. Samm-
lung mangelt. Dieß nur zu Ihrer einstweiligen Nachricht.
Können und wollen Sie nun in Beziehung auf Ihren
lieben Sohn der Keilhauer Erziehungsanstalt Zutrauen schen-
ken, so wird diese von ökonomischer Seite her thun, was
ihr möglich ist, um die Schwierigkeiten in dieser Beziehung /
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zu heben.
Wollen Sie nun von den noch besitzenden Anzeigen gelegent-
lich Gebrauch machen, so thun Sie es gefällig nur mit Heraus-
hebung des dort schon Ausgesprochenen, daß die Ausführung
unter für die Zöglinge gleich günstigen Verhältnissen
hier in Keilhau wirklich schon geschehe.
Können Sie uns die mir gemachte Hoffnung erfüllen
und uns in diesen Festtagen einen Besuch schenken, so
wird dieß mich und uns alle sehr freuen; und ich hoffe Sie
werden die Überzeugung gewinnen, daß es Alles so sehr
gut ist, wie es die Vorsehung fügte, und daß es ein besonde-
rer Beweis ihrer mütterlichen Leitung ist, daß sie uns bey
Umständen, die uns in Meiningen erwarten, in Keil-
hau erhielt.
Nehmen Sie von uns allen den aufrichtigen Dank für
die uns in dem alten Jahre bewiesene Freundschaft Liebe
u Theilnahme, und schenken Sie dieselbe uns auch in dem heran-
nahenden neuen. Wir bleiben Ihnen mit den aufrichtigsten
Gesinnungen treu verbunden.
Achtungsvolle Grüße von uns allen an Ihr ganzes
Haus.
Fr Fröbel.