Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an E. Bettcher in Chodziesen v. 12.8.1830 (Keilhau)


F. an E. Bettcher in Chodziesen v. 12.8.1830 (Keilhau)
(BN 731, Bl 1-2V, dat. Entwurf 2 Bl 4° 2 ½ S. im „Briefbuch Keilhau“, Handschrift Middenddorffs)

Keilhau den 12 Aug 1830

Herrn Justizactuarius Bettcher aus Chodziesen, Wohlgeb.
Nach dem uns/mir von Ew Wohlgeboren durch unmit-
telbare Überschickung Ihres Sohnes Gottlieb Hermann
zum Zögling u Sohn meiner u unserer Anstalt ge-
wordenen so hohen als vollen Vertrauen u Glauben,
bedarf es, dünkt mich, von unserer Seite nur des
Ausspruches, daß das Ihres väterliches u sorgendes
Schreiben an uns vom 20ten v. M., welches uns
mit demselben übergeben wurde, mit eben einer solcher
(so väterlich sorgender) Gesinnung gelesen haben
mit welcher es geschrieben ist. Durch den
Geist u mit der Gesinnung, in welcher mein u
unser Wirken besteht, hoffe ich mit großer Zuversicht/Vertrauen
bey den Anlagen die ich in Ihrem Sohne zu finden an-
ne[h]me Ihren mir ausgesprochenen gerechten u billigen
Wünschen zu entsprechen und Ihnen einst denselben
bey unverkürztem gegenseitigen Vertrauen, als einen
wohlgebildeten Menschen in Ihre Arme zurückzugeben.
Achten Sie ihn darum, das bitte ich, verehrte Eltern,
keineswegens als vater- u mutterlosen Waysen /
[1R]
denn wenn auch die Mutter vermei[ne]n sollte, daß
in einer solchen Anstalt manche Strenge, manche Entbehrung
und überhaupt ein etwas raueres Clima als in
dem elterlichen Hause herrschen sollte, so hat mich nun
doch eine fast vierzigjährige anhaltende Beobachtung
der Menschenentwicklung, welches mein Lebensberuf ist,
gelehrt, daß dieß einzig der Weg ist, wie selbst die Vor-
sehung die besten und tüchtigsten Menschen erzogen hat
u erzieht- Wer wollte es nun besser wissen als diese?
Ich bin selbst von der frühesten Zeit meines Lebens
ein Zögling dieser Schule, und ich muß nun einsehen,
dadurch selbst zum Erzieher erzogen, keinesweges
aber durch irgend einen eiteln, vergängl[ichen] Zweck, dafür
bestimmt worden zu seyn. Eben so hat meine Mitarbeiter
nur die freyeste Wahl für den Opfer fordernden Lehrer-
u Erzieherberuf bestimmt.
Da ich höre, daß die vier Väter sich öfters in Chodziesen
zusammen finden, so werde ich in der künftigen allgemeinen
Mittheilung eine Art von Reihenfolge beobachten
und so alle 4 Wochen einem der Väter das Allge-
meine über jeden derselben mittheilen, und an dem /
[2]
1ten Tag des Oct[o]bers mit HE Teske beginnen. So genehmigen
wir auch die von HE Teske vorgeschlagene Anordnung
wegen Berichtigung der Erziehungsgelder, und die nähere
Berechnung der jetzt bereits auf HE Teske bezog[nen] Wechsel
wird Ihnen derselbe gefälligst mittheilen.
Genehmigen Sie von mir u uns die Versicherung
wahrer Hochachtung.