Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 22.8.1830 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 22.8.1830 (Keilhau)
(BN 445, Bl 34-36, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S. )

Keilhau am 22sten Aug: 30.


Mein geliebtes, mein theures Weib.

Das Leben in seinen Erscheinungen kann uns nur ernst,
sehr ernst stimmen; diese Stimmung ist es auch die
mich seit Deiner Abreise von uns fast einzig be-
herrscht und welche Du darum auch in diesem Brie-
fe an Dich, der mir doch zu schreiben so viele Freu-
de macht, nur wieder finden wirst. Wenn ich mein
Leben in allen seinen Erscheinungen die von mir aus-
gegangen sind, in seinem Wollen und Handeln, in sei-
nem Empfinden und Thun vor mir vorüber gehen
lasse, so ist es überhaupt der Ernst welcher den
Grundton, die Grundfarbe meines ganzen Lebens
nur einzig ausmacht; wer anders meint versteht
mich nicht. Zwar ist es ganz wahr, ich liebe die Hei-
terkeit und die Freude aber nur die welche aus dem
Ernst hervorgehet, sich auf denselben zurück beziehet.
Die wahre, ächte Lebensfreude und Lebensheiterkeit
kann überhaupt nur aus dem Ernste, dem Lebensern-
ste geboren werden, und was gleich ist auch nur des
Lebens Friede. Dieß ist der Punkt, diese Wechselbe-
ziehung und Wechselverknüpfung ist der Punkt von
wo aus ich fast gar nicht verstanden werde, mein
ganzes Leben hindurch wenig verstanden worden
bin, und doch liegt darinn nur der Schlüssel zur
Erkennung meiner, und der Erscheinungen meines
Lebens die aus meinem Innern hervorgegangen sind /
[34R]
und bleibend hervorgehen, das ist meines Handelns.
Dieser Grundcharakter meines Wesens ist besonders herr-
schend seit der ganzen Zeit Deiner Abwesenheit von hier
in meinem Leben hervorgetreten, darum habe ich auch
fast die ganze Zeit über, meine Lehrstunden abgerechnet
für mich allein gelebt und - da wir fast die ganze Zeit über
sehr starkes anhaltendes Regenwetter hatten, so würdest
Du mich fast immer außer der Lehrzeit in der blauen
Stube gefunden haben, wenn Du Dich hier hättest verge-
genwärtigen können und mir ist in dieser meiner fast
völligen Zurückgezogenheit wohl und ich suche sie mit
Fleiß und Anstrengun Achtsamkeit zu dem zu benutzen
wozu ich sie mir gegeben erkennen muß. Wie alles
aus kleinen äußeren Umständen / Erscheinungen hervorgeht, so
mag es auch wohl hier der Fall seyn: Freytags früh,
d.i[.] den Tag nach Deiner Abreise ging Auguste nach Volk-
städt und kam wegen eingetretenem starken Gewitterregen
erst Sonnabends wieder, die Zöglinge und alle Erwachse-
ne waren sämtlich nach der Schwarze gegangen, Luise
war schon ganz früh nach Jena abgereist, so war es
im Hause gleich so still, daß diese äußere Ruhe und
Stille auch gleich in mein Inneres einzog und mir zum
Seegen mich auch noch nicht verlassen hat; dazu kam
daß am Sonntage, wo ich ich glaubte sie würden aus
dem unteren Hause zu uns kommen, die Schwägerin
es anders bestimmte und im Gegentheil noch Augusten
und Ernestinen zum Nachmittag einluden; so war ich denn auch
nachdem ich mit Langethal selbAnder [sc.: miteinander] Kaffee getrunken hatte,
den ganzen Nachmittag allein, oben auf dem Colm, die Zöglinge /
[35]
links und rechts auf und an den Bergen, nur Ehrfriede
war zunächst um mich. Doch waren während der Woche
auch ein paar mal die Töchter aus d[em] u[ntern] H[aus] und das erste
mal selbst die Schwägerin Abends hier oben bey mir
um Bohnen schnitzen zu helfen, wo ich ihnen denn et-
was aus dem Jean Paul vorlas. So hast Du damit
auch gelegentlich ein Gemälde unseres Lebens in der
nun verflossenen Woche erhalten.
Unseren Novizen geht es recht gut; sie arbeiten bis
jetzt wacker und sind froh nur fordern einige eine
fast unterbrochene Aufsicht. Hermann Bettcher hat sich
lieber seinen zweyten Namen Gottlob, und Gustav Weißer
seinen zweyten Ferdinand zum Zöglingsnamen gewählt
was mir auch recht lieb ist.
Weil ich nun einmal in die Mittheilung häuslicher Nachrichten
hineingezogen worden will ich nur um sie zu beenden gleich damit
fortfahren:- Fr: Langethal ist mit Augustens beyhülfe, beson-
ders auch in der Küche außerordentlich zufrieden, sie sagte mir
gestern: sie habe Augusten weder so viel Kenntnisse noch so viel
Gewandtheit zugetraut es gehe ihr alles sehr von der Hand.
Auguste dagegen ist auch immer froh, Morgens oft bald
nach 6 Uhr schon hier und eben so Abends oft bis nahe 11
Uhr z. B. gestern, wo sie schon auf heut Mittag besorgte
Catharine hat ihre Schürze schön bunt, Auguste hat sie ihr
auch schon geschnitten, des Dienstes wegen habe ich noch
mit keiner gesprochen. Davon das Catharine nicht Lust
habe im Dienst zu bleiben habe ich noch nichts gehört.- Gurken
zum Einmachen sind gestern gekauft worden.- Der Regen
in verflossener Woche hat alles Erndten unmöglich gemacht.- /
[35R]
Ich sahe Deinen Brief mit einer dunkeln und stillen Besorgniß
entgegen, leider hat sie sich nun bestätigt; möchte doch die
begonnene Besserung von welcher Du mir sogleich zur Beruhi-
gung schreibst in steigendem Wachsthum geblieben und
nicht nur bey beyden den theueren geliebten Frauen alle Ge-
fahr vorüber sondern auch völlige Genesung gewiß seyn.
Ach, wie bin ich mit Dir, da die innigst Hochgeliebten nun
einmal diese Krankheit treffen mußte, getröstet daß
Gottes Vatergüte es so leitete daß Du gerad jetzt nach
Berlin reisen konntest, denn ich muß die Überzeugung ha-
ben, die Nachricht von einer so harten Krankheit unserer
Lieben hätte auch Dich hier hart danieder gedrückt, daß
Du dann vielleicht gar nicht einmal die Reise zu machen
im Stande gewesen wärest. Gott fügt alles so sehr
zur dankbarsten Anerkenntniß der Menschen, möchte
er auch noch ein zweytes fügen: und der lieben guten
Mutter und der gütigen theuern Tante doch noch so lange
das Leben fristen bis mein und unser Leben, das hiesigen
Leben auch äußerlich frisch, freudig und gesund dastehe
wozu ich jetzt durch Gott so großes Vertrauen habe.
Gott weiß es, es war immer der stillste und tiefste aber
sehnlichste Wunsch meines Herzens daß Mutter und
Tante die Gütigen Hochgeliebten Dich mein theures Weib noch
innerlich und äußerlich ganz glücklich und beglückt wissen
und sehen möchten, denn ich weiß daß es für so rein
und tief fühlende Herzen als die von Mutter und Tante
kein höheres Glück keine höhere Freude es giebt ihr Kind,
ihre Tochter glücklich und beglückt zu wissen. Darum hatte
ich noch immer die stille Hoffnung daß wenn sich unser /
[36]
Leben innerlich und äußerlich ganz friedlich und frey gestaltet
haben würden, dann die lieben Theuren, Mutter und Tante
sich noch wenn auch nur während des kürzesten Besuches
von diesem Leben überzeugen und sich desselben freuen
würden. Ja ich gebe diese süße Hoffnung ohngeachtet
Deiner so beunruhigenden und sie schwächenden Nachrichten
für ein nächstes Jahr, einen nächsten Frühling noch nicht
auf. Ich kann diesen Gedanken wie diese Hoffnung nicht
aufgeben denn es liegt mir zu viel ja alles daran
die reinen mütterlichen Gemüther zu überzeugen daß in
mir nicht nur das reinste kindliche und uneigennützigste
Sohnes Herz wohnt, sondern daß ich auch durch Gottes Gna-
de alle die geistige Kraft und geistigen Mittel besitze,
mit Gottes Hülfe das begonnene Werk klar hinaus
zum Ziele, zur schönen Gestaltung zu führen. Harte
und unerwartete Schläge einer geteuschten,
zwar edeln und wahren, in dem innersten Wesen des
Menschen gegründeten, dem äußeren Leben aber
fremden Lebens- und Menschenansicht brachten mich in
die, ich weiß es wohl gefahrvolle Lage, doch den reinen
Geist, den sicher Verstand, die klare Vernunft verläßt
nie daß ihm und ihr gläubig vertrauende Herz und Gemüthe
und so hoffe ich nun mit dem klaren Erkennen und Schauen
meiner Gesammtverhältnisse und Gesammtlage
(:da mir dieselbe aber von Gott gegeben sind alles klar zu
schauen:) - durch Gott auch die Kraft und die Mittel
nicht nur zu finden sondern mir auch anzuzeigen
vom Jugendgemüth aus begonnen durch Geistes- und
Manneskraft selbst- und eigenthätig zu erringen und auszuführen[.]
[36R]
Ich muß darum nochmals aussprechen daß ich wirklich
erfreut bin daß die Vorsehung Dich gerad jetzt zu den
lieben Unsern geführt hat, wenn Du auch äußerlich nicht
das Mindeste zur Linderung ihrer Leiden beytragen kannst
so muß ich doch glauben daß schon die Gegenwart des reinen kindlichen
und innig theilnehmenden Töchtergemüthes zur Gene-
sung gewiß höchst wohlthätig wirkt; darum wenn
Du diesen Glauben in der Erscheinung, wie ich ja schon
so erfreulich aus Deinem Briefe ahne, findest, so
kürze ja Deinen Besuch, Deine Anwesenheit in Berlin
nicht willkührlich ab. Denn siehe ob ich gleich in
der verflossenen Woche wirklich sehr angestrengt
beschäftigt war so ist mir ja auch schon Erleichterung
gekommen: Unser Barop tratt nemlich gestern A-
bend als wir ganz still noch zu Tische saßen eben so
still in den Saal ein, dadurch haben nun unsere Söhne
wieder ihren Mittelpunkt gefunden welchen sie so sehr
bedurften und was ich sorgend fühlte, so ist denn nun
mir manches erleichtert, wenigstens daß ich nun
nicht mehr in mehreren Stunden doppelthätig zu seyn
brauche.- Für heute nun nur noch die Herzinningsten
Grüße von allen und allen an Dich theures Weib, sorgli-
che Mutter und Hausfrau.- Frau Langethal wollte selbst
schreiben aber des Hauses Geschäfte werden sie wohl abhalten.
Was soll ich Mutter und Tante noch sagen?- erschließe Ihnen das
kindlichste und für sie um Genesung und bleibende Gesundheit
zum treuliebend Vater betende Sohnes Herz.- Barops
Vater der alte sehr leidende ist auch so wiederhergestellt, daß
der Sohn mit der Hoffnung, dahin wohin ihn Beruf ruft, ziehen konnte der
Vater könne noch länger sich der Seinigen erfreuen. Mit liebe und Treue Dein
FrFröbel /

[36]
[Mehrere Schlußbemerkungen an den Seitenrändern, Reihenfolge nicht klar, möglicherweise:]
Die Frau Langethal und Auguste tragen mir noch ganz besonders ihre innig theilnehmenden Grüße auf und Hr: L[an]g[e]th[a]l noch Dank an die l[iebe] Mutter. /
[35R]
Ich ha /
[34R]
Ich habe vor einigen Jahren meine Freywilligen Medaille verlohren kann mir nicht Lüdeke oder Fehrmann wieder eine beschaffen. Den dazu nöthigen Schein besitze ich. /
[35]
Nur Brummeisen oder Maultrommeln giebt es hier und sind billig; der Preiß ist immer nur einige Groschen. Die Mundharmonika wird hier schon fast gar nicht mehr gehört. Die Knaben werden etwas leicht müde. /
[34]
Eine Mundharm[on]ika kostet in Leipzig bis Teklenburg je nachdem Umfang und Stoff z.B. Messing oder Silber, ordinär oder Ebenholz von 16 X [sc.: Groschen / Kreuzer] bis 3 Rth. Schreibe doch ja bald wieder.