Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 2.9.1830 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 2.9.1830 (Keilhau)
(BN 445, Bl 37-39, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Keilhau, am 2en Septbr 1830.


Mein theures geliebtes Weib.

Wie geht es Dir?- Wie geht es Euch der lieben Mutter
und der theuern Tante?- Ständen doch die Antworten
eben so schnell auf dem Papier als die Fragen!- Doch hoffe
ich zu Gott Deine Nähe wird sehr viel, wenn auch nicht
so wohl durch die zu leistende Pflege, als durch den Ausdruck
Deines liebenden und treuen, hochachtenden und dankbaren
Gemüthes zur baldigen Genesung der Hochverehrten und
innig Geliebten beytragen. Künftigen Sonntag erwar-
te ich auf Nachricht von Dir, werde ich nicht vergebens hoffen?-
Ich wollte Dir schon am verflossenen Sonntag schreiben, doch
wurde ich durch die Gesammtumstände davon abgehalten, und nun
ist es mir auch recht lieb daß es nicht geschehen ist; denn gar
manches hat sich nun entwickelt. Das Häusliche sey wieder
wie im vorigen Briefe das erste.- Catharina hat sich mir
auf meine ganz einfache Frage eben so einfach erklärt, daß
sie noch bleiben wolle. Dienstgeld hat noch keine der beyden
Mägde, doch werde ich Sorge dafür tragen.- Madam Bayer
hat in den letzteren Tagen an Fr: Langethal geschrieben:
Luise wird in 14 Tagen nach Keilhau zurück kommen, dann
bis Ende Novbr oder Anfg Debr hier bleiben, hierauf aber
gänzlich nach Jena zurück kehren. Vielleicht ist es Dir lieb
dieß noch während Deines Aufenthaltes in Berlin zu wissen.
- Gestern habe ich auch einen Brief von der Fr: von Arnim
erhalten, sie wird wahrscheinlich zwischen den 4en und
8en dieses Monats hier eintreffen und zwar in Begleitung
einer jungen Freundin und ihres Pflegetöchterchens Hedwig.
Ob sie hier oder in Rudolst: logiren wird, ist noch ungewiß; /
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sie selbst schreibt:- ich möchte Ihnen nicht beschwerlich fallen.
Rücksichtlich des aufzunehmenden Knaben schreibt sie: - die
von uns deßhalb gemachten Bedingungen würden den Eltern
durchaus angenehm erscheinen, sein Eintritt würde darum
wenigstens bestimmt nächste Ostern geschehen.- Am Dienstag
vor 8 Tagen wo in Rudolst: das Vogelschießen begann, war
auch Markt daselbst; Tags vorher kam Herrn Langethals
Vater
aus Erfurt, er blieb die ganze Woche hier und ist
erst Montag früh, also nach einen Aufenthalt von just 8 Tagen
wieder nach Erfurth zurück gekehrt.- In dieser Woche
wird gewaschen, das Vogelschießen hat es so verspätet; es
sind 3 fremde Wascherinnen außer den Leuten aus dem Hause.
Für die Knaben werden jetzt Turnkleider aus gutem, haltbar[e]n,
Drell [sc.: Drill] gemacht.- Herr Barop hat dem Johann einen blauen Kittel
mitgebracht und dem Carl Clemens auch.- Seit einigen
Tagen wird Grummet gemacht und heute wohl welches einge-
fahren werden.- Unsere Obsterndte ist sehr gering namentlich
die der Äpfel ist ganz unbedeutend, Zwetschchen mag es eher
etwas geben; doch habe ich Sorge getragen daß die Zöglinge
zum öfteren Obst bekommen haben, wonach besonders die neuen
Ankömmlinge sehr begierig sind.- Wilhelm Fröbels Geburts-
tag welcher am 26en Aug. war haben seine Genossen und Schüler
am Morgen durch einen Gesang welchen Albert [sc.: Albert Weimann] gesetzt hatte,
Mittags durch Überreichungs eines Eichenkranzes, und Abends
durch ein Feuer auf dem Kolm gefeyert.- Wie ich höre
wollen auch einige Zöglinge morgen Herrn Langethals Ge-
burtstag nicht unbeachtet vorübergehen lassen.- Daraus
wirst Du mein gutes Weib nun leicht den Schluß ziehen
daß, Gott sey innig Dank! die Zöglinge und alle ganz gesund sind. /
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Am verflossenen Sonntage waren zum ersten und bisher einzigen
Male sie sämtlich aus dem unteren Hause bey uns. Die häuslichen
Geschäfte in demselben und mein angestrengtes inneres Beschäf-
tigtseyn macht daß man sich fast gar nicht sieht. Brächte Au-
guste nicht einen gewissen äußeren Verband hervor, so würde
es jedoch noch mehr der Fall seyn; der Tod von Herrn Karl
scheint ganz ungemein abschließend und zurückziehend auf die
Glieder des untern Hauses gewirkt zu haben. Es läßt sich gar
kein Anknüpfungspunkt mehr finden, da ich das Ruhen in der Ein-
zelanschauung der Sache nicht billigen und ich Niemanden zu
der höhern Ansicht des Ganzen im Lichte des Allgemeinen erheben
kann. Überhaupt scheint es bis in die ganz einzelnen Lebens-
verhältnisse eine ganz eigene Zeit in der wir leben, alles
zieht sich schneckenartig in sich zurück, da ich nur einsehe
daß in einem freudigen und vertrauenden Gemeinleben
des Herzens und Geistes Hoffnungen und Erwartungen vom Leben
erfüllt werden können; doch sehe ich auch auf der andern
Seite immer mehr ein, daß man schlechterdings den Menschen
durch Einwirkung gar nicht weiter bringt, sondern ihn
es mag dem Innern so wehe tun als es will - sich gänzlich
selbst überlassen muß. In Beziehung auf die Glieder auf
mehrere Glieder des untern Hauses ist mir das ein großes
Räthsel, doch vielleicht loßt [sc.: lößt] es sich in einer großen und
und umfassenden Aufklärung des Lebens überhaupt. Die-
ser großen Lebensaufklärung scheinen auch alle Lebenskreise
die kleineren wie die größeren jetzt überall entgegen zu
gehen. Möchte sie uns in unserm Lebenskreise bald kommen, da-
mit wir noch die Früchte davon erndten könnten!-
Nun habe ich mich Dir eingehende Seele noch über etwas We- /
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sentliches mit[zu]theilen wovon ich durch die Schnelligkeit Deiner
Abreise verhindert wurde. Leopold hat gesagt: Herr Blum-
berg
habe in der Meinung gestanden als seyen von der Anstalt
aus indem Luis sich in seinem Betragen jetzt so zügellos zeige
nicht immer ganz der Wahrheit getreue Zeugnisse über ihn
ausgestellt worden, weil in jenen Zeugnissen viel Gutes über
Luis enthalten sey. Ob nun gleich Leopold wie er versichert
klar und bestimmt mit Her[r]n Bl: gesprochen hat und ihm das ganz
nichtige und ungegründete dieser Ansicht gezeigt, so könnte
doch diese Beschuldigung auch gegen Dich wieder ausgesprochen
werden. Da nun in einem Augenblick wo einem eine solche Be-
schuldigung kommt nicht immer das G[an]ze vor der Seele steht so will
ich Dir nur etwas für diesen und alle Fälle der Art aussprechen
Erstlich kann man gleich Anfangs fast in allen Fällen ausspre-
chen daß die Eltern mit ihren Anschuldigungen und Vorwürfen ganz
Unrecht haben weil sie einmal und zuerst gar nicht folgen
und hören was man ihnen über die Behandlung ihrer Kinder sagt
und schreibt so bald sie Zöglinge der Anstalt geworden sind: Sie
lassen vor allem andern ihre Zufriedenheit mit der beginnenden
Besserung ihrer Söhne, die man ja den Eltern nicht vorenthalten
darf und um derentwillen sie ja die Knaben selbst der Anstalt
übergaben- denselben zu lebendig durch Gaben und Freyheiten fühlen.
Die Eltern hören nicht daß sie die Erziehung der Knaben nicht durch
wiederkehrendes Heimrufen zum Besuche unterbrechen; sie
die Eltern verliehren beym leisesten was sie in dem Leben ihrer
Kinder nicht verstehen das Zutrauen zu der Anstalt und lassen
dieß den Knaben fühlen. Die Zeugnisse über die Zöglinge sind und
waren immer ganz getreu und gerecht dem jedesmaligen
Zustande, in welchem sich der Zögling bey Ausstellung des Zeugnisses /
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befand ganz angemessen, aber fast ohne alle Ausnahme
vernichtete die nun beginnenden zu große Liebes- und Zufrie-
denheitsbezeigungen, besonders während der Anwesenheiten
in dem Elterlichen Hause, alles was angebahnt und im Werke
war und es tritt hier ganz namentlich ein was Jesus vom
dämonischen Kranken sagt: es wird nun siebenmal ärger
als vorher. Genug mein theures Weib ich muß mich Tag
täglich überzeugen, daß so wohl den Grundsätzen als den
Mitteln als auch so weit es die Eltern selbst mir eben mög-
lich machen, der Anwendung nach die hiesige Erziehung den
allgemeinsten wie den besondersten Forderungen der Men-
schennatur und dem Knaben- und Jünglingsalter ganz ange-
messen ist, daß es aber das gehemmte, zerstückt und viel
zu früh abgebrochene Vertrauen, ganz hingegen in die Führung
und Vorschläge nach jeder Seite hin der Anstalt fast ganz
unmöglich macht fast so klar als sicher vorliegende Re-
sultat bey ganz hingegeben[em] Vertrauen zu erringen. Aber
ich werde noch dahin kommen die Bedingung zu machen, daß sich
Knaben während der ganzen Zeit ihrer Erziehung durch die An-
stalt und so wenigstens 4 Jahr gar nicht aus derselben
entfernen dürfen. Nochmals bey allen Einwürfen mit
welcher Bestimmtheit sie Dir auch kommen lasse Dich nie ver-
leiten den klaren festen Blick auf, und in das g[an]ze zu ver-
liehren, sie werden sich Dir dann immer lösen besonders
da Du fest überzeugt seyn kannst daß Wahrheit, Offenheit
ein Grundzug der hiesigen Anstalt ist, die aber auch dem
Knaben für jede Stufe, seiner gewonnenen Ausbil-
dung sein Recht wiederfahren lassen muß, wenn ein-
mal davon Zeugniß gefordert wird. Die innere tief be- /
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gründete Wahrheit des Keilhauer Wirkens wird sich einst
in seiner ganzen Klarheit zeigen; wer konnte ahnden daß
es durch so unsägliche Hemmungen, Hindernisse u Stöhrungen
sich hin durch kämpfen mußte, wer konnte ahnen daß
es so unsäglich schwierig sey die bessern selbst von dem
beßten an sich zu überzeugen und noch schwieriger daß sich
selbst diese Strebenden das beste als Eigenthum zum freyen
Gebrauche aneignenden [sc.: aneigneten]. Die Folgen davon treffen aber
weder die Erziehungsgrundsätze, noch die Erziehungs Mittel.
Doch - schweigen und das beste unausgesetzt nach Möglichkeit
fortthun ist auch hier das beste.- Gern sehr gern hätte
ich dem Herrn Prof. Großheim geschrieben, versichere
demselben wenn Du ihn siehest meine liebende Hochachtung;
ich glaube nach den wenigen Mittheilungen von seiner Seite
wir würden uns über die wichtigsten Lebenspunkte
sehr bald als innig einig finden. Sag ihm daß ich mich ganz
außerordentlich des von mir betretenen Erziehungswe-
ges freue, denn er habe mich zu einer ganz unerwarte-
ten Lebensklarheit und Lebenseinheit geführt, wovon
zu seiner Zeit große Früchte in der Menschenführung
sich zeigen würden so gering auch jetzt noch die Einzel-
früchte seyn, so Lebensvernichtend auch mein Lebensgang
gewesen sey so habe ich das Höchste gefunden wonach ich immer
gestrebt die Einigung zwischen Religion Natur und Leben
die Einigung zwischen Menschen Schicksalen und Gott als in hoher
Klarheit und hohen Frieden sich lösend.- Versicherung der
innigsten theilnehmenden Liebe an Mutter u Tante und die sehnlich-
sten Wünsche daß Dein nächster Brief mir die besten Nachrichten
bringen möge.- Warst Du bey Herrn Dr. Heß? - Auch Malchen
bitte ich zu grüßen. Wo ist u wie geht es Julchen Hoffmeister?- Dein treuer
FrFröbel