Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 9.9.1830 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 9.9.1830 (Keilhau)
(BN 445, Bl 40-42, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Keilhau am 9en Septbr 1830.


Mein innig geliebtes Weib.

Ich bin hochbeglückt durch die Nachricht Deines letzteren Briefes
daß die theure Mutter und liebe Tante wieder hergestellt
und so unserm Leben gänzlich und wie sich mit Freudigkeit
hoffen läßt noch auf lange wieder gegeben sind; denn es gehört
zu den schönsten Erwartungen, zu dem schönsten Lohn und zu der
herrlichsten Bekränzung meines Lebens, daß diejenigen Lieben
und Theuern die mein Leben und Streben, mein Wirken und mei-
nen Zweck durch Theilnahme, Hingabe ja Aufopferung pflegten
und förderten daß sich diese Theuern alle auch des errungenen
Lebens und des erreichten Zieles und Zweckes wirklich noch in
diesem Leben mit uns freuen mögen und nicht eher von uns
scheiden bis es die äußerste und letzte Grenze des menschlichen
Alters unvermeidlich nöthig macht und die Trennung aus dem
Leben und von den Lieben dann die ewig feste Überzeugung und
Gewißheit erheitert Wahrheit und Klarheit, Liebe und Treue
Güte und Beständigkeit wohnt im Leben, bleibt im Leben der
Menschen zurück. Darum habe ich denn auch wirklich die freu-
dige Zuversicht daß die hochverehrten Zwey noch einmal und
ich hoffe gewiß im künftigen Frühjahr unser hiesiges Leben
wieder auf einige Zeit theilen und sich dessen freuen wird, so
wie Sie es dann durch Ihre Gegenwart zu den schönsten irdischen
Leben erheben werden. Was sie auch bey ihrer ersten An-
wesenheit hier noch vermißt haben sollten, das wird gewiß
dann ihre nächste Gegenwart ihnen zeigen und reichen,
denn täglich schreitet das hiesige Leben an innerer und äußerer /
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Ausbildung fort, wenn man es auch, wegen der Eigenthüm-
lichkeit der Gestaltung sogleich bemerkt. Das hiesige Leben
hat wohl eine große Ruhe einen stillen Frieden und eine hohe
Eintracht, wir bemerken es nur selbst zu selten weil wir
selbst in dem Leben mit leben, es selbst mit bewegen auch
vom Leben mit bewegt werden und so Unvollkommenheiten
im Einzelnen und Kleinen auch wohl selbst in uns und unse-
rer Vorstellungsweise für Unvollkommenheiten im Ganzen
und Großen und äußer uns achten. Ich bin doch fest über-
zeugt daß Mutter und Tante wenn Sie von unserem Leben be-
sonders wieder in der letzteren Zeit stille Zeugen gewesen
wären, sie würden bey und mit ihren innern und äußeren
Lebenserfahrungen gar manches zur Befriedigung ihres
Herzens gefunden und auch wohl selbst manchen früheren Lebens-
wunsch erfüllt gesehen haben. Ich wenigstens habe unverwand-
ten Blickes und mit freudiger Hingabe alles dessen was von
meiner Person aus ein Hinderniß dafür seyn könnte das feste
Streben unser Leben und den Ausdruck unserer Lebensverhält-
nisse dem Ideal, dem Musterbilde entgegen zu führen
welches jeder einfache edle Mensch in sich trägt und in sich
findet und welches besonders bleibend das Eigenthum des
stillen Frauengemüthes ist; aber auch das später klar-
ste muß früher wohl durch unklare, das später feinste
muß wohl früher durch rauhe Formen hindurch; wahrlich
die Frauen, die sogenannten weiblichen Arbeiten wie die höhere
Kunst geben dafür Belege und Beyspiele genug. Ja fast immer
wer sich scheuet durch das erste hindurch zu gehen kann das
letzte fast nimmer erreichen. Doch in Beziehung auf unser /
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jetziges und künftiges Leben können wir die freudige Über-
zeugung haben daß wir jenes Dunkle und jenes Rauhe oder
wie Du es sonst willst wenigstens zum überwiegend
größten Theil nun durchgemacht und durchgelebt hinter
uns haben; so, um nur eines zu erwähnen gewinnt jetzt
immer mehr die größte Einheit, Einigung, Offenheit und
Gemeinsamheit in Rücksicht auf die Führung des Ganzen
ins Leben zu treten. In dieser Beziehung glaube ich würde
sich Mutter und Tante mit Dir auf das herzlichste gefreuet
haben, wenn Ihr uns männliche Glieder und Männer des Ganzen
in Eintracht für den Zweck des Ganzen versammelt gesehen
hättet wo zwey Brüder von fast 60 und 50 Jahren, Männer
in dem kräftigstens Lebens- und Jünglinge im beginnenden
Mannesalter einander in Vertrauen, Achtung, Liebe
und Treue einander gegenüber standen. Dieser Anblick
würde die theure Mutter und liebe Tante gleich innig erfreut
haben und wer weiß welche stille Erwartung oder Hoffnung
Ihnen beyderseits dadurch in Erfüllung gegangen wäre.
Der Zweck und das Ziel unseres Wirkens d.h. unser gan-
zes Leben selbst wird in Rücksicht auf Einsicht, Mittel und
Thatkräftigkeit immer mehr ein innerlich und äußerlich
wirklich gemeinsames. Ich hatte mir längst vorgenommen
zu diesem Zwecke einmal alle Männer unseres Kreises
zusammen zu rufen doch war ich immer seit sehr langer
Zeit daran verhindert worden. Der Geburtstag von
Wilhelm Fröbel gab mir dazu eine zweckmäßige Ver-
anlassung, wo ich ihn nämlich aus vielen Gründen die
ich hier nicht andeuten kann, besonders aber seines Charak-
ters und seiner Stellung zum Ganzen halber - für unsern /
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Kreis für volljährig zu erklären und ihn in gleiche vorschlagen-
de und berathende Rechte mit den übrigen Freunden und Mit-
gliedern des Ganzen zu setzen. Was ich bey dieser Veranlassung
zu sagen für nothwendig erachtete ist von Allen gleich wahr
gleich freudig und beystimmend aufgenommen worden. Es war
verflossenen Sonntag wo wir von 11½ bis 1½ zusammen waren.
Eine Wirkung davon auf den Bruder kann Dir daraus hervorgehen
daß er am darauf folgenden Mondtag in die Morgenbetrachtung
kam. Auch Auguste theilt sie - wie Emilie und Elise schon immer gethan
haben seit den letzteren Wochen. Du mein geliebtes Weib wirst
aus dieser zufälligen Mittheilung sehen wie das, was Du mir
in Deinem letzteren Briefe schreibst: "Bey allem Streben nach
"Erkenntniß unter uns, meine ich wären viele Seiten des Lebens noch
"nicht genug erkannt und ausgeglichen; im andern wieder die Er-
"kenntniß der Darstellung allzuweit voraus geschritten, und in
"noch anderer das Herz zu sehr von Sitz und Stimme verdrängt;"-
Du siehst aus dem vorhergehenden wie das was Du aussprichst
nicht allein ebenfalls meine bestimmte Ansicht ist, sondern
wie ich mich auch auf das sorgsamste beeifere diese Ungleich-
heiten und Unvollständigkeiten auf das beste zu dem harmonisch-
sten Lebensganzen auszugleichen und zu vervollständigen.
Das Herz wieder in seine Rechte, in Sitz und Stimme einzusetzen
ist mir ganz besonders Zweck meines Lebens, allein der Mensch
muß nicht nur ein Herz haben und fühlen sondern auch gebrauchen
und in seiner Gewalt haben können sonst könnten ihm seine
Rechte selbst nur noch größere Pein bringen, daß nun jenes
Sitz- und Stimmrecht des Herzens in meinem Kreise und unsern
Leben sich in und durch die That bezeugen, deßhalb würde ich mich innig
freuen wenn Tantens und Mutter reines Herz und Gemüth noch einmal unser
Leben - und wie ich hoffe zur Befriedigung theilen würden. Ich ehre weibliches /
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Herz und weiblichen Sinn, ich achte hoch das Mutterherz und den Mutter-
sinn, es ist dieß die Wirkung der Sehnsucht nach der nur zu früh
verlohrenen und durch das ganze Leben als Mensch entbehrten Mutter.
Darum wohnt auch in meinem Gemüthe eine reine innige Liebe zu unserer
theuern Mutter und hochgeachteten Tante, so unbeholfen sich sich auch im
Leben immer ausspricht.- Wegen der kleinen Ludowika habe
ich Dir nur auszusprechen, daß gleich vom Anfange an, als mir
Dein Vertrauen mittheilte wie viel Du dem Herrn HofMedicus
<Hess> bey der Erhaltung oder vielmehr Wiedererlangung Deiner
Gesundheit zu verdanken habest der Wunsch und Gedanke kam:
einst Mittel und Gelegenheit zu finden mich ihm dafür dankbar
zu bezeigen, weil er, wenn auch für sich unbewußt, Dich Geliebtes
Weib zugleich auch mir erhalten habe. In der Mittheilung
eines sehr frühen Gedankens von mir, den ich Dir vielleicht auch
schon einmal ausgesprochen habe, liegt aber um auch alles
was ich über diesen Gegenstand weiter im Einzelnen noch sagen
könnte, denn Du kennst ja die Gesammtlage so gut wie ich
und kannst nun nach Deinem besten Ermessen und vielleicht nach
Überlegung mit Mutter und Tante das Einzelne wegen der
Aufnahme derselben bestimmen. Ein Maaßstab dabey könnte
vielleicht seyn, daß man beachtete was das geringste seyn
würde was wohl für ein solches Mädchen in der Nähe Berlins be-
zahlt werden würde. Genug Du hast somit meine völlige Bey-
stimmung durch Aufnahme der kleinen L.- Höhere Gründe sind
es noch die mich wie Dich bestimmen, sie fordern keine weitere Darlegung.
Wegen der Fahrgelegenheit habe ich nun auch schon das Nö-
thige fast ganz abgemacht, doch erwarte ich noch mit
Sicherheit mit umgehender Post Deine letzte Bestimmung:
Der Fuhrmann Cramer aus Rudolstadt der jetzt gute Pferde /
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und einen guten Wagen haben soll fährt heute über 14 Tage
nach Leipzig und will wenn ich Deine letzte Beystimmung erhalte
am 30en dieses Monats in Berlin eintreffen um Dich abzuholen.
In 5 Tagen wird er von Berlin hieher zurück fahren, er fordert
für diese Fuhre von Leipzig nach Berlin und von da hieher zu-
rück Rth 24 Pr:Crt: doch soll er gemeint haben, daß wenn
Du nur allein wärest die Fuhre vielleicht etwas billiger kommen
könne. Daß für die kleine Lud: die Hälfte des Reisegeldes
der Reisekosten getragen werden, dünkt mich natürlich. Wenn
ich diesen Brief zur Post schicke werde ich die Sache bis zu Deiner Beystimmung, ab-
schließen und gewiß machen.-- Bis diesen Augenblick ist die Fr: v. Arnim
noch nicht bey uns eingetroffen, doch erwarten wir sie jede Stunde. Dagegen hatten
wir in den letzteren Tagen, manchen vorübergehenden Besuch: Sonnabends einen Erzieher
mit seinen 2 Zöglingen aus <Vach;> als der weg war kam Herrn Carls mittlerer
Bruder um dessen Effecten in Empfang zu nehmen; Mondtags kam ein junger
Lehrer ein ehemaliger Freund v. Herrn Carl aus dem Meinigschen, beyde gingen diens-
tags wieder ab.- Gesund ist bey uns alles, nur die Schwägerin leidet
sehr stark an Krämpfen so daß sie oft zu Bett liegen muß; gestern
und heute ist sie ohnmächtig geworden, welches vielleicht die Folge von Senf-
pflastern war die sie aufgelegt hat.- Was die Ehrenmedaille
betrifft, so hatte ich freylich vorausgesetzt Du wüßtest daß sie
einzig durch die Ordenscommission und eigentlich nur gegen Vor-
zeigung des Erlaubnißscheines dazu zu empfangen ist; da ich
nun das Postgeld scheuete so glaubte ich Du könntest sie viel-
leicht durch Herrn <Lüdeke> der irre ich nicht Ordenssekretär ist,
oder durch Herrn GehR. Fehrmann erhalten. Ist es nicht, nun so
macht es gar nichts aus. Eine gute Zahnbürste und schönen Waschschwamm
möchte ich gerne haben.- Der lieben Mutter und Tante lasse in dem Leben und Herzen Deines
Gatten die kindlichsten u hochachtendsten Gesinnungen lesen indem Du sie zugleich herzinnig von mir
grüßest. Auch Malchen grüße ich, ich hoffe Du wirst meine Eile in den vorigen Briefen immer
verbessert haben. Alles grüßt Dich auf das treueste und liebenste. Von den Freunden Ernestinen
werden auch Mutter und Tante herzlichst gegrüßt. Immer mit Treue u Liebe Dein FrFröbel