Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 19.9.1830 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 19.9.1830 (Keilhau)
(BN 445, Bl 43-45, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Keilhau am 19en Sptbr 1830.


Mein geliebtes, theures Weib.

Es ist mir sehr erfreulich, daß es Dir möglich wurde mir mit umgehender
Post auf meinen letzteren Brief an Dich zu antworten und zwar so bestimmt;
denn nun läßt sich auch von hier aus alles ruhig festsetzen.- He. Cramer
fährt bestimmt künftigen Donnerstag d.i[.] den 23sten von hier ab, und er kommt
sonach vielleicht schon am 28en oder 29en nach Berlin. Einen Tag wird er aber ge-
wiß wenigstens seine Pferde in Berlin ruhen lassen. Ich werde ihm sagen
daß er sich sogleich nach seiner Ankunft bey Dir meldet. Peter Krug hatte keine
Zeit sonst hätte ich ihn diesen Morgen nach Rudolstadt geschickt um Dir mit dem heu-
tigen Posttag alles fest zu melden, so aber werde ich Dir wohl künftigen Donnerstag
noch einmal schreiben um Dir mit Bestimmtheit Cramers Ankunft in Berlin anzu-
zeigen, doch läßt sich hiernach schon mit großer Sicherheit annehmen daß sie
am 6en Tag also am 28en statt finden wird.- Dein Vorschlag unsern lieben
und geliebten Butzke einen Platz in Deinem Wagen auf eine gute Weise
anzubieten ist mir sehr erfreulich, und es würde mir sehr lieb sein wenn
er von demselben Gebrauch machte; zu diesem Ende habe ich Herrn Midden[dor]ff und
Herrn Barop gebeten ihm die beyliegenden Zeilen zu schreiben, von welchen Du aber
ganz nach Deinem Gefallen und Ermessen Gebrauch machen kannst. Deiner Anfrage
aber fügst Du noch den Beysatz bey: - im Fall ein Platz übrig ist, dieß verstehe
ich nicht, da ich gar nicht anders weiß als daß Cramer wie jeder Lohnkutscher einen
4sitzigen Reisewagen hat, und darum auch gar nicht anders voraussetze. Was Butz-
kes Begleitung betrifft so ist es ja zunächst blos eine Reise zu seiner Erfrischung
und wenn er es für nöthig halten sollte, so würde sich auch wohl eine Gelegen-
heit zur Rückkehr nach Berlin finden. Wir wollen dann schon dafür Sorge
tragen. Ich spreche dieß namentlich aus, da Personen seines Zustandes zu ängst-
lich sind.
Unmittelbar nach Absendung meines letzteren Briefes an Dich kam die Fr.
Majorin von Arnim-Bülow, in Begleitung einer Fräulein von Schönfeld
und mit Ihrer kleinen Pflegetochter Hedwig von Guttenberg hier an.
Ehe ich sie noch selbst sahe und ehe sie noch unser Haus betrat ging sie so-
gleich nach dem Turnplatz wo eben die Zöglinge ihre Übungsstunde
hatte[n]. Sie nahm die Einladung hier abzusteigen auf einige leise Entgeg-
nungen gern an und der Erfolg zeigte, daß sie wohl darauf gerechnet
hatte. Frau Langethal hatte auch schon auf meine Veranlassung in der kleinen
rothen Saalstube - wo die l. Mutter gewohnt hat - zwey Bette in Bereitschaft
stehen; da die kleine Hedwig das Alleinschlafen schon gewohnt war, so wurde
diese in Luisens Stübchen - welche noch immer aus Jena nicht zurück gekehrt ist
- gebettet.- Frau von Arnim hat sich das hiesige Leben sehr genau
und sehr prüfend angesehen; aber sie wurde auch je länger je mehr
von demselben angezogen und fest gehalten, denn statt nach 3 Tagen
wieder von hier abzureisen, brach sie erst am 6en Tag von hier auf.
Sie ist sehr zufrieden und sehr glücklich in sich von hier abgereist. Auch uns
hat sie allen sehr gefallen, dießmal mehr als früher, denn sie war in
jeder Hinsicht in allen ihren Fo[r]derungen höchst einfach, ja sie machte gar keine. /
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Aber sie hat wie eine ächte Hausfrau alles durchmustert, wie ein Wind war sie in
der Mansarde und den Schlafräumen der Zöglinge; sie freute sich sehr in dem
Wäscheschrank alles noch in der ihr vom vorigen Jahre her bekannten Ordnung zu
finden. Auch das untere Haus hat sie zwey[-] oder gar mehr mal besucht. Die An-
deutung dieses Besuches war Anfangs im untern Haus nicht sehr erfreulich, denn
sie waren eben sämtlich mit dem Plätten beschäftigt, allein so wohl Fr. v.
Arnim als Fräulein von Schönfeld halfen bald selbst mit. Sogar bey Pfarrers
in Eichfeld ist sie bey einer Rückkehr von Rudolstadt auf längere Zeit vorge-
sprochen. Abends wurde oft gesungen, und die beyden Fröbelschen Geschwister
Wilhelm und Elise, suchten uns durch Gesang und vierhändiges Clavierspiel
die jetzt in unserm Kreis statt findende Lücke, weniger hart fühlbar zu
machen. Bey den Gesellschaftspielen der jungen Leute spielte selbst Fr.
von A. zu Zeiten mit; die Fräulein Schönfeld und Hedwig immer. Die
ganze Fröbelsche Familie des untern Hauses kam auch einige Abende
herauf so daß es ein sehr schönes gemeinsames Leben war. Ich habe
in diesen Tagen darum viel Deiner und der lieben Mutter und Tante ge-
dacht, gewiß hätte es diesen beyden auch viele Freude gemacht einmal
wieder das ganz frische Keilhauer Leben zu leben wie es gerad in die-
sen Tagen so vielseitig hervortrat. Die Spaziergänge wurden so wie
es die wechselnden Witterung verstattete auch nicht vergessen. Sogar auf
die Blankenburg ging die Fr. von Arnim mit. Du darfst aber nicht
denken daß darüber die Prüfung des Unterrichtes vergessen wurde. In
sehr vielen Stunden war Fr. v. A. und Fräulein Sch. gegenwärtig. Ich
habe ihr eine vollständige Darlegung des gesammten Zeichenunterrichtes ma-
chen müssen, mit unmittelbarer Vorlegung der Arbeiten der Zöglinge,
ich glaube ich habe gegen 3 Stunden damit zugebracht. Sie nahm sich mehre-
res zur Selbstanwendung darüber mit. Sie hat wenig Morgen- und Abend-
Andachten versäumt, sogar gegen mein Erwarten war sie in der
größeren Mondtags Betrachtung, an welcher auch mein Bruder wieder mit den Übrigen Antheil nahm, wo ich ruhig in der Reihe der mir vor-
liegenden Betrachtungen und ganz in dem Dir bekannten Betrachtungs
Wege fortschritt. Du wirst Dich wundern daß ich Dir dieß alles so ausführlich
mittheile: es geschiehet um Dir zu zeigen daß ihre Zufriedenheit nicht auf
der Oberfläche ruht und nicht von derselben geschöpft ist, sie hat sich über
mehrere Unterrichtsgegenstände z.B. über Musik - wo sie wegen selbst genoss-
enen vieljährigen Musikunterricht eine Stimme hat - sehr entschieden bey-
stimmend ausgesprochen; selbst in dem griechischen Unterricht war sie gegen-
wärtig, denn sie mag wohl ganz richtig wissen, daß man auch in einem
Unterrichtsgegenstand der uns zwar fern liegt, doch aus der Art
der Schüler sich zu äußern schließen kann, wie es mit der gründlich-
keit beschaffen ist. Genug. Sie hat ihre Zufriedenheit nicht etwa nur
mit Worten zufrieden gegeben, denn sie sagte einigemal: sie werden
uns noch fortschicken müssen so gut gefällt es uns bey Ihnen und
müßte ich nicht nach Hause, so bliebe ich wirklich noch - und zu mir
sagte sie beym Abschiede: ich gehe reich an Ideen von hier. (Du kennst
die Fr. v. Arnim die sich schon an sich selbst nicht arm an Ideen fühlt und
weiß) - nein! Fr. von Arnim hat ihre Zufriedenheit durch die That
bewiesen, denn sie hat uns sogleich ihre Pflegetochter die oben schon ge- /
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nannte Hedwig (die Pathe der Fr. v. A.) zur Erziehung zurück gelassen
sie ist 9 Jahr gewesen soll wenigstens 5 Jahr in der Anstalt - also
bis zur beendigten Confirmation bey uns bleiben. Hedwig ist ein
sehr liebes Kind Du wirst Dich, die Du lebensfrohe freye freudige Kinder
so gern hast, gewiß innig über sie freuen. Du hast früher öfters
von dem reinen Lebensglück Christianfriedrichs gesprochen; aber dieses
Mädchen äußert ein inneres Lebensglück welches mir noch ungetrüb-
ter dünkt als das von Chrstfrdrich. Voll Lebenslust fängt sie häufig
wie ein Vogel im Gebüsch, leise vor sich zu singen an. Es freut mich
sehr daß sich jetzt hier so vieles glücklich zur Führung dieses Mädchens eint,
z.B. die eben begonnene Gesangsclasse an der sie sogleich freudigen Antheil
genommen hat. Das Kind hat sehr viel rein Mädchenhaftes so kann
sie sehr lieb mit der kleinen Allwina spielen, und beyde suchen gegen-
seitig einander sehr auf; auch um Allwinens willen ist es mir lieb.
Ich habe der Hedwig von der kleinen Ludovika gesagt, und nun fragt sie mich
schon immer ob sie bald komme. Auch nach Dir fragt sie mit einem ächt kindlichen
sich verknüpft fühlen. Aus diesem mir und meinem Wirken von neuem
gewordenen Vertrauen siehst Du wie es wahr ist was ich so oft sagte: es
fehlt der Sache nur eine gediegene und eingehende Prüfung. Ich habe dieß
auch wiederkehrend der Fr. v. A. ausgesprochen. Ebenfalls bey Pfarrers
hat sich Fr. v. A. sehr zufrieden geäußert, so daß mir der Herr Pfarrer in
einem zufälligen Billet sogar schreibt: - "Ich wünsche Ihnen zu einem
solchen Gaste Glück". Fräulein von Schönfeld, die sich wie Du natürlich
finden wirst besonders an Herrn Middendorff anschloß äußerte gegen den-
selben, wie er mir später mittheilte: hier und jetzt habe sie erst erkannt
und einsehen lernen was Leben sey und Leben hieß. Die im untern Hause
weißt Du haben gegen fremde Gestalten einen scharfen und gesunden Blick
diese nun sollen wie mir ebenfalls Herr Middendorff sagte unter sich geäußert
haben, daß ihnen das Fräulein Anfangs sehr gedrückt, darum alt und wohl
schon hoch in die 20ziger erschienen sey, aber dagegen beym Weggang ganz
frisch und jugendlich ja jung - und wirklich ist sie auch erst 18 Jahr alt.
- Es ist nun wirklich auch ein ganz eigenes Zusammentreffen, daß diese
beyden Damen Abends vor ihrer Abreise ganz unerwartet bestimmt wurden
nach Saalfeld zu reisen um daselbst eine Prinzessin Carolat aus Schlesien
eine Jugendfreundin der Frau von Arnim und eine Verwandte des
Meininger Hofes, der sich eben vollständig in Saalfeld befindet zu be-
suchen. Fräulein von Sch. äußerte daß sich Fr. v. A. wohl genöthigt sehen
würde bey Hof zu erscheinen, ob sie die Prinzessin gleich lieber auf ihrem
Zimmer spräche. Wie dem nun aber auch sey, so kann Keilhau nicht wohl
unerwähnt bleiben, und so bekommt vielleicht der Herr Herzog so frische
und warme Kunde von hier als er sie nur wünschen kann; und Du weißt
daß das Verhältniß keinesweges ein abgebrochenes ist. Doch habe ich
mich der Fr. v. A. sehr bestimmt darüber ausgesprochen und besonders auch
darüber daß wir uns hier jetzt sehr glücklich fühlen, und Gott wahrhaft
dankten der alles so geführt habe, und es ginge klar hervor daß Gott mein
Wirken und Werk hier in sich selbst fest begründen wolle, darinne wolle ich nun
auch Gott nicht ferner durch zagendes Mißtrauen stöhren, obgleich die Gefahr /
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noch nicht ganz vorüber und die Aussicht in die nächste Zukunft wohl noch dun-
kel sey. Fr. v. A. erwähnte auch ihres Königes, den sie wie Du weißt
bey seiner jüngsten Anwesenheit in Bayreuth - öfters zu sprechen Gelegenheit
gehabt hat - sie äußerte, wenn ihr König dieß so sähe, er würde gewiß
lebhaft davon ergriffen werden u.s.w. Ich erwiederte daß ich dieß kenne
und auch schon gehabt habe, daß dieß mich aber jetzt wenig mehr rühren
könne nachdem ich erfahren und gesehen daß wenn es zur Ausführung käme
ich in meinem Hause und Kreise mehr vermöge als sie in dem ihrigen, ja
sagte sie: die Könige meinen es wohl gut, wenn nur das was wir wollen
nicht durch so viele trübende und lähmende Herzen und Hände ging.
Nun es scheint ja nach mehreren Seiten hin, als sey so von neuem ein Saame
in den Acker der Zukunft gesäet worden, welchen nun nur der Pflege
der Vorsehung erwartet. Mir zunächst ist es auch um der kleinen
Ludowika willen lieb, daß sich von neuem und in einer vollkommeneren
Weise ein Erziehungskreis des weiblichen Lebens bildet. Frau v. Arnim sahe selbst
jetzt mehreres von dem als ganz wesentlich gut ein, was mir früher wohl oft
in Hinsicht auf die Führung der Mädchen und ihres schwesterlichen Lebens in
einem Kreise wie der meine - widersprochen worden war.
Nach Deinem vorletzten Briefe haben Hessens die Bildungssphäre der kleinen
Ludowika zu sehr beschränkt; ich konnte in der Antwort auf jenen Brief
noch nicht darauf weiter eingehen; mich dünkt es können jenen [sc.: könne jene] Bestimmung
von Hessens nur auf Mißverständniß und zwar auf einem zweyfachen
beruhen: einmal daß sie meinen das Mädchen würde für ihre künftigen
ökonomischen, ihre Vermögensverhältnisse zu überbildet oder sie meinen zwey-
tens wenn sie größere Forderungen machten so würden auch wir größere
Forderung machen; in letzterer Beziehung erkläre ich nun daß ich bey dem
von Dir und ihnen bestimmten jährlichen Erziehungsgeld nie eine andere Forderung
von Seite der Anstalt machen werde, auch wenn sie alle dem, der weiblichen
Bildung nur immer angemessenen Unterricht der Anstalt, also auch den
von Dir nicht genannten theilt; ich [sc.: in] Beziehung auf das erstere möchte ich
daß ihnen das Beyspiel Elisens vorgeführt werden könnte, die doch in Hinsicht
auf künftiges Vermögen keinesweges begünstigt da steht; diese nun hat
ja so ziemlich die ganze Bildung wenn auch nicht nach allen Seiten hin bis jetzt
noch völlig vollendet in sich aufgenommen und mich dünkt nach keiner
Seite hin zu ihrem Nachtheil, denn gewiß der Lebensberuf, die einfache
ganz schlichte bürgerliche Lebensweise würde sie nicht abhalten einen ein-
fache[n] menschlich gebildeten jungen Mann die Hand zu reichen und was ist
sie ihrem Verhältniß und ihrer Bildung nach denn auch anders als die Tochter
des allerkleinsten Landwirthes, wenn ich nicht gar sagen will, Bauers:
sie baut ihren Garten, bäckt ihr Brot, wä[s]cht ihre Wäsche, kocht ihre Speise und
macht ihre Kleider u.s.w. deßhalb wünschte ich der Herr HofMed. über-
gäbe Dir die kleine Ludowika gleichsam als Tochter, ich glaube, sie wür-
de dann weder wegen ihrer erhaltenen Bildung noch der sich daraus ent-
wickelnden künftigen Lebensverhältnisse wegen mit Dir und uns un-
zufrieden werden, ich glaube man wird bey der schrecklichen Mißer-
ziehung der Mädchen in den mittleren Ständen - gründlich gebildete Jungfrauen
sehr suchen und ich fürchte sehr sie werden mangeln. Dieß alles Dir ganz /
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allein zur Prüfung mitgetheilt. Auch für die kleine Hedwig wir[d]
außer dem Unterricht: "Nähen - Stricken - Stopfen und Flicken,
Reinigen (der Zimmer) Plätten und Küchenbesorgungen aller Art," -
nach der ausdrücklichen Bedingung der Fr. v. A. gefordert.
Zwar nicht den 17en aber den 16en Deinen wirklichen Geburtstag haben
wir alle herzinnig theilnehmend gefeyert. Schon frühe brachte mir
Allwina einen Strauß von Vergißmeinnicht und Immergrün in dessen
Mitte eine schöne Rose prangte umwunden von den Zeilen die
ich Dir hier beylege.- Mittags wurde allgemein beschlossen Dein Lebens-
fest in dem Wäldchen von Thälendorf zu feyern wo wir im vorigen
Jahre einmal mit dem dortmaligen Herrn Pf. zu Thälendorf zusam-
men trafen. Wie gewöhnlich wurde ein klares lichtes Feuer ge-
macht, dann einige Lieder gesungen kurz zuvor ehe wir wieder auf-
brachen dann brachte Barop "der abwesenden treuen Mutter und
lieben Pflegerin unseres jungen frischen Lebens u.s.w." ein dreymaliges
Lebehoch, was so in die Berge hinein erscholl, daß es aus den Bergen
und vom Thal herauf nicht als Echo sondern als Gegenruf entgegen
scholl;- nun überreichte mir die kleine Hedwig und Christianfriedrich
einen, von den dort so sehr schön blühenden und gewürzig duftenden gefranz-
ten Waldnelken und Eichenlaub, frisch gewundenen Kranz; Hed-
wig sagte mir für Dich ein Paar liebe Worte die ich aber nicht ganz
verstand, sie schienen ganz aus ihr zu kommen; Nun sangen die übrigen
das schöne Dir bekannte Lied: "- Mutterliebe -["] Nach Beendigung
desselben zogen wir froh und einmüthig nach Hause. Langethals
Auguste und die Tochter des untern Hauses hatten uns begleitet. Die
Knaben sprachen häufig von Dir und hoffen Dich zurück, auch Deiner
lieben Mutter und Tante erwähnen sie und Christian kommt immer wieder
von neuem, wie noch gestern Abend mit der Frage an mich: ob denn
Deine Mutter und T. nicht mitkomme und hier bleibe.
Den drey Gebrüdern Clemens haben Deine l. Briefe viele Freude ge-
macht, sie würden Dir wohl alle 3 wieder geschrieben haben, wenn
sich ihrer nur irgend Jemand helfend hätte ein Wenig annehmen
können, doch weder ich noch Bar. noch Midd. konnten es, auch fürch-
tete ich dieser Brief möchte wegen der Einlagen zu dick werden.
Christianfriedrich hat mir aber seine Wünsche wegen Mohnen-
saamen mit weißen Körnern wovon Du zum öftern gesprochen an-
vertraut, dann Saamen von weißen gefüllten Mohnen, wie
einmal Hermann Schmidt von Berlin erhielt; dann Kerne von Cür-
bissen die nicht zu groß und nicht zu klein wären, dann von Türken-
bundkürbissen und Birnen- und Äpfelkürbisse wenn ich ihn anders
richtig in seiner Beschreibung verstanden habe, und Gurkenkerne.
Wenn Du einmal vom Mitbringen sprichst so will ich auch etwas zweck-
mäßiges erwähnen, dieß wären Täfelchen sogenannter bunter
Tusche
von Wasserfarben, nicht ganze Farbkästchen sondern blos
Täfelchen zu den 3 Hauptfarben: reines Roth (Carminroth), reines
Blau, reines gelb (Gummiguttegelb) (doch dieß kann man zur Noth auch
hier bekommen) dann die 3 Zwischenfarben reinen Grün (Smaragdgrün)
reines Veilchenblau (Violet) reines Oraniengelb oder Goldgelb. Grün /
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muß weder sich nach dem gelb noch nach dem blau neigen; Veilchenblau
weder nach dem Roth noch nach dem Blau und das Oraniengelb
darf weder vorherrschend in das Gelbe noch vorherrschend in das Roth spielen.
Vielleicht könnte Dir Butzke dabey behülflich
seyn. Auch ein paar Dutzend gute Pinsel mittlerer Größe doch einige wenigstens
näher den kleineren wären angemessen. Wenn
Von den Farben dünkt mich könnte nach dem Preise der mittelfei-
nen Farbekästen das Stückchen nicht mehr als 1 Ggr. gelten.
Wenn dieß wäre so könntest Du immer 6 bis 8 Stück von jeder
Sorte mitbringen. Es dürfen aber keine Erd- oder Deckfarben, son-
dern Saft[-] oder Tuschefarben seyn. Du kennst ja die Farben-
übungen unserer Zöglinge bey welchen sie angewandt werden sollen.
Ob Du Augusten noch hier finden wirst ist zwar in diesem Augenblick
noch zweifelhaft denn sie wollte eigentlich gleich den zweyten Tag
nach unserer Kirchweih d.i. am 1en Oktober von hier abgehen; doch nach
einer Äußerung die sie gestern that hoffe ich daß sie sich noch bis zu
Deiner Ankunft hier zurück halten läßt. Ich wünsche es selbst,
denn wer weiß ob das Mädchen vor ihrem <?> Austreten aus ihrer
Familie noch einmal zu uns kommt. Doch in dem Augenblick da ich dieß
geschrieben habe fällte es mir aufs Herz daß Du mich vielleicht miß-
verstehen könntest. Von einer Rücksicht auf diesen Austritt d.h.
die Hochzeit ist gar nicht die Rede, denn Du weißt daß wir es bey
ihrem Bruder Ernst und Heinrich auch nicht gethan haben, auch nicht
thun können um nicht nach andern Seiten hin uns selbst wehe zu thun.
Von Grund meines Herzens danke ich Gott der mir durch den Ein-
tritt von Ludowika die Mittel gegeben hat Dich mit dem Nöthigen zu
Deiner Rückreise zu besorgen; denn nach der bestehenden Ordnung
werden sie Dir wohl ½ jähriges Erziehgeld pränumerando bezahlen.
Wie Du es mit einem Antheil an dem Fährlohn halten willst über-
lasse ich Dir, um so mehr als es ja auch für sie selbst wenn Butzke
mitfahren sollte nur wenige beträgt. Wie ist es denn in Zukunft
mit der Besorgung der Kleider für die Kleine?-
Lehne und Catharina haben ihr Dienstgeld bekommen; erstere auch ihr
rückständiges Weyhnachten, so wie Peter Krug. Catharina wollte es sich lieber
auf den Lohn schreiben lassen.- Die Schwägerin ist noch etwas leidend.
Sonst geht es Gott sey Dank im ganzen Hause und Kreise allen wohl.
Nun ist wohl alles häusliche abgemacht.-
--------- (Innige Grüße an alle von allen.)
Deiner l. Mutter u der verehrten Tante sage meinen innigsten Dank
daß sie Dich mir, wie ich aus Deinen lieben Briefen ersehe so
erstarkt an Geist Körper und Gemüthe zurück geben.
Sage Ihnen daß ich die größte und froheste Zuversicht habe Gott
werde mir es möglich machen Ihnen in Zukunft als ein wahrer
Sohn auch wahre kindliche Freude zu machen; Sie möchten doch
nie vergessen und sich beyderseits immer sagen wenn irgend Menschen
sich zufrieden und beglückend über das hiesige Leben aussprachen, daß
Sie beyde Tante nicht minder als Mutter es seyen, welche schon dadurch daß Sie
Dich mir schenkten meinem Leben die schöne Gestalt und Festigkeit gegeben haben. Dein
FrFröbel