Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 23.9.1830 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 23.9.1830 (Keilhau)
(BN 445, Bl 48-49, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Keilhau am 23en Septbr 1830.


Herzinnig geliebte Wilhelmine.

Obgleich dieser Brief dem Vermuthen nach nur wenige
Stunden vor Herrn Cramer, - welcher heute früh von Rudolst.
nach Leipzig abgefahren ist - bey Dir eintreffen wird, indem er
schon am 27en in Berlin einzutreffen meint, so will ich Dir doch
noch einmal schreiben, da sonach H. Cramer früher nach Berlin
kommt, als ich Anfangs glaubte und er bey der ersten Anfrage
selbst bestimmte, es Dir aber doch lieb seyn könnte, seine Ankunft
auch nur einige Stunden vorher zu wissen. Auch habe ich Dir noch
etwas wegen Butzke zu schreiben, was mir am Herzen liegt. Nach
Deinem Briefe zu schließen könnte es nun wohl seyn, daß er sich
in seinem Hause fest gelebt hätte, und daß man ihn darum wegen
der Verbindlichkeit gegen seinen Haus[-] oder Stubenwirth nicht rei-
sen lassen wollte; ob ich nun gleich jetzt keinesweges wegen der
augenblicklichen Bezahlung auch nur einer mäßigen Summe für
diesen Zweck etwas verfügen kann, ich es aber für Butzke höchst
nöthig achte, daß er - wenn es sonst möglich ist - diese Gelegen-
heit benutze sich auch [sc.: aus] dieser ihn vernichtenden Lage los zu reißen
so will ich Dir doch in dieser Beziehung meine Meinung und Ansicht
mittheilen, nach welcher Du dann Deinem Ermessen und den vor-
liegenden Umständen nach, selbst handeln kannst. Wenn nämlich
die Forderung seines Haus- oder Stubenwirthes 25 bis 50 Rth.
betrügen und die Nichtbezahlung dieser Summe jetzt ein Hinderniß
seiner Abreise wären, so kannst Du in meinem Namen für
diese Summe gut sagen um solche entweder in einem Viertel-
oder am liebsten in einen [sc.: einem] Halbjahr durch Anweisung zu bezahlen.
Nach Deinem Briefe handelt [es] sich hier wohl, ebensowohl um die <Erfüllung / Erhalt[ung]>
eines physischen als eines geistigen Lebens. Nun Du wirst schon alles
aufs beste besorgen.-
He. Cramer habe ich den Medaillenschein mitgegeben; wenn Du sie
empfängst bringe mir auch etwas Band mit an welchem sie getragen
werden muß.- Könntest Du eine oder 2 Nagelscheeren für
die Knaben mitbringen so wäre es wohl gut.- Da jetzt schon
die Abende wieder so lang werden so haben die Knaben zunächst
das Ausschneiden wieder vorgenommen, aber da fehlt es nun
noch an einigen Scheeren mittlerer Größe und gewöhnlicher Güte[.]
Könnte es Dir möglich werden ein paar mitzubringen, so würdest
Du dadurch Freude machen.
Gestern Abend ist Luise Bayer in Ferdinands Begleitung, und fast ganz
durchweicht, indem sie mehrstündig in dem größten Regen hatten gehen müssen
- hier angekommen; Im Anfang des Dezembers höre ich wird sie Keilhau ganz /
[48R]
verlassen; während dieses Aufenthalten [sc.: Aufenthaltes] soll sie sich aber jedes Heben[s]
enthalten. Auch aus diesem Grunde wird darum Auguste wohl bis zu
Deiner Ankunft hier bleiben und erst am zweytnächsten Tag darauf von hier
abreisen.
Gestern wurde ich darauf aufmerksam daß in diesen Tagen der lieben
Mutter und Tante Geburtsfeste fallen und zwar für die letztere schon am
29en d. Mon. Ich freue mich recht sehr daß Du ihn deßhalb wohl noch mit
feyern wirst, denn vielleicht ist es dem Kutscher auch lieb, wenn er statt
einen Tag, 2 Tage in Berlin ausruhen kann, wozu er sich auch sonst
wohl, wenn es noch einer besondern Aufforderung bedürfte leicht ver-
stehen würde, indem er ja seiner Rückfuhre so bald gewiß wurde.
Fast möchte ich nun wünschen Deine Abreise von Berlin hätte sich um
eine Woche später geordnet damit Du so auch noch die Freude
gehabt hättest am 6en Oktober der theuren Mutter Geburtsfest in
persönlichem Zusammenseyn mit zu feyern; indem diese Geburtsfeste durch
die Ihnen von neuem geschenkte Gesundheit uns allen so hoch wichtig sind.
Versichere der geliebten Mutter und theuern Tante meine innige Theilnahme
an diesen festlichen Tagen und daß ich sie auch abwesend wenn auch ganz still
doch Seegen Freude und erhöhetes neues Leben, für Sie, von der Quelle alles
Seegens und alles Lebens erbitten würde. Und ich hoffe wir werden uns
der Erfüllung dieses kindlich aufrichtigen Gebetes noch vieler Jahre
erfreuen.- Herrn Professor Großheim wirst Du nicht mehr sehen
sollte es aber ja der Fall seyn so grüße auch ihn aufrichtig hochachtend
von mir und sage ihm, daß ich besonders in diesen Wochen oft seiner und
der warmen Theilnahme dankend gedacht habe, die er frühe meinem
Wollen und Wirken geschenkt habe, und versichere ihm daß mir
jetzt alle das rein menschliche, das menschlich christliche, das dem
innersten Wesen des Menschen in Verbindung mit seinen Erd-
verhältnissen Forderung seyende Leben - was ich von jeher an-
gestrebt und Er in seinen kleinsten Erscheinung[en] wohl schon pflegend
geachtet habe, in erhöheterer Lebensfrische und Reinheit auf-
und entgegen zu keimen scheine. Ich ahnete, daß er so manche
durchgreifende Erfahrung seines Lebens Erwartungen und Hoffnungen und manchen höheren Aus-
spruch bestätigt finden werde.
Nun mein geliebtes Weib lebe wohl. Der, der uns sicht-
bar so liebend durchs Leben führte geleite Dich auch freudig, froh und
mit erhöhtem Leben zu uns. Auch Malchen, die gewiß nicht
unterlassen hat Deinen Aufenthalt in B. Dir mit angenehm zu ma-
chen sage meinen aufrichtigen Dank dafür. Dem alten von
mir recht herzlich hochgeachteten lieben Vetter den geh. Kriegsrath
Fehrmann versichere diese Hochachtung und Liebe, wie ich das ganze Haus
so wie alle die Dich [sc.: sich] sonst meiner erinnern aufrichtig dankend grüße.
Und so hält schon in Gedanken Dich mit liebenden Armen am
treuen Herzen fest der Deine FrFröbel.
(Die Grüße von [zu] Hause verstehen
sich ja von selbst.)  /

[49]
Da es das Postgeld nicht vermehrt, weil es doch immer nur ein
einfacher Brief bleibt, so will ich Dir hier dieß Blatt nicht
vom Briefe abschneiden sondern Dir auf dasselbe das Liedchen
und die Worte abschreiben welche den Strauß begleiteten
welche mir an Deinem Lebenfeste Allwina für Dich überbrachte.
"Am 16 Sept. 1830.
"Allwina bat diesen Morgen:
"Wir wollen das Vögelliedchen singen!
"Hast recht, Kind:
"Wenn ich ein Vöglein wär'
"Flög' ich zu Dir,
"Brächte zur Freude dann
"Diese Blumen Dir.
"Weils aber nicht kann seyn,
"Bleibe ich hier.
"Denke im Herzen Dein,
"Weihe sie Dir.
"Sey bey Dir Gottes Lieb,
"Himmlische Lust!
"Nichts Deine Hoffnung trüb',
"Fried' in der Brust."
* * *
Auch He. Middendorffs Geburtstag ist am 20en Septbr einfach
gedacht worden. Am Morgen weckten ihn unser gesammtes
Sängerchor mit dem Liede:
Schöner Morgen, sey uns gegrüßt!
Du verkündigst uns einen Tag, der uns so theuer,
Dich erhebe unser Lied in stiller Feyer.
*
 /
[49R]
Froher Morgen,
wir danken Dir;
denn Du hast uns ja ein edles, theures Leben,
Ihn den wir so rein verehren, einst gegeben.
Holder Morgen,
kehr oft zurück;
Mußt ihn aber auch auf Deinen goldnen Schwingen
Immerdar ein innig blühend Leben bringen.
*
Albert hatte ihm mit seiner Verschönerungsgabe sein Pult in der
Arbeitsstube nächst dem Lehrzimmer mit Blumen auf sinnige Weise
geschmückt.
Da die Kleinen Vormittags gerad bey Herrn Langethal Gesangs-
unterricht hatten, so kamen die beyden kleinen Mädchen Pfarrers
Emilie und unsere Hedwig auf den Gedanken Herrn Middendorff
stehenden Fußes gemeinsam ein Liedchen zu dichten, uns so zugleich
im Moment eine Melodie zum Texte zu erfinden, d.h. ihrem
Lehrer He. L. vorzusingen, welcher die Melodie auch sogleich nieder-
schrieb.
Mittags da es eben Schreibstunde war schrieben die beyden Mäd-
chen das Lied, jede einen Vers ab, umgaben es mit einem vollen
Blumenkranz und schmückten damit zu ihrer großen Lust, seinen Platz bey Tisch.
Das Liedchen selbst ist dieß: -
Zum 20en Septbr 1830
[*** Noten
                  ***]
Die Sonne scheinet hell und spiegelt sich im Quell
 [*** Noten
                      ***]
mit ihrem schönen Strahl, im heitern stillen Thal
"erfunden von
"Emilie und Hedwig"
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