Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Müller in Margonin v. 30.10.1830 (Keilhau)


F. an Müller in Margonin v. 30.10.1830 (Keilhau)
(BN 731, Bl 10-11, datierter Entwurf 2 Bl 4° 4 S. im „Briefbuch Keilhau“,
Handschrift Middendorffs)

       Keilhau 30 Oct. 1830


Herrn Bürgermeister Müller in [Margonin]


Hochgeehrter Herr u Fr.[eund]

Obgleich wir die Ihnen zugedachten ausführliche Nachricht
über Ihren Sohn u dSöhne Ihrer Freunde jetzt noch nicht
zusenden können, da der Beginn des neuen Halbjahres dArbeiten
so zusammen(drängt)läuft, so wollen wir, um keiner nicht etwa Besorgniß
Raum zu lassen, Sie doch über Ihre Söhne nicht länger
ohne Nachricht lassen. Die Zeit, nachdem Sie zuletzt
Nachricht erhalten, ist uns u den Kindern so
schnell dahingeeilt, daß sie wie wir ihren Verfluß kaum
bemerkt haben. Die abwechselnde angemessene
Thätigkeit, das ununterbrochene geordnete
Beschäftigtseyn nimmt eine Stunde nach der
andern in Empfang. Der Unterricht,
wie das Leben und das Spiel ist den Knaben Zöglingen
in ihrer Aufeinanderfolge gleich willkommen
das zeigte sich auch erst kürzlich deutlich auch bei unsern
kleinen Herbstferien, denn wie sich diese zu Ende
nahten, da verlangten sie auch wieder nach
ihren Unterrichtsstunden wie andere nach
dem Spiel (ungeachtet sie darin so v. Morgen bis Abend beschäftigt s[in]d [).]
Diese freye Zeit selbst aber reichte ihnen manche fremde
Gabe, welche die geregelte Lehrzeit in dem Maße nicht leisten kann gestattet. /
[10R]
Ihrer freyen Selbstbeschäftigung war jetzt, wenn auch
nicht ohne nie von Aufsicht entblößt, ein größerer Spielraum
gereicht. Ihr Leben im Freyen, in der stärkenden
u werdenden Natur, war noch weniger als
sonst beschränkt. Sie konnten sich jetzt unsere nahen
das ganze Thal wie ein[en] Wald umschließenden
Berge erst recht in ihre Heimath umschaffen,
was sie auch nicht versäumten. Denn überall
wo nur ein günstiger Platz sich zeigte, suchten sie
einzuladen vorab zu zweien oder dreyen unter sich
oder mit ihren Genossen verbunden einen Heer[d] eine
Hütte oder Berg zu bauen, einen Heerd zu mauern
Keller u Vorrathskammern anzulegen u Indem
sie so sich selber ein eigenes Leben u eine eigene Wirthschaft bildeten
u merkten wie man ohne Vorräthe nicht speisen u
[ein]ander beschenken kann, da traten ihnen auch diese
Bedürfnisse wie die Arbeiten des allgemeinen häuslichen
Lebens u die Forderungen der Wirthschaft nahe. Darum
wurde auch von ihnen mit Freude u zunehmendem
Geschick in diesen Tagen an den wirthschaftl[ichen] Beschäftigungen
Theil genommen, und sie halfen mit Lust und Fleiß
die Herbsterndte in Garten u Feld mit [zu] beendigen.
Wie hier günstig für die Gesammtausbildung es ist wenn das Leben /
[11]
der Schule sich so in das thätige praktische Leben
gleichsam auf eine kurze Zeit gleichsam untertauchen
kann, wie das Auge für die Bedürfnisse des Lebens
selbst geöffnet und die Mittel u Wege sie zu befriedigen
gesehen, die Kräfte geübt werden, sie selber herbeyzu-
führen – dieß wird Ihnen, als Männer des thätigen
Lebens nur zu einleuchtend seyn; wie Sie auch
[als] nicht minder wichtig erkennen werden, daß durch
diese Thätigkeit für ein größeres Ganze, ihr der
enge persönliche nur für die Person bedachte
Sinn sich erweitere u menschlich verallgemeinere.
Wie für das thätige Leben gab ihnen
diese Zeit auch erweiterten Raum (ihrer Lust)
zu den Spielen (einmal ein volles Genüge zu
thun). Daß die Spiele nicht so unwichtig sind
für die Zöglinge wie besonders auch für d Erzieher
werden Sie selbst aus der Beachtung der Spiele Ihrer Kinder
bemerkt haben. Denn da lebt sich die innere
Natur in voller ungehemmter Kraft hervor, da
wird werden alles was alle Kräfte zugleich in der regsten Thätigk[ei]t
Beziehung ihrer Landschaftl[ichen] Triebe
gefolgt, da wird die Kraft auf das höchste angestrengt
denn es ist das Soziale Hervortreten. Und wo
hat der Beobachter Gelegenh[ei]t die Meinung Bildungsstufe u Charakter zu erkennen /
[11R]
Was der Tag ihnen hiervon noch nicht erfüllt gewährte
das erfüllte der Abend, wo wir öfters alle zu-
sammen vom Kleinsten bis zum Größten uns zum
Spiele einten und in der Freude der Einh[ei]t und der
Zusammenstimmung des Spieles und des ihr
der
Harmonie des Spieles, in der gemeinsamen Freude
ein Sinnbild von der Eintracht u der Freudigkeit
des gemeinsamen zusammenh[änge]nd[en] Lebens in dGemüthern
aufscheynen kann. – So wird auch das dLeben d[urc]h Feste – durch <feyern> besondrer
u allgem[einer] Feste gehoben. Indem die Knaben auf diese Weise so nach allen Seiten sich ausgelebt
haben und wär es natürlicher kehrten sie durstig gelassen wieder zum Unterricht -
Und der hat jetzt wieder sein volles Leben gewonnen -
Wie ihre [sc.: Ihre] Söhne da besch[ä]ftigt sind wollen wir Ihnen durch nun durch Bemerkungen
im nächsten [Brief] durch die Unterrichtsabtheilungen so wie d[urc]h ihre
Bildungsstufen u Leben darin aussprechen – u dieses gedenken wir Ihn[en] nebst
dBriefen dKinder die sie schon geschrieben Ihnen mit dFest[-]
Post zu[zu]senden.
(Indem wir Sie bitten unsere und die Grüße)
Daß Ihre Söhne völlig gesund frisch u freudig
an der Freude des Lebens nichts mangelt,
sind werden Sie aus dem wenigen [Gehörten] sich schon selbst gesagt
haben, u wir brauchen heben nur noch besonders heraus
was Sie auch schließen werden daß sie frisch u völlig gesund
sind. erst In einem gesunden Körper u Leben gedeiht auch
die geistige Entwicklung. Und so können [sc.: haben] wir nur Ihnen hier vorläufig
auch in dieser Beziehung im Ganzen dieß anzudeuten; ihnen [sc.: Ihnen]
auch in dieser Beziehung unsere Zufried[en]h[ei]t nicht [zu] versagen[.]
Wir bitten nun wie noch ergebenst von uns und Ihren Söhnen die herzlichsten
Grüße an die resp. Eltern zu über<nehmen> und selbst d Versicherung
unserer besond[eren] Hochachtung zu genehm[igen.]