Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an J. G. Busse in Rogasen v. 6.11.1830 (Keilhau)


F. an J. G. Busse in Rogasen v. 6.11.1830 (Keilhau)
(BN 731, Bl 12-14, datierter Entwurf 3 Bl 4° 6 S. im „Briefbuch Keilhau“,
tw. Handschrift Middendorffs, tw. Fs.)

Keilhau am 6en Novbr 1830


Herrn J. G. Busse in Rogasen bey Posen.
Auf Ihren vertrauenden Brief vom 26n. v. M.
erwidern wir antwortend nachstehendes.
Um die Wirksamkeit unserer Erziehungsanstalt
nach dem uns vielseitig ausgesprochenen Wunsche
allgemeiner zu machen, bestehen seit den letztern
Jahren drey Abtheilungen in derselben.
In die erste, unterste Abtheilung
in welcher <nun> das jährliche Pflege[-] Erziehungs[-]
und Unterrichtsgeld Rth 100 P C ist treten die Zöglinge
ein welche noch nicht das 10e Jahr zurück gelegt
haben, oder solche die zwar älter sind bey welchen aber nur ein
beschränkter Bildungskreis im Auge behalten wird
ein Bildungskreis, der Bildungskreis für das gewöhnliche
bürgerliche Leben. Der Unterricht in dieser Abtheilung
wird zwar eben so gründlich als der in den folgenden
gegeben, auch werden die Zöglinge in dieser wie in den
folgenden Abtheilungen in Beziehung auf Pflege und häusliches
und Familienleben allen andern ganz gleich gehalten,
wie in dieser Beziehung überhaupt kein Unterschied unter den Söhnen
der Anstalt ist, sondern allein die fremden Sprachen
sind aus dieser Abtheilung als Sprachen gänzlich aus-
geschlossnen; nur wird bey einem 3-4jährigen Aufent-
halt in der Anstalt in dem letzten Jahr oder <1/2> Jahre /
[12R]
das Nothdürftigste von der Kenntniß des Lateinischen
und Französischen mitgetheilt was sich jedoch nur auf
das Lesen und die Kenntniß der im Leben ganz
gewöhnlichen Wörter beschränkt.
In die zweyte und mittlere Abtheilung, in welcher
das jährl[iche] Kost- Pflege- Erziehungs[-] u Unterrichtsgeld Rth 150
Pr. C. beträgt treten die Zöglinge ein welche das
12te Jahr noch nicht zurückgelegt haben, oder solche die zwar
älter
sind, aber nicht den wissenschaftlichen
Studien [zuneigen] und nicht für die <möglichst> vollkommnen und <höchsten>
<Geschä> Lebenskreise und Berufe bestimmt sind <welche>
nach den jetzigen Lebensforderungen eine mit dem
Studirenden ganz gleiche Ausbildung fordernd nothwendig machen
für in dieser Abtheilung tritt ist das Ziel u der Zweck
nicht allein vollkommene Kenntniß der deutschen
Sprache in schriftlicher u mündlicher Darstellung sondern
auch das wirkliche Kennen u Können des Englischen u
Französischen, und selbst die Kenntniß des Lateinischen in
so weit als es zum <eigentl[ichen]> Verständniß u <zum wirksamen> Erlernen
des Französischen u Lateinischen Englischen nothwendig ist.
jedoch mit <Ausschluß> der <eigentl[ichen] classischen> Sprachstunden
In die dritte u höchste Abtheilung, in welcher das
jährliche Unterhaltsgeld nach <der langen besten>
Rth 200 sächs Cour (oder nach jetzigem Cours 208 Rth pr C [)]
beträgt treten die Zöglinge ein welche das <12e> Jahr
zurückgelegt haben und sich den Studien widmen /
[13]
oder überhaupt eine den Studirenden ganz gleiche classisch<?>
Natur u <Cunst>
Ausbildung bezwecken, hier tritt nun das eigentliche
Sprachstudium, das Studium der classischen Sprachen und
für solche die sich etwa der Theol[ogie] widmen wollen zur
gehörigen Zeit das Hebräische ein; und können die Zöglinge
(zur völligen Sicherung für Eltern u Vormünder)
nach gemachten bestandenen öffentl[ichen] Examen vor versammeltem
fürst[lichen] Consistorio in Rudolstadt u gelieferten geneigten
Probearbeiten zu jeder Universität abgehen u der
Aufnahme auf derselben versichert seyn.
Der Unterricht in der Religion, in der deutschen Sprache nebst
in der Mathematik in der gesammten Naturkunde Erdkunde u Technol[ogie]
mit eingeschlossen, in der Geschichte, in Schreiben Zeichnen in der <Kunst>
im der Musik Gesang, (Clavierunterricht weil wir einige
die Kenntniß dieses Instrumentes zur Begründung
als [sc.. des] Unterrichtes auf musikalischen Instrumenten voraus[-]
setzen ebenfalls mit eingeschlossen) geht in den entsprechenden und <d>
Stufen im Umfang des Unterrichtes durch alle 3 Abtheilungen hindurch
und zwar noch überdieß so, daß der Unterricht
jeder Abtheilung ein vollkommen in sich geschlossenes
und jeden Zögl[ing] und Schüler für den entsprechenden Bildungsgrund
genügend völlig ausgebildet entlassendes Ganze ist, so daß bey Zöglingen
welche den ihre ganze Bildung in der Anstalt erhalten
die erste Abtheilung die begründende die 2te die erweiternde fortentwickelnde
u die 3e Abtheilung die anwendende ist.
Für das festgesetzte jährliche Unterhalts[-] und Er-
ziehungsgeld der Rth 100 – 150 – 200 (hier sächs Cour)
in den betreffenden Abtheilungen wird dagegen von der
Anstalt gegeben – Wohnung – Kost samt – Heizung und Licht,
Kost – Reinigen der Wäsche – Erhaltung der Wäsche
Und der bey jeder Abtheilung angegebene Unterricht. /
[13R]
Der Unterricht auf andern irgend einem andern
musikalischen Instrumente als dem genannten Claviere
wird verhalten nach mäßiger Bestimmung besonders gewährt bezahlt[.]
Eben so wird die Erhaltung und Ersetzung der Kleider durch Schuster
und Schneider besonders nach abgegebener spezieller Rechnung
besonders bezahlt wie auch alle besondern Unterrichtsmittel
die Bücher Schreib- u Zeichenmaterialien. Dieß alles
versteht sich eigentlich schon g[an]z von und durch sich selbst
und ist mit allen von je her bestehenden Unterrichts- u Lehran-
stalten in völliger Übereinstimmung.
Und werden bey entfernten Zögl[ingen] aus
entfernter Gegend nach der Verfügung der Eltern oder Vormünder
<von in der> diese Bedürfnisse von der Anstalt aus auf Rechnung besorgt,
welche sich dabey nach Umständen eine[r] vieljährig allgemein anerkannte[n]
Sparsamkeit befleißigt auf Rechnung besorgt die ½ jährig oder jährl[ich]
abgegeben wird[.]
Das Erziehungs[-] u Unterhaltsgeld wird bey größern
Entfernungen ½ jährig vom ersten Tage des Monats in
in [2x] welchem der Zögling eintritt halbjährlich voraus
bezahlt; doch nach Umständen muß es auch der Anstalt
erlaubt verstattet seyn die Gelder nach Anzeige auf Wechsel zahlbar
zur Verfallzeit beziehen zu dürfen[.]
Was jeder Zögl[ing] an Kleidern mitzubringen hat werden
Ew. Wohlgeb[oren] im Einzelnen aus dem angelegenen
Verzeichniß ersehen, doch kann auf Verlangen auch
einzelnes von hier auf Rechnung besorgt werden;
Eben so können auch Matraze u das <voluminöse>
Bettwerk von hier aus besorgt werden und dann
wird der Anstalt dazu ein Vorschuß von Rth 20
Pr C: übermacht, das sonst nöthige Bettzeug (Bett<tücher>
u Bettlaken) Kissen und Decke ist am zweckmäßigsten /
[14]
mit der übrigen Wäsche zu übersenden.
Das Übersenden dieser Effecten nun geschieht wohl
gleich zweckmäßig durch Fracht oder durch Post
je nachdem eines oder das andere Ihnen mehr
convenirt HErr Amtsschreiber Justizcommiss Weim[ann] zu
Schneidemühl hat irre ich nicht die Effecten für seinen Sohn
durch die Post übersandt.
Was nun die Überkunft des jungen Menschen selbst
betrifft so thut es uns sehr leid daß mir Ihr Wunsch
nicht früher bekannt wurde zu Anfang <im ?> v. Monats hätte
ihn die <>Hausfrau welche in Berlin zum Besuche war von Berl[in] aus mit-
hieher bringen können wie dieß auch bey einer kleinen Pflegetochter
der Fall war und eben jetzt hätte <noch> durch eine Rück<führe> von
Berlin nach Rudolstadt mit hieher kommen können; doch dieß
ist nun vorüber und jetzt kann ich Ihnen auch von hier aus gar
nichts schreiben doch werde ich mir Mühe geben und Ihnen
sobald als ich etwas erfahren sollte es Ihnen unverzügl[ich] mittheilen.
Für die Post kann ich freylich nur gezwungen durch die Nothwendigkeit
bestimmt stimmen indem ich von von jüngst Reisenden höre, daß [da]
jetzt alle Arten des Postwesens überfüllt sind große
Unsittlichkeiten auf den von <einigen> Postwagen jeder Art nach Umst[änden] [nicht] entfernt sind.
Bis jetzt kann ich Ihnen darum nur einen Vorschlag machen welchen
Sie aber gewiß schon selbst, vorläufig auch schon beachtet aber als jetzt nicht ausführbar an die
Seite gestellt haben: die ja auch in Ihrem Briefe gedachte[n] jüngsten
Ankömmlinge aus Ihrer Umgegend hegen die Meinung und vielleicht oder
auch blos den Wunsch <daraus> daß in dem nächsten Jahre noch einer oder
einige Landsleute ihres Alters u Verhältnisse der hiesigen Anstalt /
[14R]
anvertraut werden würde[n]. Sollte nun dieß gegründet
seyn so würde wenn zu <? Mitteln> noch einer hinzu käme, der Betrag
der Reisekosten v. Berlin hieher zumal da dann
auch die Effecten selbst sogleich mit hieher geführt werden könnten
unbedeutend wenig mehr als das Reisen durch Post u die besondere
Sendung der Effecten kosten. Kämen noch 2 hinzu u Wären es deren dann 3
so würden die Reisekosten für jeden Einzelnen kaum
besonders wenn sie Iihre Koffer sogleich mitbrächten nicht
so viel als durch Post u Fracht zusammen betragen, und
auch schon wenn bey zwey Zöglingen würde; der Wagen könnte
dann von hier bis Berlin ja wenn
Auf diesen Fall würden
wir einer für solche Reisen für gewöhnliche 4sitzige Reisekutsche <schon>
nach von hier aus nach Berlin oder wenn es gedrittelt
würde auch bis Frankfurt a/O senden und wir würden
zugleich von hier aus einen jungen Mann mit abgehen lassen
welcher die jungen Leute an einem der beyden Orte in Empfang
nehmen könnte. Leider können wir jetzt weiter nicht[s]
thun als Ihnen diese Vorschläge machen <über dem> und Ihnen
das G[an]ze g[an]z zu Ihrer Bestimmung vielleicht nach berathender
Rücksprache mit den HE Teske Vater u Sohn überlassen.
Und Somit glauben wir Ihre vertrauende
Anfrage genügend beantwortet zu haben, so wie
der wie daß dem von Ihnen gewünscht[en], u seinem Alter nach auch wohl
nöthig seyn mögenden baldigen Eintritt des jungen Menschen in
unsere Anstalt nichts entgegen stehe[.]