Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johann Friedrich Hennicke (= Redaktion Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen) in Gotha v. 15.11.1830 (Keilhau)


F. an Johann Friedrich Hennicke (= Redaktion Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen) in Gotha v. 15.11.1830 (Keilhau)
(BN 717, Bl 5-6, datierter Entwurf 1 B 8° 4 S.)

Keilhau am 15en Novbr 1830.


Herrn Legationsrath J.Fr. Hennicke, Redacteur
des allgemeinen Anzeigers und der Nationalzeitung
der Deutschen - in Gotha.


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Ew. Wohlgeboren finden es wie es scheint für gut
von dem Ihnen unterm 21sten v[origen] Mon[ats] übersandten
Aufsatz: "Die Menschenerziehung ein gemeinsames
einigendes Werk aller Deutschen u.s.w." für Ihre
Zeitschrift keinen Gebrauch zu machen. Ich für
meine Person überlasse dieß ganz Ihrem Er-
messen und Ihrer Überzeugung. Mein Lebenssatz
ist: thue deine Pflicht alles Andere überlasse dem all-
weisen, liebenden, allwaltenden Gott! - und als
meine Pflicht erkannte ich es den gedachten Aufsatz
Ihnen zum Druck in Ihre Zeitschrift übersenden zu
müssen, durch deren Erfüllung ich aber auch zu-
gleich aller Verantwortung für die Zukunft ent-
bunden bin. Da nun in Beziehung auf den erwähn-
ten Aufsatz wie es scheint die Frage oder viel- /
[5R]
mehr der Zweifel obwaltet: wie aus der an-
gegebenen Erziehung wirklich die Lösung aller
der Zeitaufgaben in der Zeit und zwar der mög-
lichst nächsten bestimmt und mit Sicherheit, klar
hervorgehen? so erkenne ich es weiter als Pflicht zur
Beantwortung dieser Frage und zur Hebung jenes
Zweifels, wenn auch nur andeutungsweise, aus-
zusprechen:
Keine Vorschläge, kein Unterricht, keine Einrich-
tungen und Anordnungen keine Volksvertre-
tung keine Öffentlichkeit selbst keine Verfassungs Urkunde rc, rc, rc, kann
etwas gründlich und durchgreifend Genügendes
bleibend nützen, alles ohne Ausnahme ist ein neuer Lappen
auf ein altes Kleid, ist höchstens junger Wein Most in alte Schläuche und darum um so gefährlicher wenn
1., erstlich die klare Erkenntniß und Einsicht derselben
     und dafür der Menge mangelt
2., wenn zweytens die reine moralische Gesammtkraft zur
     Ausführung dem Volke abgeht, und
3., wenn endlich drittens die Kenntniß, die Beherrschung u. der
     der sichere Gebrauch der dazu nöthigen Mittel
     und Wege dazu der Mehrheit fehlt.
Zeit /
[6]
Die Wahrheit dieses Satzes hat die Zeit durch Feuer,
durch Blut, mit der Hingabe der höchsten Lebens-
güter, ja des Lebens selbst, wahrlich zur Genüge
besiegelt.
[achtzeiliger, auf die Seite verteilter Einschub:]
Wie soll auch die jetzt im ganz allgemeinen herrschende
oberflächliche u zerstückte u vereinzelnde Erziehungs[-] u Unter-
richtsweise, die dreien Lebensformen pflegen würdigen u tragen können
die Gründlichkeit und einigende Zusammenfassung ertragen
und geforderte öffentl. Gemeinsamkeit ertragen. Im Gegentheil hat das Menschen-
geschlecht in der Veral[l]gemeinerung einer menschenwürdigen
einigenden Erziehung in der Zeit u durch alle Zeit die sichere Gewähr, daß ihr zu und in jeder Zeit werden werde
was ihr an sich ihrer Bestimmung gemäß zu leben, zu schaffen u. wirken <gütlich> ist.
Jenes Dieses hochwichtige ja unerläßliche Drey in Einem
aber giebt nun die in dem Aufsatze wenn auch nur durch Bezeichnung dargelegte
Menschenerziehung für die in der Zeit, und für
die Zeit möglichste Vollendung, daher die Stärke
der Überzeugung die sich in jenem demselben Aufsatze ausspricht,
welche aber keineswegs in irgend etwas äußerlichem
und darum Vergänglichen seinen Grund hat, sondern
nur in der reinen und tiefen Wahrheit an sich, erträgt nun
aber die Zeit die Wahrheit noch nicht, noch Ihrem gänzlichen Schweigen welches Ihre
Überzeugung zu seyn scheint, und rühmt sie sich die Zeit dessen doch;
so mag auch sie die Folgen davon treffen, wenn die
Wahrheit unausgesprochen ungesagt bleibt, meinen
Geist treffen sie dann nicht; weder gegen die Zeit noch
vor der Zeit wünsche ich etwas hervorzurufen,
denn Eines weiß durch alle Zeit und Ewigkeit, durch
allen Raum und in jeder Zeit:- die Wahrheit
wird mich, mein Volk, wird die Menschheit frey ma-
 /
[6R]
chen: der Geist der Wahrheit den uns Gott selbst
durch seine Auserwählten zu verschiedenen Zeiten
und an verschiedenen Orten wiederholend als einen
göttlichen als Seinen Geist verheißen hat. Amen!
Und darum will ich zur rechten Zeit nicht schweigen
Und Diese Zeit selbst aber kann ich Einzelner ruhig und still abwar-
ten da ich ja die Gewißheit aller Gottesverheißung in
der Offenbarung - in der Natur - in der Geschichte - im
Leben des Menschen - im Innern wie im Äußern
schaue.
[vierzeiliger Einschub:]
Die Wahrheit und die Nothwendigkeit, dringt diese Sprache und die Wahl
dieses Sprechsaales gegen eigenes Behagen ab, denn die Regierungen
hören ja nicht, und sind gegen alle Wahrheit taub und der menschlich Gesinnungslos
sie überlassen die Menschen wie Kraut u Kohlköpfe dem Verderben
Würden Ew: Wohlgeboren von dem oftgedachten Aufsatz
Gebrauch machen, so würde ich Sie ersuchen die vorstehen-
de Andeutung zur Beantwortung einer vielleicht allgemeinen Frage und <einstiger> Vieler desselben und Antwort und die angedeute[te] Lösung eines vielleicht verbreiteten Z[u]st[ands] als Nachschrift des
Schreibers jenes Aufsatzes bey und nach zu fügen, im Gegen[-]
theil aber, wenn Sie von demselben weil wir vielleicht
höchstens nur ein deutsches Publikum aber noch keine
Deutsche als Gesammtheit, wenn auch einzelne Deutsche,
und noch weniger ein deutsches Volk haben - von demselben ohne alle Auslassung, indem derselbe weder etwas persönliches noch weniger <rechtseitiges> enthält [-] keinen Gebrauch
machen können, so erwarte ich das Manuskript
als Product meines Geistes und als mein schwer er-
worbenes Eigenthum mit nächster Post mit Bestimmtheit zurück.
[Unterschrift fehlt]