Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hedwig von Arnim in Grunau v. 17.11.1830 (Keilhau)


F. an Hedwig von Arnim in Grunau v. 17.11.1830 (Keilhau)
(BN 731, Bl 19-21, datierter Entwurf 3 Bl 4° 5 ½ S. im „Briefbuch Keilhau“, S. 19 Handschrift Middendorffs, dann F. Hedwig von Arnim befand sich vom 10.-16. September 1830 in Keilhau, um ihre Pflegetochter Hedwig von Guttenberg als Zögling einzuführen. Im ersten Satz seines Briefs bezieht sich F. indirekt auf diese Tage.)

Keilhau am 17en Novbr 1830.


An Frau von Arnim Hochwohlgeboren auf Grunau.
Schon wieder sind es fast [2] Monate seit ich von Posttag
zu Posttag den Vorsatz in mir trage Ihnen wenigstens
einige Nachricht von Hedwig zu geben. Allein wenn
Sie bedenken daß meine Erziehungsgrundsätze mich
den ganzen Tag in dem Kreise meiner Zöglinge fest-
halten, daß die Winterzeit uns in Gesammtheit mehr
auf das Haus beschränkt, und daß besonders der Unter-
richt und die Beschäftigung der Zöglinge
während des Winters uns so ganz in Anspruch
nimmt, daß der eigenen Person und g[an]z eigentlich <bestimmt>
selbst wenig Zeit für sich selbst
übrig bleibt, so werden Sie mein wiederkehrend
langes Schweigen <nach Bamb[er]g so> in meiner Stellung
und Beruf begründet und gewiß verzeihlich finden,
und ich hoffe [auf] diese Verzeihung von Ihnen. So unausgesetzt nun
auch und lebhaft die Beschäftigung der Zögl[inge] während des g[an]zen Tages
ist u <fest ?> erziehend für den welcher von außen auf
Augenblicke in dieselbe eintritt ohne sie wirklich zu theilen
so befinden sich doch die Zögl[inge] außerordentl[ich] wohl ja ich möchte
sagen, sie leben in dieser steten Thätigkeit in ihrem Element wie die Fische im Wasser, /
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und die ziehenden Vögel im klaren Äther; könnten Sie darum
jetzt wieder einige Zeit hier seyn so würden sie [sc.: Sie] sehen, wie alle Zögl[inge] bey allen Beschäfti[gun]gen
doch frisch freudig u froh sind und in dieser eigentl[ichen] Schulzeit des Jahres mit Lust <wie als> so in den
Unterricht gehen. Dieß Leben u diese allseitige geistige u leibl[iche]
Gesundheit <theilen> nun auch g[an]z die uns von Ihrem Vertrauen übergeb[enen]
Zöglinge. Über die tägl[ichen] u stündl[ichen] Beschäftigungen haben Sie [sc.: wir] <selbst>
Ihnen in der beyliegenden Zeit[-] u Unterrichtsvertheilung Rechenschaft
gegeben. In Beziehung auf Felix ist gar nichts hinzuzufügen
er <geht strebt> stetig u fest die betretene Bahn des Fleißes
u guten Betrag[ens] fort, ja er <faßt gegenwärtig> auch jetzt <in Geistigem etwas> Fuß
mit her<vor>wachsenden Mitteln <Geradschätzung> zur Selbst<achtung>
mit bestimmten Willen scharf in die Augen u für Unterstützung dieser Selbsterziehung wär[e]
es mir besonders lieb daß Sie in Ihrem Briefe an mich auch namentl[ich]
seine Haltung herausheben; ich hätte <zugl immer> erwartet,
Sie würden <es> bey Ihrer Anwesenheit mündl[ich] thun, denn <gerad>
dieß ist ein Punkt der bey Felix immer wiederkehrend <ernster> Rüge bedarf
u Ihre <wenn> auch noch <?> schriftl[ichen] Bemerk[un]gen wären [mir] <deßhalb>
besonders lieb, damit ihm so nicht der Gedanke komme, als
sey die Rüge von meiner <zu unser> Seite etwas zu <gerad>.
Was nun Hedwig betrifft so sehe ich daß meine Frau
Ihr Hochwohlgeb[oren] <alle Halbjahr ausführlich> Mittheil[ungen] darüber
macht ich kann mich deßhalb um so kürzer fassen um [sc.. und]
dieß um so mehr als nach der bestehenden u sich in ihrer Zweckmäßigkeit
immer mehr bewährenden Ordnung die Zeit ihres Aufenthaltes in
der Anstalt noch zu kurz ist um eine ausführl[iche] Charakte-
ristik von ihr zu geben; im Allgemeinen bemerke ich darum
nur dasselbe was ich kürzl[ich] auf einen Brief der Fr[au] v. Gutt- /
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ttenberg
, welche Hedwig unser[er] Liebe u Sorgfalt empfahl
antworte[te], daß – wie mir von jeder Seite die Wahrheit
d[urc]h Thatsachen entgegen tritt – die Hedwig der Bestimmung gemäß
die sie in unsern Kreis führte sich <sorgl[iche]r> Liebe u der regsten
Sorgfalt von allen Pflegenden u Erziehenden des Kreises, so wie
auch von all ihren Genossen erfreut, daß dagegen aber auch bis
jetzt als Forderung der Wahrheit zu ihr von uns das Zeugniß gegeben
werden muß, daß sie d[urc]h ihr Betrag[en] dazu
beyträgt daß ihr nicht nur Liebe u Sorgfalt, sondern daß
sie auch ihr wieder <ganz> werden kann. Bis jetzt ist sie in
den Lehrstunden u Unterrichtsbeschäftigung[en] (über das Weibl[iche] u Häusl[iche]
wird sich schon die Hausfrau ausgesprochen haben) zur Zu[-]
friedenheit thätig. (Die folgende Bemerkung die ich mir im Briefe
an Fr. v. G. erlaubte ist bey Ew Hochwohlgeb[oren] nicht nöthig. Denn
Sie selbst fordern ja mit <Wohl> auf diese Zufriedenheit den <Zögl[ingen] nur <sogl[eich]> auszusprechen)
Hier füge ich nur noch bey daß ihr Form[-] u Zahlsinn, so wie
überhaupt ihr Sinn für Erfassung u Festhaltung des Einzelnen u Bestimmten
viel Übung bedarf daher kann sie auch bey Unterricht
leicht abwesend werden; doch gestattet dieß zu ihrer
Bildung die Gesammtheit nur höchst selten. Deßhalb begreife
ich recht gut wie ein solches Wesen allein zu unterrichten
eine höchst schwierige Aufgabe, wenn der Lehrende so lange
bis die Selbstthtätigkeit geweckt ist, so zu sagen mit ihr
verwachsen ist. Zu meiner Rechtfertigung u zu meiner
Freude bemerke ich dagegen eine gute aus zu geführt werdende
neue Individualität die tiefe u wahre Begründetheit
der hiesig[en] Erzieh- u Lehrweise. – Der Zeichengang in seiner lückenlosen
Thätigkeit sagt Hedwig gewiß zu ihrem Heil sehr zu[.] /
[20R]
Wegen der leichten Empfänglichkeit Hedwigs für bewegtes
u bewegl[iches] Leben und des <schwierigen> Festhaltens des Lebensgesetzes
ist es Ew. Hochwohlgeb[oren] Bestimmung, daß sie möglichst wenig in das
Elterl[iche] Haus vor Beendigung ihrer Erziehzeit zurückkehre nicht zu fest [ein]zu halten; denn das <durch[s] Jahr> leider habe ich selbst
bey den doch schwerfälligen Knaben wiederkehrend die <traurige>
Erfahrung gemacht daß d[urc]h das kürzeste Willkührl[iche] <?> Leben derselben
niedergerissen wurde was wir d[urc]h <fäherlige> Schwierigkeit
auferbaut hatten. Doch dieß <wäre> ein Gegenstand sehr
tief in die Menschennatur eingreifender Einwirkung <darum nur weitsehend Ziel>; ich muß <aber>
d[urc]h die Zeit beschränkt hier abbrechen. Ich freue mich <nun>
<nur> immer mehr auf Punkte der <Beschäftigung> mit Ew. Hochwohlgeb[oren]
zusammentreffen.
Daß Fr. v. Guttenberg wegen Aufnahme des 11 jährigen
Ottmar unter der Beding[ung] des mögl[ichen] Austritts innerhalb
Jahresfrist und unter Voraussetzung des auch für diesen Statt
finden[den] jährl[ichen] Erziehungsgeldes von 100 Rth u 12 Rth Vorausbez[ahlung]
auf bes.[ondere] Auslagen an uns geschrieben hat werden Ew Hochwohl-
geb[oren] wohl schon wissen. Schon die erste Bedingung war eigentl[ich]
gar nicht geeignet dem Wunsche der Mutter zu genügen, was
auch mit Bestimmtheit im Kreise ausgesprochen wurde; doch
gestehe ich daß mir in alle[n] solchen Fällen immer die Knaben, die
einem solchen zerstückten Leben hingegeben sind leid thun
und daß ich die gute <Meinung> von der Menschen[-] u Knabennatur nicht
verlassen kann daß doch auch innerhalb Jahresfrist ihm [sc.: Ottmar] in
hiesigen Verhältnissen mehr werden kann als in denen welchen er jetzt hingegeben ist; dieß nun
bestimmte mich in mit Erwägung der Gesammtverhältnisse den
Wünschen der Fr. v. Guttenberg zu genügen; und zwar so daß
ihres angenommene Erziehgeld [nicht] schon für die folgenden zu gelten betreffend sein [nur] für das erste Jahr gelten soll /
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nach verlauf dieses <jetzigen> Jahres aber bleibt der Anstalt
seinem Alter, seiner künftigen Best[immun]g u den obwaltenden Ge-
sammtverhältnissen gemäß die Festsetzung des fernern Erzieh-
u Kostgeldes überlassen. Durch die harte Erfahrung in der Selbst-
verlängerung geübt mußte ich mir noch erlauben auszusprechen
daß zur gegenseitigen <Ungetheiltheit> des Verhältnisses die
Zahlungsleistungen pünktlich erwartet werden, weil nur dad[urc]h
einzig mögl[ich] wird den Betrag desselben verhältnißmäßig
gegen die Leistungen von Seite der Anstalt so <wieder> zu setzen[.]
Ich glaube Ew: Hochwohlgeb[oren] Theilnahme an der v. Guttenberg[-]
Familie u auch zugl[eich] an dem hiesigen Kreise u Leben diese Andeutung
schuldig zu schein [sc.: seyn]. Es wär[e] freylich für den Ottmar; wo
ich aus Einzelnen Umständen schließen muß freyl gut gewesen,
wenn er aus seinem Unterricht bey Baireuth sogleich hier eingetreten
u nicht erst so aufs Ungewisse dem schmerzl[ichen] Verlust eines Erziehungs[-] u Unter-
richtsjahres in diesem Alter Preiß gegeben worden
wäre p. Aber so geht es zum größten Theil erst d[urc]h doppelten
u mehrfachen Schaden bestimmt können sich die Eltern zur Erreichung des
Einzigen was ihren Kindern Noth thut entschließen u dann soll die
Erziehanstalt so doppelt u mehrfach gesund machen
Wenn da Gott nicht ein Einsehen hätte könnte <manche Wesen>
<ungl[eich] leisten was hier nöthig ja gefordert wär
<Könnten Einzelne Herrscher in ihrem Umgang üben>
dieser Punkt die Eltern belehren, sie würden sich sehr um das herauf-
wachsende Menschengeschlecht verdient machen. Denn <?> wie wir
auch durch Billigkeit den Menschen entgegen kommen, dieß wirkt
wenig oder nicht denn der Mensch scheint fast ganz den Glauben
an die Uneigennützigkeit u Unpersönlichkeit des Menschen
ja selbst <eines ?> vom Beruf verlohren zu haben
das heraufwachsende Geschlecht unserer Kinder könnte dann /
[21R]
schmerzlichen Erfahrungen entgegen gehen, wahrl[ich] die Tages<sicht>
zeigt es auf <ge[l]äufige> Weise; seit länger als 10 Jahren habe
ich darauf aufmerksam gemacht; doch wir wollen nicht sein
bis wir gefühlt haben, dann ist es aber leider zu spät.
Im Großherzogthum Posen regt sich jetzt ein <reger> Erzieh[un]gsgeist
schon sind wir wieder um die Aufnahme eines Knaben von
dort ersucht worden, <da> das Eingehen in desselben [sc.: Aufnahmewunsch] machte es
somit auch leichter mögl[ich] dem Wunsch der Fr v Guttenberg
entgegen zu kommen, weil d[urc]h 2 Knaben doch in etwa die
großen Schwierigkeiten vermindert werden welche für die
Anstalt u die Zögl[inge] immer mit dem Eintritt außer[halb] des Halbjahres
verknüpft sind.
Doch so lange glaubte ich nicht daß dießmal meine Mittheilung
werden würde, darum schließe ich nun aber auch schnell [bricht ab]