Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Charlotte v. Ahlefeld in Weimar v. 19.11.1830 (Keilhau)


F. an Charlotte v. Ahlefeld in Weimar v. 19.11.1830 (Keilhau)
(BN 731, Bl 21R-23V, datierter Entwurf 2 Bl 4° 3 S. im „Briefbuch Keilhau“,
Handschrift Fs.)

Keilhau am 19 Nov. 1830

Ihrer Hochwohlgeboren der Freyfrau v. Ahlefeld geb. von Seebach.

Innig hochverehrte gnädige Frau.

Sie hatten die Güte uns in diesem Jahre wiederkehrend die schöne Hoffnung
Ihres lieben Besuches zu machen, und so erwarteten wir denselben
von der zweyten Hälfte des vorigen Monats bis jetzt gewiß
aber leider wieder vergeblich. Für mich war dieß Ihr liebes Ver-
sprechen und die dadurch jetzt wieder geweckte Hoffnung doppelt ange-
nehm, denn ich erwartete dadurch sicher etwas zu erreichen was
mir durch briefliche und schriftliche Mittheilung nur schwierig wer-
den kann und wird, ein gänzliches Verstehen meines Handelns meiner
Denk- u Empfindeweise von Seite Ew Hochwohlgeboren, welches
Einverständniß für mich doch so hohen Werth hat. /
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Irre ich nicht so schrieb ich Ew: Hochwohlgeboren das letztere mal
im April oder May verflossenen vorigen Jahres. Ich schrieb Ihnen dort in freudiger künft
Erwartung einer günstigen auch äußeren Entwicklung meines Gesammtlebens u
Strebens, und der Ihrer Pfleg- und Schützlinge unserer Brüder drey.
Es würde auffallend und wohl gar unerklärlich seyn, wenn von jenen
Wochen und Monaten an das in jenen <briefl[ichen]> Mittheilungen besonders erwähnte
und hervorgehobene Äußere – und die damit verknüpft gewesene
Verpflanzung meines Wirkens auf einen andern Grund u Boden zurück
trat, wenn <mir nur> durch äußere Vergleichung des äußern, äußerlichen
das Innere, das Wesen zu erkennen bestimmt währe [sc.: wäre], doch nur
ein Inneres, das oft sehr tief liegende Innere ist die einzige Bedingung des Äußeren,
und nur der innere Sinn vermag es, wenn auch erst nach /
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langer still zurück gegangener zur tief[e] führender Beachtung dieß zu erfassen. Dieß ist
nun wie zwar überhaupt in meinem Leben, doch ganz besonders
wieder der Fall in den letzteren beyden Jahren. Der Gottheit wie der Menschheit, ja
dem eigensten unerkannten Innersten Selbst liegt nun aber einzig an der
Erkenntniß an dem Erkennen dieses Innern; darum <sieht> vor allem <die>
Vorsehung den Erzieher, den Erzieher-Beruf, welcher sich wahrer und
ächter Menschen- u Menschheitserzieher zu werden und zu seyn benutzt
zu jenem tief liegenden <Reich>thum, zur Erkenntniß des <lebendigen> Innern
hinzuführen um ihn so zur damit er so zu erst selbst zur ächten <würdig[un]g>
u <Werthschätzung> des Äußeren und dem Schaffen <wie> dem Innern ganz
entsprechend zur Einsicht des wahren Zusammenhanges u der Wechselbedingung
zwischen Innern und Äußerem geleitet werde und dann auch seine Pflegebefohle-
ne seine Zöglinge dahin führen könne.
In diesen Andeutungen haben Ew: Hochwohlgeboren nun liegt <wenigstens>
für auch der Schlüssel so wohl zu den Begebenheiten u der Geschichte meiner
letzten Jahre als zur ihrer Erkenntniß Ew sieht in derselben doch
Es dünkt mich auch <entsprechendes thun> eines u hat mich in beider thun immer
ein hoher u tief begründeter Zusammenhang zwischen
Erziehung u ausführender Kunst, zwischen Künstler u Erzieher gedünkt
wie mich denn auch dieser Zusammenhang oder <je> mindestens Gleich- oder
mindestens Ähnlich setzung zwischen beyden schon sehr viel gelehrt hat und
täglich fortgehend lehrt, und so meine ich denn auch daß der der Kunst
sich geweihete Mensch, der Künstler u unter diesen vorwaltend wegen der
vielentheit seiner Erzeugnisse der Dichter
den Erzieher, den wahren von Berufe <aus ?> verstehen
<?> u erfassen können. Sind und werden nicht [beyde] <um>
nur ein <Einziges> veranlaßt durch mehrere <Einzelne>
andeutend hervorzuheben von welchem Einzigen sich dann
leicht weiter bis in das Einzelne u in die Mannigfaltigkeit schließen läßt,
sind u werden nicht die Erzeugnisse der Künstler des Dichters um so reiner
edler, <in sich> in sich selbst ruhender und doch klar sprechender Gestaltung
je mehr <der Dichter> in sich selbst <zurückgeht> ja um so mehr ihm selbst
das äußerliche Leben in dem was der <Künstler in allem billigen> heilig[-]
seyn preißt und so <kleine> Zeichen der Huld des <Geistigen> zurück reicht. Die Kunst
ein ewig u stetig frey und unabhängig um gestaltend <dabey aber denkendes> so frey u um <alles>
seyn vom schönen <? ?> u erst Gewordenen, so soll die Erziehung, der Erzieher
frey u unabhängig von Außen in sich stehen. – In der Wirklichkeit /
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für die Ausführung scheint nun dieß ganz unmögl[ich]
und doch scheint die Wirklichkeit, die eben ver-
flossene Wirklichkeit dieß nicht nur zu fordern, sondern sogar die
Möglichkeit, die einzige nothwendige Bedingung der Erreichung zu zeigen.
Dieß Streben nach Erfassung nach Einsicht u <Beherrschung> der Nothwendigkeit so wohl als dabey die Möglichkeit der Ausführung; diesem war ja, wie
Ew: Hochwohlgeboren mir gewiß aufs leiseste Wort glauben
werden etwas Schweres wie <alles kein[e]> leichte Sache ist <doch> das Schwierigste ist
war auch für mich nun und mein g[an]zes Leben und Wesen aller Kräfte
u Thätigkeit <g[an]z> in Anspruch nehmende Aufgabe wie überhaupt
die höchste u einzige Lebensaufgabe ist. Dieß das <Geschenk> meiner jüngsten Jahre.
Aber wie vom Künstler, und zum wahren Wesen u <gesicherten> Wohl ihm
jener, dieser Punkt errungen dann das Kunstwerk frisch u freudig
in freyen, dem Einzigen hingegebenen Wirken emporsteigt so hoffe ich zu
Gott daß geleitet vom Genius der Menschheit mein Erziehungswerk
frisch froh u freudig aus stillen Wirken zur Einheit hervorsteigen
wird, und so haben Sie in diesen Andeutungen den Stand u die Form
wie den Geist meines jetzigen Wirkens. Darum erfüllen Sie
nun auch Ihre uns u Ihren Pflegesöhnen schon mehrjährig gemachte Hoffnung
und besuchen Sie uns ba[ld] so bald einmal ich hoffe darum Sie werden mein
u unser Leben erfassen u verstehen ich hoffe unser Streben u
Wirken soll nicht stöhrend in das ihrige [sc.: Ihrige] eingreifen so wie ich vom Gegen-
theil versichert bin daß Ihr gütiges Erscheinen mehrseitig wohlthuend
für uns und so wenn ich mir erlauben darf eigensüchtig u egoistig [sc.: egoistisch]
zu Ihnen zu sprechen besonders auch für mich wirken kann. Denn
der Erzieher ist nicht so glückl[ich] wie der Künstler, der Dichter, daß
er die Gestaltung die er lange Jahre tief im verborgenen Gemüthe
trägt u pflegt ich möchte sagen, erzieht, in selb[st]gegebener Vollendeterung
<auch> außer sich zu schauen, da muß er sich dann an den Kunstadel
besonders des Dichters erfrischen ermuthigen und so würde es darum
für mich <Entwöhn?> ein schönes Geschenk seyn, wenn
Gebilde wo die Beachtung der Erzieherwirksamkeit beendet ist wenn Ihre Güte uns dann
in den Stunden mit durch Mittheilung von Gebilden Ihres Geistes u Gemüthes uns erfreuen wollte. Dadurch würde mir ohne Zweifel ein Doppeltes werden
nicht nur ein <meine Erstarkung> d[urc]h <Einwirkung des Geistigen u wissenden Ganzen>, sondern es würde mir auch möglich werden so am Kunstgebilde nicht nur klarer
u sicherer zu werden sondern auch selbst das Eigene Wollen Ihnen
klarer zu machen [Text bricht ab]