Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johann Friedrich Hennicke (= Redaktion "Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen") in Gotha v. 28.11.1830 (Keilhau)


F. an Johann Friedrich Hennicke (= Redaktion "Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen") in Gotha v. 28.11.1830 (Keilhau)
(BN 717, Bl 7-8, datierter Entwurf 1 B 8° 3 S.)

Keilhau am 28en Novbr 1830.


Herrn Legationsrath J. Fr: Hennicke, Redacteur des Allgem: Anzeigers und
der Nationalzeitung der Deutschen - in Gotha.

E.W. können wie es scheint von dem Ihnen unterm 21n v[origen] M[onats] über-
sandten Aufsatz:- "die Menschenerziehung ein gemeinsames einigen-
des Werk aller Deutschen u.s.w." - für Ihre Zeitschrift keinen Gebrauch
machen. Ich für meine Person kann dieß überlassen und überlasse dieß
ganz dem Ermessen u. der Überzeugung derer, welche darüber das Recht d[er] Bestimmung
haben; aber eines, gestehe ich, wundert mich und begreife ich dann nicht:
warum mir unter diesen Umständen meine in jeder Hinsicht ganz einfache
und natürl[iche] Bitte um baldige Zurücksendung des Manuscriptes, nicht nur
nicht so gleich, sondern sogar bis jetzt noch nicht erfüllt wurde; ich wieder-
hole sie daher jetzt und hiermit ergebenst, so wie ich gewisser Erfüllung
derselben entgegen sehe.- Den gedachten Aufsatz E.W. zum Druck in Ihre
Zeitschrift übersenden zu müssen, erkannte ich meinem Lebenssatze:-
"Thue Deine Pflicht alles Andere überlasse dem allweisen, liebenden, allwalten-
den Gott!"- gemäß, als meine Pflicht, durch deren Erfüllung ich aber auch zugleich
auch aller Verantwortung des Nichtgebrauches für die Zukunft ganz entbun-
den bin.-
Nun scheint aber in Beziehung auf den Inhalt dieses Aufsatzes die Frage,
oder vielmehr der Zweifel obzuwalten:- wie aus der in demselben ange-
gebenen und bezeichneten Erzieh- und Lehrweise wirklich die Lösung aller der
Zeitaufgaben in der Zeit u zwar der möglichst nächsten, bestimmt, klar und
mit Sicherheit hervorgehen könne und werde?- Darum erkenne ich es wei-
ter als meine Pflicht, zur Beantwortung dieser Frage und zur Hebung
jenes Zweifels, wenn auch nur andeutungsweise E.W. auszusprechen.-
Keine Vorschläge, kein [Un]tericht, keine Einrichtungen und Anordnungen, keine Volks-
vertretung, keine Öffentlichkeit, selbst keine Verfassungsurkunde rc, rc, kann
etwas wahrhaft, gründlich u[n]d durchgreifend Genügendes, weder dem Einzelnen
noch dem Ganzen und jedem Ganzen bleibend nützen, wenn alles ohne
Ausnahme ist ein neuer Lappen auf ein altes Kleid, oder höchstens,
aber darum um so gefährlicher, junger Wein in alte Schläuche, wenn:
erstlich die rechte und klare Einsicht und Erkenntniß derselben
       und dafür der Menge mangelt, wenn
zweytens die reine, moralische Gesammtkraft zur Ausführung
       d.h. der Nachlebung dem Volke abgeht, und wenn endlich
drittens die genaue Beherrschung Kenntniß, die gewisse Beherr-
       schung und der sichere Gebrauch der dazu nöthigen Mittel
       und Wege dazu der Mehrheit fehlt. /
[7R]
Die Wahrheit dieses Satzes hat die Zeit durch Feuer und durch Blut mit der
Hingabe der höchsten Lebensgüter, ja des Lebens selbst, wahrlich zur Genüge
besiegelt. Wie soll auch die, jetzt im Allgemeinen herrschende oberflächliche
zerstückte und vereinzelnde, der Natur, dem Menschenleben und besonders
der Häuslichkeit und dem ächten Familienleben entfremdete und entfrem-
dende Erzieh- und Unterrichtsweise die neuen Lebensformen, welche
Gründlichkeit und einigende Zusammenfassung fordern,
Zusatz beym Abschreiben: den Geist der reinen Lebensformen
pflegen würdigen
und ertragen können?- Im Gegentheil hat das Menschengeschlecht
in der Verwirklichung und besonders Verallgemeinung einer menschenwür-
digen, einigenden Erziehung, einer Erziehung für Erfassung des Menschen in
der Gesammtheit seines Wesens ud seiner Anlagen, so wie in der und für
die Gesammtheit der Lebensverhältnisse und als Glied seines Volkes u[n]d
der Menschheit - in der Zeit, und durch alle Zeit die sichere Gewähr, d[a]ß
ihm zu und in jeder Zeit das gewiß werden werde; was ihm um sei-
ner Bestimmung gemäß zu leben, zu schaffen ud zu wirken nöthig ist. Glauben
Sie mir hochgeehrtester Herr Legationsrath! in einer zeitgemäßen Menschen[-]
u Volks- (Zusatz beym Abschreiben:- Selbst-) ich möchte sagen Welterziehung
oder genauer bezeichnet in einer Menschenerziehung mit der Weltgeschichte, in
genauer Übereinstimmung mit der jetzigen Gesammt-Weltentwickelung liegt allein
die Ruhe, liegt allein die Gewähr der Ruhe die wir alle suchen, die wir
alle (Zus. b. Abschreiben im Einzelnsten Leben wie im G[an]zleben, in dem häuslichen, Fa-
milienleben, in dem Leben der Liebe wie der Freundschaft u Ehe.) bedürfen;
ich bitte E.W. vergleichen Sie mit dieser Überzeugung alle Vorschläge Ihres
Blattes dieß ist immer der, wenn auch unausgesprochene, ja von dem
Schreiber derselben gar nicht einmal geahnete, aber doch bey der Fort-
und Ausführung immer tief im letzten Hintergrund liegende Grundstein.
Diese Erziehung, so wie das hochwichtige, ja unerläßliche oben angedeu-
tete Drey in Einem aber giebt nun die in dem Aufsatze, wenn auch nur
durch Bezeichung dargelegte Menschenerziehung für die in der Zeit und für
die Zeit möglichste Vollendung. Darum sollten sich die Wohlmeinenden
aller Stände und aller Bild[un]gsstufen, freylich zuerst der Lebenser-
fahrendsten, für die Verwirklichung jener Erziehung vereinen. Ich spre-
che Ihnen meine tiefste Überzeugung aus, daß ich glaube endlich sey
die Zeit nahe, wo die Menschheit, das Menschengeschlecht und vor allem
wir Deutsche ohne Unordnung, ohne Aufruhr, ohne Feuer u Schwerd,
ohne Hader u Zank also ohne Krieg einer stetig fortschreitenden
freudigen Entwickelung und Ausbildung zum Ziel der Menschheit ent-
gegen gehen können,- die Bedingungen liegen in der angedeuteten Er-
ziehung jenes Aufsatzes, daher die Stärke der Überzeugung die
sich in demselben ausspricht, welche aber (eben) darum keines
weges in irgend etwas Äußerlichen und darum Vergänglichen /
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wie es auch Namen und Form haben könne, seinen Grund hat, sondern
nur in der reinen und tief begründeten Wahrheit an sich; erträgt aber
die Zeit die Wahrheit noch nicht, welches nach Ew.W. gänzlichen Schweigen,
die Überzeugung derer zu seyn scheint, in der[e]n Hand die letzte Bestimmung
und Entscheidung des Inhaltes Ihres Blattes liegt, und rühmt sich die Zeit
dessen doch, so mag nun auch diese Zeit die Folgen davon treffen, wenn
die Wahrheit unausgesprochen, ungesagt bleibt, meinen Geist treffen
sie dann nicht, ja es wird ihm ja eben dadurch der Beweis für die
Wahrheit des von ihm erkannten und ausgesprochenen durch eine
(diese) Thatsache gleich in die Hand gegeben und damit kann er
sich (eigentlich wohl richtiger ich mich) als denkender Mensch und als
Geist völlig begnügen; denn weder gegen die Zeit, noch vor der
Zeit wünsche ich etwas hervorzurufen, denn Eines weiß ich durch
alle Zeit u Ewigkeit durch allen Raum und in jeder Zeit: - die
Wahrheit wird die Menschheit, mein Volk, wird mich frey machen: der
Geist der Wahrheit, den uns Gott selbst durch seine Auserwählten
zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, wiederholend und
als einen göttlichen, als Seinen Geist verheißen hat. Amen!
Und darum nun werde ich zwar zur rechten Zeit nicht schweigen; diese
Zeit aber kann ich Einzelner ruhig und still erwarten, ja es wird weder
den Frieden meines Herzens noch die Freudigkeit meines Lebens stöhren,
wenn diese Zeit während der Dauer meines Erdenlebens gar nicht
kommt, da ich ja die Gewißheit (der Erfüllung) aller Gottesverheißung
und so auch der eben einzeln herausgehobenen in der Offenba[run]g - in
der Natur - in der Geschichte, im Leben des Menschen - im Innern wie im Äußern schaue.
Die Wahrheit und die Nothwendigkeit drang die Sprache des Auf-
satzes und die Wahl des Sprechsaales für ihn, gegen eigenes Be-
hagen ab; denn die in deren Hand, Kopf u Herz, das Wohl der Menge
li[e]gt, hören ja nicht, sind gegen die Wahrheit taub und ächt mensch-
licher Gesinnungen los, sie überlassen ja die Menschen wie Kraut ud Kohlköpfe dem Verderben.
Würde der Aufsatz noch irgend einmal gedruckt werden, so könnte
die obenstehende Andeutung zur Beantwortung einer vielleicht allge-
meinen Frage und die angedeutete Lösung eines vielleicht verbreite-
ten Zweifels als Nachschrift zur richtigeren Auffassung des Aufsatzes
noch nach und beigefügt werden, da aber der Aufsatz jetzt - weil wir vielleicht höchstens
nur ein deutsches Publikum, noch aber keine Deutsche als Gesammtheit, wenn auch
einzelne Deutsche, und noch weniger ein deutsches Volk haben,- wie es scheint nicht
gedruckt wird, und Sie besonders für Ihr Blatt keinen Gebrauch davon machen können,
so wiederhole ich das gleich Eingangs dieses ausgesprochene und erwarte ich das Manu-
script als Product meines Geistes und als mein schwer erworbenes Eigenthum mit näch-
ster Post mit Bestimmtheit zurück. Mit ausgezeichneter Hochachtung E.W. ergebener Fr.Fr.