Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Frankfurt am Main v. 20.2.1831 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Frankfurt am Main v. 20.2.1831 (Keilhau)
(BlM III,11, Bl 104-107, Brieforiginal 2 B fol 8 S.)

Keilhau am 20en Febr: 1831.

Der Liebe und Treue herzlichen Gruß zuvor.

Ich will mich nicht dabey aufhalten mich bey Dir zu
rechtfertigen warum ich heut schon wieder Dir schreibe, ich
will dagegen sogleich mit der Sache selbst beginnen, der Grund
dazu die Ursache davon wird sich schon am Ende selbst klar und leben-
dig aussprechen; thäte und thut sie es nicht so würde auch jede
längere oder kürzere Andeutung darüber überflüssig seyn.-
Du hast an dem jüngst verflossenen Fastnachtsfest gewiß unserer
gedacht und Dich gefragt wie es die Knaben wohl gefeyert haben
mögen; auch wir haben Deiner herzlich und dankbar gedacht; höre
nun ob und wie die Knaben, oder vielmehr die Zöglinge die Fastnacht
sich und dem Ganzen zu einem Feste gemacht haben.
Am Montag den Tag vor der Fastnacht ergieng wie gewöhnlich von den
Kleinen frühe an mich die Bitte: - wir wollen morgen etwas auf-
führen!- Ich sagte daß ich nichts dagegen habe, sie möchten sich nur unter
sich namentlich mit den Größeren, besonders Herrn Langethal besprechen daß
es zu einem ordentlichen Ganzen käme.- Albert war ohne daß ich es
besonders beachtet hatte gegenwärtig gewesen und kam später zu mir, mich
fragend wie ich meine das etwas geschehen könne, ob alle zusammen
oder je 2 oder 3 gemeinsam etwas?- Ich stimmte für das erstere doch
mit der bestimmten Erklärung: Gegenstand und Ausführung hinge ganz
von ihnen ab. Albert war in sich für das letztere geneigt, theilte
auch wie ich nachher gehört habe Gegenstand und Plan He. Langethal
Montags Abends mit konnte sich aber mit diesem nicht einen; er gab
in sich selbst nun den Gedanken des Einzelnen auf, faste den des Ge-
meinsamen und arbeitete sogleich in der Nacht bis Morgen 4 Uhr das
Nöthige dazu aus, theilte es wieder Her[r]n La[n]geth[a]l mit welcher nun im
Allgemeinen nicht mehr dagegen sondern nur einzelnes änderte
und selbst für die Ausführung thätig war.
Der Abend erschien und wenigstens von meiner Seite den äußern
Umständen nach ohne alle Erwartung. Um halb 9 Uhr waren wir in dem
Saale versammelt und die Erwartung spannte sich möglichst noch ab
da so wohl L[an]g[e]th[a]l als Albert, wie auch der Augenschein zeigte erklärten
daß sie persönlich bey der Ausführung nicht thätig waren.
L[an]geth[a]l und Albert erschienen jetzt und ordneten so weit als es die Umstände
möglich machten ein Zimmer welches uns in eine sehr frühe alterthüm-
liche deutsche Zeit versetzen sollte. Nach Umständen und wenigstens mög-
licher Andeutung nach erschienen 2 Mädchen und 1 Knabe [(]3 Geschwister[)] (:Ludewika, Hedwig
und Gottlob:) in alterthümlichen Kleider[n] mit entsprechender Handbeschäftigung.
Nach einiger Zeit stiller Arbeit erklärte die älteste: ihr ging heute be-
sonders frisch die Arbeit von der Hand, die jüngere Schwester bestä-
tigte und erklärte dasselbe und beyde fanden gemeinsam der Grund
davon läge in der freudigen Erwartung daß sie morgen nach langer
Abwesenheit ihre vier älteren Brüder wieder sehen sollten. In diese /
[104R]
Bemerkung stimmte der Bruder welcher bisher still aber freudig an Ambrust
und Bolzen gearbeitet hatte mit den frohen Worten ein:
Ja! Morgen, Kinder, wirds was geben
Morgen werden wir uns freun
Welche Wonne, welches Leben wi
Wird in unserm Hause seyn?!-
Morgen!- Morgen!-
Ach, wenn's doch erst morgen wäre!
Ach, wenns doch erst morgen wäre!-
Morgen kommen unsre Brüder wieder!-
Morgen sehn wir unsre Brüder endlich wieder!-
Mit Beendigung dieser Worte trat und noch alle drey Geschwister
lebendig dadurch erregt trat eine Gespielin der beyden Mädchen
(:Emilie aus Eichfeld:) zu denselben; sie bemerkt bald daß ein so er-
höhetes festliches Leben selbst im Äußeren des Hauses durchweg
herrsche und fragt nach der Ursache. Die beyden Schwestern erzählen
dieser Gespielin nun sich abwechselnd glücklich froh das Wort nehmend:
wie morgen ihre vier älteren Brüder nach langer Abwesenheit wieder
in dem älterlichen Hause erwartet würden, die zwey ältesten seyen
als Krieger dem ritterlichen Zuge nach dem gelobten Lande gefolgt, die
beyden jüngeren dagegen haben aus großer Liebe zur Naturpflege, des
Landbaues und vor allem der Gartenkunst große Reisen nach den Land-
sitzen und Gärten besonders der südlichen Länder, des fernen Frankens pp unternommen, um die
ihrer Neigung ihrem gewählten Beruf und künftigen Wirksamkeit nöthigen
Kenntnisse und Erfahrung sich zu sammeln.- Die Gespielin hebt nun her-
vor wie so sehr gefahrvoll doch das Unternehmen aller vier Brüder
sey und daß wenn sie die Schwester derselben gewesen wäre, sie wäh-
rend der ganzen Zeit ihrer langen Abwesenheit nicht würde haben
können ruhig seyn, denn beyden würde sie immer den Tod und die Gefahr an der
Seite gehen gesehen haben, den einen im Kriege, den andern auf den
gefahrvollen Reisen. Die beyden freundi Schwestern erklären nun
der Freundin wie das bey ihnen gar nicht der Fall gewesen sey, sie auch
davon gar nicht die Möglichkeit einsehen: denn die einen lebten und
schaffen ja im ritterlichen Zug und Kampf zur Befreyung des heiligen
Graben [sc.: Grabes] und der heiligen Stadt und heiligen Landes unmittelbar unter
Gottes des Vaters Schutz - die anderen lebten, schafften und wirkten unmittelbar
in inniger Einigung mit der Natur und an der Hand der Mutter Natur
und wer nur in beyden Wegen recht und ganz und so gleichsam seinen
Eltern ganz treu lebe der könne auch gewiß des Schutzes und Seegens
beyder gewiß seyn. Sie hätten ja auch jetzt den Sach- und That beweis
dazu in den Händen: - die beyden ritterlichen Brüder hätten dem Vater Kunde zu
kommen lassen, daß sie bald, daß sie morgenden
Tages eintreffen könnten und würden, und nun habe der Vater auch
an seine beyden jüngeren Söhne die Aufforderung ergehen lassen
welche zwar schon auf der Hinreise begriffen begriffen gewesen waren sich aber
nur noch auf unbestimmte Zeiten auf einen mehrere Tagreise von hier entfernten
Landsitze aufgehalten hatten, die Aufforderung ergehen lassen, morgen /
[105]
gleichfalls hier einzutreffen; auch sey ihm schon die Nachricht geworden
daß die[s] morgen gewiß geschehen werde, und so hätten sie die so freudige
Hoffnung als gewisse Zuversicht: ihr Glaube an die Gesichertheit des mensch-
lichen Lebens und die Klarheit der menschlichen Schicksale, wenn der Mensch
selbst in Einigung mit Gott u Natur lebe werde sich ihnen morgen so schön
als unzweydeutig bewähren. Zum unerwarteten Zusammentreffen der
Brüder und das Finden ihrer sey der Eichenhayn welcher zwischen ihrem Gar-
ten und dem größeren Walde liege bestimmt, weil dort die Brüder sämtlich
ihre schönsten Knabenjahre verlebt hätten und weil die beyden Straßen
auf welchen das doppelte Brüderpaar ins elterliche Haus zurück-
kehren würden sich dort kreutzten. Jetzt hätten sie noch etwas für die
Feyer des morgenden Tages zu ordnen ob ihnen die Freundin wohl da-
bey behülflich seyn wollte; als diese es ihnen freudig bejahete gingen
sie sämtlich ab.- Nun war es also klar, daß wir uns in das Mittel-
alter versetzt sehen und fühlen sollten, welches hohe tiefen religiösen und
Gemüthsglauben mit hohem sinnigen Naturleben zu einen sich bemühete.
- Zwey Ritter (Titus und Gustav) Schilde, Schwerder und jeder eine
türkische Standarte tragend treten auf: sie geben uns zu erkennen
daß sie sich in den schon vorhin bezeichneten Eichenhayn den Spielplatz ihres
Knabens[-] und ersten Jünglingslebens befinden; sie bezeichnen die la[n]ge Zeit
ihrer Abwesenheit durch ihr Bemerken wie groß die Bäume geworden
die sie gepflanzt und wie sehr ihre Namenszüge verwachsen welche sie
in die Buchen geschnitten, sie sehen die Spuren der von ihnen gebauten
Plätze u Bänke und finden die verschönernde Fortbildung ihrer im
elterlichen Hause theils noch ganz klein zurück gelassenen Geschwister
und mahlen sich die Bilder aus wie sie dieselben wohl finden könnten
und würden. Da treten Bruder und Schwester auf einen sich schnell
wendenden Wege auf den Platz wo sich die beyden Ritter befinden die
sie nach einem augenblicklichen Zurückscheuchen als ihre Brüder er-
kennen. Scene des Wiedersehens nach langer Entfernung; doch dem
jüngsten Bruder fällt besonders sogleich die schöne Standarte des
ältesten Bruders (Titus) auf, er fragt was es sey, dringt immer
weiter und weiter in den Bruder um Bescheid, daß sie sich endlich
setzen müssen und er erzählt wie er diese Standarte nach einem so
muthvoll als kräftig ausgeführten Gefechte vor Jerusalem
[-] in welchem er besonders den sichtbaren Schutz u klare Leitung der Vorsehung hervor hebt [-] von
seinem Heerführer erhalten habe. Dieß entflammt des jüngsten
Bruders des Knaben Muth welcher darum auch sogleich ein Schwerd
wenigstens ein von Holz geschnitztes wünscht und den Bruder auf-
fordert ihm eines zu schnitzen, welcher in den Wunsch u die Bitte ein-
geht, wenn er anders das Material dazu haben würde. Um dieß
herbey zu schaffen läuft der jüngste Bruder nach einer Gegend des Hayns
kommt aber bald erschrocken, sein Stück Holz als Schwerd tragend
mit der Anzeige zurück daß er glaube eine bekannte Räuberbande
bemerkt zu haben welche seit längere Zeit die Umgegend unsicher
mache. Da den Rittern nicht möglich wird die jüngeren Geschwister
nach dem Landsitz zurück zu bringen weil von daher die Räuber kommen
so ziehen sich die ritterlichen Brüder mit denselben in das Dickicht des /
[105R]
Waldes zurück und fordern den jü[n]gern Bruder auf im Fall der Noth nur vertrauensvoll dreinzuschlagen.
Der Räuberhauptmann (Johannes) tritt mit seiner Bande
auf. Er vertheilt solche um eine Waarensendung aufzuheben. Einen Bauer der
ihm davon Kunde gegeben und welcher der Gegend kundig ist, sendet er voraus
um Nachricht zu bringen wenn der Zug nahe sey. Dieser Bauer (Friedrich)
kommt bald erschrocken zurück und berichtet wie er zwey Ritter gesehen
habe. Der Räuberhauptmann aber meint die Furcht habe ihn nur ein paar
gemeine Lanzenknechte erblicken lassen und will nun selbst vordringen
als die ritterlichen Brüder den jüngsten schützend in der Mitte, vordringen
und die Räuber nach einem hartnäckigen <aber gnadeerndten> Kampfe jedoch in die Flucht schlagen und nach allen Seiten hin zerstreuen.
Die Ritter holen auch die beyden Schwestern nun erstre ihnen erzählend
wie der jüngste Bruder sich so tapfer gehalten habe und zu diesem
sagend: er könne hier sehen wie alles was man mit Muth und Gott-
vertrauen unternehme gelingen müsse. In diesem Gespräche treten
zwey Wanderer auf sie erzählen wie sie durch Räuber welche zer-
streut geschienen hätten in Furcht gesetzt worden wären und bald klärt
sich es auf daß es die zwey erwarteten jüngeren Brüder, die dem
Landbau und besonders der Gärtnerey obliegenden sind. Scene des
Wiedersehens. Die augenblicklichen Umstände geben ihnen Auffor-
derung und Veranlassung auch ihre Reise kurz zu erzählen, in welcher Er-
zählung sie besonders Thatsachen hervorheben wie gleichsam ein Na-
turgeist ihnen auf ihren Reisen namentlich in den schwierigsten und
gefährlichsten Zeiten - ihnen immer leitend und schützend zur Seite
gegangen sey, was sie auch noch im letzteren Falle andeuten.- Dieß
ne[h]men die Schwestern auf, sagend sie wollten doch nun zu den
Eltern eilen, denn diese würden sich ganz besonders hoch erfreuen
ihren Glauben und ihr Vertrauen in die Leitung Gottes und in die Führung
der Natur so vorzüglich gerechtfertigt zu sehen, und so gehen sie end-
lich ab.-
Nach kurzer Zeit kommen sämtliche 7 Geschwister zurück, sie ziehen
so vorüber als ob sie sich wieder auf den Hauptplatz in dem
Eichenhayn begeben und dort das Fest des Wiedersehens vorbe-
reiten und nach Ankunft der Eltern dort feyern wollten.
Auf dem Platze angekommen kehren sie sich aber schnell um
zur zuschauenden Gesellschaft begrüßen alle Anwesende
als Brüder Schwestern oder Freunde Meine Frau und mich aber
besonders als ihren Vater und Mutter. Diese Wendung war
allen auf das höchste unerwartet, denn kurz vorher war noch
gefragt worden wenn [sc.: wen] sie wohl zu Vater und Mutter erheben
würden. Nachdem sich nun die Anwesenden von dieser so uner-
warteten als freudige Überraschung erholt hatten traten die
beyden Gärtner (Felix und Carl) wieder auf sich zuerst
mit den Worten
An Elisen wendend.
"Ein Himmelsblümelein,
"O wie so zart und fein.
"Dir, Schwester, will ichs geben,
"Weil überall der Himmel ja so nah dem Leben."
       (:Er übergiebt ihr zugleich mit diesen Worten ein Himmelsfahrtsblümchen frisch gefu[n]den) /
[106]
       Sich zu Emilien wendend sagt der Gärtner:
"Dir sey von uns die Myrthe geweiht,
"Die schöne Blume voll freudiger Deutung:
"Sie deute Dir an was das Herz uns erfreut;
"Wir freuen uns der schönen höheren Leitung."
(:Zugleich mit diesen niedergeschriebenen Worten Emilien einen Myrthen-
zweig überreichend:)
Zu Herrn Middendorff und dessen Schwiegermutter wenden sich beyde
Gärtner abwechselnd
Erster Gärtner zu Middendorff: "Dieß Immergrün sey Dir von mir["]
Zweyter Gärtner zur Schwägerin: "Das Gänseblümchen bringen wir Dir["]
Erster Gärtner zu Middendorff[:] "Es ist ein Bild von ewig jungen Leben["]
Zweyter Gärtner zur Schwägerin: "Fast stets sind wir von ihm umgeben,
Und doch erfreut sein liebes Bild
Uns stets das Herz den Sinn so mild.["]
(:Die Schwägerin empfängt diese Worte geschrieben mit einem Maaßliebchen
Du erinnerst Dich doch daß dieses schöne Strahlenblümchen ein Sinnbild
unseres höheren geeinten Familienleben ist?-)
Middendorff empfängt dieselben Worte mit einem Zweig von Sinngrün
Nun wenden sich die Gärtner zu meiner Frau und mir:
Erster Gärtner (Felix) spricht:        Ihr einet das Leben und Streben,
Drum sey Euch von uns auch gegeben
Was jedes hier von uns <empfahn>
Nehmt freundlich hier von uns es an.
(Der erste Gärtner übergiebt mir diese Worte geschrieben[)]
(Der zweyte Gärtner übergiebt der Frau ein Sträuschen: aus Myrthe - Sinngrün
HimmelfahrtsBlümchen u Maaßliebchen:)
Wie die Gärtner zurück treten, treten die beyden Ritter auf.
Der Erste Ritter (Titus) spricht: "Auch wir erscheinen hier
"Zu bringen eine Gabe Dir.
"Zwar scheint sie arm und klein
"Doch birgt sie in sich fein
"Ein Kleinod sonder Gleichen.
"Es zog uns fort nach Osten's Au'n
"Dort zu ringen mit Todesgrau'n
"Um zu erkämpfen das heilg'e Grab, die heilge Stadt
"Um zu bereiten den Frommen ein' freye Statt.
"Es wirkt es sieget überall
"Führt durch das Leben durchs Todesthal
"Es wirkt auch hier in unserer Mitte
"Schafft neu das Leben, neu die Sitte:
         den Schild des Glaubens
"Wir bringen ihn Dir
"Für Alle hier.
Der zweyte Ritter (Gustav[)] übergiebt mir ein Schild mit goldenem
Kreuz auf himmelblauem Grunde. [*Zeichnung des Schildes*] /
[106R]
Der jüngste Bruder tritt zu mir sagend: Vater laß Dir doch etwas aus
dem Kriege erzählen!-
Erster Ritter: will's Dir lieber zeigen:
(:Beyde Brüder bilden die Gruppe eines besiegten und um Gna-
de flehenden Sarazenen und eines ihm das Leben schenkenden
Ritters:)
Zweyter Ritter sich zu mir wendend: Laß uns spielen: "Der
Meister ist nicht zu Haus" und sey Du unser Meister; So
wand sich Darstellung zum allgemeinen Spiele.
Einige Zeit wurde nun gespielt der Meister, oder König ist nicht zu
Haus;- Dann es geht ein böses Ding herum; woran dann
alles Antheil nahm.- Dann den dritten Mann abschlagen.-
Und zuletzt:- Barop wo bist Du?- Denn Du weist doch daß
nun Deine sechs Wochen Urlaub längst abgelaufen sind?- Und ich soll
tag täglich Rechenschaft geben ob Du bald wieder kommst wenigstens
wann?- Da sich aber an diesem Abend kein Barop finden lassen
wollte ging alles still und seiner freundlich gedenkend zu Bette.
Meinend die morgende Morgensonne könnte ihn vielleicht mit-
bringen. Als die aus dem untern Hause heimzogen schauten
ein Paar Augen sogar nach Westen als könne von dorther und dort
ihre Sonne aufgehen. Nun da jeder Mensch seine Meinung hat,
so hat auch vielleicht jeder seine eignen Sternen- und Sonnenkunde
Ganz so war das Ende unseres Fastnachtsfestes ohne und mit Barop.
Nun noch ein Paar Randglossen dazu oder etwas Text zu den Nothen.
Es wird Dir bey dieser auch ganz einfachen Darstellung des Fest-
spieles gewiß nicht entgangen seyn wie das ganze ein Nachspiel-
oder Nach- und Forthall, oder wenn Du lieber willst eine Fortent-
wicklung und Fortrankung des Weyhefestes der Familie war. Es
wird Dir entweder schon entgegen getreten seyn, oder Du wirst es doch
wenigstens nach Heraushebung bestätigt finden, wie das, was zuerst
nur von mir zu dem kleinen Kinde, meinem Großneffen ganz
allein gedacht und empfunden war, wie es zu erst die Eltern, dann
die Großeltern, dann deren ganze Familie endlich auch uns im soge-
nannten obern Hause umschlang und nun sogar schon freywirkend
und selbstthätig die Zöglingswelt erfaßte eine Knaben[-] und Jüng-
lingswelt die früher oder später nach allen 4 Winden zer-
streut wird, die aber demohngeachtet ihr Jugendleben in sich fest-
halten und einst im späteren männlichen Leben streben wird es
selbstthätig verschönt in erhöhterer Wirksamkeit außer sich
und um sich im selbstgeschaffenen Kreise darzustellen. Wenn
ich uns alle zusammen und ganz Keilhau d.h. unsere Veranstal-
tung für reine Menschenerziehung als eine Person nehme, so
siehst Du dadurch nicht nur die Möglichkeit sondern sogar den
Weg und die Art der Fortentwicklung menschheitlicher Bestrebungen[.]
- Man braucht nur etwas vollkommen und in sich klar zu seyn,
so ist dadurch auch die Fortentwicklung und Fortbildung nothwen-
dig gegeben.- Nun aber noch ein anderes uns zwar nicht höhers /
[107]
uns zunächst näher liegendes. Ich hab gewiß auch in unseren früheren
Mittheilungen schon oft hervorgehoben: - daß der Mensch wie zu Zeiten
Jesu eine Aussöhnung und Einigung mit Gott, so die Menschheit jetzt eine
Aussöhnung und Einigung mit der Natur bedürfe. Irre ich nicht, so ist ja
dieser Gedanke sogar in meiner jüngsten noch ungedruckten Abhandlung aus-
gesprochen worden; doch dem sey wie ihm wolle dieß thut hier nichts zur
Sache, genug seyt dem Tauftage ist dieser Gegenstand zwischen mir
und dem Bruder und zwischen mir und den andern Gliedern des sogenannten
untern Hauses zum öftern zur Sprache gekommen. "Einigung des Menschen
der Menschheit mit Gott und Natur das ist das Bedürfniß, die Forderung der
Charakter der jetzigen Zeit: Religion und Natur im innig einigen Bunde.["]
Auf eine merkwürdige Weise trat nun dieser, eben den Abend vorher
im untern Hause ausgesprochene Gedanke, an welchem sich noch andere
anknüpfte[n] was ich bald erwähnen werde - hier im Spiel gestaltet
vor die Augen. Es war als sey dieses Spiel die Ausführung und Dar-
stellung meines Gedankens, und doch wußte ich rein gar nichts vom
Ganzen weßhalb ich Dir so weitläufig erzählte wie sich das Ganze
äußerlich gestaltet habe. Ich sahe also nach meiner Ansicht darinnen
eine Bestätigung wie jene Forderung "Natur u Religion in Einigung!"
also wirklich lebendig selbst in der jüngeren Menschen Brust und so all-
gemein jetzt im Menschen lebe pp. In dem Glaubensschild wirst Du
eine sehr nahe liegende und nothwendige Steigerung des Lebensschildes
in dem Feste der Weihe finden.- Auch erinnerst Du Dich wohl daß ich
in meinen letzten Mittheilungen an Dich den Ausdruck gebrauchte
"Eine Freystatt reines Menschen- und Menschheitslebens zu schaffen."
Diesen Gedanken und Ausdruck findest Du in den Worten der Ritter
wieder. Dieses Zusammentreffen war es was mich zuerst auf
den Entschluß brachte Dir auch dieß Fest mitzutheilen. Doch Du
kannst vielleicht als noch wichtigere Zugabe noch anderen Ge-
brauch machen, der Dir darum völlig frey gegeben ist. Zu diesem
weiteren und vielleicht noch wichtigeren Gebrauch noch einige An-
deutungen und Materialien. An das Aussprechen meiner Über-
zeugung wie Einigung des Menschen, der Menschheit mit Gott u Natur, die
jetzt zu erreichende Entwicklungsstufe der Menschen sey, schloß
ich zugleich die Familienbemerkung an, irre ich nicht auch Dir schon
einmal mitgetheilt: - daß in meiner Familie die Einigung das
Natur- und Religionsleben wirklich eint indem die ganze Reihe
der Ahnen Mütterlicher Seite bis zur Reformation hinauf Land-
geistliche gewesen sind, dagegen die Ahnen väterlicher Seits bis ins
16n Jahrhundert immer Bauern (ein Förster eingeschlossen). Tags darauf fiel
von mir ein Blick auf Deine Elterfordern, welche gerad das
Gegentheil zeigen die Väterlichen Ahnen bis zur Reformation sind
Geistliche und die Mütterlichen weit hinauf sind Landwirthe Bauern
so daß sich beyde Stammbäume der Fröbelsche u Baropsche entge-
gengesetzt d.h. polarisch ausgleichend sind, gleichsam wie
zwey Hände die sich einander zu einem Bunde reichen, so eint
selbst Middendorff durch seine Geburt u seinen früheren Beruf beyde /
[107R]
Seiten Religion und Natur. Mich dünkt von hier aus müßte
und könnte es nun einen Punkt geben von wo aus Du Dich
mit Deiner Familie und ganz namentlich Deiner Mutter verständigen
könntest, oder wie Du Dich ausdrückst der Punkt, der Keim finden
der ungesehen und gleichsam unbewußt zu pflegen sey um sie nicht
allein zu Dir, sondern überhaupt wahrhaft empor zu heben; ich mei[-]
ne ganz einfach so: In jeder Familie ruht als diese bestimmte ge-
schiedene selbstständige Familie, auch ein bestimmter, geschiedener
selbstständiger Grundzug, Grundneigung, Grundstreben; also auch in
Deiner Mutter Familie Elterlicher Seite. Jedes Glied irgend einer
Familie als Glied einer bestimmten Familie sucht diesen Grundzug
Grundneigung, Grundcharakter festzuhalten und auszubilden; so
etwas dieser Art muß sich nun entweder schon bey Deiner Mutter
finden oder sich doch bey ihr entwickeln und pflegen lassen.- Jeder
geschiedene selbstständige Grundzug einer Menschenfamilie ist aber
eben darum ein menschheitlicher, und deßhalb muß sich auch aus
und an ihm menschheitliches Interresse finden und entwickeln las-
sen, wenigstens muß es uns als Glieder dieser bestimmten Familie
von diesem allgemeinen Familiencharakter und Grundzuge aus mög-
lich werden andere Glieder derselben Familie, eben weil sie mit
uns Glieder derselben Familie sind - auch für die Grundforderung, den
Grundcharakter unserer Person und Lebens sie geneigt zu machen.
Ich finde zwar jetzt selbst nur ein unglaublich langsames Wir-
ken des Handelns nach diesen Grundsätzen, aber es wirkt
doch, wenn auch noch so langsam, und dann sehe ich keinen an-
dern wenigstens sichern u gewissen Weg. Deine Großmutter
mütterlicher Seite soll nun wenn ich anders recht gehört habe
eine sehr klare, feste und bestimmte aber auch menschlich und
fühlend eingehende Frau gewesen seyn. Ist von dieser Seite
her kein Punkt in Deiner Familie welcher zu ihrer Freude
still in ihnen zu pflegen wäre, und in welchen Du wieder Dein
Leben finden, wenigstens Dein Leben daran anknüpfen könntest.
Weiter habe ich Dir jetzt nichts zu sagen.- Die von den Knaben
gesprochenen Worte sind fast alle unverändert von Albert.
Nur in den Worten welche die Ritter sprach[e]n und gaben hat La[n]ge-
thal
etwas geändert doch ist der einfache Hauptgedanke und
die Bezeichung des Schildes als Glaubensschild von Albert.
Schreibe nun doch ja auf das baldigste, es stehe auch alles
wie es stehe, denn bedenke nun schon über vier Wochen ist es
daß wir keinen Brief von Dir empfa[n]gen haben. Hast Du noch
nicht geschrieben so laß doch ja mit umgehender Post nur ein
Paar Worte von Dir sehen.- Hier ist alles wohl.- Wilhelm
Fröbel
arbeitet mit großem Fleiße an seinen Arbeiten zum
Abgangs Examen.- Sein Pathe und Namens Bruder der kleine
Wilhelm Middendorff entwickelt sich auf das freudigste und be-
merkbarste. Alles ersehnt Nachricht von Dir und noch mehr
ersehnt alles besonders die Knaben Dich baldigst zurück. Dein
FrFr.