Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 25.3.1831 (Keilhau)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 25.3.1831 (Keilhau)
(KN 26,33, dat. Brieforiginal 3 B 4° 12 S., ed. H V, 226-236. - Der am Schluß erwähnte beiliegende Brief für Barop ist offenbar verschollen.)

Keilhau bey Rudolstadt am 25n März 1831.

Ihrer Hochwohlgeboren der Frau von Holzhausen auf der Öde bey Frankf a/M.
Gnädige Frau.

Noch bin ich Ihnen seit länger als drittehalb Jahren einen Doppeldank schuldig: - einen
herzlichen Dank für die dortmalige freundliche und achtende Aufnahme meines Freundes
und Neffen Middendorff, - einen innigen Dank für das so schöne als sinn- und seelenvolle
Kunstblatt welches Ihre Güte mir durch denselben überschickte; und dennoch sind mei-
ne ersten Zeilen an Sie gnädige Frau schon wieder eine Bitte, eine Bitte um gleiche
gütige Nachsicht und Gewährung wenn sich ein zweyter meiner Freunde in diesen Tagen
wieder die Erlaubniß von Ihnen erbitten wird auf einer gleichen Durchreise durch Frkf.
bey Ihnen vor[-] und einsprechen zu dürfen um Ihrer mir dortmals bewiesenen bleibenden
Theilnahme an meinem Leben und Wirken mündlich die Kunde von demselben zu bringen
durch welche sich Ihnen sämtlich die Versicherung meiner allseitigen Lebenstreue unzwey-
deutig aussprechen könne.- Dieser mein Freund ist Barop aus Dortmund
mir nicht nur durch das äußere Leben verwandt und verbunden, indem er der Neffe
des Ihnen persönlich bekannten Middendorffs und seit Kurzem der Verlobte der
mittleren Tochter meines geliebtesten, mein Leben und Streben ganz theilenden Bru-
ders, der nächst jüngeren Schwester von Middendorffs Frau ist, sondern bey weitem
mehr noch und mir innig verbunden und geeint durch seine hohe Geistes und Herzens-
Verwandtschaft mit mir. Ja, Barop ist unter allen Männern die bis jetzt mir das Leben
bekannt gemacht hat derjenige, den ich im Ganzen als den mir am meisten Geistes-
Herzens- und Lebens-verwandt erkennen muß; deßhalb leugne ich nicht, daß es mich
sehr, daß es mich innig freuen würde, wenn ihm sein Wunsch gewährt werden, wenn
er Sie gnädige Frau und die theuren Ihrigen sprechen sollte.
Barop mag jetzt wohl ins achte Jahr mit mir und meinem Wirken als thätigstes
Glied und stets treuer Mitarbeiter verbunden seyn; zwar mit mancherley Unter-
brechungen, welche aber nur immer zu größerer und innigerer Einigung führten,
wenn ich Vermehrung der Einigung nennen darf und kann was eigentlich nur
größere Klärung und bestimmteres Bewußwerden derselben war; so daß ich
in größter Strenge und Ausdehnung sagen kann, daß ohngeachtet eines so viel- /
[1R]
jährigen innigen alle Lebenserscheinungen und Schicksale theilenden Zusammenlebens und
Wirkens doch nie etwas Trennendes und Fremdartiges zwischen uns getreten ist. Er
wird Ihnen selbst, wenn die Aufforderung dazu aus dem Ganzen hervorgehen sollte jede
Auskunft über unser gegenseitiges und gemeinsames und besonders auch über sein
innerstes geheimstes mir selbst im Worte und als Äußerung von ihm ganz unbekann-
tes Stehen zu mir geben; er selbst wird Ihnen gern wenn Sie im Gespräche darauf
kommen wollen, da er so männlich klar als wahr und offen ist, Kunde geben, ob das
was ich in seinem und unserm Leben, Geist und Gemüthe lese und als gelesen habend
hier ausgesprochen habe oder im Verfolge dieses Briefes noch aussprechen werde, wirklich
gegründet ist.
Wenn ich es über mich gewinnen konnte, so mehrere Jahre hindurch den oft so lebendig
als tief empfundenen in klarem Worte gedachten Dank für Ihre und der übrigen mir so hoch-
achtbaren Glieder Ihres Hauses fortgehende beachtende Theilnahme an meinem Leben -
in mich zu verschließen ja mit kräftigen [sc. kräftigem] Willen und Bestimmtheit zurück zu halten,
wenn er wiederkehrend sich schriftlich aussprechen wollte, so ist der Hauptgrund der, daß
ich nach den vieljährigsten schmerzlichsten und traurigsten Erfahrungen einsehe, wie so ungeheu-
er (:ich wähle mit Bedacht dieses Beywort:) schwer es ist, ja fast unmöglich es ist, ein einmal
gestöhrtes, getrübtes oder wohl gar getrenntes Vertrauen und Gemüths- und Lebenseinigung
durchs erklärende Wort und wohl gar durch das geschriebene wieder herzustellen, daß im
Gegentheil die Schwierigkeiten und Hindernisse der Ausgleichung, die Mißverständnisse dieser Be-
mühungen im Fortgang dieser Bemühungen sich nur noch mehr häufen. Darum habe ich seit
längerer Zeit nun, da wo sich Mißverständnisse in mir wichtige Lebensverhältnisse ein-
drängen und eingedrängt haben die sich nicht gleich bey dem ersten Versuche der Lösung durchs
Wort, heben, das Streben ja auch nur den Versuch aufgegeben, dieß durch fortgehende Wort-
mittheilungen und Erörterungen zu bewirken, weil sogar die Schwierigkeiten der Ausgleichung
in dem Maß steigen in welchen sich die Verständigung bezweckenden Worte mehren; ich wähle dagegen nun
denn [sc.: den] zwar ungleich längeren, oft wohl gar über dieses Leben hinaus, aber doch gewiß
zu irgend einer Zeit sicher zum Ziele führenden Weg, den des stillen sicheren Handelns, der
ruhigen, festen That und ich habe nun den hohen Lohn, daß sich doch schon eines oder das andere
Mißverständniß gelöset manche Trennung gehoben hat und manches andere auf dem Wege der
Lösung und der Einigung begriffen ist.
Deßhalb ist es mir jetzt, wenn sich mir höhere Lebens- Geistes- und Gemüthsverbande neu /
[2]
anknüpfen höchste Sorge mir die erste, die leiseste Trübung und Störung zu vermeiden
und sie, ist sie dennoch eingetreten, wenn es nöthig wäre mit den augenblicklich
größten und schmerzlichsten Opfern, zu beseitigen; und darum meine erste Forderung
und Bitte an alle die sich unter sich für höhere Lebenszwecke oder mit meinem Leben
und Streben einen: "Hütet euch so viel nur irgend möglich vor der ersten Störung und
Trübung aber doch gewiß vor der ersten Trennung: denn das Leben reiner, edler Men-
schen auf der ersten Stufe ihres Bewußtwerdens und der ersten Stufe der Gemüthseinigung ist
wie Glas, die unbeachtete unbewachte leiseste Trennung ist gleich einem Sprung im
Krystall es ist für die Fortsetzung keine Grenze bis der Sprung, die Trennung vollendet
ist, soll die Einigung im Glas gänzlich wieder hergestellt werden, muß es von neuem
in Feuergluth zur Einigung geschmolzen werden. Auch die kleinste unbeachteten und
unbewachten sich ins Leben eingedrängten Spaltungen ruhen nicht eher bis an und bey
der Lebenstrennung selbst; wünscht ersehnt man dann von neuem des Lebens innige Ei-
nigung ist das Verhältniß dazu wichtig genug, so muß es nothwendig wieder in des
Lebensfeuergluth zur Einigung geschmolzen werden.["]
Doch auch hier habe ich in den in seinen seeligen Folgen unberechenbaren Lohn, ich darf sagen,
das beseeligende Bewußtseyn daß es einige Wenige - vielleicht sind es deren aber
doch auch in sich mehr als ich selbst meine, denn des Lebens, Gemüthes und Geistes Selbst-
wahrnehmungen lasse ich und achte ich als unentschleyertes Heiligthum wenn sie sich mir nicht
gern und willig kund thun - daß also doch sicher es einige sind welche den warnenden
Ruf des treuesten, sorgenden Gemüthes Gehör gegeben und sich seit dem ersten Augenblick
der geistigen Einigung vor Trennung gehütet im Gegentheil dieselbe vertrauens- und glau-
bensvoll bewahrt haben.
Ich weiß so nun aus wirklicher thatsächlicher und vieljähriger bis zur Klarheit des
Bewußtseyns und zu fortgehenden Folgen sich erhobenen Lebenserfahrung: - es ist möglich,
des Geistes und Gemüthes ursprüngliche und erste Lebensneigung ohne die kalte Nacht
der Trennung zu durchlaufen zum Bewußtseyn und in und mit diesem zur reinsten und
fruchten[d]sten Entwicklung [zu] erheben. Diese Thatsache gehört zu den höchsten und seegens-
reichsten meiner Lebenserfahrungen, und bleibend wird der Seegen auf denen ruhen durch
welche diese Erfahrung ins Leben trat, und Seegen wird von ihnen, der Seegen wird
gewiß von ihnen sich auf Andere übertragen; daß auch Andere nun, da jene Thatsache
nun mehrmal schon in der Wirklichkeit erschienen und im und vom Bewußtseyn aufgenommen worden ist /
[2R]
ist, - die gleiche Erfahrung machen können.
Zu jenen Wenigen nun zähle ich auch den Barop, den ich deßhalb auch nur mit
einigen noch, in der ächten und innersten Bedeutung des Wortes - Freund nenne.
Geht nun die Hoffnung, die er mir so eben schriftlich macht, bey einer jetzigen Durchreise
durch Frkf. bey Ihnen gnädige Frau vorzusprechen in Erfüllung, so prüfen Sie dann selbst
ob ich so eben wahr und recht zu Ihnen gesprochen habe. Weil mir nun aber dieser
Gegenstand und [diese] Thatsache zu den wichtigsten des Lebens gehört, deßhalb erlaubte ich
mir, so ausführlich über denselben hier zu Ihnen zu sprechen.
Prüfen Sie denn durch ihn ferner ob, - so fast ununterbrochen ich auch bisher - bis
auf nur sehr Wenige - in meiner Rede und That fast nur verkannt, mindestens miß-
verstanden wurde - ob ich durchweg in Gegenstand und Richtung, im Wollen meinem
ersten Streben treu geblieben bin und nun bey klarem Bewußtseyn stets treu blei-
ben werde. Ich möchte wohl, ich läugne es gar nicht, und es wäre wohl auch die Mög-
lichkeit, daß auch schon aus diesen wenigen Mittheilungen, verbunden mit der Gesammt-
heit meiner Lebensäußerungen Ihnen die Ahnung, ja die Gewißheit hervorgehen möchte
daß ich meinem ersten Streben ewig treu bleiben werde und sollte selbst das eigene
Leben darüber brechen, dem Gegenstande und der Richtung des Strebens:- nur der
Pflege der (reinen) Menschheit des (reinen) Göttlichen im Menschen, dessen, was ja nur
eigentlich Mensch und der Mensch selbst ist, (:alles andere ist ja nur Schatten, Schemen:)
durch Entwicklung zu leben, dem Streben:- das höhere, das ächt menschliche Leben,
das rein göttliche Leben im Menschen durch Entwicklung zur Erscheinung zu gestalten[.]
Ich weiß recht gut, es ist dieß, den Menschen als Erdner betrachtet und auf seiner jetzt er-
rungenen Stufe des Bewußtseyns und der seiner jetzigen Gesammtentwicklung genommen,
das größte, das riesigste aller menschlichen Unternehmungen; denn der Mensch der dieß
unternimmt muß Alles und alle Güter der Erde und des Daseyns, worunter das Leben
als solches selbst das allgeringste ist, als Preis einsetzen; ja nicht der allein, der es
unternimmt, sondern auch die die es vertrauend mit ihm zugleich unternehmen, auch
diese müssen mit ihm das Gleiche einsetzen, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß
ehe die äußeren Güter der ihm Vertrauenden schwinden, zuerst und vorher alles Äußere
ja selbst das Leben dessen schwindet, dem Vertrauet wurde und daß gerad in und durch den
äußern Untergang und der Vernichtung dieses, dem Leben jener Stärkung Nahrung
Erhebung wird, wie z.B. in der Natur dem auf dem glatten Krystall vertrauend sich ange- /
[3]
setzten kleinen Moospunkt dadurch daß die Festgestalt des Steines zerfällt. Nun geht aber
gewiß das Leben in beyden auf, denn es bedarf für Sie keiner Hervorhebung, daß ein
solches Leben und Streben nur in dem festesten Gottvertrauen in dem lebendigsten Gott-
glauben seinen Grund haben kann.
Je tiefer ich die Wahrheit des so eben Ausgesprochenen empfinde und je klarer ich sie erkenne
indem ich die Thatsachen durch welche sie sich bestätiget täglich im Leben vor Augen sehe,
um so mehr ist und wird es mir größte Sorge jenes hohe Streben, jenes Streben nach
dem Höchsten Niemandem mehr zuzumuthen, noch weniger aber von Jemanden zu fordern
welcher die Aufforderung dazu nicht in sich selbst findet, nicht in sich selbst die Kraft zu den
Verzichtleistungen und Entsagungen findet die dasselbe unausweichbar fordert. Ich ma-
che darum den Kreis die ein solches höheres Leben und höchstes Streben als das ihrige
erkennen jetzt so klein als möglich und lasse willig jeden aus demselben scheiden
der sich von einem solchen Leben und Streben als ihm zu schwer selbst trennt. Denn un-
merklich, sogar individuell verschieden sind die Stufen und Formen der Auffassung, Ent-
wicklung und Darlebung des Höchsten; und nach Maaßgabe der Art und des Grades
der Verzichtleistungen ist auch die Art, Form und Stufe des in - sich - Findens, des Darstellens
und Auffassens des höheren Lebens und der Einigung dafür verschieden. Wer also mit einer
untergeordneten Art, Form oder Stufe der Erkenntniß und Darlebung des Höchsten d.i[.] des
Gottglaubens und Gottvertrauens sich genügt, in sich zufrieden ist, dem darf eine höhere
Entsagung und Verzichtleistung, wenn auch zur Ahnung höherer Gotteinigung höchstens
einmal angemuthet, aber nie von ihm gefordert noch weniger er dazu auf irgend
eine Weise genöthigt und gezwungen werden, so namenlose und unendliche Güter
auch die höhere und höchste Entsagung dem Strebenden, dem Menschen immer gewähren
mögen. Denn der Geist wie das Gemüth des Menschen haben ihre Entwicklungsstufen
wie die Sinne des Menschen selbst, und wie man nicht jedem zumuthen kann, daß er das
Göttliche in einer Raphaelischen Madonna und [in einem] Müllerschen Johannes oder in einer
Beethovenschen Sonate rc oder wohl gar in dem kleinsten und unbedeutendsten Naturgebilde
finden soll, also kann auch die Vorführung oder die Aufforderung zur Beachtung
eines höheren Lebens Niemanden fruchten, dessen Geistige Augen und Ohren, dessen
geistigere Sinne dafür noch nicht entwickelt sind; die höchste Lebensmusik wird sonst
ein Lebensgeräusch und Lebensleer, wie das höchste Lebenslicht erblinden d.i.
Nichts sehend machen kann. Es muß darum genügen und selbst dem Einzelstrebend[en] /
[3R]
nicht allein genügen, sondern ihm [sc.: ihn] sogar als einzelstehend, dennoch zum entsagendsten
Weiterstreben auffordern nur einzusehen zu welcher Stufe der innern Lebensentwicklung
der Entwicklung des Göttlichen im Menschen, d.i. des eigentlichen Menschen selbst und so
zur Gotteinigung sich der Mensch und die Menschheit erheben kann, so gewiß erheben
wird als ein einiger Gottesgeist der in Allem und durch alles wirkt was dem [sc.: den]
Menschen umgiebt und was auf ihn einwirkt.- Nicht aus der Größe und Vielheit
entwickelt sich die Einheit und die Einigung des höheren Lebens, nicht durch die Größe
und Vielheit pflanzt sich höheres und das höchste, Gotteiniges Leben fort, sondern
aus dem Kleinsten und Einzigen in sich einigen. Nur aus dem Einigen in sich und mit dem
Geiste der stummen Gotteswelt geht dem Menschen Gotteinigung - zu welcher sich
jede ächte Religion erheben soll und wird - hervor. Und so ist denn auch mir nun
alles gewährt worden und gestaltet und zeigt sich mir täglich immer mehr in höherem
Lichte und reinerem Leben was mein Gemüth und Geist in dem frühesten Knaben- und
Jünglingsalter ahnete und ich durch alle Irren und Wirrwege erstrebte und suchte:-
das Schauen der Einheit in aller Mannigfaltigkeit, Vielheit und Allheit - des Innersten
in dem Äußersten, - des Bleibenden, Ewigen in allen Vergänglichen und Zeitlichen -
des Seyns in allem Schein, - des Lebens in allem Tod!- Doch nicht das Schauen allein
denn was ist Schauen des Lebens, ohne das Leben des Lebens selbst! - nein! Leben in der
Einheit und Einigung, also mit eins, mit Gott, Seinem Geiste seiner Liebe in Allem
und durch Alles.
Wie Natur und Geschichte und deren Erscheinung, so liegt mein Leben in seinen Erschei-
nungen und seinem Geiste mir klar vor;- Wie das Streben aller ächten Religionen,
das religiöse Streben der ganzen Menschheit, liegt das Streben meines Gemüthes und
Geistes nun klar vor mir, und - wie es nur Eine Klarheit des Gottesschauens nur
Ein Leben der Gotteinigung (wenn auch in vielen Farben und Strahlenbrechungen des ei-
nen Lichtes und der einen Wärme) giebt, so ist auch der ewig gesuchte Friede, die stets geah-
nete Freude und so Heil und Seegen das Eigenthum meines Gemüthes, Geistes und
Lebens geworden, und ich bin gewiß: aus dem Frieden und der Freude, dem Heile
und dem Seegen auch nur Eines Menschen Leben, Gemüthes und Geistes können
und werden sich alle diesen ewigen und unveränderlichen Güter auf dem Wege
der stillen und sinnigen Entwicklung des Göttlichen in allen Dingen und Erschein-
ungen des Lebens, einst allen Menschen, ja der ganzen Menschheit mittheilen, und /
[4]
und so werden sich einst alle Menschen zunächst auf den drey Stufen des Menschenlebens:
- des Thuns, der That, der Erscheinung - der Empfindung und des Gemüthes - des Erkennens, Denkens
und des Geistes, ja auf der alles Dreyes einenden Stufe ächten Menschheits- und Seelen-
lebens zur Gotteinigung erheben. Denn ich erkenne und schaue, ich empfinde unmit-
telbar in dem Leben und Wirken der Natur (ja selbst in den ungestörten und unge-
trübten Geistes- und Gemüthsentwicklungen des Menschen selbst, die sich wie in der
Natur durch Gesetze (:Mathematik:) durch Form und Gestalt (:Kunst und Sprache:) und in
den Wechselverhältnissen der Natur, wie in den Verhältnissen und Erscheinungen des Men-
schenlebens) eine stets fortgehende, stille aber lebendige Gottesoffenbarung; so daß
ich also den Menschen nur von That- und Sachoffenbarungen Gottes umgeben finde.
Da aber die Natur die treueste Gottes Tochter ist, so ist die Naturbetrachtung (Hand
in Hand mit der Mathematik als der reinsten, strengsten und einfachsten Geistes-
erscheinung) die wichtigste zum Schauen Gottes selbst im Leben des Menschen. Deß-
halb ist mein höchstes äußeres Streben die Natur gleichsam aus einer todten oder
Fremdsprache in die Lebsprache, in die Sprache des Menschen zu übersetzen; gleichsam
eine zweyte aber höhere Bibelübersetzung, die Übersetzung der unmittelbar von Gott
selbst geschriebenen Naturbibel zu bewirken. Eine Übersetzung nicht aus und durch wech-
selnde Ahnungen und Empfindungen, sondern nach bleibenden, unzweydeutigen, sicheren,
zu jedem Menschen gleich redenden Gesetzen, in eine wenn auch zu allen Menschen
gleiches doch in und auf verschiedenen Stufen der Einsicht redende Sprache zu übersetzen.
Dieß, die Übersetzung der Naturbibel ist jedoch gleichsam nur die Vorarbeit die Vor-
bibel zur Übersetzung der bey weitem schwierigeren der Lebens- und Empfindungs[-]
der Geschichts- und Schicksalsbibel der Menschheit und des Einzelmenschen selbst.
Ja des Menschenerziehers und zugleich als Menschenlehrers Grund- oder eigentlich nur
einziges Geschäfte ist in allem was er lehrt nur die Übersetzung, das Lesen der Gottoffen-
barung in allen That- Sach und Verhältnißoffenbarungen der Natur und des Lebens zu lehren,
so wie sein Geschäft als Erzieher dagegen es nur ist: die Natur und das Leben als Sach- und
Thatoffenbarung ahnen und erkennen zu machen allem zuvor aber das Menschenleben
selbst in Thun und Hande[l]n, Empfinden und Denken wieder zu einer reinen Gottoffenbarung
zum Einklang zu mit der großen allgemeinen zu erheben d.h. von jedem willkührlichen
Eingriff zu entfernen und so also nicht mehr Leben und Verhältnisse zu machen, son-
dern sie nach ewigen Gottesgesetzen sich entwickeln zu lassen, diese Gesetze mit freyer /
[4R]
Selbstwahl d.i. aus Liebe zu dem höchsten, dem Reinsten und Besten zu den seinigen zu
machen, damit sich des Menschen Glau Ahnen und Glauben zum ächten Schauen, sein Leben
zur Heiligkeit und Seeligkeit, sein Thun zum Seegen wieder erhebe und sein Zustand
in Friede und Freude löse.
Hiernach nun gnädige Frau, kann es ewig mein und aller derer die sich die Meinen
nenne[n], die sich als die Meinen bewähren, Streben nicht seyn irgend Jemanden je
- wie Sie vor einigen Jahren fürchtend zu meinem Hr: Middendorff äußerten -
seinen Glauben zu nehmen, und sey es der einfachste Köhlerglaube, sondern mein
festes klares, lebendiges Streben geht, da jedes ächte Leben vom Glauben und Ver-
trauen ausgeht - dahin, von der Pflege des sich schon in dem Menschen als solchen <urfrey>
und ohne besonderes menschliches Zuthun findenden Glaubens und Vertrauens aus, nicht
aber dabey stehend zu bleiben, sondern auf das Stetigste von der ernsten [sc.: ersten] Stufe des
Ahnens und der Glaubensfähigkeit zur Glaubensfertigkeit und Sicherheit, zur
Glaubenseinsicht - zum Bewußtseyn seines eigenen Glaubens und so zur Glaubensklarheit d.i. zum Schauen
und so zu einem diesem gemäßen Leben also zum
wahren Leben zum Leben in Gotteinigung zu erheben. Darum kann es ferner
mein und aller der mit mir Geeinten Streben nie seyn, das Leben des höchsten
reinsten Glaubens, das Leben in dem höchsten und reinsten Glauben Sein Leben
und dessen Äußerungen, Aussprüche, Lehren und Erscheinungen, das Leben, die Lehren
und die Aussprüche Jesu nur zu beugen oder zu trüben geschweige denn in den
Hindergrund zu stellen, oder gar unnöthig zu erklären, sondern mein Streben geht
ewig nur dahin, und würde wenn es nöthig wäre, ewig dahin gehen es in seiner un-
wandelbaren Nothwendigkeit zu zeigen, d.h. zu zeigen, daß wenn Er bis jetzt noch
nicht erschienen wäre, er nothwendig erst erscheinen müßte, ehe nur an eine Fort-
entwicklung als erscheinend zu denken, ja ehe sie selbst in ihrem Wesen und Gesetzen nur
zu ahnen wäre. Mein ungesuchtes, mir in seiner Erfüllung und Erreichung unge-
sucht es S, in die Hände fallendes Streben geht dahin, nein, geht nicht dahin, sondern
mein Leben ist unmittelbar mit diesem Streben eines und ebendasselbe, mein Leben
ist eigentlich nur dieß Streben: die Wahrheit der geistigsten und höchsten, scheinbar
übermenschlichen (dem Menschen nicht nur in seiner Erscheinung sondern in seinem
ewig bleibenden Wesen aufgefaßt) Aussprüche in allen Erscheinungen der Natur
und des Lebens, wenn auch nur symbolisch zu schauen und schauend zu machen; wie
 /
[5]
ich überhaupt die Überzeugung habe, daß das Göttliche uns in allen Dingen symbolisch
umgiebt. Mein ganz eigentstes Streben geht dahin die ewig unwandelbare Wahr-
heit der Aussprüche und des Lebens Jesu auf das Unzweydeutigste in alle dem was
den Menschen umgiebt in ihm und mit ihm im eigenen Leben selbst zu zeigen; denn
nur Mißverständniß - was aber höchst merkwürdiger Weise gerade in diesem, dem
höchsten Gegenstand des menschlichen Bestrebens am allerleichtesten möglich ist, konn-
te die Ansicht und Meinung [{]bewirken / verbreiten[}] als suche ich irgend für mich etwas, als suche
ich nur das Meine.- Doch, nein!- Ich suche recht eigentlich und ausschließend
nur das Meine, denn das Meine und Jesu, das Meine und Gottes ist Eins; nur mit
der inneren Wahrheit und Einsicht daß das was Jesu und Gottes ist, auch das Eigenthum
der Menschheit, des der Menschen und jedes Einzelnen ist.- Mein Wille Jesu und Gottes-
wille waren von dem ersten Beginne meines Bewußtwerdens eines, aber durch
die furchtbarste Nacht mußte sich diese Grundempfindung meines Lebens zur That
zum Bewußtseyn zum Leben im Lichte und Klarheit erheben; wie der Menschheit
Wille Jesu und Gottes Wille von dem ersten Beginne des Bewußtwerdens der
Menschheit eines war aber auch durch die kalte Nacht der Wirklichkeit Äußerlichkeit
sich zum Bewußtseyn zum Leben jener Einigung in Licht und Klarheit kämpfen mußte
und noch kämpfen muß. Aber da ich nur That und Sachleben suche, so scheue ich hier
und habe vom ersten Anfange an hierin alles Wortleben gescheuet, so viel es auch dem
<Meynen> und wohl auch der Wirklichkeit nach in anderen Beziehungen zu meinem Selbst-
leid von mir hervorgetreten seyn mag; ja ich habe in dieser Beziehung das Wortleben
nicht nur von jeher gescheuet, sondern sogar gefürchtet, wenn ich meine Abneigung dageg[en]
nicht noch stärker bezeichnen mag. Darum nenne ich in dem äußerlichen Betrachten
des (äußerlichen) Verstandes und des (äußeren) Schul-Lebens nur dann jene höhern
Bezeichnungen wenn ich sie gar nicht umgehen kann.
Tritt nun nach diesen so offenen als wahren Mittheilungen, und vielleicht nicht sogar
durch dieselben nicht wieder Mißverständniß zwischen Sie, gnädige Frau, und mich
zwischen die theuern Ihrigen und mich, so werden Sie finden, daß alles was ihre [sc.: Ihre]
Menschenfreundlichkeit, Ihre Güte, Ihr Vertrauen zu mir mir ersehnte, mir aus
Huld geworden ist. Ja, ich habe die gewisse freudige Zuversicht zu meinem Leben
daß durch dasselbe und von demselben auch alles das und sey es wirklich auch
erst dann, wenn ich als Lebenserscheinung nicht mehr seyn sollte, von demselben aus- /
[5R]
gehen wird, was Ihr Vertrauen von demselben erwartete, ja forderte. In Beziehung
auf mich und mein Leben sage ich auf der jetzigen Stufe desselben nur: - daß ich für
mich an das Leben der Erscheinung weder einen Wunsch, noch von demselben eine Forde-
rung in mich [sc.: mir] trage. Aber nicht auf der Stufe der Ertödtung, der Abstumpfung, der
Vernichtung, der Beraubung (:etwas ganz anders als Entsagung und Verzichtleistung:)
sondern auf der Stufe des lebensvollen Glaubens, des klaren lichten friedlichen und
Schauens, des friedlichen und freudigen Lebens - und dieß mitten unter den herzzerschnei-
densten Lebenserscheinungen, so daß ich, in welchem alles ausgesprochen ist die Stelle:
"und wo der Fuß des Pilgers weilt, steht er auf Todteshügeln" auf mich und mein
Leben in seiner ganzen Ausdehnung anwenden möchte. So erbebt um gleich das aller-
nächste zu ergreifen, mein Herz indem ich dieß ausspreche, ja sogar niederschreibe;
denn ich weiß der Mensch und dieß um so fester und ernster strebend er ist, muß für jedes
Wort was er sagt und spricht ja sogar für jeden seiner Gedanken und seiner Empfindung[en]
im Leben und durch die That als Bekenner und Vertheidiger oder als Duldender und
Büßender eintreten, und mir, nein mir ist im Leben noch nie etwas erlassen worden.
Ich erbebe darum wohl aber ich wanke deßhalb nicht, denn ich erkenne in jener wenn
auch selbst ich möchte wohl sagen furchtbaren erschütternden Strenge nur Gottes Vater-
güte die immer liebeleitend mir zur Seite ging, die allem und allen liebeleitend
zur Seite geht in welchen Art Form und Grad sie auch nur Gott immer glaubend
vertrauen.
Ja, gnädige Frau! ich lese zum öfteren was Ihre Güte und Theilnahme mir besonders
in den letzteren Jahren meines Berliner Aufenthaltes aussprach; Sie hatten Recht
vollkommen recht was Sie erwarteten und forderten, der Sache, dem Wesen nach;
doch was Ihre Güte mir nur auf der Stufe des Glaubens <zu> reichen und zu verschaf-
fen wünschte mußte ich auf der Stufe des Schauens, der Klarheit und des Lebens
finden. Wohl hatten Sie auch Recht es war ein gefahrvoller Weg, dem zu beyden Seiten
gleicher Untergang und gleiche Vernichtung drohte. Oft nur zu oft erbebte mir selbst
mehr als das Herz denn da war nur Leere und Nacht wohin ich mich wandte; da mußte ich sogar
mein Ohr für den Zuruf des Gefahrvollen des Weges verstopfen, damit durch diese
Stimme und kam sie selbst von den treuesten Seelen und befreundetsten Menschen
des Lebens nicht die innere Stimme: "Gott ist der Herr der Nacht und der Gefahr und
wen Gott in der Nacht und Gefahr leitet, den leitet er auch durch und aus der Gefahr u Nacht." /
[6]
zurück gedrängt würde. Meinen Sie auch nicht gnädige Frau, daß indem ich dieß und so
schreibe, ich wähne der Kampf pp sey nun vorüber erinnern Sie sich was ich so eben
auf mein Leben anwandt[e]. Aber einer muß und mußte doch einmal wenn dem Menschen
der Friede und mit ihm alles kommen soll und sollte diesen finstern Nacht und Gefahr
diesen Teuschungs- und schreckenvollen Gang gehen diesen Kampf aus und durchkämpfen.
Jetzt ist er im Innern gegangen, was nun kommt, ist im Geiste und Gemüthe schon
durchkämpft, und da ist der größte Kampf, der größte und gefahrvollste den Nie-
mand kennt. Es muß doch einmal der Glaube an Gott, und so durch diesen, der
Glaube an Menschheit und Natur (als der Erscheinung einer ewig wirkenden heiligen
Gotteskraft) und so der Glaube des Menschen an sich selbst, d.h. an den Gottesgeist
in den Menschen (der ja eigentlich nur einzig der Mensch ist, und welchen der Mensch
sich nicht selbst gegeben, so wie der Mensch sich nicht selbst <ins [sc.: ins]> Daseyn gerufen, <geschaffen>
hat) - durch alle Erscheinungen des Lebens und der Teuschung von der Ahnung durch den
Glauben hindurch bis zum Schauen und so zum Zu- und Vertrauen zu Gott, Menschheit
und sich selbst wieder errungen werden.-
Ich würde wohl schwerlich mir erlaubt ja gestattet haben - denn wer häuft hochacht-
baren und edeln Menschen wohl gern und mit Bedacht Mißverständniß auf Mißver-
ständniß, <wer> der die so schwierige Lösung derselben erkannt und das Schmerzliche der-
selben fast gleich Lebensvernichtung empfunden hat - dieß Ihnen auszusprechen, ja
nur über diese, die wichtigsten und heiligsten Lebenszu- und Gegenstände schriftlich zu
zu Ihnen zu sprechen, <damit> ich jene Zeit des innigen Verstehens, welche ich wohl und gewiß weiß daß sie kommen wird, nicht
durch willkührliche Eingriffe selbst nur noch weiter hinausschiebe - wenn Ihnen
nicht durch die neue Bekanntschaft mit einem innig einigen Gliede meines Kreises
und Lebens die Möglichkeit würde die Wahrheit des Ausgesprochenen in und an
dem Leben selbst zu prüfen. Sollte Ihnen nun bey dieser Prüfung nicht gleich die
von Ihnen geforderte höchste Kraft des Glaubens und das reinste durchdringendste
Licht des reinen Schauens entgegen treten, so vergessen Sie nicht, daß auch das Gei-
stigste im Menschen seine Entwicklungsstufen durchlaufen muß, und daß selbst
bey dem durchdringendsten dieses nicht zu jeder Zeit und unter allen Verhältnissen
gleich hervorleuchte und wirke. Lesen Sie so z.B. gnädige Frau jetzt, wenn es
Ihnen sonst gefällig ist alles was ich Ihnen, irre ich nicht in den Monaten Jan. bis März
1816 von Berlin aus schrieb und über welches Sie mir dortmals aussprachen: Sie /
[6R]
verständen es nicht; lesen Sie namentlich das Felsstück und den Eichkern - es war, es ist mein
Leben was ich dortmals nun 15 Jahre voraus lebte; wie ich wohl manche meiner Lebens-
stufen 30 bis 40 Jahre in der Ahnung vorausgelebt habe, - jetzt werden Sie hoffentlich
dieselben verstehen. Theilen Sie dieselben meinem Freunde wenn ich bitten darf mit,
er wird sie Ihnen, wo Ihnen noch Unklarheit seyn sollte durch Thatsachen deuten,
und ihm selbst wird dadurch ein Geschenk werden, denn bey unserm Schauen in
den Gang und die Bedingungen und Gesetze der Lebensentwicklungen sind auch jener
Lebensäußerungen oft gedacht worden. Ich bitte darum.
Überhaupt gnädige Frau! können Sie über jede meiner Lebensäußerungen, von wel-
cher Sie sehr bald finden werden in wie weit sie seinem Verständniß zugänglich ist
offen und klar mit ihm wie mit mir selbst reden, denn zwischen mir und meinen
Freunden liegt <r das> Leben in wie weit ihr GeistesAuge für die Durchschauung und
Würdigung desselben entwickelt ist klar offen, und mein Streben geht dahin ihnen es
zu seiner Zeit klar vorzuführen denn ich kenne in demselben nur Gottes liebende
Vaterhand mich, und durch mich und mit mir andere zur Erfassung des wahren
Lebens zu führen.
Darum gn: Frau haben auch zunächst diese, leider unter der Hand, und da ich
sie unter ununterbrochenen Stöhrungen gedacht und umgeben von dem regen Leben meiner
Zöglinge niedergeschrieben habe (weßhalb ich mir auch wohl für sie eine nachsichtsvolle
Critic erbitten möchte) - zu ansehnlich angewachsenen Zeilen keinen andern Zweck
als zwischen Ihnen g. Fr. und meinem Freunde zum Voraus alles zu beseitigen
was als vorbereitend zur Mittheilung Ihnen die kurze Zeit seiner Anwesenheit
nur noch mehr verkürzen und rauben könnte.
Jetzt aber eiligst zum Schluß, soll der Brief noch zur Gegenwart Barops bey
Ihnen eintreffen. Beyliegende Zeilen bitte ich demselben gütigst mit einem Gruß
einzuhändigen.
Wenn [sc.: Wem] von dem [sc.: den] hochachtbaren und theuern Ihrigen mein Gruß ein Wenig noch lieb
ist, dem [sc.: den] bitte ich auf das aufrichtigste dankbarste und treueste von mir zu grüßen.
Was ist u bleibt mir so einen dankenden prüfenden Blick auf das Leben zu werfend
noch zu sagen übrig?- Das Gotteswalten welches die alten und kindlichen
Menschen und Völker erfreuete und seegnete ist auch uns allen, allen noch nahe
wenn wir nur Auge und Sinn den Geist u das Gemüthe, das Leben selbst
dafür öffnen!- Mit den reinsten Gesinnungen
Fr Fröbel.