Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausenin Frankfurt/M. v. 15.4.1831 (Keilhau)


F. an Caroline von Holzhausenin Frankfurt/M. v. 15.4.1831 (Keilhau)
(BlM XXVII,4,5; undat. Entwurf 1 B 4 ° ½ S auf 2V/S.3. Der Bogen enthält ferner den Briefentwurf an Sophie von Holzhausen und Dr. Bagge von 1831; Reinschrift KN 26,35 ed. H V, 257-258. - Die beiden wiederholt erwähnten vorausgehenden Briefe an Caroline von Holzhausen sind die v. 25.3. und 30.3./1.4.1831.)

a) Entwurf

Gnädige Fr.

Als ich mich mir vor nun mehr als 25 Jahren einmal schriftlich erlaubte Ihnen mein innerstes Leben auszusprechen, da erkannte und empfand
ich tief daß mein Leben wie das Leben eines Sohnes von ihnen [sc.: Ihnen] in pflegenden u mütterlichen Schutz genommen worden war.
Diese Gesinnung Überzeugung der Pflege die mein Leben von dem Ihrigen Ihnen stets von Ihnen empfing ist mir auch bleibend wie dieß Leben selbst in demselben
geblieben, und immer war es daher Forderung meines Gemüthes wie meines Geistes die wirkl[ichen] Lebenserscheinungen mein Leben mittheilend u
berathend mit Ihnen zu erleben, doch mein Leben war in seinem Entwicklung Gang zu eigen, zu verwikkelt und zu zu neu, zu viel um- u zu tief erfassend
als daß er hätte sollen leicht verstanden, daß er nicht hätte sollen mißverstanden werden und ich durfte nach dem tiefsten Grunde meines Lebens mich nicht von demselben fragen. Dazu war es nöthig daß das Leben sich
aus und d[urc]h gelebt hatte der Lebensbaum so vollendete Blüthen als reife
Früchte getragen hatte. Und so wurde mir zweymal im Leben u zwar in den wichtigsten Lebenspunkten nicht was ich suchte. Es erschien Ihnen
vielleicht einmal als ein fremdartiges Streben nach poetischem Wort was mir gar nicht anders war als innerste Darstellung meines g[an]z eigensten
Lebens u vielleicht das andere mal als ein niedergezogen werden, Niedersenken zum Stoffe u zur wechselnden Wirklichkeit; da es doch
nur das Streben nach D[urc]hdr[ingun]g des ersten nocherheben des zweyten war. Lindestens ausgedrückt jeder dieser Ansichten <meinen> da sie so g[an]z gegen mein eigenstes Leben stritten verstummte mich das Gemüth. <Zutrauen> hatte ich zug[leich] verlohren es wieder in <Einigung> zu bringen da sie gegen mein tiefstes Selbstbewußtseyn stritten.
Aber die Erfahrung der so rein u <eigen> wankellosen innern so rein als Wahrheit des Menschenwesens ist mir gilt mir als die Wichtigste meines g[an]zen Lebens, die ich
aber auch [in] ihrer so hohen, ihrer höchsten Wichtigkeit für das Men[schen]geschlecht wie für die Menschheit u jeden einzelnen Menschen mit
– wie kann ich ihn zählen – zahllos zah unzählbarem TodLebenstod aber auch habe erkämpfen müssen. Deßhalb habe ich jetzt aber[-]
mals in Wahrheit u Treue Ihnen mein Leben in seiner Blüthe u seinen Gestalten wie es jetzt wirkl wie sie wirkl[ich] im Leben
sind mitgetheilt. Als ich den Anfang der jetzigen Mittheilung begann bahnte ich kam mir dieß Ende nicht in den Sinn; u Sie sehen hier in einer Summe
von Thatsachen sogl[eich] selbst was ich in d letzten Brief ihnen [sc.: Ihnen] aussprach daß es mir nur Sorge ist auf das reinste den Forderungen nachzuge[hen]
wie eine höhere Bestimmung wie solche im Geist u Gemüthe u in u d[urc]h die Thatsachen des Lebens ausspricht. Sogar der letztere Brief
war schon g[an]z fertig u zum Absenden bereit ohne das [sc.: daß] mir die Ahnung kam ein dritter u letzter u in dieser Beziehung letzter
werde erst noch diese Mittheilungen schließen müssen. Mein Leben das Leben liegt nun in seiner Gesammtheit vor Ihnen
ich werde von nun an wenn ebenso freudig jeder Ihrer weitern Frage[n] über dasselbe entgegensehen wie ich sie gerne beant[-]
worten werde – u beantworten muß denn Gott will, Gott befiehlt daß endlich der [sc.: das] MEinzelmenschenleben sich zum einen
Ganzen Menschheits leben erhebe. – Ob das was ich sage schreibe u Wahrheit ist muß sich Ihnen aus ihnen dem sich vor ihnen [sc.: Ihnen]
bewegenden Leben in ihrem [sc.: Ihrem] eignen Geiste u Gemüthe kund thun u so brauche ich nichts mehr auszusprechen auch nicht einmal
die Versicherung meiner Geistes- Gemüths- u Lebenstreue, meiner Gesinnungen
[Notiz auf unterer Seitenhälfte]
Die Ahnungen unserer Vorahnen u so die Ahnungen unserer Jugend ahnen Kindheit
die Ahnungen kindlicher Menschen u so der <alten> der Ahnungen <Jahre>

b) Reinschrift

[1]
Keilhau am 15en April 1831.·.

Gnädige Frau.

Als ich mir, vor nun mehr als 25 Jahren ein-
mal schriftlich erlaubte Ihnen mein innerstes
Leben auszusprechen, da empfand und erkannte
ich tief, daß mein Leben wie das Leben eines
Sohnes von Ihnen in pflegenden Schutz genom-
men worden war.
Diese Überzeugung der Pflege die mein Leben
stets von Ihnen empfangen, ist mir auch bleibend
in demselben wie dieß mein innerstes Leben
in seinem Wesen unverändert dasselbe geblie-
ben, und immer war es daher Forderung meines
Gemüthes, wie meines Geistes und der wirklichen
Lebenserscheinungen mein Leben mittheilend und
beratend Ihnen vorzuführen; doch mein Leben
war in seinem Entwicklungsgange zu eigenthüm-
lich, zu verwickelt und zu neu, zu viel um- und zu
tief erfassend, nur das mir in meinen frühesten
Jahren, wohl dunkel ahnend aber so tief als leben-
dig empfundene höchste Lebensziel des Menschen unter
allen äußern Lebensverhältnissen so unverwant [sc.: unverwandt]
und fest im Auge behaltend, als daß es hätte
leicht sollen verstanden, als daß es nicht im Gegen- /
[1R]
theil hätte müssen viel mißverstanden werden; und
doch war es nothwendig daß das Leben in seiner ganzen
Eigenthümlichkeit sich ungehindert und frey aus, und
durchleben durfte und konnte, damit der Lebensbaum
eben so klar die ihm eigenthümlichen Blüthen tragen
als die ihm eigenthümlichen, zur Genesung und zum
Heile Vieler jetzt nöthigen Früchte zur Reife
bringen [konnte], und darum durfte ich mich nach den tiefsten
Gründen meines Lebens mich nicht von demselben
trennen. Und so wurde mir zweymal im Leben
und zwar in den wichtigsten Lebenszeiten nicht
was ich suchte und bedurfte. Es erschien Ihnen viel-
leicht einmal als ein fremdartiges Streben nach poe-
tischem Wort, was mir gar nichts anders war als
innerste Darstellung meines ganz eigensten Lebens,
welches ich dadurch nur zur Klärung, Sicherung, Be-
wußtwerdung und Beherrschung für das äußerlich
wirklich darstellende Leben in mir Jahre lang vor-
ausleben wollte; und vielleicht das andere mal als
ein Niedergezogenwerden und Niedersenken zum Stoff,
zur Äußerlichkeit, zur wechselnden Wirklichkeit, da es
doch nur ein Streben nach Durchdringung des ersten, nach
Erheben des zweyten war, worinn freylich ein minder in
sich und in dem Geiste begründetes und ruhendes Streben
als das meine, sehr leicht untergehen, sich selbst ver-
lieren konnte. Allein jede dieser Ansichten meiner, /
[2]
da sie gegen mein innerstes und eigenstes Leben und <tiefstes> Be-
wußtseyn stritten, verstimmten, lindestens ausgedrückt
das Gemüthe, und Jahre lang hatte ich zu arbeiten es wie-
der in Einklang zu bringen. Aber die Erfahrung
der so reinen als wandellosen inneren Wahrheit
des Menschenwesen
ging mir, als die wichtigste
Erfahrung und Thatsache meines Lebens daraus hervor,
die ich aber auch wegen ihrer so hohen, wegen ihrer
höchsten Wichtigkeit für das ganze Menschengeschlecht
wie für die Menschheit und jeden einzelnen Menschen
mit - wie könnte ich ihn zählen - unzählbaren Lebens-
tod aber auch habe erkämpfen, erkaufen müssen.
Aus der eben ausgesprochenen Ursache, in der vorhin
angedeute[te]n Begründung nun habe ich jetzt abermals
in einer Folge schnell auf einander folgender Briefe in
Wahrheit und Treue Ihnen mein Leben in seiner Verzwei-
gung, seinen Blüthen und Früchten; in seinen Farben und
Gestalten, in seinen Tönen und seinen Worten, wie es
jetzt wirklich, wie sie im wirklichen Leben sind, mit-
getheilt. Als ich Anfangs damit begann, kam mir
nicht einmal der nächste Verfolg, noch weniger dieser
Schluß in den Sinn; immer erst, (wie überhaupt in meinem
Leben wenn es sich ungehemmt entwickeln darf) war eine
Entwicklung abgeschlossen, ehe die folgende, aber aus der vor-
hergehenden für mich mit Nothwendigkeit hervorging, der ich dann mich
unbedingt, und mit ganzer Hingabe des innern und äußren /
[2R]
Lebens hingab. Sie sehen hier g. Fr. in einer Sum-
me von Thatsachen in einer Reihe von Ergebnissen
sogleich selbst was ich Ihnen in meinem letzteren
Briefe aussprach: daß es mir nur Sorge ist auf
das reinste und pünktlichste den Forderungen
nachzugehen, wie eine höhere Bestimmung mir
solche im Geiste und Gemüthe und in und durch die That-
sachen des Lebens ausspricht. Sogar der zweyte und
letztere Brief war schon ganz fertig und zum Absenden
bereit - welche[s] sich nur durch Umstände verschob - ohne daß
mir die Ahnung kam, ein dritter und, in dieser Beziehung,
letzter Brief werde erst noch diese Mittheilungen schließen
müssen.-
Durch das, was ich mir erlaubte, Ihrer Fr: Tochter - wel-
cher ich mich schon seit langem für ein paar freundliche Worte,
welche sie mir zum Abschiede aus Ihrem Hause schrieb dankbar
erzeigen wollte - mittheilte, liegt das Leben, mein Leben
nun in seiner Gesammtheit Ihnen vor. Ich werde von nun
an, ich werde v jeder Ihrer weiteren Fragen über dasselbe
eben so freudig entgegen gesehen [sc.: sehen], wie ich sie, auch ohne
mich, durch Ihre vielleicht verschiedene Lebensansicht von
der meinen in mir trüben und stören zu lassen, gern
beantworten werde, - und beantworten muß; denn
Gott will, Gott befiehlt, daß endlich der Einzelmensch sich zu
einem ganzen Menschheitsleben sich erhebe. Ob das was
ich sage und schreibe Wahrheit ist, muß sich Ihnen, aus
dem vor Ihnen sich bewegenden Leben aus Ihrem eigenen
Geiste und Gemüthe selbst kund thun; und so brauche ich
nichts mehr auszusprechen, auch nicht einmal die Versicherung meiner Geistes[-], Gemüths- und Lebenstreue: meine Gesinnungen.
Fr Fr. /

[2]
[Nachschrift am Rand]
Die Zeichnungen von Keilhau mit einer Handschrift und Brief - so wie ein früherer Brief vor dem Osterfest sind Ihnen
doch richtig zu gekommen?-