Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 17.5.1831 (Frankfurt/M.)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 17.5.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 27,7, Brieforiginal 2 ½ B 8° 10 S. mit Datum “11 May”; tw. ed. H V, 267-269 mit Datum „17. Mai“. Die Plausibilität dieser Datierung ergibt sich aus dem Rückbezug des vorliegenden Briefs auf den vorausgehenden Brief vom 13.5.)

Frankfurt a/M am 11. [sc.:17.] May 1831.

Mein hochgeliebtes theures Weib.
Des Herzens innigen Gruß, allem zuvor.

Ich wollte Dir und Euch allen den Lieben schon mit
dem vorigen Posttag am letzteren Mondtag schreiben
doch ich konnte die dazu nöthige Freyzeit gar nicht
dazu gewinnen, weil ich noch fast nicht, wenigstens
im Verhältniß der mir wiederholt ausgesprochenen
Wünsche und Bitten nur wenig in der v. Holzhausen[-]
schen Familie gewesen war, und nun, ohne sehr
unhöflich zu erscheinen nicht anders konnte als
den ganzen Tag auf der Öde zubringen mußte.
Erlaube mir nun daß ich Dir und Euch mein Leben seit
meinem letzteren Briefe andeuten darf. –
Freytag Morgens war ich eben mit den Zeilen an Dich
liebe Seele fertig als der jüngste meiner gewesenen
Zöglinge, Adolph, (der Leg. R. v. H[o]lzh[au]s[en]) zu mir kam
und mir eine <1te> Einladung nach der Öde, eine brief-
liche von seiner Mutter brachte, um mit der Familie
um 1 Uhr nach der Öde zu fahren. – Jenen Brief an Dich
nun zur Post tragend begleitete mich der HE. v. H. bis
vor die Musterschule. Auf diesem Wege kam[en] mir /
[1R]
Schwartz und Ackermann entgegen, welcher letztere mich
für nächsten Morgen ½ 6 auf seine Villa einlud. Dieser
von uns weg gegangen und [wir] weiter gehen[d] kam uns Schny[-]
der von Wartensee
entgegen, welcher mir aber da
es schon etwas spät geworden war gar nicht erlaubte
zum Director Bagge zu gehen, sondern mich, verabredeter[-]
maßen sogleich in das naturhistorische Museum des
Senkenbergschen Stiftes führte; hier sahe ich schöne Sachen
ein Paar Giraffen, ein Schnabelthier, schöne Strauße u
Casuare wie ich sie noch nie gesehen u.s.w. doch die Zeit
war schon weit verflossen ich mußte um mich abzustauben
nach Hause und von da in das v. H.-sche Haus in der Stadt
eilen, wo man mich schon erwartete. Bis ziemlich spät
blieb ich ich [2x] auf dem Gute bis eine klare Nacht mich zur
Stadt zurück führte, von welcher ich nicht eher scheiden
konnte, bis ich den Abendstern hinterm fernen Taunusgebirge
hatte schwinden sehen. Sonntags früh mußte ich wieder auf
der Öde frühstücken; hier wurde mit den Zöglingen die alte
Zeit hervorgeholt; hatte sich nun alles schon den Tag vor[-]
her wo ich ihnen die Begründung meines Wirkens hatte
vorführen müssen sehr theilnehmend bewiesen, so
zeigte sich nun alles, besonders die Zöglinge in der alten
Herzlichkeit. Doch schnell mußte ich nun zur Stadt zu[-]
rückeilen weil ich hier einer Doppeleinladung genügen /
[2]
mußte. (Schnell muß ich aber noch den Sonnabend
nachholen da ich eben sehe daß ich diesen vergessen
habe [)]. Früh ging ich zu Ackermann, kam aber durch
Irrung so spät auf seiner Villa an daß er, aber nicht zu
meinem Leide, schon weggegangen war, denn seine
Zöglinge zeigten mir recht behaglich wie auch ein Hof-
meister wenn er es versteht u Lust dazu hat sich das
Leben be<quem>, recht bequem machen kann; doch dieß
kann Barop schön ausmahlen, also weiter und wieder
zur Stadt zurück. Jetzt wurde (ich irre doch nicht?) Barops Brief an Dr. Gerth
abgegeben und Wetzsteins Compagnon HErr Beck aufgesucht, dann
wieder bey der Frau v. Heyden vorgesprochen und zuletzt zu Dr.
Bagge
gegangen. Bagge war auf das höchste freundschaftl[ich]
gegen mich und lud mich zum Abendbrot ein hier fand ich in seiner
Frau die Schwester zweyer Menschen die ohne Zweifel der
Entwicklung meines Lebens nicht fremd waren nemlich
die Schwester des Staats<schmidts> in Jena (:Barop wird
dieß erklären :) der mit Meiningen in so vieler Verbindung stand
pp.pp. – Von hier gings nach der Öde zu Mittag wo ich
bald von Schnyder von Wartensee u Schwartz zu einem
Spatziergang abgeholt wurde. Auf diesem entspann
sich nun bald das regste wissenschaftliche u Lebens[-]
gespräch. Gemeinsam gingen wir zu Bunsen wo
mich nun statt Dr. Gerth den ich verfehlt hatte Sch. v. W. einführte. -/
[2R]
Bey Bunsen fand ich nun auch nicht ein Joda was mich
gefreut hätte, als daß ich froh war diesen Besuch hinter
mir zu haben. Nun gings zu Bagge zum Abendbrot
hier wurde nun die Vergangenheit vorgenommen und für
Mondtags Dienstags Nachmittags eine längere Zeit zu gegenseitig geistigen Ver-
kehr besonders zur Darlegung verschiedener meiner Ansichten
bestimmt. Schnyder v. W. der mich zu Bagge begleitet hatte
brachte mich spät Nachts nach meinem Gasthause zurück.
Und so auch nun zum Sonntag zurück, wie ich schon sagte
sagte [2x] daß ich von der Öde zu einer Doppeleinladung zur
Stadt zurück gekehrt sey. Erst gings zu Schwartz welcher
mich in die Städelsche Gemäldesammlung wenn auch nur
auf einen Blick führte (Middendorff kann hier das Wort
nehmen) hier war ein einziges was mich besonders an[-]
sprach eine Landschaft von Lessing in Düsseldorf; doch
hierüber weiter mündlich. – Von da gings mit Schwarz
nach Offenbach zu einem gewissen Dr. Becker, gewesenem
Arzt u einmal Dozent in Göttingen (gerad in der Zeit als
ich dort war) dieser hat mehrere Kinder mit seiner zahlreichen
Familie verbunden und hat so seit 9 Jahren einen erziehenden
Kreis um sich gebildet. Hier wurde der weitere
ganze Tag bis spät Abends zu gebracht und manches Schöne
durchlebt besonders in dem herrlichen Buchen[-] u Mayblumen[-]
wald Frankfurts in welchem die frischen gesunden /
[3]
Jungen ich glaube 8 – 12 unter Führung ihrer Lehrerin
der Fr: Doktor fröhliche Lieder sangen. Ins Haus zurück[-]
gekehrt wurde nun von der größern Tochter Gesang mit Clavierbegleitung von
einem gewissen Gensler - einem Studiengenossen
Christian Langethals und selbst aus Jena – zum Besten
gegeben welcher mich freute und höchlich nicht [sc.: mich] freute.
Ein köstlicher Abend brachte uns zur Stadt zurück, und ich hätte
hier hätte verstände ich etwas von der Gelehrsamkeit sie
an Mann bringen können; denn HErr Gensler ist eingefleischter
Friesianer, welcher mit aller Gewalt seine kleinen Buben
die Söhne des Generals v. Wz Wohlzogen, eines Preußen p - zu kleinen Friesen machen
will, was sich aber gar nicht macht, doch meine ich Ferdinand
von der einen Gensler von der anderen Seite, räumen wir alle
alle obgleich Keilhauer, das Feld und so räumte auch ich
sehr willig das Feld ob er mir gleich vordemonstrir[t]e daß sich
das Wesen eines guten Sprachunterrichtes hinsichtlich seiner Tüch-
tigkeit schnell am Strickstrumpf der Friesischen Philosophie
ein[-] und abstricken lasse. Zuletzt nun der gestrige Tag.
Ich bin wiederholt aufgefordert worden eine Vorlesung über
den Zusammenhang der NaturFormen und der mathematischen in
und vor dem hiesigen physikalischen Vereine zu halten; habe
es aber eben so oft abgelehnt. Doch meinen Freunden konnte
ich die Mittheilung meiner Ansicht nicht abschlagen u da auch
die v. Holzh. Familie es gerne hören wollte, so wurde mir /
[3R]
von dieser erlaubt <jeden>, meine Freunde auf die Öde
auf gestern Nachmittag einzuladen. Allein wie es bey [einer]
Einladung die mehrere Tage vorher an BerufsMänner
ergehen muß geschieht: statt 12 Zuhörer, wenn ich
so sagen darf hatte ich zuerst blos 7 zuletzt 9. Aber
da ich nun so weit inniger ich möchte sagen menschlicher
reden durfte so war mir <es> zuletzt u nach Beendigung
dieser ersten Unterhaltung, in welcher ich bis zur Kugel
und ihren ersten Eigenschaften kam, sehr lieb. Diese
Unterhaltung soll nun, so wünscht man noch einigemal
fortgesetzt werden. Ich gehe nun auch der Erfüllung dieses
Wunsches nach, indem sich mir zeigt daß ich meine Reise hieher
in Keilhau nach jeder Seite hin ganz richtig – wie ich es
ja an jenem Abend aussprach – aufgefaßt hatte.
Nur eines hebe ich nach Darlegung dieses Gerippes heraus
daß ich hier an dem Punkte u der Quelle bin - die
allermildest benannt – allersonderbarsten Ansichten
von mir u Keilhau <gar> aus dem Sattel zu heben mindestens
zu zerstreuen. Deßhalb bleibe ich wohl die ganze
Festzeit über noch hier obgleich mein Paß nach
Weinheim u Heidelberg schon visirt ist. Ich verlasse
Ob ich gleich die Entwicklungen erst ganz ruhig abwarte
u abwarten muß, so und diese mit jeder Stunde
möchte ich sagen sich erst zeigen, so verlasse ich doch Frank[-] /
[4]
furt schwerlich eher bis sich alles bis zu einem bestimmten
Punkt entwickelt hat. Genug ich habe – wie ich Euch in
meinem letzteren Gespräch mittheilte – Frankfurt u meine
Reise hieher, was mich sehr freut ganz richtig aufgefaßt[.]
Ich wußte wohl was Fr[an]kfurt in der jetzigen Zeit u als Bundes[-]
stadt ganz besonders war, auch hatte ich ganz richtig berech[-]
net, ob Euch ausgesprochen weiß ich nicht, daß der jüngste
meiner Zöglinge Legationsrath am Bundestage, wenn auch
bey der Gesandtschaft kleinerer Fürsten sey u.s.w. Doch
dieß liegt für mich selbst noch alles im Dunkel, darum
muß ich so höchst sorglich mit meinem Leben u.s.w. während
meinem hiesigen Aufenthalt umgehen und es darf Niemand
meinen daß ich in irgend einer Beziehung zu meiner Lust hier bin,
und ich Zeit habe für mich nur die kleinste Blume für mich und zu
meinem Vergnügen zu pflücken. Die kleinste Erscheinung des hiesigen
Lebens gehört wegen den nicht durch- u nicht abzusehenden
Familien- u Gesellschaftsverbindungen meinen höchsten u wichtig[-]
sten Lebenszweck an. Selbst nur ganz einig in dieser
Beziehung darf ich es in mir hervortreten lassen daß ich
einmal hier heimisch war, sonst muß ich wie ein Feldherr
vor dem Beginn einer Schlacht auf der heimathlichen Knaben[-]
u Jünglingsflur – in mir abgeschlossen u alles erwägend
dastehen. Dieß dünkt mich ist genug gesagt. Wenigstens
weiß ich zunächst selbst nicht mehr. Holzhausens meinens /
[4R]
nun wohl unbezweifelbar mit mir eben so gut als
mit sich aber der Mensch u die Menschheit ist nun einmal
mehr als HErr Fröbel u HE v. H.[olzhausen] u Fröbel u Mensch
u Menschheit sind nun einmal nicht zu trennen. Ich freue
mich innig daß ich die Wichtigkeit meiner Reise hieher
so tief empfunden habe u den Zug [sc.: Sog] sie auszuführen gefolgt
bin, ob ich gleich noch bis jetzt im eigentlichen u klaren
Sinn selbst noch nichts <wirkl[ich]> davon u darüber weiß. Mit dem
nächsten Posttag schreibe ich wieder. Langethal soll nur zu[-]
nächst seine Reise nach Berlin <hier nach> aufschieben, da die
Schwierigkeiten sie auszuführen noch zu groß seyn werden.
Ich selbst kann ihm noch gar keine Bestimmung deßhalb schreiben
ob ich gleich die Reise selbst noch gar nicht aufgegeben
wissen will noch weniger sie mit Bestimmtheit durch meinen
Willen sie jetzt noch aufgeben kann u darf. Von den Mittheilungen
dieses Brief[es] besonders in so fern sie nur Gedanken u Ansichten
von mir enthalten wirst Du sorglich seyn so wie überhaupt
der Brief selbst nur für Dich u die drey Freunde ist. – Könnte
L[an]gethal es mögl[ich] machen mir, dann aber natürlich bald, von Curioni
einen Wechsel oder durch Scheine pp 20-25 Rth P.C. zu schicken
so würde es mir lieb seyn ob ich gleich im Augenblick nichts
weniger als Geld bedarf u ich wenn ich dessen nöthig hätte
auch durch ein Wort welches bekommen könnte, doch möchte
ich gern das Ganze hier ruhig abwarten u doch frey stehen [.] /
[5]
Ich spreche dieß aus, ich weiß selbst nicht warum; denn
ich habe ja SchwartzDr. GerthBagge - HErr[n] Beck
und allem diesem zuvor das v. H.-sche Haus hier; ja
auch die Fr. v. Heyden nicht zu vergessen; allein ich werde
in mir getrieben ganz frey u selbstständig dazustehen, so
habe ich mich bis jetzt noch immer nicht entschließen können
auf der Öde zu wohnen obgleich Bett ud Zimmer schon
für mich bereit steht. - So dünkt mich weißt Du
mein theures Weib u das g[an]ze Haus so viel als ich selbst
weiß. Mit der innigsten Liebe denke ich Eurer aller. Denn
es giebt nur einen Keilhauer Geist u nur ein Keilhauer
Leben, thöricht sind wir alle u jeder Einzelne - der
– freylich davon abgesehen daß wir immer nach dem Bessern
u vollkommneren streben müssen – mit Keilhau bey aller
Noth u Druck und selbst bey allen Mißverständnissen
Stöhrungen u Schmerzen unzufrieden [ist]; möchte dieß doch das
Ganze wie jeder Einzelne lebendig einsehen. Meine
rauhen Berge sind mir tausendmal lieber mit ihren Natur[-]
blumen als die mich hier umgebende gepflegte Natur mit ihren
Prachtgewächsen, denn hier fehlt der Mensch – Doch was kann
dazu die Natur? – Darum ist es hier diesen im Busen tragend
unaussprechlich schön. Unter u neben mir schlägt zugleich die Nachtigall
u der Mond leuchtet mir aus dem Wasserspiegel entgegen u.s.w. u.s.w.
wo ich schlafen u wohnen soll, doch will es mir nicht so wohl werden /
[5R]
als auf unseren kahlen, wenigstens <ew>igen Höhen um
Keilhau – darum achtet, achtet was ihr habt u pflegt
es. – Im Fall Du <mir> oder einer der Freunde einen
Brief ohne Werth Einlage schreiben will, so aber
schreibt ihn „An den Dire[c]tor Fröbel, in Frankfurt
abzugeben auf der Gallen Gasse E. No 13
“. Ein Werth[-]
volle[r] Brief könnte an den Director Dr. Bagge ein[-]
geschlossen, ich aber unter so eben bestimmter Auf-
schrift davon benachrichtigt werden. – Nun muß
ich eilen um noch nach der Öde zu Tisch zu kommen.
Lebe wohl theures geliebtes Weib, grüße alle
und alle besonders die Knaben recht herzl[ich] von
mir u sage ihnen, daß es mir sehr leid thue, das
schöne Pflingstfest nicht mit ihnen feyern zu können, sie
möchten sich dessen u ihr alle recht herzlich freuen.
An Pfarrers in Eichfeld meinen Gruß so wie
besonders auch in unserm Hause namentl[ich] an den
Bruder.
Immer u überall in Liebe u Treue mit Dir lebend.
Dein FrFröbel

Hier hat der Frost in den Waldungen u Weinbergen
großen Schaden gethan.
In 40 Stunden muß ein Brief von hier nach Rudol[-]
stadt gehen. Du könntest also diesen Brief wohl schon Freytags erhalten[.]