Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 25.5.1831 (Frankfurt/M.)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 25.5.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 27,8, Brieforiginal 2 B 8°8 S., tw. ed. H V, 269-271)

Auf der Öde am 25 May 1831.

Mein hochgeliebtes theures Weib.

Mein fester Vorsatz war Dir schon am verflossenen Mon-
tage wieder von mir Nachricht zu geben, doch durch
den zweyten Festtag im Tage irre geworden, bemerk-
te ich erst was ich versäumet hatte als es zur Auf-
gabe eines Briefes schon zu spät war, ich sage Dir
nur, daß es mir Schmerz machte.
Aus der Überschrift siehst Du, daß ich auf dem
v. Holzhausenschen Hofe wohne. Ich konnte ohne sonder-
bar zu erscheinen und wie ich jetzt sehe ohne ganz
mißverstanden zu werden und ohne den meinem
Wirken Überwollenden Waffen, d.h. Schein gegen
mich in die Hände zu geben nicht länger die an mich
wiederholt ergehenden Aufforderungen unerfüllt lassen.
Darum gieng ich bald nach Abgang meines Briefes an
Dich ich glaube es war verflossenen Mittwoch also
heut vor 8 Tagen auf die Öde. Seit dieser Zeit war ich
Freytagsabends im Liederkranz wo Männerchöre aus-
geführt wurden, ich habe mich sehr gefreut daß ich
in mir das Bewußtseyn haben konnte, auch unsere
früheren Männerchöre, so schwach auch besetzt hätten
sich frey neben diesen hören lassen können. Alle noch /
[1R]
übrige Zeit habe ich unter verschiedenen Verhältnissen unter
und mit Darlegung meiner und unserer Erziehungs- und
Lehrgrundsätze, meiner und unserer Erziehungs- und Lehr-
weise - dem Zweck meiner Reise gemäß - hingebracht.
Bey dieser Veranlassung bin ich auch der ganzen Familie
des Generals v. Wohlzogen (eines Schwagers der bekannten
Fr: v. W.) bekannt gemacht worden, welche vor einigen
Tagen Nachmittags desshalb hier vorfuhr. Ich sollte
wie ein schlechter Arzt kleine angenehme Mittelchen bey
der Erziehungscur ihrer Kinder vorschlagen. Ich sagte aber
keck, es gäbe eigentlich nur ein Radicalmittel es sey das
Zutrauen, zu dem Wirken eines deutschen Mannes, da mag
es nun wohl im Herzen dieser Leute gesprochen habe[n] wie Felix
zum Paulus sagte, wenn ich gelegenere Zeit habe pp. pp[.] Überhaupt
habe ich denn den festen Vorsatz das Wesen der Wahrheit durch
und im wahren Worte fühlbar zu machen. Schon zweymal
ist die Fr. v. Holzhausen Abends und fast unmittelbar im Ge-
spräche und ohne gute Nacht zu sagen aus dem Zimmer gegangen.
Ich denke ich bin um etwas höheren Willen als um die
die gute Nacht oder den guten Tag Wunsch einer Person hier;
dieß giebt nun wohl, weil es die Menschen entweder nicht ver-
stehen können oder nicht verstehen wollen zu gar manchem
Strauß Veranlassung, aber der Sieg der Wahrheit muß
endlich irgendwo beginnen, wenigstens mit Würde dafür auch /
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außer den vier Wänden gefochten werden. Einmal mußte ich
der Fr. v. H. wo die ganze Familie gegenwärtig war sagen:
früher habe sie mich wohl durch die Art ihrer Behauptung einschüch-
tern können, doch jetzt sey die Zeit vorüber, denn durch eine
20jährige Prüfung wisse ich klar das Wahre meines Wollens.
So möchte man gerne Kunde vom höchsten und Geistigsten
habe[n] und ich sage [sie] fängt bey dem Niedrigsten u Sichtbarsten
und - Kleinsten an. Man möchte gern so ein Paar schöner
Blumen haben um die so zur Lust und mit Behagen in einen Strauß
zu winden, ich aber sage, das Einzelne bringt nur Un-
heil, entweder das Ganze im stetigen Zusammenhang oder
Nichts, das Stückewerk und die Stückeley, das Äußerliche
ohne den innern Geist soll endlich aufhören pp. pp[.] Dieß zur
Andeutung daß Du siehst ich bin nun einmal zum Kampf und
dazu geboren daß ich <nun / nur> den Beynahmen eines harten pp[.]
Mannes haben soll. Es soll ihnen nun ein - hier wurde ich
schnell zu Tisch gerufen und nun kann ich den Faden nicht wie-
der finden; ich lasse ihn also lieber ganz fallen.- Morgen Nach-
mittags (Vormittags führe ich mit der jüngeren Tochter vom Haus
der Stiftsdame den Lehrgang im Zeichnen durch) werde ich dem
Herrn Schnyder v. Wartensee einem pädagogischen Tonkünstler, wel-
cher selbst viel in dieser Sache gearbeitet hat, hier bey
einem sehr guten Instrument unsern Gesangslehrgang vor-
führen.- Abends bin ich mit diesem zu Herrn Guttermann /
[2R]
Vorsteher einer <Knabenerziehungsanstalt / Kindererziehungsanstalt> geladen u.s.w.
u.s.w. Für künftigen Sonnabend haben wir: Herr Emil Schwarz
- Schnyder - der älteste meiner gewesen[en] Zöglinge und ich den
Plan nach dem Feldberg zu gehen, wenn es anders das
Wetter erlaubt; Wir werden 2 Uhr Nachmittags hier fort-
und nach Homburg von der Höh gehen hier über Nachten - Sonntags früh auf
den Feldberg, d.i. den Taunus gehen hier bis gegen Mittag bleiben
in Königstein Mittag machen und Abends nach Frkfurt zurück-
kehren. Machen es die Umstände möglich so werden die Frauen
vom Haus d.i. die Fr. v. Holzh. und die beyden Töchter zu Wagen eben-
falls dahin gehen, so daß wir uns auf diesen 3 Punkten treffen.
Ich schreibe Dir dieß mein geliebtes Weib da ich hoffe daß
dieser Brief spätestens Sonnabends bey Euch eintreffe u beson-
ders Du mich auf diesem Spazierweg begleiten kannst; die Charte
habe ich Dir zurück gelassen.- Die Frau v. Holzhausen und Familie
hat mir schon früher aufgetragen besonders Dich herzige Frau
und mein g[an]zes Haus von Ihnen zu grüßen. Ganz nament-
lich aber grüßt Dich sehr innig meine dankbare alte Schülerin
die [sc.: einer der] ältesten Fräulein Sophie von Holzhausen. Du würdest
Dich unaussprechlich freuen, wenn Du sähest wie ein weibliches
Gemüth in einem solchen Drängen von Äußerlichkeiten sich so
rein u selbständig und einfach erhalten kann. Barop oder Midden-
dorff
werden Dir gern ein Bild von ihr entwerfen, so wie sie mir
gewiß beystimmen werden, daß, wenn es ihr einmal möglich werden /
[3]
sollte einen langen Wunsch Keilhau zu sehen auszuführen
daß dann Ihr alle in ihr eine einfache Keilhauerin leicht in
ihr finden würdet.- Meine gewesenen Zöglinge sind, jeder
in seiner Art, wahrhaft brüderlich gegen mich. Wären
nicht die ökonomischen u besonders die augenblicklichen Familien-
Verhältnisse - wie dieß ich möchte sagen in ganz Deutschland
und wie ich zu meinem Erstaunen sehen [sc.: sehe] in allen Ständen
jetzt der Fall ist - zu beengend u fesselnd, so würde mich
der älteste, welcher g[an]z besonders einfach u herzlich ist augen-
blicklich wenigstens auf einige Wochen begleiten. Ich habe
diesen Gedanken sehr ernst hier in Anregung gebracht weil
er, einWenig älter als unser Fürst, - ½ Jahr lang unmittel-
bar mit demselben im französischen Krieg zusammen gedient
hat. Vielleicht hätte er ein vermittelnder Punkt zwischen unserm
Fürsten und Keilhau werden können; doch es geht nicht, und so
solle es also auch wohl nicht seyn.- Künftigen Montag wird
unter der Direction von Schelble - welcher ein weit über Zelter
stehender Musiker seyn soll u welchen ich vor einigen Tagen persön-
lich kennen lernte - ein Concert im Cecilienverein gegeben
werden unter mehreren werden auch Cantaten von Bach gesungen
werden; eine Probe hörte ich schon[.]
So wenig und eigentlich sichtbar fast gar nichts ich hier noch
ausgerichtet habe - ein Großes freylich daß sich nemlich hoffent-
lich ein richtigeres Urtheil über mich u meine Absicht bilden /
[3R]
wird, denn der Meini[n]gsche Adel (Herr v. Stein war erst noch
ganz kürzlich hier) scheint mich gut hinab gearbeitet gehabt zu haben.-
So wenig also auch im Sichtbaren u Äußerlichen ich auch noch
bis jetzt hier errungen habe, so werde ich doch wenn sich nicht
alles, was sich nicht erwarten läßt schnell ändern sollte in den
ersten Tagen nächster Woche also Dienstag oder Mittwoch - nach
Weinheim zu den Gebrdr. Bruder gehen. Hier werde ich wohl
8 Tage bleiben, weil es gar zu schön da seyn soll, einen Ab-
sprung nach Heidelberg machen und - wenn sich mir dort nicht
eine neue Wendung des Lebens zeigt über Schweinfurt, wo ich
dann gewiß den Wetzstein finden werde zu Dir und Euch allen
mit welchen ich immer im Gedanken u Herzen lebe zurück kehren[.]
Theure Frau sage dem Langethal daß ich in Bezug auf unsere
ökonomischen Mittheilungen, gar nichts mehr hinzu zufügen im
Stande sey; ich erwartete bestimmt Briefe von ihm in Weinheim
an der Bergstraße unter der Adresse <Magister Bruder> oder in Schweinfurt unter der Addresse
Buchhändler Wetzstein. Könntet Ihr gemeinsam in Beziehung
auf Berlin zu einem festen Entschluß kommen, so habe ich
gegen dessen Ausführung ganz u gar nichts. Zwey Sachen woll[t]e
ich nur noch erwähnen. Daß ich, wenn es dem Ganzen förderlich
wäre oder vielmehr werden könnte mit sämtlichen Gebäuden ganz in die Gothaer Feuerver-
sicherungsgesellschaft so wie für einige oder des Bruders Person
mit einem angemessenen Capital in die Gothaer Lebens-
versicherungsgesellschaft treten würde. Wollte oder will /
[4]
Herr Langethal sich darüber ausführlich und bestimmt belehren
so kann dieß für Rudolstadt nur einzig durch <Trübner> geschehen
an welchen ich als Agenten der Gesellschaft von Gotha
aus selbst gewiesen worden sey; und mit welchem ich,
wenn ich noch von dem einen oder dem andern oder beyden
Gebrauch machen wollte, nach meiner Rückkehr nach Keil-
hau selbst das Geschäft <nur einzig> abmachen könnte.
Sollte Dir u Euch nun auch nach diesem unbedeutenden äußer-
lichen Erfolg meine Reise von keiner Bedeutung erscheinen,
so sage ich Dir u Euch allen doch, daß sie dennoch für mich
und uns alle, für das Ganze in seiner künftigen sicheren
Entwickelung auf das unaussprechlichste wichtig ist;
doch hier über ist nur mündlich etwas mitzutheilen mögl.
Barop nur kann Dir darüber etwas andeuten, welcher
die unglaubliche Kluft kennt - und mich und uns schon
früher darauf aufmerksam gemacht hat - welche
sich zwischen unserm Keilhauer u dem Weltleben
befindet. Wie um so viel lieber wird und nicht
nur tägl. nein stündlich Keilhau; wahrhaft Niemand
in Keilhau weiß ganz u wahrhaft was er an Keilhau
hat, wenn ich hier die Herren Hofmeisterchen mit ihren Knäblein
spazieren gehen u die jungen [sc.: Jungen] leer mit ihren Schmetterlingsnetzen
laufen sehe, so wird mir immer wegen dieser Jungen weh
ums Herz, und ich preißte meine Keilhauer Jugendwelt glücklich. /
[4R]
Ich grüße sie alle und jeden ganz namentlich, auch die
beyden kleinen Töchter. Herzliche u brüderliche Grüße an
alle Freunde u Erwachse[ne] an Langethal u seine Frau, an
Barop dessen hier oft gedacht wurde, nicht minder
an Middendorff so Grüße an dessen l. Frau, Allwinen
und den wackeren Jungen, dieser wird mir gewiß entgegen
laufen so lang dauert mir die Zeit ehe ich ihn wieder
sehe. Vor allen aufrichtige Grüße an Bruder u Schwäge-
rin und dem treuen Wilhelm, sage ihm seine Zeichnungen
namentl. das Keilhau vom Uhu aus und der Obstkorb
vorzügl[ich] aber d[a]s erste sehe man als ein wirkliches Kunst-
blatt
an, und alle Zeichnungen haben wegen ihrer großen
Reinlichkeit Klarheit besonders beyfall.
Nun leb recht wohl theures geliebtes Weib (an
Pfarrer in Eichfeld sage noch meine herzliche Grüße)
lebe recht wohl; ich muß eilen da mein jüngerer
ehemaliger Zögling sich freundlichst erbietet den Brief mit
nach der Stadt zu nehmen. Vor meiner Abreise
nach Weinheim bekommst Du wenigstens noch Briefe
von mir u möge dieser Euch u Dich bey ungetrübten
<frischen> Leben u völliger Gesundheit antreffen.
Mit sich immer höher klärender Liebe u In[n]igkeit
Dein Gatte
FrFr.