Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.5./30.5.1831 (Frankfurt/M.)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.5./30.5.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 27,9, Brieforiginal 4 B 8° 15 S., tw. ed. H V, 272-276)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Auf der Öde am 28en Tage des May 1831.

Der Wahrheit Gruß für Wahrheit zuvor,
Theuern Freunde.

Ihr werdet Euch gewundert haben bis jetzt noch ohne einen Brief von mir geblieben zu seyn; allein wenn eine wahrhaft innere Entwicklung neu beginnt, so dauert es immer sehr lang ehe diese neue Entwicklung eine klare und feste Gestalt gewinnt, dieß ist nun auch in unserm und meinen jetzigen und gesammten Ganzleben der Fall. Alle neuen innern Entwicklungen haben auch in der Erscheinung und als Anfangspunkt eine neue Gestalt, und so bestätigt sich es mir immer mehr, daß die Geburt unseres kleinen Knaben des Wilhelm der Anfangspunkt unseres neuen Leben ist. Ich bin glücklich in mir, daß ich dieß erkannte und fest hielt; wie nun aber dieß eben gesagte mit dem nun von mir zu sagenden zusammen hängt läßt sich nun freylich auf diesem Raume und in dieser Zeit nicht aus einander setzen; doch hoffe ich soll es dem Gemüthe für seine Erkenntnißstufe nicht fremd bleiben[.] /
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Das neue Auftreten eines neuen Lebens, das Geborenwerden eines Kindes im Leben führt den wahren Menschen nothwendig ins eigene Leben zurück, und dieß sind die ganz besonderen Seegnungen der Geburt eines Kindes für die ganze Familie, den ganzen Kreis dem ein Kind geboren wird; Ja es kann nach der Anschauung und Auffassung der Geburt eines Kindes jene Segnung der Einkehr in sich, des Sich-selbst-Findens einem ganzen Lande oder vielmehr ganzem Volke werden, wie uns dieß ja die innere und äußere Geschichte, die Geschichte des Menschengeschlechtes und der Menschheit sattsam zeigt. Nun dünkt mich tritt auch in unserm Leben und Kreis und in Beziehung auf dessen Verhältniß zur Außen- und Mittwelt uns allen klar entgegen, kann, wenn wir unbefangen sehen wollen uns allen wenigstens klar entgegentreten, wie unsern Kreis und unser Leben als ein Ganzes als Eine Person angeschaut, gedacht (oder erkannt) und empfunden der Blick bey uns allen, bey jedem Einzelnen, wie bey dem Ganzen sich immer mehr nach dem Innern und ins Innere senkte. Wir sind alle darüber klar und wir wollen hier durch Einzelerscheinungen uns nicht den Blick von /
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dem Ganzen abziehen lassen - wie das, was der Ausdruck und Charakter eines Ganzen als solchen ist, vorzüglich auch der Ausdruck und Charakter irgend eines Gliedes dieses Ganzen - und in Beziehung auf dieses Ganze, der Ausdruck und Charakter des Gliedes dieses Ganzen, welches sich desselben am ersten und klarsten bewußt geworden, sich darüber am bestimmtesten und klarsten ausspricht und in seinem Einzelleben, wie im Leben des Ganzen pflegt. Nun ist mir nun wohl nicht zu verdenken, und ich fürchte keinen, bey ruhiger klarer Beleuchtung sich nicht lösenden Widerspruch, oder richtiger Entgegnung, daß jenes Zurückführen auf und ins Innere jenes Rückkehren und Einkehren in sich besonders in, und bey mir statt fand und daß alles mein Thun, Empfinden und Denken seit jener Zeit, jener neuen Geburt nur darinne bestand, jenes Einkehren und Rückkehren in mich zu vollenden, wenn es einen, sich immer von neuen vorlegen lassenden Beweis dafür bedürfte so sind es meine Briefe, welche ich in jener Zeit an Dich Barop nach Dortmund schrieb; ja ich möchte und könnte - weil die Ein- und Rückkehr in sich so schwierig als wichtig für das Ganze wie für das Einzelne ist - so gar sagen: - wenn /
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Barop Deine Reise nach und Dein längerer Aufenthalt in Dortmund gar nichts als dieß bewirkt hätte so hätte er dieß bewirkt. Seht hier die große - und nach dem, was jetzt alles meinem Gemüthe Geist und Leben vor liegt - unaussprechliche Wahrheit des einfachen Satzes: Trennung führt zur Einigung; denn was und wo ist größere Einung als bey und in wahrer Ein- und Rückkehr in sich. Doch ich kann noch weiter gehen und ich gehe noch weiter: - wie Du Barop von dem Ganzen als ein Einzelnes oder Einzelner Dich entferntest ((trenntest)) vollendete ich als Einzelnes oder Einzelner (:Anderes und Andere um Zerstreuung zu vermeiden nicht hervorgehoben) mich im Selbstfinden mich selbst, der äußere Ausdruck dafür war das - wohl vom ganzen Kreis still vielleicht sogar Einzelnen unbewußt - längst gewünschte Austreten Joh. Schmidts. Jetzt ist die umgekehrte Erscheinung: jetzt - weil richtigen und Ganzauffassung vollkommenen Erschauung eines Gegenstandes eine gewisse angemessene Entfernung nöthig ist - jetzt entferne ich mich (:der sich früher durch Barops Entfernung, so meine ich, ganz gefundene) und das Ganze bleibt zurück, und so muß ich nun erkennen, daß so /
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nun das Ganze wie es schon lange sich in sich selbst gefunden, nun auch als Einheit finden erkennen und im Leben fest halten wird, nicht aber das Ganze als Ganzes allein, sondern auch jedes wie jeder Einzelne als Glied dieses Ganzen, und so finde und erkenne ich denn jetzt, wenn auch nur dieß, diese so lebendig empfundene als klar erkannte und kräftigst fest gehaltene Einigung oder vielmehr Einung des Ganzen welche gar nicht[s] zu stören und zu trüben im Stande ist, das Ergebniß meiner jetzigen Reise wäre und ist dieß dennoch schon unaussprechlich viel, ja das Höchste ist, was ich nur davon ahnen und erwarten konnte.
Das Leben eines Ganzen lebte aber nothwendig der und mußte der voraus in sich leben, welcher diesem Ganzen sein Daseyn gab, wenn er dieses Ganze erkennen und zu seinem Ziele führen will; so muß ein Mann das Leben einer Familie vorher in sich dar- und durchleben, ehe er einer Familie ihr Daseyn geben und sie zu ihrem Ziele führen kann, so muß ein Mann das Leben eines Kindes und Vaters in sich vorausleben ehe er Vater werden und se einem Kinde Daseyn geben kann; Eben so muß auch das Leben eines /
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Mannes was er früher als Mann, als Jüngling und selbst als Knabe als künftiger Familienschöpfer und Vater d.h. als im allgemeinen als wahrer Mensch vorauslebte für diese später wirklich erscheinende Familie nicht nur höchst wichtig, sondern sogar vorbildlich seyn. Und nun komme ich endlich erst dahin, wo ich sogern gleich beym Beginne dieses Briefes gewesen wäre, und wozu ich mir durch alles Vorstehende erst den Weg öffnen und bahnen mußte.
Als 20jähriger Jüngling (ich lebte dort wie Ihr wißt sehr still und zurück gezogen in Bamberg mich nur des Zutritts in eine eben so stille als sinnige Familie erfreuend) schrieb sammelte ich mir manches Lied und manches Gedicht, in welchem ich ganz oder theilweise mein Leben in der Gegenwart oder Vergang[enheit] oder auch in der Zukunft fand; unter diesen waren und sind es besonders zwey, welche mir seit jener Zeit immer als Lebenslieder oder Votivtafeln meines Lebens vorschwebten und vorhingen. Vor einigen Tagen fallen mir diese nun - wie man gewöhnlich sagt zufällig in die Augen, ich lese sie und was finde ich in denselben?-- Doch ich will sie Euch ob Ihr sie gleich schon von mir gehört habt hier erst wieder mittheilen, sie heißen[:] /
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Rettung.
Wenn die Welt Dich hart bedrängt, Alle Sterne Dir verschwinden,
Dich dein liebstes Leben kränkt, Sprich, wo willst Du Rettung finden?
Greife nicht nach Außen hin, Alles hat dich ja betrogen!
Traue nicht auf Menschen Sinn, Wieder lügt wer einst gelogen!
Aber steig hinab in Dich! Kräfte, welche lange schliefen,
Hält Dein unergründlich Ich Tief in seinen innern Tiefen.
Du bist Herr in Deiner Welt, Hast Du Dich, so hast Du Alles;
Lächelst, wenn Dein Glück zerfällt, Ruhig selbst des wilden Falles.
Bleibst Du Dir so ewig treu, Dann kann Dich kein Schicksal ketten,
Denn der Gott in Dir ist frey; Trau auf ihn, er wird Dich retten.

Selbstständigkeit.
Wohl vergleichet mit Recht der Mensch Dich flüchtiges Leben
Einer Erscheinung, und doch nimmt Dich ein jeder so ernst.
Kaum, daß hinter dem Kind die Freude zerflattert, so öffnet
Schon der Jüngling der Sorg' und der Begierde das Herz;
Und der betrogene Wunsch, und die Menge herber Gefühle -
Klüger machen sie nur, aber nicht weiser den Mann,
Weiter steckt er sich stets das Ziel der Hoffnung und dehnet
Immer den Kreis seiner Erwartungen aus.
Füllen will er den Raum und Ewigkeiten umspannen
Und ein Augenblick ist's, was er erfüllt und umspannt
Ruhig schreitet indeß ihm das mächtige Schicksal zur Seite:
"Nütze die Stunde! Sie kehrt, warnet es, nimmer zurück;
Außer Dir suchst Du die Welt und eine bessere blühet
Dir im Innersten auf: Baue die bessere an."-
Wenige hören das Wort und die es hören, sie wähnen,
Leichter mit Andern den Kampf als ihn mit sich zu bestehn- /
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Dreymal und mehrmal beglückt der Sterbliche, der sich des Herzens
Goldenen Frieden bewährt, einig mit sich und der Welt!
Er nur kennt den Genuß, mit dem das Streben belohnet,
Ohne zu kennen den Schmerz, wenn man des Zieles verfehlt.
Furchtlos tritt er der Macht des hohen Geschickes entgegen;
Vor der fremden Gewalt schützt ihn des Genius Kraft.
Was die Charis ihm zollt, ihm die friedliche Hora gewähret
Nimmt er als werthes Geschenk, oder als wär' es geliehn.
Heiter lieget das Leben vor ihm; und es strahlet die Seele
Jedes empfangene Bild, ohn es zu trüben zurück
Und in dem Drange der Zeit, der oft auch edlere Geister
Ungeahnet umstrickt, ist er und fühlt er sich frey.
***

So weit war dieser Brief am Sonnabend Morgens gedacht und bis auf die Gedichte selbst nieder geschrieben. Zur Fortsetzung so wie auch nur zum Abschreiben der Gedichte konnte ich weder am Sonnabend noch gestern den ganzen Tag, weil meine Thätigkeit - Keilhau und unser Wirken ununterbrochen im Auge habend - in dieser Beziehung ebenso ununterbrochen in Anspruch genommen war (durch Nehmen und Geben, durch Hören und Reden, durch Schauen und Zeigen) kommen.
Als ich nun heut Montags am 30n May mit der Anfangs dieses und sonst oft im Leben ausgesprochenen Ansicht und dem inneren Gefühl: - daß gleichsam unser ganzer Kreis, wir alle nur eine einzige ungetheilte und untheilbare Person und Wesen seyen, diese Gedichte und besonders das letztere lese, so erstaune ich selbst über das schlagend übereinstimmende des Gedichtes, der Wahrheiten der Aussprüche des Gedichtes, und der Schicksale und Erfahrungen, des inneren Geistes unseres Kreises insofern /
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dieselben in mir und durch mich bedingt sind, und es dünkt mich, es erscheint mir darum wiederkehrend als angedeutet, ja wohl gar mit großer Bestimmtheit ausgesprochen was wir in unserer gedrängten, bedrängten und kampfvollen in unserer, Rettung und Selbstständigkeit gleich bedürftigen und bedürfenden Lage zu thun haben.- Ihr möchtetet nun wohl auch in dieser Beziehung etwas Einzelnes und Besonderes von mir hören und ich natürlich ich mögte Euch wohl noch weit lieber einen einzelnen bestimmten und festen Anhalt- und Ankerpunkt aussprechen und zeigen doch diesen sehe ich selbst noch nicht, und mein Steuern und meine Fahrt ist die und das eines Columbus, wie ihn uns Schiller in seinen Gedichten giebt, aber mit kaum hingehauchten Anzeigen ob auch mir und uns noch eine andere auch als die Küste die innere, welche die vorstehenden Gedichte aussprechen, ob auch mir eine äußere Küste erscheinen wird, wie solche Schiller seinen Columbus finden läßt.-
Da mir Auf- und Anführungen, da mir Bestimmungen und Festsetzungen von Einzelnheiten noch gar nicht möglich sind, so will ich Einzelnes von dem heraus heben was mir seit meinem letzteren Brief an Euch begegnet, was mir nach den auch nicht einzeln jetzt aufzuführenden Beg[eg]nissen, (was ich mir bis auf baldiges persönliches Wiedersehen vorbehalte) wahr geworden ist.
Erstlich: an ein sich verständigen und noch weniger an ein sich verstehen der Lehrer und Erzieher in Beziehung auf Lehre und Erziehung durch einen prüfenden Austausch der Ideen und Erfahrungen ist wohl gar nicht zu denken; denn jeder hat auf das höchste charakter[ist]isch seine kleine Lehr- und Erziehungsvorrichtung, wie unsere Baumschule mit Planken eingehegt, welche höchstens etwas mit Gesträuch verblendet sind, und so ist ihnen allen unter sich wie ihren Zöglingen /
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recht eigentlich die Welt mit Bret[t]ern beschlagen. Jeden der zu ihnen kommt und ihnen nicht den Hof macht oder keine Zöglinge bringt den sehen sie als einen über die Planke Gestiegenen an, der ihnen irgend ein Bäumchen oder wer mag wissen was rauben könnte. Ich habe nun doch wohl die besten Anstalten hier gesehen Dr Becker in Offenbach, Bunsen, Guttermann, und Dr Bagge. Das großartige freye menschliche Leben des winzigen kleinen Keilhau findet sich in und um den großen [sc.: das große] Frankfurt nicht. Keilhau kommt mir von hier aus wie der milde Abendstern, der Stern der sanften innigen Liebe vor, darum ich auch denselben wo nur einigermaßen möglich nicht schwinden, nicht untergehen lasse ohne Keilhaues als eines Ganzen und jedes einzelnen in Milde u Liebe zu denken.
Zweytens: An ein Erwärmen, Erleuchten, Erheben der Familien als ein Ganzes, und zu einem Ganzen ist auch nicht zu denken denn diese die Familien sind ebe[n] entweder im Ganzen oder in ihren wesentlichen bestimmenden Gliedern so in weichliche Affenliebe ihrer Kinder - oder in ihr bischen zerstückeltes Wissen und Können, oder in ihre äußeren Lebensverhältnisse versunken und darinn ein- und damit verwachsen, daß sie gleich "Autsch" und "Wehe" schreyen wenn man eines von diesen dreyen berührt und schmiegend und biegend vorbitten doch ja diesem verzärtelten Püppchen durch einen schiefen oder ernsten Blick nichts zu Leide zu thun. Und dennoch kommen sie wiederkehrend zu mir wie zu einem Arzte der helfen soll. Was man da von verständig, recht verständig seyn wollenden Personen hören muß, das mag man wenigstens ich nicht, nicht gern wieder denken, sich erinnern, noch weniger niederschreiben, erlaßt auch Ihr mir es darum. Doch das Endergebniß herausgehoben, für uns und mich herausgehoben, so also steht es mit den Erziehern und Lehrern - wie mit den Eltern und den zu erziehenden, gleich- /
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den beyden benannten entgegengesetzten Polen unserer Lebenslinie; jede Linie nun aber hat ja ein[e] gleichgültige, einende Mitte, sie heißt in Beziehung auf unser Leben, Wollen und Wirken Mensch; mit Recht könnt und werdet Ihr darum schon von den physikalischen und Naturgesetzen aus, von den Gesetzen des menschlichen Gemüthes und Geistes aus fragen: ist Dir denn in der Menschen reichen Stadt Frankfurt bey Deinem nun bald dreywöchentlichen Aufenthalt daselbst auch nicht ein Mensch begegnet?- Freunde! was ist selbst ihn gefunden habend, schwieriger zu erkennen als ein Mensch, und was ist schwieriger zu finden und zu erkennen und sich im Leben in That zu bewähren, als ein Mensch welcher mein und unser ganzes Leben, als sein Leben finde, wenigstens zu seinem Leben als einen ewig absoluten Theil desselben in sich aufnehme und als einen solchen wesentlichen Theil in sich trage, pflege und fortbilde für dessen Bestehen, Pflege und Fortbildung wie für sein eigenes Leben empfinde, denke und handle. Also auch hier kann ich Euch Ihr Freunde nur die Thatsachen meines Lebens so weit sie sich entwickelt haben und vor mir liegen mittheilen.
In allen meinen Briefen an Euch werde ich wohl eines gewissen Schnyder von Wartensee gedacht haben und wenn es Euch vorgekommen ist, als wenn ich viel und oft fast täglich und oft wiederholt an einem Tage mit demselben verkehre, so habt Ihr ganz recht gedacht, denn es scheint als sey ich fast nur einzig um seinetwillen hierher gekommen, denn er war auch wirklich und merkwürdig, irre ich nicht ganz, die allererste Bekanntschaft und Besuch den ich nach Schwartz und durch und mit Schwarz machte. Seines musikalischen, physikalischen, naturhistorischen überhaupt kunstwissenschaftlichen Lebens habe ich /
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schon früher in Briefen an Dich mein geliebtes theuerstes Weib gedacht; er ist darum in mancher Beziehung nur noch ausgebildeter und umfassender das, wozu ich so gern unsern seeligen Carl erhoben hätte, in einigen Beziehungen wohl auch das was ich von Putzke hoffte doch ist er keinesweges Maler, so eigentlich nur Tonkünstler. Dieß aber wie es scheint als freyer selbstständiger, aber doch Musik auch lehrend ausübender Mann.
Doch da die Zeit drängt eile ich zum Ziel. Diesen Mann sehe ich nun fast um den andern oder höchstens zweyten Tag hier in der Familie wo er wie überhaupt in der Stadt wegen seines vielseitigen und darstellenden besonders Musiktalentes und als edler reiner Mann und Mensch sehr geachtet ist. Ich führte unsern Lehrgang der Farbenübungen vor als er ins Cabinett der Fr[au] v. Holzhausen trat; ich bat die Vorlegung der Erzeugnisse zu beendigen und nun ging es in der Absicht in das Speisezimmer um einige Musikgaben von ihm zu empfangen. Doch er bat vorher einige Worte an mich vorlesen [zu] dürfen, die er zum Empfang bey einer im Allgemeinen verabredeten Landpartie an mich aufgesetzt habe, die er mir aber nicht habe [üb]erreichen können weil ich - weil Jedem das Erscheinen ganz frey gestellt worden sey - nicht gekommen wäre. Ich hatte nemlich den bestimmten Morgen lieber in der v. Holzhausenschen Familie zugebracht. So mußte ich nun auch gestern Abend in Gegenwart dieser Familie nachstehendes Gedicht von ihm an mich hören, was Euch am kürzesten in unser gegenseitiges Inneres Verhältniss einführt.- Was ein Sonett sey, daß es sehr strenge Ton gleiche Reime je 4 u je 3 fordere, und darum das Schwierige dieser Dicht[un]gsform müßt Ihr aber den Andern die dieß noch nicht wissen, wenn Ihr es ihnen mittheilen solltet auseinander setzen, weil sonst die richtige /
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Auffassung desselben etwas fern liegt. Auch müßt Ihr den Ausdruck Göbel erklären, was eine Hebemaschine ist wodurch besonders beym Bergbau große Lasten leicht aus der Tiefe zu Tage gefördert werden können. Noch müßt Ihr nicht vergessen daß Schnyder v. W. ein Schweizer ist welche wie die Südteutschen manche materiellere Ausdrücke als wir Oberteutsche[n] habe[n]. Nun das Gedicht selbst:
An F. W. A. Fröbel
         Sonett
Sey dreymal mir gegrüßt, Du Menschenbildner Fröbel!
Du großer Pädagog! Du zweyter Pestalozzi!
Dein Thun klingt mährchenhaft, wie ein Gedicht von Gozzi,
Und doch ist nicht die Ruth' bey Dir das erste Möbel.
Du bringest Gold zu Tag wie eines Bergwerks Göbel.
Die Jugend - nur durch Dich erkennet Welt und Gott sie;
Durch Deine Lehre nur verführt nicht Hohn noch Spott sie,
Durch Dich wird tugendhaft der arm und reiche Pöbel.
Wie einst am Schöpfungstag der Herr die Welt creïrt,
Wie gut er es gedacht, wie weise ausgeführt
Das hast Du alles schlau und pfiffig ausgespührt.
Nun ahmst Du, was Er that um Dich im Kleinen nach;
Du pfuschest in sein Amt, Du treibest Gottessach'
Und sprichst: es werde Licht! so wie er einst es sprach.
Frankfurt am Main am Pfingstdienstag 1831 /
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Weil es dunkel war und er des Weges nach der Stadt doch noch nicht so kundig ist begleitete ich ihn bis an das Thor. Hier muß ich nur vorher erwähnen daß er uns Tags vorher bey Vorführung alter Glasgemählde aus der Sempacher Capelle auf den Ort Wartensee nächst Sempach und oberhalb des Sempacher Seees aufmerksam gemacht hatte.- Kaum nun daß wir den Hof hinter uns hatten sagte er mir: "Ich wollte, ich hätte Sie in Wartensee". Der Gedanke hielt sich bald fest und so viel sich in einem Zeitraume von vielleicht 7-10 Minuten thun läßt (so lang mochten wir vielleicht auf diesem Wege zugebracht haben[)], so wurden doch gleich einige wesentliche Punkte: Religion, Regierung, Verfassung; das Verhältniß seiner Person zur Regierung des Canton Luzern - denn in diesem liegt Wartensee herausgehoben - die an ihn ergangene Auf[-] und Anforderung persönlich und selbst in die Regierung einzutreten so wie sein Einfluß auf in und bey der Regierung. Zu einem Endergebniß konnte es natürlich bey einem für mich so unerwartet begonnenen als sich schnell abbrechen müssenden Gespräche nicht kommen doch wurden schnell das ich möchte sagen günstige Clima und Verhältniß für eine Erziehungsanstalt mit dem Geiste wie mein Wirk[en] und unser Leben und deren Verhältnisse auch zu Deutschland hervorgehoben[.] An Land sagte er gleich sollte es nicht fehlen, irre ich nicht sehr so sagte er, Er wolle es mir abtreten. Genug Ihr könnt wohl leicht ermessen welch' einen gewaltigen Eindruck dieser Gedanke und Vorschlag auf mich machte. Mehrmal lag mir, schwebte mir daher das Wort auf der Zunge: - "Nun wenn mich mein Vaterland nicht haben will suche ich bei ihnen [sc.: Ihnen] eine Freystatt" doch ich hielt das Wort doch lieber sorgsam zurück[.]- Aber das könnt Ihr wohl denken daß ich die Ganze Nacht hindurch /
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sehr oft durch diesen Gedanken aufgeweckt worden bin, und ihn die ganze Nacht hindurch in einer gewissen Beziehung bearbeitet habe. Nur Eins: Es ist ein magischer geheimer und unwiderstehlicher Zug zwischen großen und großartigen Gedanken und großer und großartiger Natur und eben möchte ich noch sagen großer- und großartiger Geschichte Tell, die Schweitz, Sempach. Doch ich schweige; ich will nichts eigenmächtig willkührlich thun, ich will nur ein- und nachgehend folgen. Nur eines erlaube ich mir noch zu erwähnen: Merkwürdig höchst merkwürdig ist es nur schon den Ideen nach daß sich mein Leben so fast gleich wiederholen möchte denn Ihr wißt von der Musterschule u der v. Holzhausenschen Familie kam ich schon 1806 nach der Schweitz, und jetzt wiederholt es sich zunächst wenigstens in der Idee! soll und wird es sich nach dem Plane der Vorsehung auch in der Wirklichkeit wiederholen?-- Ich schweige, ich weiß selbst gar nichts weiter als was ich Euch schrieb.- Schreibt mir doch mit umgehender Post ich erwarte sehnlich Briefe von Euch, ein Brief schnell zur Post befördert trifft mich wohl noch hier; ich muß nun doch die Entwicklung des hingeworfenen Senfkorns in etwas erwarten. Also ich glaube, daß ich wohl erst zu Anfang nächster Woche von hier abreisen werde aber gerad nach Gotha u von da über Döllstädt nach Keilhau zurück kehren werde, so daß ich also am 10en oder 11' July in Keilhau eintreffen könnte (doch wohin ich zielte ist ja erst der 11' Juli:)[.] So wie ich weiter etwas höre erfahrt Ihr es sogleich jetzt muß ich alle innigst grüßend schnell schließen. Vor allem Dich geliebte theure Frau und Euch Ihr Freunde und alle die lieben und herzinnig geliebten Kinder.
Überall wie u wo ich bin der Eurige. FrFr.

Besondere Grüße im unter[en] Hause namentlich den Bruder, den kleinen Middendorffs, Albertinen u Pfarrers in Eichfeld. /
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[leer] /
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[Umschlag mit Anschrift:]
Frankfurt den 28ten May 1831
An
die allgemeine deutsche Erziehungsanstalt
        in
Keilhau
bey Rudolstadt.