Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 9.6.1831 (Auf der Öde bei Frankfurt/M.)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 9.6.1831 (Auf der Öde bei Frankfurt/M.)
(KN 27,10, Brieforiginal 2 B 8° 8 S., zit. Halfter 1931, 651f.; ed. H V, 276-280)

Auf der Öde bey Frankfurt a/M. am 9en Juny 1831.

Mein einzig und ewig hochgeliebtes Weib.

Wie vermag ich die Gefühle zu beschreiben mit welchen
ich die Feder ergreife um Dir meine Wilhelmine und
durch Dich allen den lieben Unseren und den Meinen zu
schreiben!- Wie bey weitem und überwiegend lieber
wäre ich schon mit der morgenden Post persönlich abgereist
als Dir und Euch durch diesen Brief zu sagen, daß ich
endlich und endlich künftigen Mittwoch mit Bestimmtheit
ab- und zwar geraden Weges auf dem Eilwagen nach
Gotha reisen werden [sc.: werde]. Von Gotha werde ich meinem
ersten Vorsatz getreu nach Döllstädt reisen und dort
wenigstens über Sonntag bleiben. In Gotha also
oder in Döllstädt (unter der Abgabe bey dem Tischler-
Meister Müller
auf der Schwabenhauser Straße in Gotha)
erwarte ich ganz bestimmt Briefe von Euch, oder wenn
es nöthig seyn sollte, verabredetermaßen Lange-
thal
persönlich. Warum ich nun bey der Sehnsucht
meines Herzens nach Dir meine Wilhelmine und nach
dem ganzen Kreise doch so lang wegbleiben konnte
dieß kann mich wohl das liebe geliebte Weib aber ge-
wiß nicht die mit mir sorgende Hausmutter fragen,
denn die letztere kann nur mit mir fühlen und wissen
wie gern auch ich als treuer Hausvater das Haus
und das Ganze fest begründete, denn daß dieses zu wol-
len meiner Reise Zweck war, dieß liegt nun wohl allen
klar und unzweydeutig vor, und wenn sich auch je, in Hinsicht /
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auf innere Nothwendigkeit eine Reise bewährt hat, so ist
es diese, denn wie hat mir diese Reise die Augen die inneren
und die äußeren, ich möchte sagen die Geistes- und Gemüths-
Augen noch geöffnet. Läge es in meiner Hand, ruhete es in
meiner Gewalt nie verließ ich Keilhau wieder, giebt auch
Keilhau wohl oft ein volles Schmerzenleben, was ist aber
ein volles Schmerzenleben gegen ein leeres Schmerzenleben;
doch fast scheint es als wolle die Vorsehung über mich, in der nächsten
Zeit wenigstens, anders gebieten.- Du erinnerst Dich mein theures
Weib wie ich Dir und Euch in den früheren Briefen schrieb, daß mir
der Wunsch geäußert worden war hier in dem physikalischen
Vereine einige Vorlesungen zu halten, dieser Gedanke ist
nun gar mancherley weise besprochen und viel gewendet
worde und in Verbindung mit anderen Wünschen eine voll-
ständigere Darlegung meiner Erziehungs- und Lehrmittel
gesetzt worden, so daß es nun vorläufig zu folgendem
Ergebniß gekommen ist.
Im Monat Oktober d. J. soll ich hieher zurück kehren,
und wenn sich (was sich jedoch vorher bestimmen müßte) die
nöthige und angemessene Anzahl der Theilnehmer finden
würde (:woran man jedoch nicht zweifelt:) so soll ich mit
dem 1en Novbr hier wöchentliche Vorträge über meine elementaren Er-
ziehungs- und Lehrmittel und Wege halten. Für diese
Vorträge werden wöchentlich 2 mal zwey Stunden bestimmt.
Die Dauer dieser Vorträge, wobey es sich zugleich für Mütter
um einiges praktisches Aneignen der Elementaren Lehrmittel handeln
würde, soll drey Monat[e] seyn. Die Geringste und Klein-
ste Anzahl der Theilnehmer - ohne deren Zusammenkommen
auch die Vorträge nicht zu Stande kommen würden ist /
[2]
auf fünfzig, und das Honorar auf einen Carolin für jede
Person festgesetzt. Zum Lokal für diese Vorträge hoffe ich
(durch Herrn Schnyder v. Wartensee welcher Mitvorstand dieses
Vereines ist:) den Saal des physikalischen Vereines, zum
mitten in der Stadt gelegen, zu bekommen, indem ich mit
dem Besitzer dieses Saales selbst ein freundliches Ver-
hältniß angeknüpft habe, dagegen würde ich in diesem
Vereine einige vielleicht 2 oder 3 Vorlesungen über den
mathematischen Zusammenhang der Körperformen und deren
Ableitung aus dem Würfel oder der Kugel halten.- Außer
jenen Vorträgen würde ich dann gegen angemessene Ver-
gütung darauf eingehen, so wohl einzelne und kleinere Kreise
als vielleicht gar einzelnen z.B. weiblichen Erzieh.anstal-
ten oder zweyen zusammen in einzelnen oder verschiedenen
Zweigen im Ganzen zu unterrichten. Jedoch müßte, würde
und könnte sich das letztere erst aus dem ersteren, den
bestimmten Vorträgen an circa 50 Pers: entwickeln.
So steht jetzt das Ganze; es kann Dir hierbey gewiß
nicht entgehen wie ich hier in alle dem Dir mitgetheilten
hiesigen Wünschen, Ansichten und Bestimmungen gefolgt bin
und noch folge. Warum ich aber, ich möchte fast sagen
gegen meine Natur, und noch wenn mehr möchte ich sagen gegen
mich selbst in dieses alles eingehe und eingegangen bin, daß [sc.: das]
brauche ich Dir mein eingehendes, hochgeliebtes Weib gewiß
nicht auseinanderzusetzen, höchstens kaum anzudeuten.
Der Zustand des Erzieh- und Unterrichtswesens, selbst des
öffentlichen auch der Erziehanstalten ist bey aller Gepriesen-
heit wirklich traurig, besonders das häusliche Erziehwesen
auf das erbärmlichste schlecht; woher will man nun /
[2R]
ein Urtheil über Lehr- und Unterrichtsweise bekommen?- Sie
die Eltern werden darum auch in Beziehung auf ihre Kindererziehung
nur vom Winde bewegt und - was sie nicht ganz unmittel-
bar berührt kennen sie nicht. Von uns und Keilhau weiß
nun fast gar Niemand etwas, die ja etwas von uns wissen,
die wissen was die Astronomen von der Sonne wissen d.h. sie kennen
die Flecken, aber sie geben sich nicht die Mühe der Astronomen von
den Flecken auf die Natur der Sonne zu schließen pp. Bagge
der Director an der Musterschule welcher doch so vielseitig von
meinen und unsern Erzieh- und Lehrmitteln und Wegen gehört hatte
kannte nicht einmal mein Buch über die Erziehungskunst. Du siehst
welche Schnekkenartige Abschließung der Erzieher und Lehrer wie
auch der Familien wenigstens in Beziehung auf das wichtigste
des Familienlebens und des Gegenstandes der Erziehung: die
Kindererziehung herrscht. Nun sage mir Seele, woher soll
nun diesen - Kenntniß, noch mehr aber Prüfung und Würdigung
des Bessern kommen. Aber darum staunen zwar selbst die
Lehrer über den äußern nothwendigen strengen, lückenlosen
und folgericht[ig]en Zusammenhang der Unterrichtsmittel die
ich ihnen vorführe, aber sie machen Einwürfe und Fragen
die zeigen daß ihnen das Innere, der eigentliche Geist
noch bey weitem mehr aber der hohe ewige Zweck und Inhalt
des Ganzen so fremd ist, daß ich mich manchmal selbst frage
ob es nur der Mühe werth ist ihnen noch weiter etwas vor-
zuführen dennoch sprechen sie darüber mit einer vornehmen
Oberflächlichkeit und müssen doch am Ende rund heraus ge-
stehen daß sie das nicht haben, daß sie sich freuen würden
wenn sie es hätten. Hat je Dein Mann Geduld gelernt
und geübt, so hat er es hier, ob er gleich wie ich Dir schon früher schrieb, /
[3]
und zwar gerad hier im Hause sehr stark losgefahren ist - Du
siehst hieraus man muß entweder diese äußerliche Welt ganz
aufgeben u sie nach und nach absterben lassen, oder man muß
sich in sie hin geben um nur etwas innerliches noch in ihr
zu wecken. Bey diesem letzteren kommt einem nun wohl das
Grauen an und ich habe hier selbst wiederkehrend ausgesprochen
daß dieß ein mehr als halber und weit schmerzhafterer Tod
sey, daß man aber selbst in den Tod gehen müsse um andere
ins und zum Leben zu wecken. Wenn ich nun das letztere als
meinen Beruf erkenne siehst Du wohl daß ich das erstere nicht
scheuen darf, ja die Vorsehung selbst stellt - damit ich mich meinem
Beruf nicht aus Furcht und Scheu nicht entziehen soll, die Um-
stände so daß ich in die Welt und mit der Welt in Lebeverkehr
treten muß um dem Herz meines Lebens, unserm und meinem
Keilhau wenn es möglich ist nicht nur sein Leben u Bestehen
sondern vielleicht sogar sein freudiges Leben u Bestehen zu
sichern.- So stehen die Sachen und das Ganze nun äußerlich
da ob sie sich aber und wie weit sie sich aber entwickeln
und wo zu letzt das Ende und die Grenze dieser Entwicklungen
seyn wird, das steht u ruht in Gotteshand; ich weiß
nichts davon und ich möchte sagen, ich mag nichts davon
wissen. Gott erhalte und segne nun Keilhau und erhalte
ihm seinen Frieden und sey es und bleibe es noch lange, lange
so klein als ein Senfkorn, gewiß es ist ein Thautropfen an
einem welken Gesträuch, es ist eine Lilie auf einem Dornen-
u Distelacker.- Auch der Gedanke mit der Schweitz
wird noch fest gehalten und Du wirst leicht die in Frage
schwebenden erzieherischen Vorträge hier mit der etwaigen
Ausführung jenes Gedankens in nahen Zusammenhang bringen[.] /
[3R]
Du siehst hieraus wie ich nicht einmal in meinen und durch meine Wün-
sche der Vorsehung vorgreife und ihr [in] der Ausführung ihres Planes
ungehemmte Freyheit lasse. Mein Herz und Leben ruht nur in
und auf Keilhau und wie ich es suche jetzt zu erhalten, so suche ich
auch schon in der Zukunft für sein Bestehen zu wirken.- Ich
beschäftige mich hier so viel er dafür Empfänglichkeit u Be-
dürfniß hat, viel mit Schwarz, ich suche ihn unser Leben in allen
seinen Beziehungen auf jede mögliche Weise nahe zu bringen.
Schon zwey ganze Vormittage ist er bey mir gewesen wo
ich ihn für seinen Hauslehrerzweck u Bedarf unterrichtet
habe, morgen früh kommt er wieder.- Ich lehre viel. Vor-
Gestern war Bagge den g[an]zen Nachmittag bey mir, ich führte
ihm die Außenweltsbetrachtung - und den Zeichengang vor.
Er wollte u will wiederkommen. Heute Morgen war
außer Schwartz auch Herr Gosel [sc.: Kosel], Vorsteher einer Taub-
stummenAnstalt mit 2 seiner Zöglinge hier. Er hat mir
und wie es scheint auch ich ihm sehr zugesagt; ich fand
in kurzem und reinem Worte einen Menschenerzieher in ihm.
Sonntag früh 7 Uhr wird er wieder zu mir kommen. Ich habe
viel durch ihn und noch mehr durch seine Knaben gelernt und
das tief erfassende u wahre unserer Erzieh- und Lehrmittel
wieder bestätigt gefunden pp.
Durch Schnyder v. Wartensee, welcher mir aufgetragen
hat Euch u besonders Dich herzlich von ihm zu grüßen, höre
ich viel Musik u durch ihn vortreffliches Clavierspiel
namentlich Be[e]thovensche und Bachsche Sachen; auch von
ihm selbst habe ich Vorzügliches gehört.- Sonntag Vormittag
soll ich Quardetten hören in welchen er spielt. /
[4]
Nochmals sehr freuen werde ich mich in Gotha Briefe von
Euch vorzufinden, wenigstens in Döllstädt zu erhalten.
Sprich doch mit Middendorff und Langethal ob sich denn gar
nichts wegen der Hochzeit B-s bestimmen läßt?
Ich hatte früher immer gewünscht sie möchte wenigstens
auf E-ns Geburtstag (11er July) seyn. Aber dieß ist
nun wohl auch nicht möglich?-
Nun lebe wohl meine ewig geliebte Seele; Gott gebe
daß ich Dich ganz gesund finde. Geliebte[s] Weib Du schreibst
mir Du habest Deine Stelle und Stellung erkannt; ja Deine
Stelle u Stellung ist an meiner Seite und Dein Platz in meinem
Herzen. Glaube mir ich weiß nicht nur, nein mein Ge-
müth empfindet tief was eheliche Liebe, was Gatten-
liebe ist.
Grüße alle u alle namentlich jeden einzeln[en] recht herzlich
von mir und sage ihnen es habe mich hoch beglückt u erfreut
daß alles während meiner Abwesenheit so pünktlich
und so brav gegangen sey u gehe. Ludowika danke
für ihre Theilnahme doch werde ich jetzt Weinheim nicht
sehen, so wenig es dazu kommen wolle den Feldberg zu
sehen hier sey immer Regenwetter. Zeisig, Steine, Saamen
will ich wo nur immer mögl. für ChrF. besorgen.
Bey Pfarrers wie in Eichfeld viele Grüße wie
bey Bruder u Schwägerin, möge sie g[an]z wieder hergestellt
seyn. Meine Mittheilungen sowohl in Beziehung auf Frankfurt
auch sonst, brauchen wenn Du es nicht besser zweck-
mäßiger
siehest, kein Geheimniß zu bleiben.
In Gott geeint bleibe Gott immer bey, in und mit uns.
Grüße die Freunde; ich sehe keine Nothwendigkeit ihnen besonders
zu schreiben Du wirst ihnen gewiß alles mittheilen. Dein FrFr. /

[4R]
Nachschrift am Abend. Als ich mit dem vorstehenden Brief zu
Ende war, es war schon am Abend, gieng ich zum Dr Bagge. Das
Gespräch kam bald auf den mir mehrseitig ausgesprochenen Wunsch
und auf mein Eingehen in denselben; ich theilte ihm den Plan des Ganzen
so mit wie ich ihn Dir im Vorstehenden ausgesprochen habe; er war
darüber wirklich theilnehmend, sehr erfreut und sagte mir wie
diese Vorträge ganz besonders Frauen und Müttern zusagen würden und
die Theilnahme dafür und der Antheil daran gewiß auch nicht, also
die dazu nöthige Zahl der Personen gewiß nicht fehlen würde. Wir
sprachen nun noch über die einzelnen Gegenstände der Mittheilungen
oder Vorträge und ihren Geist und zuletzt sagte ich ihm: - es käme
mir keinesweges darauf an irgend etwas eingelagertes mitzutheilen
und an den Mann zu bringen, sondern zu machen daß doch mal
Einheit in das deutsche Erzieh- und Lehrwesen käme und unsere der
deutschen Schande das Flick- und Stückelwesen desselben aufhöre
zu diesem Ende gehe mein Streben dahin einen lebendigen Baum der
lebendigen Erzieh- und Lehrmittel aufzustellen damit man das Erzieh-
und Lehrwesen endlich in seinem lebendigen Zusammenhang und als ein
Lebganzes erkenne. Es komme mir darauf an, daß sich so endlich
Lehrer und Erzieher und zwar d[urc]h die Allgemeinheit der höheren mathematisch
moralischen Gesetze als ein Ganzes in Friede u Freuden finden
möchten, wie sie ihre Zöglinge u Schüler als ein solches Ganze und sie sich
mit demselben als ein Ganzes finden würden; [n]emlich daß sich
die Eltern u Mütter so in sich und unter sich, und wieder mit ihren
Kindern u deren Lehrern und Erziehern als ein Ganzes finden und
erkennen möchten, so daß endlich Friede u Freude in das deutsche
Schul- u Erziehwesen käme, ja daß sich hier in Frankfurt zum
Muster für Deutschland ein solches Erzieh- Schul- und Lehrganzes fände, dieß
schien ihm zu zu sagen u verständlich zu seyn u er schien nun die Ausführung des Planes
sehr fest zu fassen u zur Ausführung fest zu halten. /
[1V]
(Nachschrift:)
<Der> Brief welchen Langethal am 2en Pfingstfeyertag geschrieben hat, wird an Euch durch ein Versehen zurück gegangen seyn.-