Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 17.6./20.6.1831 (Frankfurt/M.)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 17.6./20.6.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 27,11, Brieforiginal 5 ½ B 8° 22 S., zit. Halfter 1931, 652; tw. ed. Hoffmann 1952, 62f.; tw. ed. H V, 281-283. - 11V enthält die auf 8V erwähnte Zeichnungskopie. In der namentlichen Aufzählung auf 10R steht das Fragezeichen wohl für "August"; vgl. Hoffmann 1952, 234, Nr.33.)

Auf der Öde bey Frankfurt a/M 17en Juny 1831.

Gott grüße Dich geliebtes Weib bey Gesundheit
mit Friede und Freude, wie Dich mein sehnend
Herz in Liebe und Treue grüßt!

Als ich meinen letzteren Brief an Dich schrieb glaubte ich
gewiß daß ich heute von Gotha aus mit meiner mor-
genden Reise zu Dir und Euch beschäftigt seyn wür-
de und siehe da! - ich bin noch wo ich dortmals war
- d.i. auf der Öde vor dem kleinen grünen Stehpulte
<vor> an dem kleinen Mansardenfenster welches über
grüne Wiesen und baumreiche Gärten die freye Aus[-]
sicht nach der sogen: freyen Stadt mit ihrem großen
Domthurm und über dieß alles hinweg nach den Bergen
des fernen Odenwaldes: - nach dem sich hocherhebenden Meli-
bocus
gewährt. Wie nun aber auch das viele und frische
Grün was meine Auge so sehen und übersehen die Hoffnung
meines Gemüthes, ja meines Geistes und Lebens wirklich
neu und frisch beleben so ist doch meinem Herzen sehr,
sehr, so ist ihm doch unaussprechlich wehe; denn ich kann
es nicht aussagen noch weniger beschreiben wie namen-
los ich mich zu Dir mein theures hochgeliebtes Weib und
zu Allen und Jedem im Kreise zurück sehne. Aber
endlich einmal muß doch des Lebens harter Kampf
um des Lebens Ziel und Preis ausgekämpft werden
was hilft nun ein feiges und furchtsames Absetzen bey
der Hinnahme der der von der Vorsehung, wie die Seele hofft
zu bleibender Jugend und Kraft des Wirkens, gereicht wer- /
[1R]
denden Arzeney. Immer höre ich die Worte des Herzogs
von Meiningen
, welche er mir bey meiner letzten Zusam-
menkunft mit ihm aussprach im Ohre: - "warum muß-
ten sie nur auch immer so schnell wieder von hier abreisen
ohne das Ganze zu einer bestimmten Entscheidung zu bringen!["]
Dieß hat mich nun auch zu dem Entschluß gebracht nicht
eher Frankfurt zu verlassen und nach Keilhau zurück
zu kehren bis ich alles und Alles bis ich das Ganze zu dem
klaren und bestimmten Ziele geführt habe, welches sich
im Laufe und Fortgang des Lebens vor meiner Seele und in und durch
die Fügungen und Führungen der Vorsehung entwickelt. Dieß
war ja auch der Vorsatz mit welchem ich aus Keilhau und
von Euch wegreisete, wie ich es ja Euch allen klar und ganz
namentlich an Langethal aussprach. Doch ihr wißt ja die
Fortentwicklung des Ganzen seit meinem letzteren Briefe
an Dich und Euch nicht und noch weniger was in meiner
Seele vorgeht höre also geliebtes Weib vor allem dieß
und durch Dich hören es alle die unseren.- Immer mehr
gewinnt der Gedanke Klarheit, Festigkeit, Abrundung
und Ausbildung eine umfassende Erzieh- und Lehranstalt,
eine so umfassende Erzieh- und Lehranstalt wie es längst
und besonders seit der Verbindung mit Meiningen in
meiner Seele lag und liegt in der Schweiz unter besonder[er]
Schutze Autorisation eines einzelnen Cantons und mit allgemeiner
Bestimmung, Billigung und dem Schutze der Gesammtschweizer
Regierung zu begründen; denn wenn man das erziehende
und lehrende Treiben in einer sogen: freyen Stadt des deutschen
Landes sieht (wie ich ja dieß schon im vorigen Briefe andeutete) so
verliehrt man die Hoffnung daß wenigstens zunächst, in Deutschland /
[2]
von irgend einem beziehungsweise Allgemeinen oder Besondern
aus etwas für durchgreifende und genügende Erziehung geschehe,
geschehen werde und könne. Doch aber soll in dieser Beziehung
Etwas für die Menschen und so für uns in dieser Zeit geschehen,
so spricht unbeschwichtigbar eine Stimme im Innern und in der
Zeit, so spricht unverkennbar Gottes Stimme im Innern und
durch die Zeit. Was bleibt uns Menschen nun anders übrig als
still dieser Stimme nachzugehen, als leise nachgehend ihr streng
und pünktlich zu gehorchen. Dieß ist das einzige was ich thue, dieß
zu thun ist mein einziges Bestreben, dieß in Volkommenheit
zu thun mein tägliches ja stündliches Gebet. Jetzt nun stehen
stehen die Sachen so: Schnyder von Wartensee, ([{]gewiß noch in den
ersten Dreysigern / die Damen des Hauses schätzen ihn 40 Jahr[}]) welcher seit länger als 16 Jahren ein pä-
dagogisches Leben führte (1816 in Yverdon), besonders aber als Tonkünstler, Mu-
siklehrer im umfassendsten Sinne, und Tonsetzer, in allem
wie als Mensch gleich geachtet, geschätzt und geliebt, in seinem
ich glaube länger als 13jährigen Aufenthalt hier in Frankfurt
in Leben, Gesinnung und That als reiner biederer und braver Mann
gekannt und anerkannt, dieser welcher früher mit den Nürn-
bergern zur Zeit ihrer Blüthe, und ehe von Raumer daselbst ein-
trat und namentlich mit ihrem Gesangslehrer Gersbach in
engen freundschaftlichen Verhältnissen lebte, dieser besitzt
im Kanton Luzern ohnweit des Sempacher Sees, an der
Straße von Arau nach Luzern noch den Überrest eines
Guthes welches seine Familie von ihm durch Unachtsamkeit
vor ihm Lebender verlohr, dieser Überrest besteht in einem
nicht bedeutenden Wohngebäude und Garten, nebst wenig-
stens so viel Land daß zwey Kühe und 1 Pferd auf dasselbe gehalten
werden können. Das übrige Land ist früher sehr billig an /
[2R]
einen Bauer verkauft worden und He. Schnyder meint, es
könne wenn es der Zweck erfordere und die Mittel es er-
laubten von dem Bauer um Billiges irgend einmal
wieder ein bestimmtes und namhaftes Stück Land für
die im Werke und Frage stehende Anstalt zurück gekauft
werden. Jenes so eben bezeichnete Schlößchen und Land, genannt
Wartensee, über dessen mir von Schnyder mir vorgeführte
und in Zeichnungen anschaulich gemachte Lage auf dem Vorsprung
einer ganz kleinen Anhöhe, ich welche eine Aussicht gegen
den Rigi und von da bis zum Pilatus, dann irre ich nicht
auf Luzern und einen Theil von dessen See gewährt, so wie
der Blick immer die Capelle auf dem Schlachtfeld von Sempach
vor Augen haben haben soll - hierüber sage ich Dir mein
geliebtes Weib und Euch allen nichts, da ihr dieß auf einer der
schönen schweizer Karte (auf aschgrauer Leinwand, welche ent-
weder rechts unten im Bücherschranke oder bey den andern Landkarten
liegt) nachsehen könnt; - dieses Schlößchen und Land will nun
Schnyder - was der {Wunsch / Gedanke[}] seines Herzens schon vor 10 Jahren
war - einem von uns beyden gemeinsam zu unternehmenden
umfassenden allgemeinen Erziehenden und Lehrenden Unter-
nehmen hin und hergeben. Er meint und ist in sich fest überzeugt,
daß der jetzige politische Stand der Schweitz so wohl in
seinem Innern, seinem neu erwachsenden innern Einrichtungen
wie in seinen Verhältnissen, als conföderirte Repub-
lik zu den übrigen Staaten und Völkern - auf das beste
dazu geeignet sey, dieß müßte und muß nun freylich
eine Prüfung eine ernste Prüfung erst sicher ergeben;
doch er welcher viel Orts- und Personenkenntniß in
der Schweiz und zwar in letzterer Beziehung, die namhaftesten hat
 /
[3]
ist davon in sich fest überzeugt.
Was bis jetzt von und zwischen uns darüber besprochen worden
und was Ihr in Beziehung auf Ausführung wenn Ihr wollt
- den vor Augen habenden Plan nennen könnt, ist folgendes
die Fortentwicklung, und so die eigentliche Befestigung und Aus-
bildung des Ganzen recht ganz in der Hand der Vorsehung;
weßhalb es unsere und besonders meine höchste und größte
Sorgfalt ist den sich zeigenden Umständen auf das sorg-
samste pflegend nach zu gehen und in dieser Rücksicht be-
sonders das Ganze still aus dem Kleinen und Einfachen
hervor wachsen zu lassen. Deßhalb bleibt vor Allem
Keilhau so lang es Gott wie jetzt erhält und ehe sich mehr
seitig eine An- und Aufforderung zur Veränderung zeigt, in
seinem Verhältnissen, Leben und Wirken in ganz unange-
tasteten Zustand; uns und besonders mir unter allen Umstän-
den auch von der Ferne der Gegenstand der höchsten Achtsam[-]
keit und der sorgsamsten Pflege; nach Maßgabe der Befestigung,
Entwicklung und Ausbildung des schweizer Verhältnisses
können von Keilhau aus diejenigen Glieder daran Antheil
nehmen welche bey festem Zutrauen zu der Unternehmung in
ihrem Geiste, Gemüthe und Leben Aufforderung dazu finden.
Meiner Seele liegt der Gedanke der Ausführung, wenn der[-]
selbe anders selbst aus Gott und so dessen Seegen mit ihm
ist, ganz in derselben Form vor, wie ich und wir in Gries-
heim und Keilhau begannen. Deßhalb bleiben auch die
Verhältnisse und die Einrichtungen Schnyders hier in Frank[-]
furt ganz unangetastet, und es würde so und nach unsern
Mittheilungen, die Begründung des Ganzen wie die Anwendung
und Bestimmung der häuslichen und hausmütterlichen Verhältnisse /
[3R]
wie in Griesheim und Keilhau ganz in meiner Hand ruhen; denn
Schnyder war früher schon aber nur sehr kurze Zeit mit einem wie
ich höre sehr lieben Wesen verbunden, sie starb irre ich nicht im 2en
Jahre der Verheyrathung ohne ihm einen Pfand ihrer Einigung zu schenken,
sie lebten in Seelen[-] und Geisteseinigung und selbst bey einer 2en Ver[-]
heyrathung zu welcher er jetzt noch nicht besonders geneigt zu seyn
scheint kann ich mir nicht denken wie ein solcher Mann eine ande-
re als sanfte, sinnige und eingehende Frau als zur Lebensgefährtin
und Gattin wählen könnte, und so sehe ich denn, da wir bey unserm Lebens[-]
berufe, und Lebenszwecke und Lebensziele nothwendig mit Anderen zu[-]
sammen leben müssen, selbst bey einem weiteren und den weite[-]
sten Blick in die Zukunft aus den jetzt bestehenden Verhältnissen
des Einzelnen weder dem Ganzen noch irgend einem Einzelnen et-
was Unangenehmes erwachsen. Sollte Gott uns Keilhau
als Eigenthum erhalten, was meine Seele nicht nur wünscht sondern
auch wirklich hofft, so bleibt Keilhau für immer engere Heymath
und mein engeres Vaterland d.i. Deutschland das, für was und
wozu es mein Gemüth immer ersehnt hat und ich werde es unter
allen Verhältnissen immer als den Herzpunkt meines Lebens
schützen und pflegen, was ich auch ganz namentlich jetzt hier, bey
allem was ich thue, vor Augen habe. Sollte Gott es anders be[-]
stimmen oder schon bestimmt haben und {wir / ich[}] Keilhau als Grundeigen[-]
thum verliehren, so sehe ich es als einen Beweis der liebenden
Vorsehung Gottes an, welcher es so fügt, daß ich vorher
weg und hinziehen muß uns allen einen Ort des Wohnens,
und Wirkens zu bereiten, welcher seinen weisen, großen und
väterlichen Absichten und Plan mit der Führung und der Fortentwicklung
des Menschengeschlechtes, seiner ihm lieben Kinder, angemesse[-]
ner und entsprechender ist.- Ich sehe überhaupt eine merk- /
[4]
würdige, d.i. hoch zu beachtende Wiederkehr meines früheren und
ersten Frankfurter Lebens, und so meine ich denn in der tiefsten
Tiefe meines Herzens daß wie ich früher 1, 2 ja 3mal von
der Schweiz aus nach Deutschland ge und so gar in meine Heymath
und zwar immer in gesteigerter Wirksamkeit zurück gekehrt
sey (erst 1805; dann 1809 durch die Schrift an die Fürstin Mutter, dann 1810)
so könne ich ja vielleicht einst in erhöhter und gesteigerter
Wirksamkeit aus der Schweiz in meine He engeres d.i. deutsches
Land und sogar in meine Heymath zurück kehren, und wenn
auch ja, nicht persönlich, doch in und durch mein Wirken; so
zeigt sich mir also ein freyer, fesselloser ungetrübter Blick,
so wohl jetzt als auch in der näheren und ferneren Zukunft.
Nun habe ich wohl keine Vorbereitung mehr nöthig, Dir mein
geliebtes theures Weib und Euch allen, die zwischen Schnyder
und mir gepflogene Verabredung zur Ausführung des Planes
E vorzulegen.- Würden es Schnyders gesammt Verhältnisse
jetzt erlauben, so würden wir so gleich in den nächsten Tagen von
hier nach der Schweiz reisen; doch die für ihn dazu nöthigen
Vorbereitungen und das vorher Auszuführende, werden
die Reise erst in den ersten Tagen des nächst künftigen Monats
July möglich machen. Über den Tag selbst könen wir beyder-
seits noch gar nichts bestimmen.- Wir werden - kommt die
Reise wirklich zu Stande dann über Carlsruhe reisen - hier
in Carlsruhe wünscht Schnyder, daß wir bis zum nächsten
Posttage d.i[.] 2 Tage liegen blieben; er sagte von einem
bedeutenden Pädagogen welchen ich daselbst treffen würde,
vielleicht erreichte ich auch sonst in Carlsruhe etwas, was
mir vor und bey Antritt meiner jetzigen Reise vor der Seele
stand; vielleicht sähe ich einen der Euch bekannten Männer. /
[4R]
In Basel würden wir wieder einen Tag bleiben um daselbst wenig[-]
stens Trexler zu sehen, von welchem Schnyder viel erwartet
wenn wir uns beyde verständigen könnten. In Arau würden
wir das Ganze Zschokke mittheilen und sehen ob er für dessen
Ausführung zu gewinnen sey, indem er persönlich in der Schweiz
bey der jetzt die Zügel der Regierung ergreifenden freyeren Parthey
ein ebenso geachtetet [sc.: geachteter] Mann, als sein Blatt der Schweizer
Bothe ein vielgelesenes ist. Von hier, d.i. von Arau aus
würde es so gleich nach Wartensee gehen. Hier würden wir
beyde gemeinsam einen Tag ausruhen, worauf Schnyder (so wird
er hier immer genannt, ich glaube weil er diesen Theil seines Namens
seinen freyeren, nicht aristokratischen Lebensansichten, angemesse[-]
ner gefunden hat:) - nach Luzern reisen und seinen Freunden
Anwyn und Pfyffer, (:Namen welche Euch schon durch Herzog
bekannt sind:) in freundschaftlicher Mittheilung unsern Plan
zur Prüfung vorzulegen. Wie ich nun schon zum öftern aus-
sprach, so zweifelt Schnyder nicht leise an der guten und entspre-
chenden Auf- und Annahme unseres Antrags von Seite des
Regierungspersonals zunächst seines Cantons, wenn er also nun
so die allgemeinen Einleitungen und Vorkehrungen getroffen
so soll ich den nächsten oder den 2en Tag darauf von ihm ent-
weder brieflich oder persönlich (:so ordnet er sich jetzt
die Sache) nach Luzern welches irre ich nicht 2½ bis 3 Stunden
von Wartensee liegt abgeholt werden um das für
den Zweck der Ausführung Nöthige dem Regierungsperso-
nale persönlich vorzulegen. Er Schnyder meint daß
es dann nicht lange dauern könnte und würde, ja er sagt
sich daß wir gewiß bald darauf, wenn es uns selbst
sonst zusagen würde, mit einigen sogleich beginnen könnten. /
[5]
Denn wir kommen nicht etwas umsonst und mehr von dem
Staate zu fordern als was wir ihm an und durch die Früchte
der Anstalt wieder zu geben uns verpflichten, denn Schny-
der ist in sich überzeugt daß der Staat d.h. zunächst der Canton unsere Anstalt
als eine Vorbildungsschule zu Lehrern besonders der Land[-] und Bürger[-]
schulen erkennen, anerkennen und als solche
dann im Verhältniß unserer Leistungen unterstützen, und
nicht blos schützen werde. Das in sich selbst Bestehen
der Anstalt stützt er auf mehreres - so wie dagegen
ich wieder auf ganz anderes tieferes noch und weiteres -
und mit Recht auf das allernächste nemlich auf einen
wirklich wohlhabenden Mittel- und besonders Bauern-
stand, welcher, bey dem jetzt veränderten Regierungsgang
in der Schweiz, wo er Hoffnung habe daß auch Söhne von
ihm in den Rath und an das Regierungsruder kommen könne[n] -
ganz besonders darauf denke seinen Söhnen etwas Tüchtiges
und seinem Zwecke Förderliches lernen zu lassen.
Unser Streben geht also dahin daß der Staat d.i. zunächst
die Cantonsregierung uns als eine Schullehrerbildungsanstalt
für seine Land- und Bürgerschulen erkennen und anerkennen
und dann nach Maßgabe seiner Förderungen und unseren
Leistungen in dieser Hinsicht uns unterstützen. Laßt uns
nun Geliebten auf dem zweyen als den wesentlichsten ruhen
erstlich daß wir dem wirklich gefühlt werdenden Bedürfniß
eines wirklich wohlhabenden Mittel- und Landmanns
entgegen kämen, zweytens daß die Regierung in uns eine
Vorbildungsschule für ihre Land- und Bürgerschullehrer erkennen
anerkennen, schützen und verhältnißmäßig unterstützen
werde, und dazu nur noch drittens hinzufügen, daß wir /
[5R]
gewiß auch sehr bald Zöglinge von außerhalb der Schweitz
bekommen würden, vielleicht gar aus Frankfurt, welche ihre
Söhne gewiß bei dem fast doppelten Erziehungsgeld (:ich meine
zunächst die Rth 100 prß. Cour) lieber nach der Schweiz als
nach Keilhau geben würden, denn Keilhau liegt ja nach Sachsen
und Preußen zu und was mehr als alles entscheidet ist ja
doch nur in Deutschland. Weiter nun wollen wir das
Gemälde unserer Erwartungen nicht ausdehnen; mich dünkt
wir haben hinlä[n]glich genug. Was das wichtigste ist Grund
und Boden haben wir ja und für den Anfang auch Wohnung,
gewiß doch besser und mehr als wir ersten 8 oder 12 bey Hä-
nolden in Keilhau, selbst später in der ersteren Zeit im untern
Hause hatten. So gestehe ich es mit freyer froher Brust
so habe ich frohen Muth und die so schmerzlichen als reichen
Erfahrungen des Beginnes und der Begründung unserer Unter-
nehmung in Griesheim und besonders in Keilhau sollen uns nun
auch als ein Gottesseegen erscheinen, zu einem reichen Seegen
Gottes werden.
Bey diesem allen mein hochgeliebtes theures Weib und ihr
lieben werthen Freunde und Du mein geliebter theurer Bruder
darfst Du aber nicht denken daß ich etwa hier nur ganz und
einzig auf diesem Vorhaben ruhe und dafür wirke, nein!
Ihr könnt und werdet es mir gewiß ohne alle Versicherung glauben
ich habe in allem zu allererst mein Keilhau, sein Bestehen
wie sein Fördern vor Augen, alles was ich thue, thue ich zu-
nächst für Keilhau, denn außer Schnyder weiß keine einzige
Seele etwas von unserm Vorhaben, dagegen arbeite ich
ununterbrochen das Eingehen in und das Zutrauen zu
meiner und unserer Erzieh- und Lehrweise zu meinen und /
[6]
unsern Lehr- und Erziehungsmitteln zu erreichen und zu erhöhen
und ich hoffe daß es mir schon vielseitig gelungen ist. Höre
meine gute Wilhelmine hört liebe Freunde und Bruder wie ich
jetzt den Tag zubringe. Früh vor 5 Uhr stehe ich immer auf.
Punkt 5 Uhr kommt Herr Kosel Vorsteher der Taubstummen-
Anstalt dem ich unsere Lehr[-] und Erziehmittel vorführe und
dabey aber auch wohl dem Gespräche freyen Lauf lasse wohin
es sich im Gebiete der Menschenerziehung wendet, und da steigt
es bald in die höchsten Höhen, bald steigt es in tiefe Tiefen und bald
verbreitet es sich in dem breiten Gebiete des Nutzens in und
für das bürgerliche Leben, denn Herr Kosel ist ein selbst den-
kender Erzieher, der sein Leben dessen EntwicklungsGang beobachtet
und sich so selbst erzogen hat. Zwey Worte sagen alles: er
steht hier ganz allein und noch überdieß im gewaltigen Kampf
mit ewigen Entgegnungen. Du Barop kannst ja den Übrigen etwas
von ihm erzählen. Kosel blei[b]t nun gewöhnlich bis gegen
½8 bey mir. In dieser Zeit oder bald darauf kommt unser
Emil Schwarz (der Neffe wie ihr wisst unseres vielleicht einstmaligen
Herrn Geheimenrath Schwartz und vielleicht selbst später
einmal Generalsuperintendent oder doch wenigstens Oberpfarrer
in Rudolstadt) diesem gebe ich jetzt Unterricht im Zeichnen,
er ist unglaublich fleißig und bleibt gewöhnlich bis ½11
bey mir.
Ich hoffe Ihr sollt daraus sehen daß ich und wie ich Keilhau im Auge habe.
Von 11 bis 12 Uhr ist bestimmt in die Stadt zur
Frau von Hayden zu gehen.- Von 12 bis ½3 Uhr
gebe ich den beyden Fräulein im Hause auch wohl der gn. Fr.
Unterricht, jetzt im Zeichnen früher in der Körper- und
Pflanzenbetrachtung. Von ½3 bis 4 wird bey Tisch und
Caffee geblieben, dann wird zu Zeiten noch etwas im
Hause gearbeitet, gewöhnlich aber gehe ich zu Bekannten /
[6R]
oft zu dem Director Bagge. Meistens und gewöhnlich wenigstens
über den andern Tag zu Schnyder, wo dann über das Leben
und alles was den Erzieher interessiren kann mit erzieherischem
Blick und Urtheil gesprochen wird. Mittwochs ½7 gehe ich
dann mit ihm in den Cäcilienverein wo jetzt ohngefähr wohl
60-80 Sänger und Sängerinnen gegenwärtig sind. Das letztere mal hörte ich
Judas Makkabäus von Hayden; Sonnabend Nachmittag 4 
Uhr ging ich bisher fast immer zu Speyers (wo Schwartz
Hauslehrer ist) aber um 3 Uhr zu Mittag mit Schnyder zu Tisch, aber gewöhnlich
schon um 3 Uhr zu diesem; wo ich dann bisher immer zwischen
9 und 10 Uhr wieder nach Hause kam. Auch Sonntags wird
gearbeitet. So seht ihr geht die Zeit hin in Thätigkeit und
Wirksamkeit dessen Blüthen und Früchte zunächst in Keilhau
niederfallen sollen, doch könnten und können sie sich auch wenn
ein zweytes Keilhau in der Schweitz d.i. Wartensee er-
stehen sollte, in der Schweitz wenigstens theilweise nieder[-]
fallen, doch was wäre immer der eigentliche Mittel[-], Lebe[-]
und Herzpunkt in dem alle zurück kehrte[n] - Keilhau.-
Nun noch ein Paar Worte über meine Schweitzerreise und deren
Rückbeziehung auf und deren Blüthen und Früchte für Keilhau
selbst auf den Fall daß aus dem Vorhaben in und mit der
Schweitz gar nichts hervorgehen sollte.- Freunde
wir sehen aus unserm Keilhau die Welt d.i. zunächst Deutsch[-]
land und dessen Real- d.i. Thatbestrebungen ganz falsch
an und das hat uns gewiß große Noth gebracht, die
aber, so hoffe ich, Gott alle zu reichem Seyn für uns wen[-]
den wird; denn es war zu unserer Erziehung zu Zeit- und
Menschenerziehern nöthig, daß wir so geführt worden.
-- Das Leben und die Menschen selbst sind so zerstückelt daß
ohne persönlichen Verkehr mit den Menschen kaum etwas, ja nichts /
[7]
nichts mehr zu thun, zu bewirken zu erreichen ist. Ihr seht auch
hieraus wenn Ihr dieß ruhig überschaut und recht erwäget, daß
wir ja in gewißer Beziehung, wie zu den natürlichen Sach- That-
und Anschauungssunterricht und zu den unmittelbaren Lebens
persönlichen Lebensverkehr, so gleichsam zu den ersten, Na-
tur- und Grundverhältnissen des Menschen zurück gekehrt
sind, Wir d.h. das Menschengeschlecht in dem Fortgang seiner
Entwicklung, wo der Mensch in seinem Wirken und Erkennen nur
wieder unmittelbar der Natur, dem Leben und dem Menschen
gegen übersteht. Es ist höchst merkwürdig wie hier die Über[-]
bildung des Menschengeschlechtes (- wenn ich ohne mißverstanden
zu werden diesen Ausdruck gebrauchen darf) wieder ganz
gleich wird der früheren und ersten Unbildung des Menschen.
Ihr könnt hierinne wenn Ihr wollt wieder einen Beweis
für das finden was ich so oft als einen der allerersten Lebens[-]
sätze ausspreche daß ganz und rein entgegengesetzte
Entwicklungsstufen, ganz das Gleiche zeigen und bewirken können
oder wie ich mich in einer Formel ausdrücke: daß das Licht Dunkel
und das Dunkel Licht seyn könne. Doch müßt Ihr mich in dem
vorhin gesagten recht verstehen, sonst könnte das was ich aus[-]
sprach Euch und uns großen Nachtheil bringen, ich meine nicht
daß sich der Mensch, der wahrhafte selbstständige, bewußte,
klare, denn nur von diesem kann auf dieser Stufe der Mensch-
heitsentwicklung die Rede seyn, - dem äußerlichen Menschen,
den äußerlichen Verhältnissen und Leben hingeben soll, denn
dann würde er bald in sich vernichtet, zerrissen und leer wer[-]
den, sondern ich meine daß er in Denken, Wollen, That und Wert
klar und fest in sich ruhend wie ein Fels fest stehen als Einheit
und Einigungspunkt fest stehen soll, in dieser Zeit des Schwankens /
[7R]
der Unsicherheit und Trübung. So nun mein theures geliebtes
Weib und Ihr Freunde und Du mein lieber Bruder und Ihr alle
meine ich, daß meine Reise nach der Schweitz auch wenn sie selbst
in die Schweitz und für die Schweitz nichts bewirken sollte
sie doch unerläßlich nothwendig gewiß vortheilhaft auf
Keilhau und für Euch alle zurück wirke, denn um nur
ein allereinziges zu erwähnen, so könnt Ihr dann um so mehr
in Ruhe und Friede, Ausdauer und mit Muth und sogar Ergebung
einem Wirken und Handeln hingeben, von dem Ihr wißt
daß es selbst vielseitig in Muth, Vertrauen und Bewußt[-]
seyn jeder Art der Prüfung hingegeben wurde und in derselben
bestanden ist. Denn so viel kann ich Euch wenigstens mit der
größten Gewißheit sagen: - bis jetzt hat sich auch noch nicht
irgend eine Entgegnung bewährt, sondern es geht dem
Ganzen und dem Geiste des Ganzen, und so selbst meinem
Gemüthe, Geiste und innern Leben wie einem Magnet
welcher nur immer eine größere Trag- und Ziehkraft, eine
großere Wirksamkeit zeigt, jemehr ihm zu tragen, zu
ziehen zu wirken auferlegt wird, und dieß dünkt mich
ist, wie das wahre, als so auch zuverlässige Prüfungs-
und Bewährungsmittel jeder echten Kraft, jedes wahren
lebens. Doch dieß könnt Ihr Euch alles im lebendigen Wechselge-
spräch klarer und eindringlicher vorführen, als ich hier mit
einseitigem Worte, besonders aber Du Barop, der Du mir
in Deinen einzelnen Andeutungen Deiner Lebenserfahrung der
letzteren u des letzteren Jahres mehrseitig angedeutet hast,
wie das Leben und die Lebensverhältnisse nicht an Dir
vor übergegangen sind ohne Dir von ihrer Beschaffenheit
ihrem Geiste und Ziele Kunde zu geben.- /

[8]
Montag am 20 Juny. Angeschlossen empfangt Ihr Lieben eine treue Copie
einer kleinen Zeichnung die ich von Schnyder empfing um mir einen
kleinen Begriff von den nächsten Localverhältnissen Wartensees
zu geben. Zwar sind, irre ich nicht, die projectirten Anlagen nicht aus[-]
geführt worden, ebenso wenig als der neue Anbau B auf der Zeich[-]
nung, doch geht daraus die vortreffliche Lage der Gebäude nach Süden
hervor, so wie daß rund um das Gebäude ein freyer Raum für
Spiel und Gärten für die frohe lebens[-], spiele[-], und arbeitslustige Jugend
ist. Daß Ihr Euch das Ganze auf dem Vorsprung einer kleinen
Anhöhe und noch umgeben von dazu gehörigem Lande für ohngefähr
2 Kühe und 1 Pferd denken müßt habe ich Euch schon geschrieben.-
Wenn ich Euch in einer solchen Gewiß- und Sicherheit von Warten[-]
see spreche, weil sich das Ganze im Fortgang der Zeit, der Mit[-]
theilungen und der sich zeigenden möglichen Umstände und Verhältnisse immer
klarer und bestimmter wie im Gemüthe so im Geiste und für das wirklich
ausführende Leben entwickelt und ausbildet, - so dürft und
werdet Ihr doch hoffentlich keinesweges denken, daß es mir Absicht
und Wille sey Keilhau als Erziehungsanstalt und als Familien-
mittelpunkt je aufzugeben, nein! im Gegentheil th geht meine be-
stimmte Absicht, Wille und Plan dahin Keilhau nicht nur in ge-
nannter Beziehung zu erhalten, sondern ganz besonders zu
pflegen und zu entwickeln so daß es für immer der thautropfen[-]
klare, herzensreine, geisteskräftige und thatsichere Mittelpunkt
Ausgangs- und Rückbeziehungspunkt meines Lebens und Wirkens
werde. Meine Absicht ist bestimmt: - durch alles was ich jetzt
thue für das Verstehen, das Erkennen und Anerkennen Keilhau[s]
zu wirken. Darum muß für das Erhalten, für die reinste
und menschlichste Ausbildung Keilhaus die größte Sorge getragen
werden. Dieß finde und lese ich aber auch in der Absicht /
[8R]
und Plane der Vorsehung (zu liegen) und sich geht mir aus den Wegen derselben,
welche sie uns und mich führt, hervor (zugehen). Darum ist es wie
meine so unser aller erste Pflicht jene Wege still zu beachten,
zu erforschen und ihnen sinnig nachzugehen und sie zu den unsrigen
zu machen, denn es scheint nemlich schwierig möglich dem Wirken
einem Wirken wie das ist dem ich entgegen gehe, das stille sinnige
Walten, Wirken und Schaffen zu geben dessen sich Keilhau erfreut,
so sehr auch mein unverwandtes Streben dahin gehen wird; hier
d.i[.] auf und in diesem Falle ist es dann gut einen Punkt und Ort
zu wissen wo jenes stille sinnige Walten und Schaffen herrscht und
die Gewißheit in sich zu tragen, daß wenn es auch nicht möglich
wird in seinem unmittelbaren Wirken und Umgebung selbst
dafür, doch dafür zu wirken, daß Menschen gebildet werden,
die wenigstens ein solches Leben auch ersehnen, und es darum
wo und wenn sie es einst finden achtend anerkennen und pflegen wer[-]
de. Stände es übrigens im Buche der Vorsehung anders geschrieben
und das Keilhau wie einst Jesus eine Reise nach Südsüdwest machen
müsse ehe es bleibend wirkend in die Heymath zurück kehren
könne, so wäre ihm vorher schon dort ein Haus und ein Wirken
bereitet. Ihr seht wie sich auch die Betrachtung, das Herz wie
der Geist wenden möge so findet er so klare als ruhige Punkt
friedliche und freundliche Aussichten und Begegnungen. Ich für meine
Person und mein Leben verzichte so wirklich schmerzlich wehe es auch
meinem Gemüthe thut, willig entsagend dem stillen, sinnigen
rein und echt menschlichen Leben, wenn es mir nur gelingt zu er[-]
reichen was meiner Seele vorschwebt als ich im May 1805, ohne zu wissen
was ich schrieb, niederschrieb: "Mein Streben sey die Menschen ihnen (sich)
selbst zu geben["]; wie ich auch in dem Vordersatz dieser Worte meine
so oft wiederkehrenden Wanderungen klar lebendig geahnet und klar ausgesprochen finde. /
[9]
Nur nur noch ein Wort von mir und über mich und dann sey es für heute
genug. Da an Euch wegen meiners, sich nun noch verlängernder Abwe-
senheit ohne Zweifel mehrseitig Fragen an Euch geschehen werden
namentlich von unserm Herrn Pfarrer (:den ich herzlich von mir
zu grüßen bitte so wie dessen Frau und Kinder:) so dünkt mich könne
alle diesen nach Umstanden so einfach als wahr gesagt werden
daß ich mit dem festen Vorsatz von Keilhau gereist sey, Keil[-]
hau aus sich und durch sich für Untergang zu sichern, und daß ich,
da sich mir dazu nun die so bestimmte als sichere Hoffnung zeige,
nicht gern, und wohl schwerlich früher nach Keilhau jetzt
zurück kehren würde bis mir dieß gelungen seyn würde.
Art und Ort zu nennen halte ich jetzt gerad noch nicht für nöthig
weil Herzog ein Schweizer und Luzerner und der Herr Pfarrer
sein Correspondent ist. Auch an Ferdinand dünkt mich müsse
man die Sache dieserhalb nur sorglich mittheilen, weil es
höchst unangenehm und vielleicht stark entgegnend wirken
könnte, wenn mein Vorhaben früher in der Schweiz besonders
in Luzern bekannt würde ehe ich persönlich dort verhandelt
und wo möglich bald sicher gestellt hätte. Ferdinand soll
nur fleißig und wacker arbeiten, und sollte sich ihm eine Gelegen-
heit zeigen sich wenn auch nur im Allgemeinen mit Lythographie
bekannt zu machen, diese benutzen. Es dämmert mir für Fer-
dinand ein Wirkungskreis herauf, welcher mir seinem ganzen gesammt[en]
Wesen nicht nur angemessen, sondern auch ganz namentlich dem Ganzen
in Hinsicht auf ökonomische Sicherstellung hochst ersprießlich er-
scheint. Doch will ich darüber gar nichts entscheiden, ohne einst ihn
bey Fortentwicklung des Ganzen selbst darüber zu hören; Nur
etwas sinnigere Ruhe - ohne etwas Verlust seiner Lebenslust
und schaffenden Thätigkeit - möchte ich wünschen. Auch Wilhelm /
[9R]
tritt mir oft bey der innern Betrachtung und Entwicklung des Ganzen
vor die Seele als ein wesentlich wirkendes Glied desselben.
Doch darüber und über alles dieß jetzt auch noch nicht eine Ver[-]
muthung denn das Ganze wie jeder Einzelne soll sich wo nur immer
möglich ganz frey und ungehindert entwickeln.-
Sollte Michaelis Euch seine Ankunft in Keilhau vielleicht 8
bis 10 Tage vorher anzeigen, so schreibt mir es so gleich damit
ich weiß wie er zu <Dir> und in der Schweiz, zu Cotta und sich
stehe.- Ist der von Herrn Carl in Vorschlag gebrachte Musik[-]
lehrer noch nicht bey Euch eingetreten. Schreibt mir doch dar-
über und über alles was Keilhau und das gesammtleben
betrifft ausführlich. Vertheilt ordentlich schriftlich die Gegen-
stände die jeder mittheilen soll, damit ich nach so vielen Wochen
Abwesenheit wieder einen klaren Überblick über das Ganze
bekomme. Schreibt mir recht bald unter der Addresse: abzugeben
bey dem Her[r]n Freyherrn v. H.- auf der Öde.
Alle, alle wünsche
ich daß sie mir schreiben mögen keines der Glieder auch nicht
ein einziges ausgenommen. Gebt [{]den Knaben / den Zöglinge[n][}] nach Verhältnissen
einen oder zwey Tage dazu frey, laßt jeden schreiben was
und wie viel er mir nur klar und sorglich ausgeführt.
Ihr könnt mir die Briefe zusammengepackt mit der Fahrpost schicken
und zugleich 2 Ex: meiner Erziehungskunst (eines W.V. weißes Velin
(W.V. steht außen)[)] und eins auf Druckpap[p]e schicken. Habt ihr
schöne Sachen in den Farbenübungen ausgeführt so legt mir wen[n]
Ihr wollt
, welche bey. Laßt die Knaben wenn es anders die Zeit
erlaubt
ein Paar weiße ausgestochene Blätter (sie liegen links
von dem Farbenschicht) durch und mit Farben ausführen und legt sie
bey; aber versäumt mir darüber keinen Posttag, denn ich sehne
mich unaussprechlich nach Briefen von allen, darum bitte ich /
[10]
daß sie mir alle schreiben auch im untern Hause, und wenn
auch jedes nur eigenhändig seinen Gruß u[n]d mit seinem Namen,
ich bitte recht sehr darum. Habt ihr viel Kirschen bekommen; giebts
viel Erdbeern; sind die Stachelbeern reif oder schon gegessen?- Was
macht die Heuernte?- Von allem schreibt mir doch und laßt mir
schreiben, Ihr habt ja der Hände so viel[.] NB Du Barop schreibe
mir doch, vergieß es aber (wenn Du es weißt) ja nicht, in welchem
Jahrgang der Schulzeitung und in welchem Bande d.h. ersten
oder 2n Halbjahr derselben der Aufsatz oder vielmehr Be-
richt Zeh's über die Anstalt steht.- Ihr könnt mir auch ohnge-
fähr 2-3 grüne Schriftchen "Grundsätze, Zweck u inne[re]s Leben" beylegen
so wie von den Lectionsplänen d.h. Stundenverzeichnissen die noch
da sind von jedem Halbjahr einen. Sie werden entweder auf
dem Boden liegen (Du Middendorff wirst es wissen:) oder in einem
Gefach, unter den Farben. Du mein innig geliebtes Weib lege
mir in sie, aber so daß ich sie finde ein Paar kleine Keilhauer
Blumen, ich sehne mich so sehr nach ihnen und ich bedarf, bedarf
sehr dieser Zeichen der Einigung, denn es meine Niemand daß ich
hier Tage der Freude lebe, ich lebe Tage der Pflicht und des Berufs
und in dem Bewußtseyn von deren Erfüllung nur habe ich Freude;
denn was und wer könnte mir Keilhau und sein Leben ersetzen,
was und wer mir reichen was es mir giebt. Oft denke
ich daran, daß ich wohl Keilhau nie verlassen hätte, hätten
mich nicht die gesammtäußeren Verhältnisse dazu bestimmt
und steht nun mein persönliches Heraustreten aus Keilhau und selbst
aus Deutschland für einige Zeit, und mein Eintreten in eine
fernere weitere, und sogar fremde Welt und fremdes Land im
Plane der Vorsehung, wie ich nicht anders als glauben muß, so
muß ich auch einsehen, daß unsere Gesammtlage sich nicht eher /
[10R]
klären und sichern konnte bis ich des Schicksals- der Vorsehung
Schluß erfüllt. Möge und möchte nun dessen Erfüllung wenn
sie von mir wirklich geschehen und vollbracht ist Euch allen
feste Begründung und klare Entwicklung und lebendig fröhliche freudige
Gestaltung Euer aller Leben geben.-
Nun noch vor allem Dir herzinnigen Dank, mein geliebtes
theures Weib! für Deine lieben Schlußzeilen in Deinem Brief
vom 3 Juny an mich, Wo Du mir schreibst: "Deine Andeutungen
"und der Gedanke daß Keilhau und sein redlicher Kreis
"noch einst wie ein Phönix verjüngt wieder aufleben
"könne bewegt und hebt mein aller Innerstes und giebt
"auch zu dem Schwersten neuen Muth." Auch mir haben
diese Deine hingebenden Worte Deines Herzens, Deines
Willens wie Deines Lebens Muth und besonders Ruhe
und stilles Harren gegeben der Zukunft und ihren Loosen
still und vertrauend entgegen zu gehen und Dir und Euch
allen so unbefangen und offen schreiben zu können wie ich [es]
in den vorliegenden Bogen gethan habe. Möge ich Dich
meine gute Frau ganz gesund an Geist und Körper stark
wie im Gemüth u Herzen freudig und froh finden, wenn es Gott
gefällt mich im künftigen Monat gesund und am Ziel oder
in der Mitte eines sicheren Lebens zu Dir zurück zuführen
um dann dieses Leben in stiller HerzensEinigung wo es Gott
bestimmt mit Dir ungestöhrt zu leben. Jetzt sey Du und
alle die Lieben unsrigen die ich alle namentlich und jeden einzeln
grüße, Albert, Gustav, Titus, Johannes Felix, Carl, Adolph, Adolph
Karl, Wilhelm, Ehrfried, Hermann, Ferdinand, ? Ludowika Hed-
wig, Bernhard, Emilie, Friedrich und alle Ihr Freunde und Ihr
Geliebten, und Du theurer Bruder mit all den lieben Deinigen Gottes
vaterhuld empfohlen. Die Zöglinge besonders Joh: Titus, Karl, sollen recht
brav und wacker seyn, und alles recht tüchtig lernen. Ewig der Deine FrFr. /
[11]
[*Zeichnung mit
  Himmelrichtungspfeil und
  Legende*:]
Gartenproject zu dem Schloss Wartensee
A altes Schloss
B. project: Anbau
C. Capelle
D. Frühbe[e]te
E. Gemüssbeete
F. Blumenbeete
G. Hauptbrunnen
H. Dickichte von Sträuchern.
[*Maßstab*] Paris <Fuss.>
gez. v. J. Mohr. /
[11R]
Bitte: Laßt mir recht bald und zwar von Jeder und Jedem
Eure Ansicht und Meinung zukommen oder wenigstens
theilt mir den Eindruck mit den dieser Plan auf die ver-
schiedenen Glieder des Hauses gemacht hat.
Da ich die Stelle im Briefe nicht sogleich auffinden kann so will
ich hier doch eine Stelle Nachricht verbessern die ich dort selbst gegeben
habe. Schnyders Frau starb den 30 7br 1827, nachdem sie
seit 1818 verheirathet gewesen waren; sie war 40 Jahre als
sie starb. Ich habe gestern die Skizze eines Freundes Schnyders
von ihr gelesen, die sie als eine der seltensten vorzüglichen
Frauen schildert. Beyde Gatten lebten in der innigsten Geistes[-]
und Seeleneinigung; wie sie geistig gebildet war so rühmt Schnyder
besonders auch von ihr, daß ihr kein häusliches Geschäft zu klein
und unbedeutend war und daß sie jedes gleich vorzüglich aus[-]
führte, das Ausbessern wie das Machen neuer Kleider. Ich
schreibe Euch dieß weil ich glaube Euch keine bessere Charakter[-]
schilderung Schnyders selbst geben zu können.
An Dich Middendorff habe ich noch eine Bitte. Kannst Du viel[-]
leicht in dem mittlern Schränkchen meines Schreibepultes unter
meinen Papieren oder in dem Schubfach darunter mein Steno[-]
graphisches Alphabet finden so schicke es mir doch; ich habe mit
dem Legr: v. Holzhausen davon gesprochen.
Weil mir es der Platz vergönnt nehmt noch alle einen
besondern Gruß, Du mein lieber Bruder mit Deiner wackern
Frau; Emilie, Elise (von Euch lese ich doch etwas?) Albertine
mit Deinen lieben lieben Kindern Allwinen der l. Pathe
und dem kleinen Wilhelm die ich beyde recht lieb und freudig
von mir zu grüßen bitte. Und so auch Dir l. Wilhelmine noch ein Lebewohl
mit Gruß und Kuß. Dein FrFr. /