Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.6.1831 (Frankfurt/M.)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.6.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 27,12, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. H V, 284-286.294 [die Nachschrift von 2V/1V wird bei H V irrig als Nachschrift zum F.-Brief an Henriette Wilhelmine Fröbel v. 3.7.1831 ediert]. - Der Brief ist an die >Keilhauer Gemeinschaft< gerichtet, obwohl der Umschlag nur Wilhelmine Fröbel als Adressatin nennt.)

   Auf der Öde bey Frankfurt a/M. am Johannistage 1831.

Gott zum Gruß lieben Freunde

Gleich bey Ausgang des letzteren Briefes nach Keilhau war
es beschlossen Euch zu schreiben und es sollte dieß, weil
ich schon zweymal vergessen hatte Euch an die Zinszahlung
an Blumberg ins Gedächtniß zu rufen, dieß sogleich am
darauf folgenden Posttag, d.i. verflossenen Mittwoch ge-
schehen, leider aber wurde ich durch gedrängte Geschäfte
davon abgehalten; doch zweifle ich nicht ganz daß Ihr Euch
erinnert habt, wie wir am 1en des nächsten Monats July
Rth 137½.- an Blumberg als Zinsen zu zahlen haben und
daß diese Zahlung durch die von den 4 Posener Zöglingen
abzutragen ist; denn Busse ist ja an die Stelle von Gottlob
getreten. Ihr - und besonders Du Langethal - werdet schon
das Ganze nur durch Teske ordnen; schade freylich daß
wir abermals vielleicht mit dieser Anordnung etwas spät
kommen; deßhalb ist nun auch in dieser Beziehung keine Zeit zu
verliehren. Ich hoffe in den nächsten Briefen von Euch die Gewiß-
heit zu erhalten daß das ganze Geschäft gut abgemacht ist.-
Hier in Frankfurt tönt einem das Wort Cholera unaufhör[-]
lich vor den Ohren, und hier auf dem Gute hat man zu einem
Vorkehrungsmittel sehr viel Hollunderblüthen gesammelt; ich
wollte Euch schon im vorigen Briefe aus auf diese Vorsichtsmaß-
regel aufmerksam machen habe es aber leider vergessen.-
Möge es dazu nicht ganz zu spät seyn.-
Hier in der OberPostAmtszeitung No 174. vom 23 Juny, wird von
Warschau aus, ein sicheres Mittel dagegen angegeben; ich werde
mich bemühen das genannte Blatt zu bekommen.- /
[1R]
Wie überall jetzt in Deutschland so herrscht auch hier bey der Mehrzahl
ein großes Interesse für die Pohlen und die pohlnische Sache, welches
sich auch durch vieles Zupfen von Charbie ausspricht; sogar in
der Musterschule, und ich glaube auch in andern Schulen wird
auf Veranlassung von den Kindern Charbie gezupft; ich wollte
Euch dieß doch schreiben damit Ihr sehen könnt ob nicht auch unsere
Jugend dadurch ihre Theilnahme an dieser Sache der Menschheit
entwickeln, nähren und bethätigen könnte. Das Gefertigte könnte
dann vielleicht an Rönsch oder nach Jena, wo gewiß gleiches
geschieht, abgeliefert werden; wir sendeten es dann durch den Bothen
nach Jena.- Daß das Ganze jedoch Eurer Bestimmung überlassen bleibt, ver[-]
steht sich durch sich selbst.
Der Zweck und Plan einer Schweitzerreise klärt und bestimmt sich
zwischen Schnyder und mir täglich mehr, so wie in mir die Über[-]
zeugung daß das ganze Vorhaben nach jeder Seite hin brav tüchtig
und ganz zweckmäßig ist; versteht sich unter der jetzt wankellos
erscheinenden Voraussetzung, daß Keilhau unverletzt, ich möch[-]
te sagen als ein Heiligthum bestehe, denn ein zweytes Keilhau
in der Einfachheit, Reinheit und Innigkeit seines Lebens und
Strebens herzustellen möchte schwierig möglich seyn, aber
dagegen, das Keilhau von einem zweyten und zwar eben
von dem vorhabenden Punkte aus, in seiner Entwicklung, in
der Reinheit u Klarheit derselben zu pflegen und zu schützen.
So sehr sich nun aber täglich diese Überzeugungen immer mehr
befestigen, so kann ich doch noch gar nichts wegen der Zeit
unserer Abreise bestimmen. Vor dem 8en July kann
sie jedoch nicht statt finden, wegen Schnyders häuslich[en] Verhältnissen.
Doch wäre es möglich gleich nach diesem Tage. Es könnte
 /
[2]
aber auch seyn erst in der 2en Hälfte des genannten Monats.
Wie ich es in diesem Falle mit meinem Aufenthaltsorte
bis zur wirklich beginnenden Reise machen würde, da-
von weiß ich jetzt gar nichts; nur so viel scheint ganz
gewiß zu seyn daß ich dann vorher und schon mit dem 1en 
July die Öde verlassen werde, weil mit diesem Tage hier
im Hause gebaut wird und dann von d. He. v. H: der Raum in Anspruch
genommen werden muß, welcher mir jetzt überlassen ist.
Ihr könnt Euch darum wohl sagen, wie so herzin[n]ig gern ich
jetzt nach Haus gereist seyn würde, wenn ich es nur den
ganzen Gesammtverhältnissen angemessen finden könnte,
und das erstere um so mehr da mein Paß abgelaufen ist
und ich bis jetzt noch nicht weiß ob es mir nicht nöthig
werden wird, einen neuen und auf weitere 2 Monate
gestellten durch Euch von Rudolstadt kommen zu lassen; was
wie ich hoffe sehr leicht seyn wird, indem wie mit Bestimmt[-]
heit ausgesprochen werden kann (wenn es anders über-
haupt nöthig seyn sollte) - wie mein längerer und weite-
rer Aufenthalt hier und längere Abwesenheit von Keilhau
durch die sichere Erwartung u Hoffnung herbey geführt werde
Keilhau durch eigene Kraft und Mittel nicht nur zu er-
halten, sondern in sich festzustellen und fortzuentwickeln.
Dieß im Voraus im Fall ich Euch künftigen Montag vielleicht
mit 2 Worten um einen neuen Paß, welcher wie Ihr
wißt auf Frankfurt und den Rhein gestellt ist - bitten sollte[.]-
Wäre nun das in dem vorigen Briefe an meine Frau
von mir gewünschte mit der Post noch nicht an mich abge-
gangen, so mögte ich den obwaltenden Umständen nach /
[2R]
wohl bitten mir noch einiges beyzulegen als: 1 gutes d.i.
nicht schadhaftes Taghemde; 1 gutes Sommerbeinkleid, am besten
wohl das graue; und noch 1 oder 2 Paar baumw[ollene] Socken oder auch
leinene. Wegen der schweitzer Charte auf graue[r] (gefärbte[r]) Lein-
wand habe ich ja schon geschrieben.- Wäre noch ein Zehscher
Bericht etwa d[urc]h Dr Fleck oder vielleicht am ersten d[urc]h die Hofbuch-
druckerey zu bekommen so wäre mir dieß - wenn auch erst später
und nicht bey der jetzigen Sendung sehr lieb.-
Täglich gewinne ich hier beym Lehren, Vortragen und Bespre-
chen unserer Erziehungs- und Lehrmittel an tieferer und
gründlicherer nachweisbarer und darzulegender Einsicht
in das wahre tief erfassende und allgenügendes ihres
Wesens und daß in ihnen ein wirklich unabsehlicher Schatz
hoher Güter jeder Art liegt, wovon wir selbst nur noch einen
geringen Grad und wenn auch ihrer Beschaffenheit, doch nicht der
in ihnen liegenden Entwicklungen nach kennen. Es scheint als hätte ich
von Keilhau gemußt und müßte ich noch weiter von Keilhau
entfernt werden um selbst meine und unsere eigenen Gü[-]
ter kennen zu lernen. Es geht dem Menschen mit seiner geistigen
Kraft wie mit der Magnetischen, je mehr sie in Anspruch ge-
nommen wird um so mehr entwickelt sie. Ich berührte dieß
wohl schon im letztern Briefe. Wegen diesen neuen Entdeck[un]g[en] und
Fortschritte im Laufe der Gespräche wünsche ich Euch gar oft bey
denselben gegenwärtig, damit sie sogleich unter uns, die wir
sie doch wie nur wahrhaft zu würdigen, so auch nur wahrhaft an
zu wenden verstehen - ein Gemeingut würden. Denn histo[-]
risch läßt sich so etwas fast gar nicht mittheilen, wenn nicht
irgend einmal die gleichen oder ähnliche frey erregende Um-
stände eintreten. Ich grüße alle so wie stündlich so herzinnig. Der Eure.
FrFr. /

[2]
(Nachschrift)
Heute ist des Bruders Geburtstag, und die innigsten Wünsche für seine Gesundheit sein Wohl, seinen Frieden u seine Freude steigen von mir zu unser aller Vater. Herzlich theilnehmend grüße ich das ganze untre Haus. /
[1]
Nach Gotha habe ich um die Briefe geschrieben die vielleicht von Euch dort liegen.- Schreibt mir bald, besonders Du l. Wilhelmine[.] /
[3]
[Umschlag mit Adresse:]
Der
Frau Wilhelmine Fröbel
geborene Hoffmeister
in
Keilhau
bey Rudolstadt