Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Susanne v. Heyden in Frankfurt/M. v. 24.6.1831 (Wartensee)


F. an Susanne v. Heyden in Frankfurt/M. v. 24.6.1831 (Wartensee)
(KN 38,5, Abschrift 1 B 16° 4 S. von Ferdinand Fröbels Hand. Der Einleitungssatz stammt von F. Adressat nach KN-Katalog und Briefliste Nr.536: S.v.H. als Adressatin dürfte gesichert sein. Datierung: Identische Datierung am Briefschluß und, nachträglich eingefügt, auf Briefkopf rechts: „Johannis 1832“ bzw. „24.6.32“. Dies Datum ist aber mglw. das Abfassungsdatum der Abschrift, nicht des Originals. Der Briefinhalt belegt, dass F. zur Zeit der Abfassung dieses Briefs in nächster Nähe der Adressatin, d.h. in Frankfurt/M. lebte. Es handelt sich also um einen Brief F.s an S.v.H. vom 24.6.1831, der nicht abgeschickt wurde und den Ferdinand Fröbel im Juni 1832 abschrieb. Die Abschrift sollte Barop bei seiner Reise in die Schweiz über Frankfurt/M. zweckdienlich sein. Die vorliegende Abschriftfassung hat ein wohl richtiges Datum als Abschrift, suggeriert aber ein [daher falsches] Datum des Originals. Unterstellt, Ferdinand F. habe sich verschrieben, also statt „1831“ „1832“ geschrieben, so wäre das authentische Datum des Brieforiginals „24.6.1831“.)

Abschrift.
Ich lege diese Abschrift bey, weil der Brief wohl manches auf der Reise
Verwendbares enthält.
24. 6. 32.[sc.: 31]

Gnädige Frau
Sie werden sich sehr wundern, daß ich, der ich in Ihrer Nähe lebe u täglich
zu Ihnen kommen zu dürfen Ihre gütige Erlaubniß habe, hier schrift-
lich erscheine; doch ist der Grund dazu sehr einfach: in einem gewöhn-
lichen Gespräche, welches sich frey bewegt, kann selten nur der Gegen-
stand desselben, weit weniger aber noch dessen eigentlicher Grundge-
danke festgehalten werden; dieser Grundgedanke ist aber das eigent-
lich wirkende u schaffende in jedem wahren Gespräche, in jeder ächten
Mittheilung; alles andere ist blos um seinetwillen, zur Erkenntniß,
Anerkenntniß u für schaffende Thätigkeit desselben da. Ist nun der
Grundgedanke, der eigentliche Lebgedanke, in seiner Einheit
erkannt, anerkannt u in Thätigkeit gesetzt, so ist durch sich selbst
die in ihm bedingte Schöpfung, die Entwickelung aller Heil u See-
gen bringenden, das Göttliche in der Erscheinung darlegenden
Einzelheiten u Mannigfaltigkeit gegeben. – Das Aussprechen
u Hinstellen solcher Grundgedanken u das Wirken für
ihre schaffende Thätigkeit innerhalb seines Kreises ist
des Mannes Beruf; - sonst aber alle weitere Wirkung
u Entwicklung dem Allgemeinen, der Vorsehung zu über-
lassen. – Mein Beruf ist dieß, wie ich Ihnen oftmals u be-
sonders in meinem letzteren Gespräche andeutete, ganz
besonders u hierin liegt auch der eigentlichste u innerste
Grund dieses Briefes. Ich sagte Ihnen, wie ich die tiefstbe-
gründete u unwandelbar feste Überzeugung in mir trage,
u wie ich sie – damit Niemand, in keinerley Verhältnisse /
[1R]
einst sagen können hätte ich es doch gewußt, oder wäre es mir
doch gezeigt worden – in fast allen meinen Schriften, auch
sonst noch häufigst ausgesprochen habe: wie wir jetzt in dem
Beginne einer neuen, ganz neuen Zeit, d.h. in einer ganz
neuen Entwickelungsstufe der Menschheit leben, u wie der
Denkende, Sinnige dieß beachten erkennen, einsehen u darnach
leben, d.i sein Handeln bestimmen lassen müsse. – Diese
Zeit läßt sich auf unendliche Weise charakterisiren, u
zwar der Zahl u Art nach auf so viel verschiedene Weisen,
als es Weltensichten giebt. Ich ergreife u halte hier die
Ansicht fest, welche mir durch sich selbst bey dem Beginne die-
ser Zeilen unmittelbar vor die Seele trat: - Es ist die
Zeit der Wahrheit, die Wahrheit soll erkannt, soll anerkannt,
soll geübt, soll ausgesprochen werden. Ich erkenne es als den Grund-
beruf meines Lebens; alles dieß in meinem Leben zu üben, für
alles dieß zu wirken; also die Wahrheit einfach im Leben u durchs
Leben auszusprechen, das Übrige aber der Vorsehung hinzugeben.
Wo nun die Wahrheit herrscht da ist Klarheit, ist Friede, da
ist Sicherheit, ist Gewißheit. Aus diesen Gründen nun, die in
dem eben Angedeuteten u in Ihren mündlichen Mittheilungen
in diesen Beziehungen liegen muß ich schließen u von der
Stufe meiner Einsicht aus die Überzeugung haben, daß in
der Gesammtheit Ihres erziehenden Lebens – verstehen Sie
mich aber recht, gnädige Frau, nicht dem Willen u Streben,
sondern der That und Ausführung nach, Wahrheit nicht herrsche /
[2]
Ich kann jetzt u hier nur sagen, was ich als das Wahre u Nicht-
wahre schaue, muß Ihnen aber die weitere Prüfung so wie die Be-
folgung der sich Ihnen daraus ergebenden Resultate überlassen.
Ihr erziehender Lebensberuf, Ihre erziehende Bestimmung ist
keineswegs, unmittelbar u persönlich, selbst erziehend, selbst
lehrend zu wirken – dieß sollen Sie (Sie könnens wie das Vorige
in dem Erfolge u Ergebniß Ihres erziehenden Handelns, wie Sie
mich selbst damit erkannt machen,
sehen, wenn Sie sich nur nicht
selbst täuschen wollen) – andern überlassen, welche die Vorsehung
(u dieß läßt sich von einem sinnigen Gemüthe u klarem
Geiste leicht erkennen) dazu berufen, dafür erzogen hat; aber
Sie sollen mittelbar, oder wenn Sie es auch dem Worte nach lieber
wollen, weil es der Sache nach ganz gleich ist, recht eigentlich un-
mittelbar, für die unmittelbare Freymachung, für die Erkenntniß
u Anerkenntniß der Wahrheit, für die unmittelbare Einführung
Ausübung der Wahrheit im Leben wirken, indem Sie sich för-
dernd thätig
einem diesem geweihten Leben anschließen,
thätig fördernd einem dazu berufenen Ganzen einen
das Wort- u Sachhinstellen des Wahren, sogar das Selbstaus-
üben des Wahren, ist zur Würdigung, Erkenntniß, Anerkennt-
niß u Fremdausübung desselben noch lange nicht genug, sondern
das Lebendigmachen des Wahren, der Wahrheit; das Einführen des
oder der Andern in die Wahrheit das Ergriffen- u Festgehaltenwerden
des oder der Anderen von dem Wahren u der Wahrheit im Höchsten u
in jedem Lebenssinne, das Selbstergreifen u Selbstfesthalten
beyder in jeder Beziehung.
Sie werden aber bey redlicher Prüfung Ihres erziehenden u leh- /
[2R]
renden Wirkens u Handelns sehen, daß dieß nicht die Früchte
desselben sind. – Sie können aber leicht einsehen u sich überzeu-
gen, daß dieß nach der ewigen Wahrheit u Güte Willen nur ein-
zig die Früchte u Folgen desselben seyn sollen, daß diese Früchte
u Folgen als Preis u Ziel nur von den Erziehenden u Lehrenden
festgehalten werden sollten; u so können Sie ebenfalls einsehen,
daß in dem von mir Ausgesprochenen das Wahre u die Wahrheit
herrscht. –
Träte hier nach doch nochmals die Frage entgegen: warum dieß
alles von mir u Ihnen ausgesprochen worden sey, so geht aus dem Ganzen
wiederkehrend als Antwort hervor: - der Mensch soll nach dem
Plane u den Forderungen der Vorsehung auf der jetzigen Stufe
der Menschheitsentwicklung, der Menschenerziehung vorzüglich
u vorwaltend für das Ganze u für die Menschheit, d.h. dafür
wirken, daß das Wahre u die Wahrheit der Menschheit, des Menschen-
geschlechtes Eigenthum werde, denn u durch eben dieses Streben
wird sie auch Eigenthum des einzelnen Menschen. Ich erkenne
dieß als meinen Beruf u die treue furchtlose Ausübung dieses
Berufes als meine Bestimmung, ich finde u erkenne es als mei-
nen ganz besondern Beruf u besondere Bestimmung alle
Kräfte u Mittel, welche jetzt für das Gegentheil ver-
wandt werden, zu einer Erziehung für Wahrheit u Le-
ben im höchsten, in- u umfassendsten Sinne des Wortes
hin zu wenden. – Und so ist mir nun jetzt nichts mehr zu sagen ü-
brig. Geschrieben am Tage Johannis des Täufers 1832. [sc.: 1831]
Fr.Fr.