Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 3.7.1831 (Frankfurt/M.)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 3.7.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 28,2, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S., ed. H V, 291-294; S. 294 wird als Nachschrift irrig ein Text ediert, der zum Brief an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.6.1831 gehört. - Der Brief wurde wohl zusammen mit dem an Emilie Fröbel und Johannes Arnold Barop vom selben Tag verschickt.)

Auf der Öde am 3en July 1831.


Mein theuerstes, hochgeliebtes Weib!
Der Seele Seelengruß allem zuvor.

Mit welchen Gefühlen ich diesen Brief schreibe, wer
vermag sie zu schildern, [als] der sie empfindet, dessen
Herz sie abwechselnd und fast gleichzeitig durch-
strömen.--- Was ich Dir geliebtes Weib schon
früher schrieb, wird geschehen, ich werde, wenn
nicht diesen Enschluß ändernde Nachrichten von
Dir und Euch kommen, unmittelbar von hier
nach der Schweiz und nach Wartensee gehen;
alles in der Art wie ich Dir schon aussprach, nur
daß Schnyder und ich gleich zusammen von hier
aus abreisen werden. Zum Tage der Abreise ist
Donnerstag der 14 July festgesetzt, an welchem
Tage die Post Mittag 12 Uhr, d.h. der Eilwagen
von hier abgeht. In Carlsruhe, Basel und
auch wohl Aarau werden, wie ich Dir schon mit-
theilte Rasttage gemacht werden. Ich schreibe
Dir alles dieß und noch habe ich die Mittel zur
Reise nicht; doch sind sie mir zugesichert, aber die
Umstände und Erscheinungen des Lebens drängen
so, daß ich mir außer einem flüchtig vorüber-
gehenden Wort keine Gewißheit verschaffen
konnte. Siehe, finde hier die Wahrheit der Worte
Herders, die ich nun vor fast 30 Jahren, als wahre Worte meines /
[1R]
Lebens nieder schrieb und die sich als solche so un-
zählige male im Leben bestätigten:
"Der Gottheit Rathschluß
"Ändert der Sterbliche nie;
"In Nacht ergreift sie ihn, sie reißt
ihn fort
"Zu ihrem Ziel."-
Der Herr von Holzhausen trug mir vor ei-
nigen Tagen beim Frühstück auf eine offe-
ne und aufrichtige Weise an, ruhig so lang
hier zu wohnen, bis sich entweder meine Reise
nach der Schweiz oder doch sonst meine Verhält[-]
nisse in Beziehung auf diese klar entschie-
den. Alle Umstände nun außer sagten mir und
selbst mein Innerstes sagte mir, daß ich dieß
freundliche Anerbieten annehmen müsse, und
so that ich es denn auch. Das ganze hiesige
Haus kein Glied desselben ausgenommen
ist im hohen Grade achtend achtend [2x] gegen mich
und meine Verhältnisse. Ich sehe zum öftern
Freunde und Bekannte bey mir, die man
als Besuch des Hauses beachtet. So waren
gestern Nachmittags Schnyder der nun ganz
besonders freundlich und achtend behandelt wird,
und die Herrn Grosch und Steinlein, ehemalige Glieder
der Nürnberger Anstalt jetzt mit Ackermann pp
Lehrer an der Musterschule bey mir. Schwarz
und Kosel haben täglich noch fortdauernd Unterricht /
[2]
bey mir, ist es schön im Garten oder sonst im Saale
des Hauses. Letzterer hat mehrere Male von meinen Lehr-
mitteln in seinen Stundenplan, welchen er
deshalb ganz umgearbeitet hat, aufgenommen.
Heute hat der Unterricht nach diesem verän-
derten Plan bey ihm begonnen. Ich bin viel
in seiner Anstalt, die kleinen und größern
Taubstummen, alle haben mich gewiß fast
so lieb als meine lieben Keilhauer Söhne und
Töchter, was meinem Herzen, was nun so lang,
so gar gar lang ein einfaches und offenes Fa-
milienleben entbehrt sehr wohlthuend ist.
Gestern kam ich hin, gleich zogen mich die Knaben
in ihr sehr schön geordnetes, schön gestaltenes und
gut gepflegtes Gärtchen; ich mußte mich auf
ihre Bank setzen, sie setzten sich zu beyden Seiten
zu mir und schmiegten sich mit Liebe und Ver-
trauen wie ein Paar Keilhauer Knaben an mich.
Ich habe ihnen das Ausstechen und das Mahlen
der Bilder gelehrt; Du solltest die Freudigkeit
sehen mit welcher sie mir ihre kleinen Erzeug-
nisse entgegen bringen; es würde Dich gewiß
rühren. Meine Abreise nach Keilhau hatte ich, wie es schien
veränderter Umstände und Barops und Emiliens
Hochzeit halber mit Bestimmtheit auf den
heutigen [Tag] festgesetzt. Sie die Taubstummen waren
traurig geworden als sie es erfahren hatten; ge-
stern sagte ihnen nun ihr Pflegevater Kosel /
[2R]
daß ich noch einige Tage hier bliebe, da drückten sie
ihre Hände zum Zeichen wie sehr es ihnen lieb sey
freudig kreuzweise an ihre Brust.- Gestern
Abend fand ich noch von 3 andern Kinde[r]n,
den beyden jüngsten Knaben und dem jüngsten
Mädchen Julius, Emil und Annetten, aus dem
Hause Speyer ein Geschenk, ein Körbchen mit
Blumen vor; - weil man nemlich auch in diesem
Hause (in welchem ich fast jeden Sonnabend und
so auch an letzteren Mittags (d.i. 4 Uhr) zu Tisch
war:) - glaubte ich würde heute abreisen. Auf
den drey Endblättern eines Rosenblattes stand[:]
kehre - fröhlich - wieder. Das Körbchen
der lieben Braut bestimmt, sollte eigentlich
schon heut abgehen; doch der Abgang des Pack-
wagens übereilte mich. Freytag um 12 Uhr
Mittag soll es von hier abgehen, möchte es Mondtag
den 11en oder doch wenigstens Dienstag in Rudolstadt und
so in Keilhau ankommen; laßt doch bey der Post
anfragen wann die Frkf: Packetpost in Rudolstadt
ankommt und laßt es dann bald abholen. Es thut
mir herzlich leid, innigst leid thut es mir daß ich
meine Theilnahme an Barops und Emiliens
Hochzeit auf keine, in keiner Weise so thätig
beweisen kann als ich so sehnlich wünsche und wünsch[-]
ten und ich mir schon früher vorgesetzt, und schon
den Plan zu[m] zweyten Doppelfest, oder erhöheten
Arbeitsfest entworfen hatte. "Guter Vater! seegne sie beide"! /
[3]
Mein Gemüth und innerstes Leben ist durch die jetzt
herauf keimende neue Entwicklung meines Lebens,
so in Anspruch genommen, daß ich mich kaum
im Stande fühle, ihnen auch nur zwey Worte
schreiben zu können. Denn bedenke, weder von
Dir meine Wilhelmine noch von irgend einen der
geliebten Keilhauer habe ich auch nur in einem
Worte die Gedanken und Ansichten vernommen,
welche besonders meine letzteren Mittheilungen
an Euch in Euch geweckt haben. Wohl aber haben
mich Deine eingehenden und hingebenden Schluß-
worte in Deinem zweyten Briefe (:auch den
ersten geschriebenen am 2en Pfingstfest, habe ich
zu meiner innigen Freude jetzt erhalten:) - in-
nigst gerührt und zur treuen auch hingebenden
Nachgehung des Rathschlusses Gottes gestärkt.
Ich bekomme doch noch vor meiner Abreise
von hier, d.h. vor dem 14en d. M. Nachricht und
Briefe von Euch allen? - oder nimmt Euch alle
die hohe Zeit Barops und Emiliens so ganz in
Anspruch? - nun dann wenigstens vor meiner
[Abreise] zwey Worte von Dir meine Seele, geliebte, theure
alles übrige will ich dann entbehren und verschmerzen.
Ich bin sehr glücklich und sehe es als einen schönen Zufall
an daß die Mädchen von einigen meiner Bekannten, so
z.B[.] v[.] Kosel u Grosch den mir so lieben Namen Wilhel-
mine tragen. So ist es auch eigen [sc.: eigenartig, ] daß unter den
mancherley Freunden und Bekannten mit welchen /
[3R]
bis jetzt über unser Vorhaben gesprochen worden ist,
sich nicht nur keine Stimme dagegen, sondern viel-
mehr die meisten mit Übergewicht dafür ausge-
sprochen haben, so namentlich einer, welcher die
Localität von Wartensee kennt, Erzieher ist und
in dieser Beziehung ausgesprochen hat, daß ihm,
als er Wartensee auf seiner Reise gesehen der
Gedanke gekommen sey, dieser Ort und Gegend
sey sehr zu einer Erziehungsanstalt geeignet und
gelegen. Wer dieß gesagt haben soll ist Ackermann.
Aber diesem allen ohngeachtet arbeitet und be-
achtet alles in Keilhau so als ob es keinen an-
dern Ort des Wirkens für uns geben könne und
gebe
. Keilhau muß das Allerheiligste, das inner-
ste Mark unseres Lebensbaumes umschließen.
Ich hoffe Keilhau soll sich durch Gottes Rathschluß
dadurch halten daß und wenn man einsieht,
man kann durch und in Keilhau und mit Keilhau
nicht alles erdrücken, und daß man durchfühlt,
erkennt und einsieht ich habe durch Gottes Huld
Kräfte und Mittel genug nicht nur Keilhau
von der Ferne aus [zu leiten], sondern noch ein zweytes zu
schaffen und zu erhalten, wenn man den Kräften
und Mitteln nur erlaubt sich frey zu entfalten. Viele
Gründe noch könnte ich Dir nach allen Seiten hin angeben doch
nur einen andeuten laß ihn von den Freunden lösen: Jeder
Punkt fordert
seinen Gegenpunkt, d.i[.] ein entgegengesetzt
Gleiches. Jetzt seyd alle Gottes Vaterliebe und Treue empfohlen.
Viele und innig hochachtende Grüße von hier an Euch alle, <so> vom hiesigen
Hause. Geliebtes Weib lebe wohl schreibe bald dem der nur Dein ist
FrFr.

[3V]
[Nachschriften auf den Seitenrändern]
Grüße mir die lieben Pfarrers in Eichfeld. Gott stärke Dich in den Dich erwartenden Tagen der Arbeit!- /
[1V]
Grüße mir ja alle die Zöglinge namentlich u herzinnig und sage ihnen, wie sehr ich mich nach ihnen sehnte[.]
Ehe ich abreise schreibe ich wenigstens noch einmal.