Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Fröbel in Keilhau v. 11.7.1831 (Frankfurt/M.)


F. an Emilie Fröbel in Keilhau v. 11.7.1831 (Frankfurt/M.)
(KN 28,4, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. erw. Gumlich 1935, XI. 131; Großteil [außer Postscriptum] ed. H V, 295-297. - Der Brief wurde wohl zusammen mit den Briefen an Johannes Arnold Barop und an die >Keilhauer Gemeinschaft< vom selben Tag verschickt.)

Auf der Öde am 11en July 1831. Mittags gegen 12 Uhr


       Emilie!
Geliebte Braut!

Nur noch wenige Stunden und die süßeste und schönste
Bezeichnung des schönsten und reinsten der Seelenver-
hältnisse der Menschen ist für alle Ewigkeit in die inner-
ste Tiefe in das geweyhete Heiligthum des Gemüthes,
der Seele zurück gesunken um nie in hörbarem Wort
daraus mehr hervorzutönen; darum erlaube ich mir noch
einmal diese Bezeichnung Deiner. Was soll ich Dir
noch sagen?-- daß es mein Vorsatz, mein Entschluß
war Dir und Deinem, Dir in wenigen Stunden für alle
Ewigkeit einigen und auch in den äußern sichtbaren
Lebensverhältnissen geeinten Johannes, alles, alles
das heute auszusprechen, was indem ich dieß schreibe
das Empfinden meines Gemüthes, das Leben meiner
Seele, das ruhige Denken des klaren Geistes ausmacht;
doch - was mündlich wohl im Einzelnen auszuführen
gewesen wäre, das nein! das ist es nicht schriftlich.
Emilie, Emilie! Du siehst wie wahr immer mein Ge-
müthe war, wie klar es empfand: drängte mich
es nicht immer Dir alles und alles mitzutheilen, wenn
wenn [2x] meinem Geiste ein uns beyden und so der Mensch-
heit wichtiger Gedanke entstieg, wenn mein Gemüthe
ein ewig wahres Gefühl durchdrang?- War es nicht
immer so?- Habe ich Dich wohl seit Deines Barops /
[1R]
letzten Rückkehr nach Keilhau - wo mir die hohe Seeg[-]
nung vom Himmel, vom liebenden Vater wurde, daß
ich ihn Dir auf meinem Zimmer in Deine Arme, und
an Dein Herz, daß ich Euch beyde so innig im seeligen
Seelenbunde Deinen und nun Euern beyderseitigen
Eltern, Deiner und nun Eurer beyderseitigen Familie
wie im Triumpf entgegen führen konnte - habe ich
seit jener Zeit wohl einmal noch eigentlich Dich gesehen
und gesprochen?- Erinnere Emilie, erinnere Dich jenes
Abends und jener ganzen Zeit, hatte nicht dort alles
von mir den Ausdruck eines Abschiedes vom Leben
war und erschien mein Leben dort nicht als das Leben
eines der sein Testament zurück läßt? Siehst Du
Emilie, schon dort, als die äußern Verhältnisse noch
gar nichts davon ahnen ließen, bereitete mich die
mich von meiner Geburt an liebend leitende väter[-]
liche Vorsehung darauf vor daß ich bey Deiner und
Deines Johannes Lebenseinigung, bey dem Fest dieser
Einigung nicht gegenwärtig seyn k würde, nicht gegen[-]
wärtig seyn sollte. Ja Emilie! ich sehe es jetzt, ich
muß es jetzt als einen ganz besondern Beweis der
Vaterhuld Gottes erkennen welche mich auf eine so
lang vorbereitete Weise aus der äußerlichen und
persönlichen Theilnahme an Euerm Lebensfeste brachte;
denn ich will Dir und Ihm [sc.: ihm], will Euch nur offen gestehen:
- der Geist, die Seele ist durch menschliche Organe
thätig und die leiblichen Organe versagen den geistigen
Kräften oft im Leben den Dienst[.] - Ich muß glauben /
[2]
und fürchten, mein Körper hätte in diesen Tagen den For-
derungen des Geistes, der Seele nicht genügen können,
Und wie leid, wie so innig leid würde es mir gethan
haben wenn die leiseste, ja nur ein kaum merkbarer
Hauch von Trübung in Euer Fest gekommen wäre;
Ich, nein ich hätte nichts gar nichts dazu gekonnt; doch jetzt
ist es alles anders und besser: - jetzt können still und
in solcher Menge meine Thränen fließen ich bedarf
mir und andern nicht Rechenschaft zu geben: warum? -
denn ich kann, ich weiß es ja nicht warum? Jetzt stöhrt
und trübt es das Fest Eurer Seelen- und Lebenseinigung
nicht daß ich Dich und Euch mit diesen Äußerungen meines
innersten Seelenlebens bekannt mache, denn in Friede
und Klarheit ist nun Euer Seelen- und Lebensbund geschlossen
wenn diese Zeilen Euch finden. Ja wüßte ich in Klarheit
den Zustand meines innersten Gemüths- und Seelenlebens
ich würde ihn gar nicht aussprechen. Nichts bisher
den Menschen und mir bekanntes ich mag mich auch
hin wenden wohin ich will kann mir davon und darüber
Kunde geben ich mir selbst kann mir nicht Kunde geben
von der Seelen und der Geister Band, Bund und Verband
in einem so gewaltigen großen Geister[-] und Seelenbund ich mich
auch verschlungen fühle und verbunden finde, ja um so weniger
Rechenschaft geben kann, als dieser Geister[-] und Seelen[-]
bund mich mit seiner Allgewalt immer mehr zu erfassen
scheint. Nur eines weiß ich klar und fest und kehrt
als [{]das Grundthema / der Grundton}[] meines ganz[en] Lebens immer wieder[:]
Entsagung und Verzichtleistung ist mein Loos; ich bin dazu /
[2R]
geboren darinn mit den vernichtendsten Beyspielen voran
zu gehen. Gestern gab man ein Fest, heute giebt man wie
ich schon sagte hier ein großes Fest, morgen anders wo
wie eines um mich für mein Entbehren zu entschädigen;
fühlen wissen denn die Menschen nicht daß sie mir noch
zur Entsagung und Entbehrung Druck und Last auflegen?-
Möge ein Beweis des väterlichen Seegen[s,] den ich heute
vom göttlichen Vater Euch Euern Kindern und Kindes[-]
kindern so lange Euer Geschlecht auf Erden lebt erflehe
für Dich und Euch darinne bestehen daß er Euch von den
Gunstbezeugungen der Menschen in den jetzigen Leb-
[ens]verhältnissen bewahre, denn ihre Gunstbezeug[ung]en bestehen
nur darinn daß sie Druck und Last auflegen; ihre Freund[-]
schaftsbezeugungen nur darinn, daß sie Fesseln anlegen.
Gott seegne Dich, seegne Euch, seegne alle die in Ewig[-]
keit die Dir und Euch der Vater schenkt - seegne
Erhalte Euch Keilhau und beglücke mich so hoch, daß
Er mich zum Werkzeug seiner väterlichen Huld,
seines Vatersegens machen. Amen!
Nun lebe wohl, o lebe recht wohl! Seelenfrieden
Himmelsfreuden Dir, Dir und Deinem Barop. Möglich
ist es daß wir uns in 4 Wochen wiedersehen, möglicher[weise]
vielleicht auch erst in 4 Monat[en], wer mag es bestimmen ich
nicht. Bis wann ich aber zurückkehre, bewahre mir ein
offenes aufrichtiges Herz, ist es möglich ein treues vertrau-
endes Herz auf. Gieb mir bald, o gieb mir bald und wären
es nur in zwar Worten Kunde von Deinem Frieden, Dei[-]
ner Freude, Deinem Glück, Deiner Seele glück [sc.: Glück] und Leben[.]
Zur Friede und zur Freude zum Glück der Seele Deines
FrFr. /
[1R]
(Nachschrift:)
Grüße meine liebe Emilie herzinnig und brüderlich Deinen Vater meinen Bruder Deine theure Mutter u l. Geschwister[.]